Redenschablone

31. Dezember 2011

Der Sprachforscher Martin Haase hat in einem Vortrag auf dem CCC eine typische Sprachschablone aus der Politik untersucht. Wer könnte die folgenden Sätze gesagt haben?

Nichts ist einfach in Afghanistan, und vieles ist noch nicht so, wie es sein soll. Ich fürchte, vieles wird auch schwierig bleiben. Aber am Ende dieses Jahres, nach der Bonner Konferenz, bin ich überzeugt: Wir sind mit unserem Einsatz und mit der neuen Partnerschaft auf dem richtigen Weg. Wir eröffnen Afghanistan die Chance auf eine friedliche und freie Zukunft im Interesse der Menschen dort und im Interesse der Sicherheit hier.

Nun könnte man den Satz auf jedes Konflikt-, Katastrophen- oder Krisengebiet dieser Welt übertragen. Man fügt zwei Variablen ein: die erste anstelle Afghanistans und die zweite anstelle der Bonner Konferenz.

Die Variable Region könnte mit Abchasien, Afghanistan, Ägypten, Äthiopien […] belegt werden. Die Variable Veranstaltung kann ersetzt werden durch »Geberkonferenz«, »Klimagipfel«, »G8-Treffen« oder »Koalitionsverhandlungen«. So austauschbar ist das.

Die zitierten Sätze sind übrigens von Guido Westerwelle, aber hätte sich jetzt jemand gewundert, wenn sie von Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier gesagt worden wären? Problematisch wird es dann, wenn die Medien solche Sprachschablonen kritiklos kopieren und einfügen; eine entsprechende Google-Suche zeigt denn auch das Erwartete …



Wintersonnenwende

21. Dezember 2011
Himmel am Tag der Wintersonnenwende

Etwas Wintersonne am Tag der Wintersonnenwende …


Dort werben, wo die Kunden suchen!

20. Dezember 2011

Gestern vormittag steckten zwei Exemplare des »offiziellen Branchenbuchs der Landeshauptstadt Dresden« in meinem Briefkasten. Eines der beiden Exemplare habe ich gleich ordnungsgemäß entsorgt und dabei bemerkt, dass es wohl nicht nur mir so ging:

Für die (blaue) Tonne … Klick vergrößert.

Ohne Blaue Tonne wäre man manchmal richtig aufgeschmissen …

Das andere Exemplar liegt jetzt neben meiner Tastatur. Auf der Titelseite steht: »Dort werben, wo die Kunden suchen!«. Außerdem: »IM INTERNET: www.dresdner-branchen.de«. Daneben ist ein gepixelter Cursor aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts abgedruckt.

Nun hat mich interessiert, ob auf der Website Angaben zur Verbreitung dieses Werbeträgers zu finden sind. Es gibt dort wirklich einen Link zu den Mediadaten und da steht:

Hier finden Sie die aktuellen Marktforschungsergebnisse zu den DRESDNER BRANCHEN.

Das hat mich natürlich neugierig gemacht. Die »aktuellen Marktforschungsergebnisse« sind in einer PDF-Datei gespeichert. Die Dokumentvorlage scheint noch aus Powerpoint 95 zu stammen, aber die Daten sind deutlich jünger. Auf der Titelseite steht:

Ergebnisse einer repräsentativen
Telefonumfrage unter der
Dresdner Bevölkerung ab 16 Jahren

Dresden, März 2005


Es wäre ein großer Beitrag zum Umweltschutz, wenn den Bürgern solche Printprodukte zum Abholen angeboten würden: In den Einkaufsgalerien und Postfilialen, meinetwegen auch auf jedem Ortsamt und bei den Treffpunkten der »Sächsischen Zeitung«. Von den 210.000 Exemplaren könnte man auf diese Weise vermutlich die Hälfte einsparen.


Demnächst gestalte ich ein Schild für meinen Briefkasten, auf dem noch deutlicher steht, was ich wirklich nicht haben möchte: Werbung, Handzettel, kostenlos verteilte Zeitungen und Branchenbücher gehören auf jeden Fall dazu. Und jetzt entsorge ich das andere Exemplar auch noch in die Blaue Tonne …



Wenn Blogs zu Büchern werden

18. Dezember 2011

Eine Zeitungsmeldung erinnerte mich gestern an das Graphitti-Blog, in dem von Zeit zu Zeit interessante Zusammenhänge als lustige Diagramme veröffentlicht werden. Drei Beispiele: Man bekommt einen Tipp für das garantiert nicht passende Weihnachtsgeschenk, man lernt etwas über Damenschuhe und bekommt die Auswertung der typischen Geste bei einem Wutanfall präsentiert. Jetzt ist aus dem Blog ein Buch geworden. Ein besseres Geschenk als ein Kinogutschein sollte es allemal sein ;-)



Das Motto zum 13. und 18. Februar 2012

16. Dezember 2011

Auch wenn mein Motto leider nicht gewonnen hat, möchte ich an dieser Stelle einige Gedanken über das Motto zum 13. und 18. Februar 2012 notieren.

Mit Mut, Respekt und Toleranz – Dresden bekennt Farbe

scheint mir das beste Motto zu sein, das den Dresdner Politikern bis heute zu diesem Tag eingefallen ist.

Es ist ein Motto, das für bestimmte Werte steht. Es ist ein Motto, mit dem man sich zu diesen Werten bekennen kann. Es ist ein Motto, aus dem sich etwas entwickeln kann. Die Arbeitsgruppe hat — endlich — ein Motto für die Bürger dieser Stadt gefunden.

Vordergründig ist es ein positives Motto. Es richtet sich aber gleichzeitig gegen jeden Missbrauch des Andenkens an die Bombenangriffe. Der Missbrauch dieses Tages durch Extremisten jeder Coleur zeugt nämlich:

- nicht von Mut, sondern von Feigheit,
- nicht von Respekt, sondern von Respektlosigkeit,
- nicht von Toleranz, sondern von Intoleranz.

Und Farbe bekennen sie hinter ihren Masken natürlich auch nicht.



Wie die BILD wirkt

8. Dezember 2011

Am Kiosk war es nicht zu übersehen: In der BILD stand in dieser Woche ein unheimlich empörter Artikel über die angeblich geplanten »Luxuszellen« für Straftäter in Sicherungsverwahrung. Es gab ja Gerichtsurteile zur Zulässigkeit der Sicherungsverwahrung.

Im Zug zwischen Chemnitz und Dresden konnte ich mir heute das Echo anhören. Da saßen drei junge Mädchen nebenan am Tisch, die diesen Artikel gelesen hatten. Dem Anschein nach waren es Auszubildende an einer Berufsschule in Chemnitz. Sie pendeln oft aus Freiberg und Umgebung dorthin. Den Erzählungen nach lernten sie irgendeinen sozialen Beruf. Ich gebe sinngemäß einige Punkte wieder:

»Persönlichkeitsrechte? Spinnen die total?«

»Die Polizei muss auf Beweise verzichten, wenn sie nicht rechtmäßig erlangt sind. Kann doch wohl nicht wahr sein! Bei solchen

»Eigentlich müsste man sofort die Todesstrafe wieder einführen.«

»Elektrischer Stuhl? Ist viel zu human.«

»Wenn ich einen in die Finger bekäme, der einem Kind etwas angetan hätte, würde ich ihn langsam in der Badewanne ertränken. Stundenlang.«


Ich habe nichts gesagt, weil ich wirklich müde war und abends auf der Post noch ein Manuskript abgeben musste. Aber eine Frage hätte ich ihnen gern gestellt:

Was wäre, wenn Dein Freund heute abend nach Hause käme und sagte: »Ich bewerbe mich als Henker«? Könntest Du damit leben, dass mit Dir jemand lebt, der regelmäßig Menschen tötet?


Die Rechtslage ist doch eindeutig. Ein Mörder büßt etwa zehn bis fünfzehn Jahre ab. Danach ist er normalerweise freizulassen. Ein Gericht kann unter eng eingegrenzten Bedingungen beschließen, dass er in einer Psychiatrie oder in Sicherungsverwahrung bleibt. Dann ist er aber kein Strafgefangener mehr und das muss ja wohl Auswirkungen auf seine Behandlung haben.


Im Grunde müsste man einen völlig neuen Weg beschreiten: eine Zwischenlösung zwischen Freiheitsentzug und Freiheit. Dazu müsste man eine streng bewachte und abgeschottete Wohnkolonie schaffen, in der Wohnungen, Arbeitsgelegenheiten und Zugang zur Kommunikation bereitstehen. Eventuelle Verstöße gegen die Regeln, insbesondere Ausbruchsversuche, müssten natürlich mit erneuter Haft sanktioniert werden.

Es ist klar, dass die Gesellschaft für diese neue Art der Unterbringung einen gewissen Preis zahlen muss. Aber auch Straftäter haben ihre Persönlichkeitsrechte und wenn die Strafe verbüßt ist, kann man sie nicht ewig einsperren.

Mit den Arbeitsmöglichkeiten wären sie im gewissen Maße resozialisiert, würden einen Nutzen ihrer Arbeit erkennen und könnten zumindest beginnen, den materiellen Schaden wiedergutzumachen. Es spricht auch nichts dagegen, dass sie untereinander Beziehungen aufbauen. Eventuell können sogar Menschen von außerhalb freiwillig in eine solche Kolonie ziehen.


Gerade in Bezug auf Sexualstraftäter gab es immer ein extrem weites Meinungsspektrum: Es reicht vom Nazi-Slogan »Todesstrafe für Kinderschänder« bis hin zur langjährigen »Tolerierung« von Sexualdelikten an Kindern z.B. an der Odenwald-Schule und in einigen alternativen Kreisen (ich betone: in der Vergangenheit).

Es ist also klar, dass über so einen Artikel kontrovers diskutiert wird. Aber dass ein solcher Hass ganz öffentlich in der Eisenbahn ausbricht, hätte ich nicht gedacht.



Gleichsetzung

5. Dezember 2011

In der politischen Diskussion hört man häufig, dass rechte und linke Extremisten nicht gleichgesetzt werden dürfen. Einige Leute leiten daraus ab, dass man die Straftaten der einen Seite verfolgen und die Straftaten der anderen Seite tolerieren sollte. Manche Medien verharmlosen Gewalttäter als »Aktivisten«.

Die Antwort kann man mit einem einfachen Beispiel illustrieren: Ein Haus schützt uns vor extremer Kälte und extremer Hitze. Beide Arten des Schutzes sind notwendig.

Würde nun jemand auf die Idee kommen, Kälte und Hitze gleichzusetzen? Würde jemand auf die Vorkehrungen gegen extreme Hitze verzichten, weil es draußen gerade kalt und nass ist? Würde jemand die gleichen Vorkehrungen gegen Hitze und gegen Kälte treffen?

Keine Schutzmaßnahme ist perfekt. Ingenieure und Architekten können sich verrechnen, Hausmeister und Bewohner können sich fahrlässig verhalten.

Aber ein Haus mit der besten Wärmedämmung wäre völlig wertlos, wenn ihm die Vorkehrungen gegen Hitze, Regen und Sturm fehlen würden. So ein Haus bietet früher oder später keinen Schutz mehr und wird zur Ruine. Es wäre zutiefst fahrlässig, wenn die Bewohner einfach wegschauen würden.

Auch der demokratische Rechtsstaat kann zerstört werden, wenn die Bewohner fahrlässig damit umgehen. Aber dann hat niemand mehr die Chance, einfach umzuziehen …



Zum 18. Februar 2012

3. Dezember 2011

In dieser Woche wurden die Dresdner dazu aufgerufen, ein Motto für den 18. Februar 2012 zu suchen. Mein Vorschlag ist:

Für die Würde des Menschen

Dieses Motto integriert alle Bürger, die sich zum Grundgesetz bekennen und für die Werte des Grundgesetzes eintreten wollen. Die beteiligten Parteien, Verbände und Gruppen der Zivilgesellschaft können es vielfältig ergänzen.

Der 18. Februar 2012 verweist auf den 13. Februar 1945. Der 13. Februar ist ein Tag der Trauer um die zivilen Opfer der Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg. Die ersten Bomben des Krieges haben Deutsche auf andere europäische Staaten abgeworfen. Die letzten Bomben fielen auf deutsche Städte. Zur Würde des Menschen hat immer die angemessene Trauer um die Toten gehört.

Am 18. Februar 2012 wollen Neonazis das Gedenken an den 13. Februar 1945 ein weiteres Mal missbrauchen. Neonazis bedrohen unsere Freiheit und unsere Demokratie. Das Motto steht für alle Werte, die Nazis schon von Beginn an abgelehnt und bekämpft haben. Diese Werte sollen am 18. Februar 2011 verteidigt werden.

Am 18. Februar 2012 müssen uns auch die immer gefährlicheren Angriffe von Extremisten gegen den demokratischen Rechtsstaat bewusst sein. Wer unter dem Motto »Für die Würde des Menschen« demonstriert, respektiert auch die Würde der Polizisten, die an diesem Tag für Recht und Ordnung eintreten müssen — und distanziert sich damit von den Gewalttaten der Extremisten.

Der 18. Februar 2012 weist in die Zukunft: Die freiheitlich-demokratische Gesellschaft muss im Alltag weiterentwickelt werden. Jeder kann mit Vernunft und Augenmaß etwas dazu beitragen. Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Es sollte jedem bewusst sein, wie brutal braune und rote Diktaturen die Würde des Menschen gebrochen haben.


Viele Dresdner sagen bisher: »Ich nehme im Februar an gar keiner Demonstration teil. Das geht mich alles nichts an. Ich lasse mir nicht aufzwingen, ob und wann ich demonstrieren gehe.« Diese Haltung kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Und es stimmt: Zur Demokratie gehört auch die Enthaltung.

Der Artikel 1 des Grundgesetzes enthält aber noch einen zweiten Satz, der sich ebenfalls auf die Würde des Menschen bezieht:

Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Am 18. Februar 2012 wird die staatliche Gewalt den Angriffen hoffentlich besser standhalten als am 19. Februar 2011. Es kommt aber vor allem darauf an, wofür die demokratische Mehrheit der Dresdner steht. Viel zu oft waren die Demokraten untereinander zerstritten. Viel zu oft gab es an diesem Tag ein falsches Motto.

Der 19. Februar 2011 wurde schließlich zu einem schwarzen Tag für Rechtsstaat und Demokratie. Auch wenn noch endlos darüber weitergestritten werden kann: Es haben in Wahrheit alle verloren.

Das darf sich nicht wiederholen. Im Jahr 2012 soll auf friedliche und würdevolle Weise gezeigt werden, für welche Werte die demokratische Mehrheit steht. Alle Demokraten müssen sich gegen rechte und linke Extremisten einig sein. Daran muss sich jede politische Kraft messen lassen.


Ergänzung: Damit es auch hier noch einmal steht: Die »Arbeitsgruppe 13. Februar« nimmt Vorschläge per E-Mail oder per Post entgegen. Hier ist der Direktlink zum Aufruf.



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