Foulspiel in der ersten Minute

Der Journalist Nils Minkmar (Jahrgang 1966) wurde vorgestern zum Feuilleton-Chef der F.A.Z. berufen. Heute hat er einen Artikel veröffentlicht, den man in Teilen als Foulspiel in der ersten Minute bezeichnen kann. Denn er geht völlig respektlos mit den beiden Privatpersonen um, die dem heutigen Bundespräsidenten den ersten Kredit gegeben haben. Auf welch hohem Ross sitzt ein Journalist, der folgendes schreibt?

Das Deprimierende an der ganzen Kredit-von-Edith-Geschichte ist der völlige Mangel an politischem Instinkt und symbolischem Gespür.

Und an anderer Stelle:

Die [Öffentlichkeit] hätte, wären sich die Herren im Wulffschen Sinne einig geworden, wohl nie etwas von Edith und Egon erfahren, nichts von Minizinsen ohne Sicherheiten und all den anderen kleinen Vorteilen, die ihm wie verhext immer so zufliegen.

Diese Formulierungen sind respektlos. Es gibt am Verhalten der beiden Kreditgeber nach heutigem Kenntnisstand überhaupt nichts auszusetzen. Das Ehepaar hat sich ein gewisses Vermögen erarbeitet; vermutlich haben sie auch Arbeitsplätze geschaffen und Steuern gezahlt. Jedenfalls haben sie nichts getan, um als »Edith und Egon« in einer missglückten Glosse erwähnt zu werden.

Abgesehen davon: Es gibt ein Gespür für die Bedeutung von Symbolen. Es gibt ein Gespür für die Auswirkungen einer Handlung. Aber es gibt kein »symbolisches Gespür«.


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7 Responses to Foulspiel in der ersten Minute

  1. Von mir aus können die sich alle gegenseitig richtig quälen, ist ja schliesslich ihr System. Und dann tritt er zurück und es wird Frühling.

    Bemerkenswert am FAZ-Artikel fand ich ja vor allem den letzten Absatz:

    „Doch noch einmal zurück nach Kuweit. Was hat der Bundespräsident dort eigentlich gemacht? Er lobte unter anderem die Pressefreiheit. Zwar seien Presse- und Meinungsfreiheit „immer ein Stachel im Fleisch der Herrschenden und Mächtigen“, am Ende aber seien sie „die beste Grundlage für erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklung“. Danach rief er Diekmann an.“

  2. let sagt:

    Klar, Leute mit Vornamen anzureden ist nicht unbedingt die feine englische Art. Ich empfinde das jetzt aber nicht unterhalb der Gürtellinie. Weil außer den Vornamen trifft der Spott doch nur den Präsidenten und nicht (wie hier kritisiert) die Kreditgeber.

    Abgesehen davon verstehe ich nicht, wie
    > Das Ehepaar hat sich ein gewisses Vermögen erarbeitet; vermutlich haben sie auch Arbeitsplätze geschaffen und Steuern gezahlt.

    einfluss darauf haben soll wie respektvoll die Medien mit einem Bürger umgehen sollen. Wer keine Arbeitsplätze schafft und Vermögen anhäuft verdient weniger Respekt?

    Ich habe aber auch irgendwie den Eindruck, dass Deine Kritik daher rührt, dass Dir der Kommentar inhaltlich nicht passt. Und hätte es daher klüger gefunden wenn Du das artikuliert hättest.

    • stefanolix sagt:

      Um es ganz klar zu sagen: Jede Privatperson, die in die Berichterstattung über den Bundespräsidenten mit hineingezogen wird, hat Anspruch auf eine anständige Behandlung — möge sie reich oder arm sein. Mit keinem Wort habe ich das in Abrede gestellt.


      Passt mir der Kommentar inhaltlich nicht? Darüber habe ich eine Weile nachdenken müssen. Ich habe Christian Wulff schon am Tag der Wahl für den falschen Mann im Amt des Bundespräsidenten gehalten. Ich habe ihm nicht zugetraut, Impulse zu geben und eine eigene Linie in diesem Amt zu finden. Aber andererseits muss man in der Demokratie auch akzeptieren, wenn sich der Kandidat im dritten Wahlgang durchsetzt. Insofern hat er einen Anspruch auf eine volle Amtsperiode.

      Ich denke, dass die sachliche Aufklärung des Falles nicht abgeschlossen ist. Wenn es überzeugende sachliche Gründe gibt, sollte Herr Wulff zurücktreten. Das ist aber noch lange kein Grund, dem Ehepaar Geerkens im Vorübergehen einen verbalen Tritt mitzugeben.

  3. politik2punkt0 sagt:

    Nun gut, man kann es auch übertreiben mit Kritik und Spott …
    Ein Feuilleton darf ruhig eine sehr persönliche Note haben, und Vornamensnennung ist meines Erachtens noch nicht strafbar :)
    Wie dem auch sei (denn auch hier herrscht ja die Meinungsfreiheit …), ein solcher Artikel ist mir persönlich lieber (weil eben „mit Kante“) statt politischem Nachgeplapper und Weichspülen, wovon es in Deutschland schon genügend Vertreter in Ämtern mit Würde gibt. Ich würde sogar soweit gehen, Herrn Wulff (oder sollte ich lieber Christian sagen?!) einen eklatanten Mangel an Profil hinsichtlich seiner politischen und vor allem moralischen Ausrichtung vorzuwerfen.
    Und – mein Gott! – kleinere Wortspielchen wie die „Kredit-von-Edith-Geschichte“ gefallen mir sehr gut und normalisieren die Debatte auf ein vernünftiges Niveau. Es ist wirklich peinlich, wenn solche Schlagzeilen (Wulff, zu Guttenberg und dergleichen) die wirklichen Probleme in Deutschland, Europa und der Welt überdecken. Da zeigt sich doch der wirkliche mediale und auch, lieber stefanolix, unser geistiger Horizont in einer solchen, eigentlich längst ad acta zu legenden „Personaldebatte“. Stattdessen „frisst“ der ach so politisch interessierte Mensch von heute den Medien aus der Hand und findet das Privatleben von Wulff jetzt ganz spannend. Für mich liegen solche Diskussionen unterhalb jeglicher noch zu verschmerzender Wahrnehmungsgrenze.

    • stefanolix sagt:

      Strafbar ist an dem Artikel nichts. Die Frage ist nur, ob der Artikel auch anständig ist und ob der Autor sich seiner Verantwortung bewusst ist. Im Folgeartikel habe ich mir über dieses Thema Gedanken gemacht …

      • politik2punkt0 sagt:

        Danke, der Nachfolgeartikel spricht mir persönlich auch aus dem Herzen, v.a. die mediale Behandlung (= kollektive Verachtung) der FDP. Eine solch einseitige Berichterstattung hat mich sehr schockiert, zeigt aber einmal auf’s Neue die Macht der Medien und ihre Rolle als „vierte Gewalt“ …
        Dennoch liegt beiden Sachverhalten ein ganz einfacher Unterschied zu Grunde: Das Motiv. Die FDP hat vielleicht ein wenig zu (steuer-)optimistische Versprechen im Wahlkampf gemacht, allerdings wissen wir alle sehr gut, was Versprechen vor und nach einer Wahl tatsächlich bedeuten.
        Herr Wulff hingegen hat es gewissermaßen auf die Täuschung angelegt und vertuschen wollen, und selbst als die Katze bereits aus dem Sack war, immer noch versucht, sich zu erklären und das ganze in irgendein familiär-vertrautes und legales Licht zu hüllen. Diese Form von arglistiger Täuschung und keinerlei Reue oder bescheidener Ehrlichkeit ist (nicht nur in seinem Amt) im höchsten Maße unanständig und für mich persönlich einfach ekelhaft. In seinem Fall kann ich die mediale „Hetze“ doch zumindest verstehen, will sie aber nicht hunderprozentig gutheißen (da auch für Tatverdächtige weiterhin die Grundrechte gelten …). Für mich ist diese Personaldebatte schon seit Mitte Dezember entschieden, und zwar nicht zur Gnade Wulffs. Die Regierung (v.a. die Union) täte im Interesse unseres Landes und des Respekts der Bürger gegenüber der Politik gut daran, einen gemeinsamen und geeigneten Kandidaten zu finden.
        Ich fürchte nur, dass Frau Merkels sehr überzeugende diplomatische Fähigkeiten auf ausländischer Ebene sie daran hindern werden, mit gewissen notwendigen Entscheidungen im Inland hinterherzukommen.

  4. „Insofern hat er einen Anspruch auf eine volle Amtsperiode.“

    Wenn ich Dich nicht besser kennen würde, dann würde ich nach diesem Satz an Deinem Staatsverständnis zweifeln. Kein Mensch hat … Anspruch auf eine volle Amtsperiode, sie ist kein „Besitz“, den mir keiner nehmen darf.
    In einer Demokratie entscheidet auch die Amtsführung darüber, ob ein Amtsinhaber die volle Amtsperiode in diesem Amt bleiben kann.

    CW, der mir Edith und Egon kungelt, hat mit seinem Amtsverständnis Deutschland ein Stück weiter gebracht. Aber in welche Richtung? Genau, in Richtung „Bananenrepublik“, in Richtung anderer korrupter Systeme.

    Egon hat über Edith Gelder fließen lassen, um dafür beispielsweise mitgenommen zu werden auf Auslandsreisen. Ein unschätzbarer, ein unbezahlbarer Vorteil. „Quid pro quo“.
    Und CW sagt dazu: „Es muss in diesem Land möglich sein, dass man Geschenke annimmt.“
    Wenn der Leiter des Bauausschusses von einem Freund etwas Werthaltiges annimmt (einen Urlaub, einen Ferrari oder bares Geld), dann nennt man das Korruption.
    Wenn ein Ministerpräsident oder ein Bundespräsident etwas annimmt, dann sind es Freundschaftsgeschenke ohne jedes Kalkül in Sachen „Quid pro quo“?

    Was sagt denn das Ministergesetz in Niedersachsen dazu: da ist es auch für MInisterpräsidenten verboten, Geschenke über 5 EUR (!) anzunehmen. Und das ist richtig so.
    Aber das gilt natürlich nicht für CW. Und das Gewähren von solchen Vorteilen ist strafrechtlich Begünstigung oder Bestechung. Aber auch das gilt nicht für Edith und Egon, nicht für den AWD, die Talanx und auch nicht für die Modellabels und mutmaßlich etliche andere Menschen und Unternehmen.

    Ich denke, der eigentliche Skandal ist, dass CW unser aller Werte verschoben hat. Er begründet Korruption, er erlaubt Korruption, wenngleich er nur ganz wenig korrupt war, wenn wir hier alles wissen.
    Aber er wurde dabei erwischt und wehrt sich wie der beim Spicken erwischt Schüler mit dem Hinweis, dass andere auch abschreiben würden – und das vielleicht noch schlimmer.
    Dass er ja nur bei einem Freund abgeschrieben hätte oder eben in der Familie. Und in der Familie und unter Freunden darf man einfach alles.
    Zum Glück ist auch die Mafia eine große Familie.

    Entschuldige bitte, aber dieser Mann muss weg.

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