Aus dem Vokabular der Politik: Gossenjournalist

Das Medienblog Flurfunk berichtet über eine Auseinandersetzung zwischen dem Dozenten Dr. Thomas Hartung und dem Politiker Johannes Lohmeyer. Dabei geht es um die Worte »zweitklassiger Gossenjournalist«, die Lohmeyer in einem Facebook-Kommentar verwendet haben soll.

Solche Ausdrücke kennt man in Sachsen bisher eher von anderer Seite:

Sachsens NPD-Chef Holger Apfel redete sich in Rage: Wütend attackierte er seine Zuhörer als »Gossenjournalisten« und Urheber »primitiver Hetzkampagnen«.

Interessante Ergebnisse liefert auch eine Google-Suche nach den Begriffen »Gossenjournalist« und »Sachsen«. Der Begriff Gossenjournalist scheint eine recht dunkle Geschichte zu haben. Er sollte denen vorbehalten bleiben, die ihn erfunden haben …


Eine persönliche Anmerkung: Ich habe Herrn Dr. Hartung in einer seiner ehrenamtlichen Funktionen kennengelernt. Ich kann nachvollziehen, dass er durch den Begriff »Gossenjournalist« persönlich tief getroffen ist.

Ich kann auch nachvollziehen, dass Johannes Lohmeyer als FDP-Lokalpolitiker über Hartungs Ausführungen zur FDP nicht begeistert ist. Darüber müsste man im Detail diskutieren. Meiner Meinung nach treffen Hartungs Kernpunkte auch auf andere Politiker und andere Parteien zu.

Aber diese Ausführungen rechtfertigen ein verbales Foulspiel wie »zweitklassiger Gossenjournalist« (wenn es denn so geschrieben wurde) in keiner Weise. Man kann zu einer Partei solche Meinungen äußern und sie muss das aushalten.


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15 Responses to Aus dem Vokabular der Politik: Gossenjournalist

  1. Frank sagt:

    Ich nehme diesen Vorfall soeben leicht verwundert zur Kenntnis. Bei Lohmeyers Facebook-Kommentaren bin ich zwar daran gewöhnt, dass er eine etwas klare bis drastische Wortwahl verwendet, allerdings ist das aus meiner Sicht schon okay (zwischen uns geht’s aber meist ausgesucht höflich zu). Th. Hartungs Text „solcherart realitätsverlust kann wohl nur entstehen … (hotel usw.)“ war zwar nicht gerade eine journalistische Meisterleistung. Aber darauf nun gleich zu reagieren mit „intellektuell überfordert“, „zweitklassigen Gossenjournalisten“, „Pseudointellektuelle Dummschwätzer“, „Möchtegernjournalisten“ und „Versager“ ist dann ja aber wirklich ein anderes Kaliber. Klar rutscht einem in Diskussionen manchmal zu schnell eine flappsige Bemerkung raus, aber andererseits sollten doch gerade Journalisten und Politiker aus rein professionellen Gründen etwas kontrollierter mit Sprache umgehen können. Wenn mir so etwas passiert wäre, hätte ich wirklich versucht, das anschließend rechtzeitig mit einer Entschuldigung aus der Welt zu schaffen, statt mich auf ein juristisches Nachspiel einzulassen. Es haben ja sicher beide Beteiligten besseres zu tun, als ihre Zeit so zu verplempern. Ich als Laie hätte gerade bei (Kreis- und sonstigen) Vorsitzenden von Parteien vermutet, dass man seine Zeit für Wichtigeres benötigt.

    Wenn man aber den Kommentar Lohmeyers in Hartungs Blog liest, bekommt man schon das Gefühl, dass hier Null Bereitschaft zu Entschuldigungen besteht. Andererseits fand ich auch Hartungs Textpassagen etwas eigenartig:

    Muss man sich nun als promovierter Germanist, Autor mehrerer wissenschaftlicher Aufsätze und diverser Lehrmaterialien sowie als Betreuer von über 70 Diplomanden von einem Hotelier als „pseudointellektueller Dummschwätzer“ diffamieren (…) lassen?
    Muss man sich als Publizist, der seit 28 Semestern am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden Fernsehjournalismus lehrt (von den anderen Hochschulen und journalistischen Fächern gar nicht zu reden) und dessen Studenten heute vom MDR über den RBB oder das ZDF bis hin zu n-tv arbeiten, von einem lokalen Parteifunktionär als „zweitklassiger Gossenjournalist“ beschimpfen (…) lassen?

    Warum betont er das „promovierter Germanist“ usw. so ausdrücklich? Heißt das etwa im Umkehrschluss, dass alle „niederen“ Menschen sich durchaus so beschimpfen lassen müssen?

    Heinz Eggert schrieb auf FB lapidar dazu: „Provinzposse ohne Unterhaltungswert“

    • stefanolix sagt:

      Es sind viele Allerweltsbeleidigungen ausgetauscht worden, wahrscheinlich geht es heute abend in jeder Kneipe rauer zu. Das wäre nicht der Rede wert.

      Bei mir ist die Grenze erreicht, wenn das Wort »Gossenjournalist« verwendet wird. Das ist ein Begriff, der oft von Neonazis verwendet wird und ich würde mich nicht wundern, wenn er sogar aus dem Umfeld der NS-Propaganda stammt. Man müsste direkt mal untersuchen, wie oft dieser Begriff in totalitärer Propaganda eingesetzt wird. Die DDR-Propaganda war ja mit ihrem Begriff »Schund und Schmutz« dicht dran.

      Wer den Begriff »Gossenjournalist« anwendet, will einen Journalisten wirklich herabwürdigen und kränkt ihn in seiner persönlichen Berufsehre. Vermutlich war das Herrn Lohmeyer in diesem Augenblick nicht bewusst. Eine vernünftige Strategie hätte dann so ausgesehen: Bedauern zeigen, sich entschuldigen, auf den Kontrahenten zugehen.

      Das der Artikel in Dr. Hartungs Blog nun gerade keine Meisterleistung ist, erklärt sich sicher aus der Aufregung. Ich habe in der Aufregung auch schon Artikel geschrieben, die mir am nächsten Morgen überhaupt nicht mehr gefallen haben. Aber zum Glück habe ich fast keinen davon veröffentlicht …

      Und Heinz Eggert kann ich nur zustimmen …

  2. Hendrik sagt:

    Eine Diskussion oder Konfrontation zu nächtlicher Stunde ist kein recherchierter Blogeintrag.

    Und: Leute in Parteien sind auch nur Menschen. Und viel zu selten keine langweiligen Parteikader.

    Viel kurze Aufregung um Nichts.

    • stefanolix sagt:

      Ich gebe Dir soweit recht, dass der Begriff im Eifer des Gefechts fallen kann, auch wenn »Gossenjournalist« ein Begriff ist, der oft in einem rechtsextremen Umfeld verwendet wird.

      Aber dann hätte Herr Lohmeyer sofort merken müssen: Jetzt bin ich zu weit gegangen und jetzt muss ich den Schaden begrenzen.

      PS: Stell Dir mal vor, dass jemand Dir gegenüber auf Facebook den schlimmsten Begriff verwendet, der für Deinen Berufsstand denkbar ist. Würdest Du im Interesse Deines Unternehmens nicht auch prüfen, ob Du gegen denjenigen vorgehst?

      • Hendrik sagt:

        Obwohl das Schlusswort gesprochen scheint (s.u.)…

        Habe lange überlegt, was der „schlimmste“ Begriff zu meinem Berufsstand sein könnte? Frauenversteher? Schwulenlieferant? Händler? Bin ich grad unkreativ?

        Hmmm. Nix könnte mich animieren, zur Klage zu greifen. „Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand“. Ein latentes Prozessrisiko würde ich meiner Firma aufgrund persönlicher Befindlichkeiten nie zumuten.

        Kommunikativ kommt das Florett immer besser als der Degen. Und der Humor vor dem Anwalt. Eine scharfe Waffe.

      • stefanolix sagt:

        Du warst in dem Moment Deines Kommentars vielleicht nicht kreativ genug. Es gibt Beschimpfungen, die Dir (via Facebook gepostet) vielleicht nicht gleichgültig sein dürften.

        Aber ich werde jetzt kein passendes Wort vorschlagen, auch wenn das Klagerisiko gering zu sein scheint ;-)

  3. Ich gebe ja gerne zu, dass diese Diskussion suboptimal war, zumal man nach dem zweiten Satz hätte merken müssen, dass es keinerlei Sinn macht, mit TH zu diskutieren. Allerdings sehe ich nicht den geringsten Grund, mich zu entschuldigen, da weltfremder Hotelbewohner und Möchtegernpolitiker mit entsprechendem IQ gelten auch nicht gerade als Lobhudeleien. Ich würde sagen, wir sind insofern quitt, sehe THs Klage aber mit großer Gelassenheit entgegen.
    Die Nazikeule sollten wir mal schön in der Schublade lassen. Wenn wir jetzt jedes Wort stigmatisieren, das Holger Apfel schon mal gebraucht hat, wären wir irgendwann sprachlos.

    • stefanolix sagt:

      Nazikeulen gibt es in meinen Schubladen nicht. Es gab hier nur kritische Anmerkungen zum Sprachgebrauch von Politikern.

      Die oben verlinkte Google-Suche zeigt, dass der Begriff »Gossenjournalist« nicht nur zum Vokabular von Holger Apfel gehört, sondern dass er offensichtlich auch von anderen Rechtsextremisten gern verwendet wird.

      Es trifft sicher zu, dass die FDP und ihr ehemaliger Vorsitzender seit der Bundestagswahl 2009 in den Medien teilweise unfair behandelt worden sind.

      Aber die politische Leistung war seitdem einfach schlecht und das sage ich als unabhängiger und überzeugter liberaler Bürger. Wenn also die Nerven blank liegen, sollte man das nicht an Journalisten auslassen, sondern die Politik verbessern.

      Auch an Sie die Frage: Wenn jemand auf Facebook den schlimmsten Begriff verwendet, der für Ihren Berufsstand denkbar ist, wäre Ihnen das als Geschäftsführer bzw. Lokalpolitiker sicher nicht gleichgültig?

      • Kann es sein, dass Sie irgendwie eine Seite ausblenden? Ich wurde von Herrn Dr. Hartung ebenso beleidigt, was Sie ja bereits im Eingangstext geflissentlich zu erwähnen vergessen haben. Ich habe also an niemandem etwas ausgelassen, sondern es sind auf einem ziemlich unpassenden Niveau Beledigungen hin- und hergeflogen, die sich hätten vermeiden lassen, indem man einfach jeder Diskussion mit TH aus dem Wege geht, da reine Zeitverschwendung.
        Was die „politischen Leistungen“ der Bundes-FDP betrifft, muss ich Ihnen ausdrücklich Recht geben. Aber deswegen liegen bei mir noch lange nicht die Nerven blank.
        Und noch mal: Ich setze keine Wörter auf den Index, weil diese zufällig auch gerne von Nazis benutzt werden. Ähnlich verhält es sich z.B. mit dem Wort „Gutmensch“, nach dessen Gebrauch ich auch immer wieder nette Nazivergleiche höre.Man sollte der braunen Brut nicht die Deutungshoheit über die deutsche Sprache überlassen.

      • stefanolix sagt:

        Zum einen hatte ich auf das Medienblog verwiesen, auf dem der Vorfall im Detail beschrieben ist. Dort werden beide Seiten gewürdigt ;-)

        Und dann schrieb ich in meinem ersten Kommentar:

        Es sind viele Allerweltsbeleidigungen ausgetauscht worden, wahrscheinlich geht es heute abend in jeder Kneipe rauer zu. Das wäre nicht der Rede wert.

        Bei mir ist die Grenze erreicht, wenn das Wort »Gossenjournalist« verwendet wird.

        _

        In meinen Augen ist »Gutmensch« mit »Gossenjournalist« in gar keiner Beziehung zu vergleichen. Bei »Gutmensch« einen Nazibezug herzustellen ist völlig verfehlt.

        Wenn man auf ein Wort wie »Gossenjournalist« verzichtet, dann überlässt man niemandem die Deutungshoheit, sondern man folgt einfach dem natürlichen Anstand ;-)

  4. OK, dann versichere ich hiermit, künftig auf das Wort „Gossenjournalist“ zu verzichten, zumal es deutlich originellere Beleidigungen gibt ;-)

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