Eine Gegendarstellung und ihre Geschichte

Ein Pirnaer Lehrer wehrt sich gegen die Darstellung der »Sächsischen Zeitung« über die mutmaßliche Bespitzelung von Schülern in Sozialen Netzwerken. Jörg Kuleßa macht folgendes geltend:

Im Artikel „Lehrer spähen Schüler aus“ in der Sächsischen Zeitung vom 03./04. September 2011 Seite 15 behauptet Ronny Zimmermann, dass die Lehrer der Pestalozzi-Schule Pirna ihre Schüler im Internet ausspionieren und sogar namentlich Daten erheben und verwerten. Dies ist nicht nur nicht richtig, sondern erlogen.

Unter der Gegendarstellung sind drei Adressen zu finden. Sie beziehen sich auf die Community »dampfer.net«. Hier findet man eine Crew gegen Mobbing.

Die letzten Einträge im Forum und im Gästebuch sind allerdings fast schon zwei Jahre alt. Hat die »Sächsische Zeitung« die Beteiligung des Lehrers an dieser Crew gemeint?

Er ist als »Kuli« angemeldet, aber er gibt auch seinen eigenen Namen an und hat ein eigenes Bild eingefügt. Jörg Kuleßa schreibt dort unter anderem:

(…) Sollte sich hier ein Dampfie finden, den ich seit meiner Anmeldung nachweisslich ausspioniert habe, werde ich den gleichen Strafantrag gegen mich selbst stellen.

Jörg Kuleßas Gegendarstellungen und Kommentare sind anscheinend in ziemlich großer Erregung geschrieben. Aus der Struktur der »Dampfer-Crew« und aus den verknüpften Bildern wird aber schnell deutlich, dass der Lehrer auch mit dem Namen »Kuli« deutlich als Lehrer Jörg Kuleßa erkannt werden konnte.

Es ist allerdings nicht ersichtlich, wann das Bild in das Profil des Lehrers eingefügt wurde. Das Logbuch hat auch schon lange keinen neuen Eintrag mehr gesehen. Im Gästebuch gibt es einige jüngere Einträge.


Wenn die Mitgliedschaft in dieser Crew Jörg Kuleßas typische Beteiligung an einem sozialen Netzwerk war, ist kein gravierender Verstoß gegen den Datenschutz ersichtlich. Und ein Vertrauensbruch scheint auch nicht vorzuliegen, da die Schüler ja alle freiwillig in der »Crew« mitgemacht haben.

Die Angelegenheit ist erneut zu prüfen, wenn andere Tatsachen bekannt werden. Bis dahin weise ich darauf hin, was ich schon in meinem ersten Artikel sagte: Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Angelegenheit ist in Ruhe zu klären. Ohne Skandalisierung.


Nachdem ich diesen Hinweisen nachgegangen bin, steht für mich jedenfalls fest: Die Bewertung in der »Sächsischen Zeitung« lässt Ausgewogenheit vermissen. Wer dieses Profil und diese Crew betrachtet, kann nicht ernsthaft an Bespitzelung denken. Vielleicht sollten sich Journalisten und Blogger das Zitat eines Altmeisters in Erinnerung rufen:

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache. [Hanns Joachim Friedrichs]

Als Blogger setzen wir unser Blog manchmal für Positionen ein, die uns wichtig sind: für Freiheit, Datenschutz, Nachhaltigkeit oder andere Werte. Man hat eine Meinung und das ist auch gut so.

Sich »mit etwas gemein machen« bedeutet aber: ohne Hinterfragen, Recherche und Kritik eine fremde Position zu übernehmen, sich diese Position zu eigen zu machen und damit in manchen Fällen Teil einer Manipulationskette zu werden.


Noch ein Hinweis für Informatik-Lehrer und ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeiter an Schulen: Man kann auf die Gegendarstellung auf der Website der Pestalozzi-Mittelschule keinen Link setzen, weil die gesamte Website mit »Flash« gestaltet wurde. Das ist sehr unglücklich gelöst. Wer diese Website mit einem Flash-Blocker aufruft, sieht gar nichts.

Text der Erklärung

Text der Erklärung des Pirnaer Lehrers. Duch Klick auf das Bild wird der komplette Screenshot sichtbar.


Ergänzung um 10.00 Uhr: Ich habe am 06.September einen Artikel aus einem anderen Blog verlinkt. Er ist inzwischen stillschweigend verändert worden. Wenn wir als Blogger ernst genommen werden wollen, sollten wir uns an gewisse Standards halten. In einer Zeitung bleibt das Gedruckte auch stehen. Aber das ist meine ganz private Meinung und andere mögen das anders sehen.


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10 Responses to Eine Gegendarstellung und ihre Geschichte

  1. […] meinen Recherchen über die umstrittene Mitgliedschaft eines Pirnaer Lehrers in einem sozialen Netzwerk konnte ich noch eine andere interessante […]

  2. rappel sagt:

    Wie ich schon sagte, die Vorwürfe wären hinfällig, so sie sich auf diese Netzwerk-Aktivität beziehen würden. Ich glaube das nicht, und da sich die Beteiligten zu den Einzelheiten weiterhin nicht äußern, bleibt die Sachlage für mich weiterhin ungeklärt.

    PS: ich habe meinen Artikel nicht stillschweigend verändert, sondern in einem Kommentar eine Änderung desselben vermerkt. Zudem möchte ich eine Klarstellung in deinem ersten Artikel zum Thema anmahnen:

    „Was ist geschehen? Nach Berichten des Pirnaer Bloggers Rappelsnut und der Sächsischen Zeitung haben sich Pirnaer Lehrer unter Pseudonym in sozialen Netzwerken angemeldet und dort nach öffentlich zugänglichen Äußerungen ihrer Schüler gesucht …“

    Dies ist missverständlich und schlicht falsch – ich wurde daraufhin schon angesprochen. In meinem Beitrag beziehe ich mich ausdrücklich auf den zwei Tage zuvor in der SäZ erschienenen Artikel und möchte daher nicht an erster Stelle genannt werden.

  3. […] nicht durch Schnellschüsse übertönt werden … Hinweis: Der Pirnaer Blogger Rappelsnut legte in einem Kommentar Wert auf die Feststellung, dass er sich mit seinem mittlerweile geänderten Artikel auf den zwei […]

  4. rappel sagt:

    Im Sinne einer schnellen Klärung dieser Geschichte möchte ich auf einen Kommentar des betroffenen Lehrers zu meinem Eintrag verweisen, in dem er das Geschehen aus seiner Sicht schildert: klick.

    Es wäre nun wirklich an der Zeit, dass sich die SäZ, respektive Ronny Zimmermann, einmal dazu äußert.

  5. Frank sagt:

    Ich habe am 06.September einen Artikel aus einem anderen Blog verlinkt. Er ist inzwischen stillschweigend verändert worden. Wenn wir als Blogger ernst genommen werden wollen, sollten wir uns an gewisse Standards halten. In einer Zeitung bleibt das Gedruckte auch stehen. Aber das ist meine ganz private Meinung und andere mögen das anders sehen.

    Also ich zum Beispiel sehe das durchaus etwas anders. Was sind denn in der Beziehung die „gewissen Standards“, an die man sich als Blogger zu halten hat? Texte im Internet sind ja eben keine gedruckten Texte, so dass man hier gerade den Vorteil hat, notfalls doch noch einmal etwas ändern zu können. Dabei ist natürlich zu unterscheiden, was konkret geändert wird, bzw. ob und wie stark sich die Aussage ändert. Korrigierte Rechtschreibfehler sind sicherlich kein Diskussionsthema. Ablehnen würde ich Änderungen, durch die ein Text plötzlich einen völlig anderen Inhalt bekommt. Aber im vorliegenden Fall war es doch in Ordnung! Denn im Gegenteil wäre es ja falsch, einen Text über „Die bösen Lehrer!“ unverändert so stehen zu lassen, obwohl sich inzwischen neue Erkenntnisse ergeben haben, durch die man feststellt, dass man inzwischen etwas Falsches verbreiten würde. Und Rappel* hat auf seine Änderungen ja tatsächlich mit hingewiesen.

    Nebenbei (das ist jetzt nicht als Kritik gemeint, sondern nur so eine Randbeobachtung): Ich finde es immer wieder hübsch mit diesen Namen im Internet. Wenn mich jetzt jemand fragen würde, was ich gerade mache, müsste ich antworten: „Ich unterhalte mich gerade mit Stefanolix und Rappel über seriöses Auftreten im Internet“ :-)

    • rappel sagt:

      Das macht dann meinen Tag. :-)

    • stefanolix sagt:

      Stefanolix hat in diesem Moment noch gearbeitet, aber ich habe über den letzten Satz auch gerade herzlich gelacht ;-)

      Später mehr zu dem ernsteren Thema, jetzt ist gerade erst mal *Feierabend* für heute!

      • Jörg Kuleßa sagt:

        Einge kleine Erklärungen:

        1. In meinem Dampfer.net – Profil ist das Profilbild mit dem bayerischen Filzhut von 2007, die anderen aus diesem Jahr.

        2. Die Webdite unserer Schule ist bewusst in Flash gehalten. Links wären möglich aber in diesem Falle bewusst nicht gesetzt!

        3. Ich darf mich Frank ganz einfach anschließen: Es schon lustig, wenn man sich laut Zeitung anonym im Netz bewegt, dies jedoch eindeutig wiederlegt wird, und sich dann mit Bloggern unterhält, die ja diesen Artikel thematisieren und selbst mehr oder weniger anonymisiert auftreten. ^^ ^^

  6. […] dieser Zeilen, hat sich die Online-Aktivitäten von Lehrer Kuli näher angeschaut (“Eine Gegendarstellung und ihre Geschichte“). Er kommt zu dem Schluss: “Nachdem ich diesen Hinweisen nachgegangen bin, steht für […]

  7. […] dieser Zeilen, hat sich die Online-Aktivitäten von Lehrer Kuli näher angeschaut (“Eine Gegendarstellung und ihre Geschichte“). Er kommt zu dem Schluss: “Nachdem ich diesen Hinweisen nachgegangen bin, steht für […]

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