Darf man Nazis konfirmieren (2): Die Spielregeln und der Antrag

Die Leitung des Spiels hatte Dr. Reinhard Höppner. Er war in der Zeit nach der friedlichen Revolution Vizepräsident der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Seine Art der Sitzungsleitung war damals durch die jahrelange Erfahrung mit den Synoden seiner Landeskirche bestimmt. So lernten wir am Fernseher die Regeln der parlamentarischen Demokratie quasi von einem hochrangigen Vertreter der evangelischen Demokratie.


Es lag jedenfalls nahe, den Umgang mit den Nazi-Themen in der Art einer Synode zu diskutieren. Den Leitantrag durfte »Oberkirchenrat« Martin Dulig einbringen. Er leitet im Hauptberuf Sachsens SPD.

Danach verwies Reinhard Höppner den Antrag in die Ausschüsse. Die Ausschüsse durften Änderungen der Punkte des Leitantrags beantragen. Die Veränderungen mussten begründet werden. Über alle Punkte des Leitantrags und alle Änderungsanträge wurde nach den Verfahrensregeln einer Synode abgestimmt.

Als »Experten« zur Beratung der »Ausschüsse« waren Vertreter der anti-rechtsextremistischen Bildungsarbeit geladen. Auf ihre Rolle wird später noch einzugehen sein.


Ich habe den Leitantrag als Bild gescannt (Klick!) und als PDF-Datei hinterlegt. Einige Passagen werde ich noch zitieren.


Martin Dulig hat den Antrag mit folgenden Argumenten begründet (Zusammenfassung):

  1. Rechtsextremismus drückt sich in Rassismus und Antisemitismus aus. Rechtsextremismus betont die Ungleichwertigkeit der Menschen.
  2. Der christliche Glaube steht im Widerspruch mit der NS-Ideologie
  3. Weil das Christentum für Nächstenliebe und die Gleichwertigkeit aller Menschen steht, muss etwas gegen den Rechtsextremismus getan werden: »Nächstenliebe braucht Klarheit im konkreten Tun.«
  4. Die Kirche ist in der Verantwortung und hat eine Vorbildfunktion.

Mein Eindruck: Es war eher die Begründung eines Politikers als die Begründung eines Christen. Politiker sind Meister des Aktionismus, auch wenn sie das mehrfach mit »Klarheit im konkreten Tun« umschreiben:

Sie brauchen immer eine schnelle Lösung, die sich gut verkaufen lässt. Sie brauchen eine einfache Lösung und sie brauchen eine dokumentierbare Lösung. Ob diese Lösung aber Bestand haben kann, musste sich im Verlauf der Diskussion zeigen.

Die Teilnehmer der Veranstaltung kamen aus vielen Landeskirchen und aus allen Altersgruppen. Junge Leute waren besonders stark vertreten. Man konnte also erwarten, dass viele praktische Erfahrungen mit Nazis in die Diskussion einfließen würden. Was meinen die über 300 »Synodalen« zu den drei Punkten des Antrags?


Fortsetzung folgt …


Der Landtag blieb für uns gestern geschlossen …

Reinhard Höppner betonte am Beginn, dass die Veranstaltung eigentlich nebenan im Sächsischen Landtag stattfinden sollte. Aus der Presse hatte man vorher erfahren, dass sich CDU und FDP mit ihrer Mehrheit dagegen gestellt hatten. Darauf ging Höppner aber nicht ein. Ich darf sagen: Für diese Veranstaltung hatten CDU/FDP damit Unrecht. Sie hätte wirklich in das sächsische Parlament gepasst.


9 Responses to Darf man Nazis konfirmieren (2): Die Spielregeln und der Antrag

  1. Muyserin sagt:

    Ich war nicht dabei, aber anhand dessen, was Du erzählst, hätte sich für mich die Sache in einer Sekunde entschieden: faschistische Ideologie steht in mindestens einem Punkt im Widerspruch zu den zehn Geboten, so dass ein Nazi niemals Christ sein kann. Wenn ein Nazi z. B. Juden als Untermenschen ansieht, verstößt er doch damit gegen Jesu Gebot, dass man den geringsten seiner Brüder als seinesgleichen ansehen soll. Und so ließe sich das beliebig fortschreiben.

    Mir fehlt also ein wenig das Verständnis für die Aktion.

  2. KurtE sagt:

    Das ist ein interessantes Thema. Schön, daß die Kirchen ihre Rolle im ehemaligen Dritten Reich nicht vergessen und weiterhin die Konsequenzen tragen.

    Ich bin auf die Lösungen gespannt. Hoffentlich gibt es Antworten auf meine Fragen:
    zu Punkt 1:
    Wer entscheidet, was eine rechtsextrememistische Partei ist? Was ist eine rechtsextremistische Partei? Wäre eine rechtsextremistische Partei in Deutschland nicht per se illegal?
    Warum nur rechtsextremisitische Parteien. Warum nicht auch andere extremistische Parteien? (linke, religiöse, separatistische usw.) Fällt dem Nitzsche seine neueste Gründung auch darunter?
    zu Punkt2:
    Soll man so einen Jugendlichen aufgeben? Gerade Priester müssten doch wissen, das man mit 14 noch nicht fertig ist. Und wenn ich erst an das Jugendstrafrecht denke. Bis zu welchem Alter das angewendet wird.

    Ich freue mich auf Teil 2 deiner Schilderung.

    • stefanolix sagt:

      Als rechtsextremistische Parteien werden NPD und (früher) DVU eingestuft.

      Der Antrag war von vornherein auf rechtsradikale/extreme Parteien angelegt. Ich denke, das muss man den Veranstaltern überlassen. Bei der Diskussion in den »Arbeitsgruppen« kam zwar die Frage nach linksextremistischen Gruppen auf, aber es stellte sich schnell heraus, dass die Diskussion nicht sinnvoll gewesen wäre.

      Es gibt mindestens zwei relevante Unterschiede: linksradikale/extreme Einstellungen sind egalitär geprägt, im Gegensatz zu den rechtsradikalen/extremen Einstellungen, die von einer Herrenrasse ausgehen. Und linksradikale/extreme Menschen haben in den allermeisten Fällen ein atheistisches Weltbild.

      Eine Unvereinbarkeit zwischen radikalen/extremistischen Anhängern anderer Religionen und dem Christentum kann ohnehin vorausgesetzt werden ;-)

  3. Die Frage ist für mich, ob man Christ erst durch Konfirmation wird oder es auch ohne sein kann. Letztlich geht’s hier doch um die Frage einer doppelten Vereinsmitgliedschaft ;)
    Wenn man mal die Worte von Kirchentags-Ober-Schirmherrin Katrin Göring-Eckardt nimmt, nach der kein Mensch ohne Gott ist bzw. „Gott auch den Menschen nahe (ist), die den falschen Weg gehen“ (zitiert nach „Der Sonntag“, Sonderausgabe der LK Sachsen, 4.6.2011, S. 4), dann sollte die Kirche doch mal ihre selbst propagierte Nächstenliebe pflegen … doch offenbar hat man an dem Punkt auch wieder Angst vor Imageschaden oder Unterwanderung.von rechtsaußen – tja, so weit her ist’s eben offenbar doch nicht mit dem Gottesglauben in den Kirchen Sachsens :) … die Rechten haben’s sicher mit dem Satan :)

    Mann, wenn man dann wenigstens mal so offen sein könnte und sagen würde „Okay, rein mit dir, du zahlst Kirchensteuer und wir helfen dir auf den richtigen Weg zu kommen … ist das ein Deal?“ :) … Feiglinge! :) … wahrscheinlich geht’s sowieso nur um 10-20 Neonazis sachsenweit -so viele haben sowieso keinen Bock auf Kirche und noch weniger Mut, die Kirche zu unterwandern :) … für mich ist das ne Art EHEC-Hype auf religiös-politischer Ebene.

  4. Frank sagt:

    Da ist mir ja versehentlich etwas Verwirrung gelungen: Das „Link in neuem Fenster öffnen“ sollte hier 1. nicht mit erscheinen und 2. öffnet es den Link nun aber gar nicht im neuen Fenster! Peinlich …

    Bearbeitet, Stefan.

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