75.000 Bücher aus einem Verlag

Das Dresdner Blog »Sehnsuchtsort« berichtet über einen Verlag »Books LLC«, der Informationen aus der Wikipedia drucken lässt und verkauft. Auf »Sehnsuchtsort« ist von etwas mehr als 5.000 Titeln im August 2010 die Rede. Ich hatte am Ende des Jahres 2010 ein ähnliches Erlebnis, als ich bei der Suche nach einem EDV-Fachbuch auf BetaScript stieß. Dieser Verlag bietet momentan 75.000 Titel via Amazon an. In der Wikipedia heißt es dazu (die Zahl ist dort noch auf einem alten Stand):

Die VDM-Verlage Alphascript, Betascript, Fastbook Publishing und Doyen Verlag sind darauf spezialisiert, derzeit rund 20.000 Wikipedia-Artikel als print-on-demand-Bücher über den Online-Buchhandel zu vertreiben. Diese Bücher werden weitgehend automatisch hergestellt und nicht inhaltlich überprüft. Diese Praxis zog im Frühjahr 2010 massive Kritik nach sich. Obwohl das von vielen Kunden als Irreführung empfundene VDM-Sortiment zu diesem Zeitpunkt 1/35 des gesamten Sortiments von Amazon.com ausmachte, sah der Online-Buchhändler keinen Grund zum Einschreiten.

Über das Selbstverständnis eines solchen Verlegers kann man in diesem Interview mehr erfahren — man sollte das nicht auf nüchternen Magen lesen.

Inzwischen ist es wohl noch viel schlimmer. BetaScript wurde weit abgehängt. Der Verlag Books LLC wird in der Suchfunktion bei Amazon mit über 300.000 Titeln gefunden.


Ergänzung 1: Ein Erlebnis aus der realen Welt will ich hier noch anfügen, ohne allerdings den Namen und den Ort des Ladens zu nennen. Die Verkäuferin in meinem Lieblings-Zeitungsladen hat mir neulich fassungslos ein solches BetaScript-Buch gezeigt. Sie hatte es zum Preis von 48 Euro für einen Kunden bestellt. Der Kunde hat das Buch dann natürlich nicht abgenommen, weil es ihm für diesen Preis viel zu dünn war. Der Kiosk ist auf den Kosten sitzengeblieben.


Ergänzung 2: Auch beim renommierten Großhändler Libri gibt es
tausende BetaScript-Titel und man muss sich wirklich fragen: Warum? Es kann dem Image des Buchhandels nur nachhaltig schaden.


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16 Responses to 75.000 Bücher aus einem Verlag

  1. Muyserin sagt:

    Ich hatte es schon im Gefühl, dass Du auf diesen Artikel anspringen würdest. Was soll man sagen – Welt, du willst vielleicht nicht, wirst aber betrogen sein.

    • stefanolix sagt:

      BetaScript druckt wenigstens auf den Titel: »High Quality Content by Wikipedia Articles«. Aber die Bücher sind dann teilweise auch schweineteuer: 80 Euro für ein Taschenbuch mit nicht mal hundert Seiten über Programmierung.

  2. Klaus sagt:

    Wo ist das Problem?

    80 Euro Lehrgeld ist doch nicht schweineteuer! Und die Schablone „citation needed“ ist dank BetaScript ein Ding der Vergangenheit ;-)
    Auch für Kioskbetreiber gilt: nur Dinge anbiten von denen man auch Ahnung hat…

    • stefanolix sagt:

      Die Verkäuferin hat nicht viel Ahnung von Büchern. Sie verkauft jeden Tag hunderte Zeitungen und Zeitschriften, aber auch allerlei andere Dinge. Sie hat einen Computer, mit dem sie nach ISBN, Autor, Themen etc. suchen kann. Sie wollte dem Kunden eine Dienstleistung anbieten. Im Grunde hat ja dann der Kunde entschieden, das Buch zu bestellen. Heute weiß sie: Nur gegen Vorkasse ;-)

      Eine erfahrene Buchhändlerin hätte in dieser Situation ganz sicher anders reagiert. Allerdings wäre vieles einfacher, wenn der Großhandel solche Angebote nicht listen würde.

      • KurtE sagt:

        „Allerdings wäre vieles einfacher, wenn der Großhandel solche Angebote nicht listen würde.“

        Oho, der Ruf nach einem Verbot? Um den Bürger vor sich selbst zu schützen? Vieleicht sollten die Befugnisse der Eichbehörde um die Kontrolle von Buchinhalt erweitert werden.
        Ich möchte mir mein Recht, behummst zu werden, nicht nehmen lassen.

      • stefanolix sagt:

        Wo steht bitte der Ruf nach einem Verbot? Ich schrieb: »es wäre besser«. Es wäre einfach vertrauensfördernd und ich persönlich mache lieber mit Leuten Geschäfte, denen ich einigermaßen vertrauen kann.

  3. Klaus sagt:

    Sie hat einen Computer, mit dem sie nach ISBN, Autor, Themen etc. suchen kann. Sie wollte dem Kunden eine Dienstleistung anbieten.

    Das kann heute jeder Depp, das ist eben nicht viel wert.

    Eine erfahrene Buchhändlerin hätte in dieser Situation ganz sicher anders reagiert.

    Sicher? Und wo findet man diese seltene Spezies? Mal davon abgesehen was erfahrene Buchhändler tun würden.

    Allerdings wäre vieles einfacher, wenn der Großhandel solche Angebote nicht listen würde.

    Das ist richtig, aber der Großhändler interessiert sich für Inhalte ungefähr ebenso viel wie dieser Dr. Wolfgang Philipp Müller, also gar nicht. Und würde der Buchgroßhandel Schrott nicht mehr listen könnte er 95% der Lagerfläche einsparen.

    • Frank sagt:

      Sicher? Und wo findet man diese seltene Spezies? Mal davon abgesehen was erfahrene Buchhändler tun würden.

      Also, am Schillerplatz gleich um die Ecke sind Leute im Buchladen tätig, die das wirklich gelernt haben. Ich bestelle dort selbst manchmal was, wobei ich auch meist nur die ISBN ansage oder per Mail durchgebe. Und ich bezweifle durchaus, dass die Händler mir das Buch ausreden würden, wenn ich es doch ausdrücklich bestelle. Oder dass die erst nach dem Inhalt recherchieren und es mir dann ausreden.

      Dass es Verlage gibt, die solche bereits öffentlichen Texte noch einmal als Buch veröffentlichen, klingt zwar ziemlich übel, aber ist andererseits ziemlich nachvollziehbar: Es ist leicht verdientes Geld! Darauf hereinzufallen, ist natürlich nicht schön, aber heute kann man doch wirklich vorher im Netz nach den Inhalten recherchieren. Und wer kein Internet hat, für den ist wiederum das Buch gerade richtig! Wenn es nicht so teuer wäre, fände ich das akzeptabel …

    • stefanolix sagt:

      @Klaus: Ich bin sicher, dass ich nichts gegen den Schrott geschrieben habe. Selbstverständlich soll es dabei bleiben, dass es im Buchhandel auch Schrott gibt.

      Aber der Buchhandel ist eigentlich Teil eines Systems, zu dem Autoren, Verlage, Großhandel, Buchhandel und Leser gehören. Und zu diesem System gehört eigentlich, dass der Autor an seinem Werk etwas verdient, dass der Verlag die Autoren betreut, dass Großhandel und Einzelhandel bei funktionierenden Verlagen kaufen und dass ich als Kunde schließlich guten Gewissens mein Geld ausgeben kann. Ich bezahle ja eigentlich mit einem Buch auch die Beratung in der Buchhandlung und alle anderen Teile des Systems.

      Was eine gute Buchhändlerin also tun sollte? Sie sollte den Kunden dahingehend aufklären, dass solche »Verlage« ungeprüft und ohne Beziehung zum Autor massenweise Texte übernehmen. Sie sollte ihm sagen, dass das Ergebnis keinerlei Standard entsprechen muss. Sie sollte ihm sagen, dass dadurch ein bewährtes System in Gefahr kommt …

      • Klaus sagt:

        @ stefanolix
        Ich sehe nicht ganz wo die Gefahr lauern soll. Dass dumme (oder denkfaule) Kunden einen überteuerten Schinken kaufen? Für die Autoren kann es kein Problem sein, sie haben nie erwartet für ihre Arbeit an Wikipedia-Artikeln bezahlt zu werden, die offenen Lizenzbestimmungen wurden ja bewusst gewählt.

        Bleibt also die Beratung in der Buchhandlung (oder am Kiosk), minimal würde ich erwarten das die Buchhändlerin oder der Buchhändler nicht aktiv solche Print-on-demand Werke aufschwatzt. Ansonsten dürfte das Problem so minimal sein, dass es sich nicht lohnt darüber den Kopf zu zerbrechen (oder den Untergang des Abendlandes befürchten). Amazon oder die Großhändler werden diese Anbieter aus ihrem Programm kicken sobald der Aufwand den Umsatz übersteigt. Diese Anbieter mögen viele Titel im Programm haben, aber die meisten wurden bestimmt noch nie gedruckt.

    • stefanolix sagt:

      @Frank: Aber sie müssen doch inhaltlich überhaupt nicht darauf eingehen. Die Namen der einschlägigen Verlage sind doch bekannt. Es reicht doch, wenn sie dem Kunden das sagen, was ich in der Antwort auf Klaus‘ Kommentar geschrieben habe.

      • Frank sagt:

        Was eine gute Buchhändlerin also tun sollte? Sie sollte den Kunden dahingehend aufklären, dass solche »Verlage« ungeprüft und ohne Beziehung zum Autor massenweise Texte übernehmen.

        Was geht das den Buchhändler an? Wenn ich als Kunde etwas Bestimmtes haben möchte – warum sollte mir der Händler diesen Kauf ausreden? Da könnte man im Rahmen dieser „Qualitätssicherung“ wirklich als nächstes auch verlangen, dass Buchhändler ihren Kunden Werke von Dieter Bohlen (usw.) ausreden. Wir haben hier nun einmal Marktwirtschaft, und das verträgt sich nicht so ganz mit „dem Kunden Produkte ausreden“. Hier geht es mehr um „dem Kunden möglichst vieler Produkte einreden“. Stell Dir einfach vor, Du wärst der Händler- was würdest Du tun? Zumal Dein Verdienst konkret davon abhängt. Wenn ich der Händler wäre, würde ich Kunden solchen Kram sicher nicht einreden. Aber ausreden? Eher nicht.

        Sie sollte ihm sagen, dass dadurch ein bewährtes System in Gefahr kommt …

        Gerät es denn dadurch in Gefahr? Sehe ich nicht so.

      • stefanolix sagt:

        Ich will überhaupt keine Einschränkung nach dem Inhalt. Dieter Bohlen hat ein Werk geschrieben (oder hat es schreiben lassen) — auf jeden Fall bekommt der Autor sein Geld und der Verlag hat das Buch in traditioneller Form herausgebracht. Das bedeutet auch: Der Verlag ist für den Inhalt verantwortlich.

        Ich will solche Bücher auch nicht »ächten«, deren Inhalt ohne jede inhaltliche Prüfung und letztlich ohne jede Verlagstätigkeit aus dem Netz gesaugt und gedruckt wird.

        Meinetwegen sollen sie online bestellbar sein, ich muss schließlich bei keinem Online-Händler kaufen, der so etwas handelt.

        Seriöse Buchhändler sollten sich aber an diesem Geschäft nicht beteiligen. Ein paar schnelle Einnahmen sind sicher kurzfristig willkommen. Das Geschäftsmodell für richtige Bücher scheint mir aber durch solche Machenschaften langfristig in Gefahr zu sein. Wenn ich ein Buchhändler wäre, würde ich Bücher von solchen »Verlagen« grundsätzlich nicht verkaufen, auch wenn ich kurzfristig ein paar Euro Umsatz verlieren würde.

  4. Micha W. sagt:

    Also ich fand den verlinkten Text ganz interessant- Danke. Ich hatte etwas völlig anderes erwartet, nach deinem „nicht auf nüchternen Magen“.

    Natürlich sehe ich diverse Probleme etc., doch der Herr Müller ist da ganz offen; Inhalte sind ihm sekundär bis nebensächlich. Wer zahlen kann, wird gedruckt … was will man mehr?
    Der Mann ist doch ein „Ur-Liberaler“ ;)

    Da kann man nun evtl. anmerken, was bei z.B. rassistischen Inhalten etc. etc. usw. ist … doch irgendwie geht da auch vieles unter bei 75.000 Buchtiteln im Jahr. Ich meine, was wäre mit Hitler’s „Mein Kampf“ mit Herrn Müller geworden??? Ein noch einflussreicheres Buch? Oder wäre es gar untergegangen?

    Dass Wikipedia-Artikel gedruckt werden, ist natürlich so eine Sache … andererseits, wer kauft so etwas??? Ich meine, wer Wikipedia kennt, der kennt doch auch das Internet, oder? ;)

    Zu deinem Beispiel mit der Kioskfrau … ich weiß ja nicht, ob neben dem Preis noch ne Seitenzahl stand, doch ich denke, dass diese Erfahrung ihr indirekt ganz gut getan hat – nicht zynisch gemeint, bestenfalls sarkastisch.
    Einerseits ist Buchhandel eben nicht nur „Bestellung aufnehmen und gut iss'“, andererseits scheint es ja der erste Vorfall gewesen zu sein, bei dem ein Kunde seine Ware nicht annehmen wollte – und beim ersten Mal tut eben weh ;) …
    Ich kenne mich da ja nicht wirklich aus, was z.B. das BGB sagt und mir ist auch bewusst, dass das mit dem Verhältnis zum Kunden schwierig ist, doch gibt’s bei Büchern nicht evtl. auch 14 Tage Rückgaberecht? ;)

    • stefanolix sagt:

      Rückgaberecht gibt es nur beim Kauf im Online-Versand. In der Buchhandlung oder am Kiosk gibt es das nicht.

      Nur um es noch mal klarzustellen: es war eine Kiosk-Mitarbeiterin mit keinem allzu hohen Gehalt und einer nicht allzu hohen Qualifikation in Sachen Bücher. Ich weiß nicht, welche Folgen das für sie hatte (kann aber mal bei Gelegenheit fragen). Aber ein gewisses Mitempfinden habe ich schon …

      • Micha W. sagt:

        „Ein gewisses Mitempfinden“ habe ich auch, ohne die Situation selbst erlebt zu haben. Doch im Kapitalismus kann man eben nur selbst lernen, wenn man es nicht vorher schon „abgewogen“ hat … Kann ich Bücherbestellung machen? Wieviel Verlust kann ich evtl. verkraften? usw.)).
        Dss mag latent zynisch klingen, ist jedoch eher ein pragmatischer Ansatz. Ich könnte auch sagen „Aus Fehlern lernt man.“ oder „Aus Schaden wird man klug.“
        Naja, sei’s drum, letztlich war es nur Geld … es ist keiner gestorben, und das Verärgertsein legt sich mit der Zeit, wenn man es denn möchte …

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