Im Vertrauen

Verkaufen mit Kasse des Vertrauens
(gesehen: gestern zwischen Pillnitz und Graupa).

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22 Responses to Im Vertrauen

  1. Muyserin sagt:

    Die Kasse des Vertrauens, das habe ich erst in Ostdeutschland kennen gelernt. Schöne Idee, wenn sie denn funktioniert.

    • stefanolix sagt:

      Bei mir hat sie im Herbst schon mal funktioniert, als es dort leckere Äpfel gab. Es ist ein doppeltes Vertrauen: Man muss sich auch darauf verlassen können, dass die Ware in Ordnung ist.

  2. Auf Radtouren durch die Mark Brandenburg habe ich das oft gesehen. Es klappt also offenbar – denn sonst würden nicht so viele Leute es tun.

  3. Sylvia sagt:

    Bei uns gibt es das auch mit Kürbissen, Blumen, Äpfel, Nüssen etc., also mehr am Land als in Wien.

    Aber das scheint tadellos zu funktionieren.

    In Wien gab’s mal einen Versuch, an dem mehrere Innenstadtlokale teilnahmen. Der ging so:

    Von den Speisekarten wurden die Preise entfernt (wie früher die *Damenspeisekarten*) und die Gäste waren aufgefordert den Presi zu bezahlen, den sie für angemessen hielten.

    Und siehe da, im Durchschnitt ergab sich für die Gastronomen sogar ein leichtes Plus.

    Find ich interessant. Ob’s auf lange Sicht auch so wär (der Versuch dauerte 4 Wochen) weiß ich natürlich nicht, aber das Ergebnis hat schon ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen gezaubert, nach dem Motto:

    „Es wissen die meisten Menschen, was zu tun ist.“
    Und es ist nicht jeder nur drauf aus alles möglichst billig bis umsonst zu bekommen.

    • stefanolix sagt:

      Es gab früher in Wien wirklich Damenspeisekarten? Das ist ja mal eine Anregung zum Nachdenken und Recherchieren.

      Die Begleiterin eines Herren sollte nicht sehen, was die Speisen kosten, sondern ganz nach Lust und Laune auswählen? — Ich sehe gerade, dass die Damenkarte auch in der Wikipedia erwähnt wird. Ich kannte so etwas überhaupt nicht.

      Es ist natürlich riskant, auf den Speisekarten keinen Preis zu vermerken. An solchen Tagen muss wirklich alles perfekt funktionieren. Mich würde interessieren, was die Restaurantkritikerin Frau Muyserin dazu sagt.

      Ich bin grundsätzlich sehr für solche Kassen des Vertrauens. Oft verdienen sich Kinder damit etwas dazu, indem sie z.B. Nüsse sammeln, in Tüten packen und dann das Geld als kleinen Nebenverdienst einstecken.

      PS: Als Betreiber würde ich die Kasse aber so installieren, dass man sie nicht einfach leeren oder wegtragen kann (in Zeiten, wo sogar Kirchen und Friedhöfe ausgeplündert werden).

      • Muyserin sagt:

        Damenspeisekarten sind nichts spezifisch Wienerisches, obwohl sie sicher viel mit höfischen Vorstellungen zu tun haben. Die Grundidee ist einfach, dass der Herr bezahlt. In manchen Restaurants der oberen Preisklassen ist das heute noch Usus. Man muss es ja auch wirklich nicht übertreiben mit der Emanzipation! ;)

      • stefanolix sagt:

        In solchen Luxusrestaurants müsste im Grunde gar kein Preis angegeben werden, weil Geld ja ohnehin keine Rolle spielt. Wahrscheinlich druckt man nur Preise in die Speisekarte, weil es das Gesetz so verlangt.

        Nette Frage an den Gast bei der Begrüßung: Welche Speisekarte hätten Sie denn gern?

        Wie ist das dann eigentlich, wenn eine Top-Managerin einen Bekannten zum Essen einlädt?

      • Muyserin sagt:

        Ich bin leider noch nicht in die Verlegenheit gekommen, mit dem Salär einer Top-Managerin herumpranzen zu können! ;)

      • stefanolix sagt:

        Aber die Vorstellung hat ihren Reiz: wie eine Top-Managerin vom Kellner die Damenkarte präsentiert bekommt ;-)

        Interessant: man schreibt auf Sächsisch »pranzen« und sagt »branzen« … Gibt es das Wort auch in anderen deutschen Dialekten?

  4. In Paris gibt es mehrere Restaurants, in denen das Essen an zwei Wochentagen NICHTS kostet. Man zahlt für Getränke und bekommt dazu ein einfaches und leckeres Gericht (Couscous o.ä.).
    Es gab da auch mal ein Restaurant mit dem Prinzip „Jeder zahlt, was er kann und mag“ – ob das noch existiert, weiß ich nicht.
    Es sieht ganz so aus, als ob man sich auch in der brutalen Marktwirtschaft auf menschenfreundliche Weise behaupten kann.

    • stefanolix sagt:

      Es gibt also zwei Preismodelle: A mit festen Preisen und B mit variablen Preisen.

      Ich finde das Wort »brutal« in diesem Zusammenhang nicht richtig. Kann auch sein, dass ich nicht verstehe, was Du meinst. Ist ein Restaurantbesitzer brutal, wenn er erfolgreicher wirtschaftet als andere?

      Dann könnte man bei einem Erfolg des Preismodells B argumentieren, dass Preismodell B brutaler als Preismodell A ist?

      Das Modell der variablen Preise beruht nämlich auf einer psychologischen Kalkulation: Viele Gäste geben dann eher mehr aus, als wenn sie feste Preise bezahlen müssten. Oder sie haben die Preise für bestimmte Gerichte im Hinterkopf und bezahlen den angemessenen Preis. Aber kaum jemand wird sich die Blöße geben und allzu tief unter den angemessenen Preis gehen.

      • Ich finde eine Wirtschaft, die nur nach dem Prinzip „Haben, meins, meins“ bestehen kann – und das ist die real existierende Marktwirtschaft – in der Tat brutal. Das Dilemma ist, man kann sich dem nicht entziehen.
        Arbeit ist nun einmal nur dann auf die Dauer möglich, wenn sie gewinnorientiert ist. Und das ist nicht das gleiche wie qualitätsorientiert oder gar menschlichkeitsorientiert.
        Umso mehr gefallen mir Modelle, die trotz dieser Abhängigkeit von einem unguten Wirtschaftssystem schaffen, menschlich zu bleiben. Denn natürlich stimmt, was Du über den psychologischen Faktor sagst. Aber gerade deshalb ist nach diesem Modell auch möglich, nach eigenem (geringen) Vermögen zu zahlen. Die Restaurantkunden bilden damit eine Art Solidargemeinschaft; wer hat, zahlt gut, wer nicht hat, weniger gut, alle bekommen gleich gutes Essen und der Wirt kann davon leben.

      • stefanolix sagt:

        Es muss sich wirklich nicht widersprechen, dass ein Unternehmen gleichzeitig an Gewinn und Qualität orientiert ist. Ich behaupte sogar, dass die Mehrzahl der Unternehmen so arbeitet. Allerdings gibt es graue und schwarze Schafe.

        Das Prinzip Solidargemeinschaft beim Essen kenne ich anders: Viele Leute sitzen gemeinsam um einen großen Tisch und wenn es ans Zahlen geht, dann gibt der eine mehr und der andere weniger, je nach den Möglichkeiten. Gegenüber dem Wirt wird die Summe der Preise der einzelnen Mahlzeiten abgerechnet.

        Weiterhin kenne ich die sogenannten Volksküchen, wo jeder das beiträgt, was ihm möglich ist oder wo die Preise für alle(s) relativ gering sind.

        Auf das Geschäftsmodell eines kommerziell betriebenen Lokals würde ich den Begriff Solidargemeinschaft nicht anwenden. Der Eigentümer entscheidet sich nicht für dieses Modell, um eine Solidargemeinschaft zu schaffen, sondern um möglichst viele Gäste zu bewirten.

        Letzte Bemerkung: Oft zahlen bei »freiwilligen« Preisfestsetzungen nicht diejenigen am wenigsten, die nicht viel in der Tasche haben. Meist sind es die Geizigsten.

      • Das Moment des Geizes hatte ich alte Romantikerin natürlich mal wieder außen vor gelassen. Es ist mir so befremdlich. ;-)

      • stefanolix sagt:

        Nun noch eine ganz indiskrete Frage: Wie würdest Du denn als Verlegerin Deine Preise gestalten? Könnte jemand (ohne Begründung) für ein Buch jeden beliebigen Preis zahlen?

      • Ganz indiskret geantwortet: Als Verlegerin habe ich aufgrund von Verlags- und Wettbewerbsrecht keine Möglichkeit zu einer solchen Preisgestaltung.
        Wenn ich sie hätte, wäre es immer noch etwas schwieriger als bei einem Wirt, weil das Geschäft eines Verlegers viel unpersönlicher ist. Ein Mensch, den man sieht und spricht, ist ein ganz anderer Kunde als einer, der in einem mir unbekannten Laden mein Produkt kauft.

      • stefanolix sagt:

        Nehmen wir einen Augenblick an, es gäbe keine Buchpreisbindung.

        Könntest Du Dir vorstellen, einen Verlagsbuchladen (nur für Deine eigenen Bücher) unter folgenden Voraussetzungen zu betreiben:

        – der Kunde darf den Preis festlegen,
        – das Buch kann nicht zurückgefordert werden,
        – das Buch kann nicht zurückgegeben werden.

        Das käme nämlich der Situation in der Gaststätte mit freien Preisen relativ nahe. Ich glaube, dass man völlig freie Preise (ohne Mindestpreis) nur im Rahmen einiger weniger Aktionstage machen kann. Oder man hat Stammkundschaft, auf die man sich voll verlassen kann.

        Es gibt noch eine andere Möglichkeit, von der ich aber nur gehört habe: Eine Kneipe verkauft Bier nach Angebot und Nachfrage. Die Preise werden auf einem Monitor angezeigt, früher wurden sie auf eine Tafel geschrieben. Wenn ein Bier häufiger geordert wird, steigt der Preis. Die Gäste können auf den Preis spekulieren. Da hat es aber (wie ich gehört habe) einen Mindestpreis gegeben.

      • Schwierig zu entscheiden – zumal ich schlichtweg keinen Buchladen will. Sondern einen Verlag und sonst nix.
        Aber mal angenommen, es wäre so – Verlagsbuchladen und keine Preisbindung -, dann wäre es immer noch recht schwierig. Denn die Kunden des Wirtes kommen ja, wenn es lecker war und diese Preisgestaltung ihnen gefällt, gerne öfter mal wieder. So ein treffliches Couscous kann man auch mehrmals im Monat essen. Aber ein Buch kauft man einmal, höchstens zweimal, wenn man sehr begeistert ist und es verschenken will. Selbst wenn ein Kleinverlag (natürlich) mehrere Bücher hat – es wird aus Gründen, die in der Natur der Sache liegen, nicht so „konsumiert“ wie Essen.

        Was allenfalls vergleichbar ist und ich durchaus schon getan habe, sind Rezitationsveranstaltungen ohne festen Eintrittspreis, stattdessen mit einem hinterher herumgereichten „Kollektekorb“. Allerdings habe ich dadurch selten besonders gute Einnahmen gehabt. Auch hier wieder mangelnde Vergleichbarkeit: Eine Mahlzeit ist für jeden als materieller Wert begreifbar. Eine Darbietung nicht in gleichem Maße.

      • stefanolix sagt:

        Es gibt aus dieser Sicht doch weniger Gemeinsamkeiten zwischen Essen und Büchern, als ich dachte.

        Früher gab es ja übrigens eine Art Solidargemeinschaft für Bücher, die Büchergilde Gutenberg. Sie hat z.B. die Bücher von B.Traven verlegt. Ich war gerade beim Nachschlagen erstaunt, dass sie immer noch existiert und sogar etwa 100.000 Mitglieder hat.

  5. Sylvia sagt:

    Ich zahl meinem Fensterputzer immer mehr als er verlangt. Um einiges mehr, weil es mir die Arbeit wert ist.

    Eigentlich verlangt er gar nix. Er zuckt mit den Schultern, wenn ich frag, was ich schuldig bin.

    Mein Haus hat sehr viel Verglasungen und die sind teils in schwindelerregenden Höhen, wenn ich da zu putzen beginne, dauert das echt Wochen. Und dann würd’s auch nicht so schön werden.

    Mir gibt das sehr viel Lebensqualität und dafür zahle ich auch gerne mehr Geld.

    Mich interessiert, inwieweit Menschen *wüßten* was zu tun bzw. zu zahlen ist, gesetzt den Fall, man überließe ihnen die Entscheidung.

    Gibt es tatsächlich die *reinen Nehmer*, die nie was zurückgeben ?

    Oder laufend zu wenig ? Könnte sich das über ein größeres System wieder regeln, indem man beispielsweise dem einen *zuviel* zahlt und einem anderen wieder *zuwenig* ?

    Ich ertappe mich nämlich immer wieder dabei, dass ich für manche Dinge ungeschaut gerne viel Geld ausgebe und für andere, durchaus auch notwendige Sachen eigentlich nicht so viel zahlen will.

    Das hängt aber nicht mit der Höhe des Betrages zusammen, sondern mit einer inneren Wertigkeit.

    Glaub ich jedenfalls.

    Ich überzahle Sachen oder Dienstleistungen auch im 2 stelligen Rahmen, aber manchmal geht es mir nur um 1 Euro, den ich nicht bereit bin mehr zu zahlen.

    Seltsam.
    Eigentlich.

    • stefanolix sagt:

      Auf welche Weise können Menschen den angemessenen Preis ermitteln? Die Volkswirtschaftler sagen:

      Märkte sind Entdeckungsverfahren.

      Ich habe das für mich immer etwas abgewandelt: Märkte sind der Raum für Entdeckungsverfahren.

      Im Prinzip ist der orientalische Basar das beste Beispiel. Am Ende sollten beide Seiten zufrieden sein.

      Vor der Wiedervereinigung wurde in der DDR sehr viel getauscht. Da wurde das Basar-Prinzip quasi ohne Geld angewendet.

      Zu den Überzahlungen und Trinkgeldern später mehr. Ich muss mich jetzt erst mal auf den Weg zu einer Kirchentagsdiskussion machen (hoffentlich klappt es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln).

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