Aktion im Bahnhof DD-Neustadt

Zugegeben: Ich war auch ein wenig neugierig auf den Demonstrationszug der Antifaschisten. Aber eigentlich wollte ich an diesem Nachmittag auf dem Bahnhof nur eine Zeitung, eine Fahrkarte und einen Kaffee kaufen. Als ich den Kiosk verließ, stürmten sie in den Bahnhof und brüllten:

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Ich hätte sie gern gefragt, wen sie hassten: Die Frau am Stand mit den Thüringer Würsten? Die Fahrkartenverkäuferinnen? Den Betreiber des Kiosks? Oder ÖPNV-Umsteiger wie mich — müde nach der samstäglichen Arbeit?

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Ich hätte sie gern gefragt, aber ich konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Manche hatten sich schwarz vermummt, manche trugen auch noch schwarze Brillen. Und die Unvermummten schauten so verbissen in die Welt, dass ich sie lieber nicht angesprochen habe. Sie zündeten in der Halle einen Feuerwerkskörper und wiederholten:

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Haß! Haß! Haß wie noch nie!

Aber als sie den Bahnhof wieder verließen und ihren Haß mit sich nahmen, zeigte ein junger Mann einen Ansatz von Selbstreflexion. Er fragte seinen Nebenmann:

Sag mal, kannst Du mir sagen, warum wir jetzt hier ‚rein sind?

Ich hätte ihm das auch nicht beantworten können.


43 Responses to Aktion im Bahnhof DD-Neustadt

  1. derbaum sagt:

    ich auch nicht…

    aber ernn ihnen doch plötzlich das feindbild weggeblieben ist – dann müssen sie sich anders luft machen…

    • stefanolix sagt:

      Ich habe bis heute keine Ahnung, was diese Aktion bewirken sollte. Es waren sicher 200 bis 300 schwarz gekleidete Demonstranten und es schallte natürlich in der Bahnhofshalle sehr laut. Aber da der Bahnhof sonst weitgehend leer war, hat der ganze geballte Hass kaum jemanden interessiert …

      Übrigens habe ich wirklich nur diese eine Parole gehört.

  2. Herbert Mitternich sagt:

    Zum Glück gibt es genug Linksextremisten, diese Webseite wäre sonst bald tot.

  3. Jane sagt:

    Yep, diese Gesänge erschallten übrigens auch vor dem Heidefriedhof am Montag. Und zwar, nachdem die Polizei die ordentlich angesäuerte, ins Friedhofsinnere drängende Meute mit Körpereinsatz zurück hinter die Friedhofspforte gedrängt hatte. Das Gedenken war gerade zu Ende und die ersten Leute wollten den Friedhof verlassen, doch der Mob versperrte den Ausgang. Nach dem Handgemenge, bei dem zwei der Typen in den Streifenwagen getragen werden mussten, hoben die Tiraden an. Das „Hass,Hass“-Lied war auch dabei. Jetzt, wo du damit anfängst, erinnere ich mich wieder.

    • stefanolix sagt:

      »Lied« ist zu viel gesagt: Es war ja eher ein heiseres Gebrüll.

      Ich versuche gerade, mich in die Motivation dieser Leute hineinzudenken: Eigentlich sollen doch mit einer Demonstration irgendwelche politischen Argumente vermittelt werden. Meinetwegen auch Argumente, die nicht jedem gefallen.

      Stattdessen gehen diese Leute brüllend durch die Stadt und durch den Bahnhof: »Haß! Haß! Haß!« So wird das wohl nix mit dem Vermitteln von Argumenten ;-)

      Diese Demonstranten waren, soweit ich das um den Bahnhof Neustadt beobachten konnte, auch völlig isoliert von der Bevölkerung. Da gab es den geschlossenen Zug, der sich unter heiserem Gebrüll, Trommeln und Punk in Richtung Großenhainer Straße bewegte. Die Straße war rechts und links des Zuges fast leer, nur einige Leute wollten die Straße queren und mussten warten.

      Die Demonstranten hätten mit dem selben Effekt auch eine Runde um das Ostragehege laufen können. Oder zwei. Oder drei ;-)

  4. Jane sagt:

    Ich glaube ja, dass das Ziel, anderen eine politische Botschaft zu vermitteln, da eher hintergründig ist. Es geht vielmehr um Selbstdarstellung und Protest. Mich stört vor allem, dass die politischen Spitzen, die diese Aufmärsche mittragen, am Ende von solchen Entgleisungen nichts mehr wissen wollen, sie als Randerscheinungen verharmlosen, von denen man unter keinen Umständen auf die Allgemeinheit schließen dürfe. Natürlich kann man das nicht. Aber irgendjemand muss doch dafür die Verantwortung tragen. Und das tut man dann höchst ungern, wie man den empörten Wortäußerungen rund um die Anklagewelle gegen linke Lokal- und Bundespolitiker entnehmen kann. Ich vermisse eine klare Distanzierung von solchen Gruppen. Stattdessen hat man beim Bündnis Dresden-nazifrei nach eigenen Angaben sogar Angst, nicht mehr schlagkräftig genug zu sein, wenn man die potenziell gewaltbereiten Antifas auf Abstand hält. Das heißt, man setzt bewusst auf diese freien Kräfte, um möglichst viele auf die Straße zu bringen. Da läuft meiner Ansicht nach gewaltig was schief. Und genau deshalb kann ich mich dieser allgemeinen nazifrei-Euphorie auch nicht anschließen.

    • stefanolix sagt:

      Auch wenn man über vereinzelte Vorfälle nicht hinwegsehen kann, würde ich den 18. Februar 2012 doch als (fast) gewaltfrei einstufen. Im Vergleich zum 19. Februar 2011 war das schon ein Fortschritt.

      Es gibt einige Politiker, die auf folgender Position stehen: Ich blockiere mit friedlichen Mitteln, zeige somit zivilen Ungehorsam, trage aber dann auch die gesetzlich verankerte Konsequenz für die Ordnungswidrigkeit: ca. 300 Euro als Spende für einen gemeinnützigen Zweck. Solche Politiker findet man z.B. bei den Grünen und in der SPD. Diese Haltung respektiere ich.

      Eine Anklagewelle gibt es eigentlich nicht. Es gibt einzelne Verfahren gegen Politiker und Einzelpersonen, welche die oben genannte Konsequenz nicht tragen wollen.

      Und dann kommt dieser blödsinnige Vorwurf: Wir werden kriminalisiert. Was bedeutet Kriminalisierung eigentlich? Dass eine bisher geduldete oder legale Handlung ab einem bestimmten Zeitpunkt illegal ist und bestraft wird. Davon kann aber überhaupt nicht die Rede sein. Jeder friedliche Blockierer wusste von vornherein, dass sein Verhalten mit einer Geldstrafe geahndet werden muss, wenn man ihn dabei identifiziert.

      Letztlich könnte man nun darüber streiten, ob es nach den relativ friedlichen Terminen im Februar 2012 unbedingt notwendig ist, friedliche Blockierer von 2010 und 2011 weiterhin zu verfolgen. Eigentlich gebietet es die Gerechtigkeit denen gegenüber, die klaglos ihre Geldstrafe bezahlt haben.

      Aber ich fände es wichtiger, dass sich die Justiz auf die rechts- und linksextremen Gewalttäter konzentriert.

      Der Rechtsfrieden bliebe IMHO gewahrt, wenn alle friedlichen Blockierer einen Geldbetrag in einen Fonds für friedliche Aktionen gegen Rechtsextremismus einzahlen würden — und wenn sie sich gleichzeitig endlich vom gewalttätigen Flügel distanzieren würden. Dann könnte der Rechtsstaat diese Verfahren beenden und sich auf die Verfolgung der Gewalttaten konzentrieren.

      • Rayson sagt:

        Würdest du den Versuch, andere Bürger an der Wahrnehmung ihrer grundgesetzlichen Rechte zu hindern, tatsächlich als zu respektierenden zivilen Ungehorsam einordnen?

      • stefanolix sagt:

        Unter der Voraussetzung, dass der Rechtsstaat begrenzte Ressourcen hat, würde ich zuerst die Gewalttäter rechtsstaatlich behandeln. Aus zwei Gründen:

        1. Je länger sich die Verfahren hinziehen, desto unwahrscheinlicher ist eine Verurteilung und desto ineffizienter sind die Verfahren. Man muss z.B. Polizisten aus dem gesamten Bundesgebiet als Zeugen laden, die dann natürlich wieder in ihren eigenen Bundesländern fehlen.

        2. Ich will die Blockaden nicht ungeahndet lassen. Aber der Rechtsstaat lässt letztlich die Möglichkeit der schnellen Beendigung eines solchen Verfahrens zu, wenn der Beschuldigte seine Geldstrafe zahlt. Würde man das Geld in ein Ausstiegsprojekt investieren, hätten alle Seiten etwas davon.

        Der Moderator der Arbeitsgruppe zum 13. Februar hat in seiner Rede einen lateinischen Spruch zitiert:

        Die Lateiner formulierten ein Wort, das man als Ironie bzw. als Sarkasmus auffassen sollte. Es lautet: „Fiat iustitia et pereat mundus.“ – „Die Gerechtigkeit muss durchgesetzt werden, auch wenn die Welt dabei untergeht.“

        Die darauf folgenden Ausführungen kann man in der Dresdner Rede nachlesen.

        Ich denke, im Fall des unbestritten friedlichen Widerstands muss der Rechtsweg nicht bis in die letztmögliche Instanz beschritten werden und ich würde eine Einstellung der Verfahren mit Geldbuße nicht als Unrecht empfinden. Mit aller Konsequenz sollte man dagegen die Gewalttäter verfolgen.

        In Sachsen stehen aufgrund der Überlastung der Gerichte noch Verfahren an, in denen die Taten schon Jahre zurückliegen. Die Täter laufen immer noch frei herum und versetzen bestimmte Gebiete in der Provinz in Angst und Schrecken.

      • Rayson sagt:

        Unter der Voraussetzung, dass der Rechtsstaat begrenzte Ressourcen hat, würde ich zuerst die Gewalttäter rechtsstaatlich behandeln.

        Das halte ich für sehr sinnvoll, war aber nicht meine Frage :-)

      • stefanolix sagt:

        Die Frage ist doch, ob wirklich nur die Grundrechte einer Gruppe eingeschränkt werden. In der Praxis passiert folgendes:

        1. Die Gruppe X meldet eine Demonstration an. Damit werden Treffpunkt und Anreiseweg öffentlich.

        2. Die Gruppe Y meldet rund um den Treffpunkt und auf dem Anreiseweg eigene Demonstrationen an. Das kann spontan geschehen oder vorher [langfristig, mittelfristig] angemeldet sein.

        3. Am fraglichen Tag stehen sich die Gruppen X und Y in Hör- und Sichtweite gegenüber. Sie spielen Demonstranten-Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.

        4. Die Polizei muss die Gruppen voneinander fernhalten. Sie kann nun (wie 2011) versuchen, den Platz für die Demonstration X zu räumen. Sie kann (wie 2012) darauf verzichten.

        Wer hat nun das höherwertige Grundrecht – X oder Y?

      • stefanolix sagt:

        PS: Eine Blockade entsteht im Prinzip dadurch, dass Gruppe Y auf ihrem Recht besteht, an einem Platz stehen zu bleiben, während Gruppe X auf ihrem Recht besteht, diesen Platz zu überqueren.

        Die Polizei kann jetzt den Mitgliedern der Gruppe Y einen Platzverweis erteilen und diese Mitglieder einzeln wegtragen. Natürlich ist das Ignorieren der Platzverweise durch die Mitglieder der Gruppe Y eine Ordnungswidrigkeit.

        Aber ist es auch eine Verletzung der Grundrechte der Gruppe X? Beide Gruppen behaupten von sich, dass sie das Grundrecht der Versammlungsfreiheit nutzen. Also heben sich an dieser Stelle zwei Grundrechte gegenseitig auf?

      • Rayson sagt:

        Also ich kann der von dir konstruierten gleichrangigen Konfliktsituation nicht folgen. Die zuständige Behörde wird sicherlich nicht zwei konträre Demonstrationen zur selben Zeit am selben Ort genehmigen. Bleibt also das „Spontane“, in diesem Fall wohl eine Umschreibung für „Umgehung der rechtlichen Abläufe“.

        Damit hätten wir schon mal zwei ins Unrecht setzende Kriterien: Erstens die Ignorierung des rechtsstaatlichen Verfahrens, zweitens die Absicht, die Wahrnehmung der Grundrechte auf Demonstrationsfreiheit durch andere zu unterbinden. Meinetwegen unter der formalen Berufung auf die eigene Demonstrationsfreiheit, aber die wäre auch gewahrt, wenn die eigene Demo eine Stunde später stattgefunden hätte, wäre also als Scheinagument offensichtlich. Wird so aber auch – die entsprechenden Verantwortlichen halten uns dankenswerterweise nicht für so dumm – nicht benutzt, sondern das Argument lautet in der Regel: Wir dürfen das, weil das da drüben Rechte sind. Also Bürger bestenfallls zweiter Klasse, bei denen man sich als aufrechter Demokrat darüber zu freuen hat, wenn sie nicht ihre Rechte wahrnehmen dürfen, oder auch wenn sie individuell keine Anstellung mehr finden, egal wo.

        Man stelle sich mal umgekehrt vor, „Rechte“ würden eine Blockade eines Umzugs zum Gedenken an den Holocaust mit denselben formalen Argumenten begründen wollen. Hand hoch, wer glaubt, dass dies durchginge. Würde es nicht, und zu Recht nicht.

        Natürlich ist es eine andere Frage, wie intensiv der Staat welche Regelübertretung verfolgt, und ich bin ganz bei dir, wenn es darum geht, den Schwerpunkt auf Gewalttaten zu legen. Aber es würde mich wundern, wenn die willkürliche Einschränkung von Grundrechten für bestimmte Personenkreise deine Zustimmung fände, auch wenn sie überwiegend im herkömmlichen Sinn gewaltfrei (siehe Diskussion über „Nötigung“) von statten geht.

      • stefanolix sagt:

        Grundsätzlich stimme ich Dir in der Frage der Freiheitsrechte zu. Aber je näher man der Realität kommt, um so schwieriger sind diese Rechte gegeneinander abzuwägen.

        Das Grundgesetz und das Versammlungsrecht sind für vernünftige Menschen gemacht. Eine gegenseitige Blockade ist im Grundgesetz offensichtlich nicht vorgesehen.

        Ob jemand sein Recht nur wahrnimmt, um andere zu behindern, ist juristisch sehr schwer zu entscheiden. Wenn die Entscheidung gefallen ist, dann ist vermutlich der Termin der Demonstration verstrichen.

        Grundsätzlich sind Spontandemonstrationen zulässig. Sie müssen nicht vorher angemeldet werden. Sie werden durch einen Versammlungsleiter spontan angezeigt. Das ist ja eigentlich sogar ein Gewinn an Freiheit, solange wir von vernünftigen Menschen ausgehen.

        Die Polizei kann nun entscheiden, ob sie die spontane Versammlung toleriert, ob sie Auflagen erteilt oder ob sie die Versammlung auflöst. Dabei muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Manchmal muss eine Demonstration in eine Kundgebung umgewandelt werden, wenn der Demonstrationszug sich nicht bewegen kann.

        Am 13.02.2012 konnten die Neonazis auf einer kleinen Runde demonstrieren. Die größere Runde war mit Versammlungen ihrer Gegner besetzt. Am Ende hat eigentlich niemand gewonnen. Beide Seiten haben einen Teil ihrer Ziele durchgesetzt und einen Teil ihrer Ziele verfehlt.

      • stefanolix sagt:

        Es ist sehr schwierig, ein Beispiel für eine Demonstration zu finden, die durch explizit Rechtsradikale mit einer explizit rechtsradikalen Begründung verhindert werden soll.

        In der Diskussion in Dresden brachte mal ein Jurist das Beispiel: Was würde geschehen, wenn jemand den Umzug zum Christopher Street Day blockieren würde?

        Im Prinzip stünde die Polizei auch dort vor der Entscheidung: Ist die Demonstration mit vertretbaren Mitteln durchsetzbar? Könnten die Demonstranten als Kompromiss eine stationäre Kundgebung auf einem großen Platz durchführen? Kann eine andere Route gewählt werden?

      • Rayson sagt:

        Ob jemand sein Recht nur wahrnimmt, um andere zu behindern, ist juristisch sehr schwer zu entscheiden.

        Ist es das wirklich? Kann ich mir nicht vorstellen. Da gibt es zeitliche Zusammenhänge und ganz offen geäußerte Absichten.

        Meinungs- und Demonstrationsfreiheit sind Güter, die im Grund dadurch nicht beeinträchtigt werden, dass ein anderer sie genau so wahrnimmt. Es bewegt sich der außerhalb des Grundgesetzens, der einen anderen Eindruck erwecken möchte.

        Die Sache ist doch einfach: Ist ein Kompromiss denkbar, der beide Demonstrationszüge ungehindert zuließe, und wenn nein, an wem scheitert er?

      • stefanolix sagt:

        Noch eine dritte Bemerkung, diesmal zur »Genehmigung«: Die Verwaltung kann den Veranstaltern von angemeldeten Demonstrationen allenfalls Auflagen erteilen. Sie kann ihnen aber nicht die Genehmigung verwehren. Wenn X und Y zur gleichen Zeit auf der selben Straße demonstrieren wollen, wird Y eine andere Straße zugewiesen.

        Gegen diese Auflagen kann jede der beiden Seiten vor Gericht vorgehen. Meist fällt die endgültige Entscheidung vor dem Oberverwaltungsgericht irgendwann am späten Vorabend, erst dann ist der Rechtsweg ausgeschöpft.

        Gesetzt den Fall, dass die Gruppe X am Tag der Demonstration gemäß den Auflagen für Gruppe Y allein auf der gewünschten Straße sein müsste: Wer will den Mitgliedern der Gruppe Y verbieten, in Gruppen diese Straße zu queren — nicht auf einer Demonstration, sondern auf einem Spaziergang?

        Man kann in einer Großstadt wie Dresden nur einen begrenzten Demonstrationsweg hermetisch absperren. Dann sind schlichtweg alle verfügbaren Polizisten eingesetzt. In Dresden waren es ca. 5.000 aus dem gesamten Bundesgebiet. Wenn sie alle eingesetzt sind, kann keine Straße mehr abgesperrt werden.

        Am Ende des Tages kann man zwar hundert Leute aus der Gruppe Y mit jeweils einer Ordnungsstrafe belegen, aber der Einsatz hat einige Millionen Euro gekostet und das Demonstrationsrecht der Gruppe X konnte trotzdem nicht wirksam durchgesetzt werden.

        Das Grundrecht der Gruppe X wird also eingeschränkt, weil es einfach nicht genügend Ressourcen gibt, um es durchzusetzen.

      • stefanolix sagt:

        Zu Deiner Frage (wir hatten wohl parallel kommentiert):

        Es ist offensichtlich, dass der Kompromiss an den Mitgliedern der Gruppe Y scheitert, die ihr Recht auf Versammlungsfreiheit zum Blockieren der Gruppe X nutzen. Aber wo steht im Grundgesetz etwas von Kompromissen?

        Was wir hier behandeln, haben sich die Autoren des Grundgesetzes nicht vorstellen können: Es gibt ein Recht auf Versammlungsfreiheit, das man aber nicht durchsetzen kann.

      • Rayson sagt:

        Stefanolix, wir brauchen uns nicht darüber zu streiten, dass sich formaljuristische Argumente finden lassen, die Absicht der Verhinderer zu legitimieren. Mögen sie auch noch so weit hergeholt sein, man wird sie in einer Diskussion nicht per se für ungültig erklären können.

        Aber lass uns doch mal die in anderen Fällen gar nicht so unübliche teleologische Auslegung anwenden: Welches Ziel sollte mit dem Demonstrationsrecht erreicht werden? Dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens unter Heranziehung anderer Rechte Minderheiten daran hindern kann, ihr Demonstrationsrecht wahrzunehmen? Wirklich?

      • stefanolix sagt:

        Bezogen auf unser Problem ist die Frage sehr einfach zu beantworten: Mit dem Grundgesetz und mit dem Versammlungsrecht soll das Ziel erreicht werden, dass möglichst viele unterschiedliche Meinungen in einem fairen Wettbewerb geäußert werden können.

        Um dieses Ziel durchzusetzen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es werden alle Menschen und Menschengruppen mit so viel Vernunft ausgestattet, dass sie sich gegenseitig dieses Recht einräumen. Oder es gibt eine Instanz mit genügend Ressourcen, um dieses Recht für alle Gruppen durchsetzen zu können.

        Wenn Du mich fragst: Möglichkeit 1 wäre mir lieber.


        Übrigens wollte ich nicht formaljuristisch argumentieren. Wenn 6.000 Menschen einfach nur auf der Straße stehen, um einen Demonstrationszug von 1.500 Menschen zu behindern, dann brauchte man schätzungsweise 10.000 Polizisten, um das Recht der 1.500 auf die gewünschte Route durchzusetzen. Bundesweit sind aber maximal 6.000 Polizisten verfügbar, wenn es zur gleichen Zeit noch ein Fußballspiel mit Gewaltrisiko gibt und wenn man noch eine minimale Reserve in jedem Bundesland haben will. Und dabei rede ich bisher nur von friedlich herumstehenden oder -sitzenden Demonstranten. Wenn tausend Gewalttäter anreisen, wird es richtig kritisch.

      • Jane sagt:

        Ähm, kleine Anmerkung zur Höhe des Bußgeldes: Bodo Ramelow sollte nicht 300, sondern 3.400 Euro zahlen. Nicht, das ihm das das Hungertuch eingebracht hätte. Aber das ist schon ne Stange Geld. Anscheinend gibt es da noch Unterschiede. Und Politiker, die ohne viel Tamtam ihre Strafe akzeptiert hätten, wären mir auch bei den Grünen und in der SPD nicht bekannt. Da gab es doch überall „Empörung“ und Widersprucht. Aber das nur am Rande.

        „Es gibt einzelne Verfahren gegen Politiker und Einzelpersonen, welche die oben genannte Konsequenz nicht tragen wollen.“

        Ja, genau die meinte ich mit „Anklagewelle“. Es sind einige zusammengekommen.

        Was das Thema „Kriminalisierung“ betrifft, stimme ich dir absolut zu. Wer zur Blockade trommelte, obwohl dies nicht genehmigt war, wusste, was ihm blüht. Es macht sich nur immer teuflisch gut, wenn man hinterher völlig empört in irgendeine Kamera sagen kann: Seht her, ich wollte gegen Nazis kämpfen und lande nun vor Gericht.
        Gab es denn tatsächlich solche, die klaglos bezahlten? Kannst du einen nennen? Würde mich einfach mal interessieren.

      • Rayson sagt:

        Stefanolix, du meinst also, die Durchsetzung eines grundgesetzlichen Rechtes sei von den dafür zur Verfügung gestellten Ressourcen abhängig? Als Ist-Beschreibung habe ich kein Problem damit. Aber die ist nicht mein Punkt.

        Ich will dich aber auch nicht zu irgendwas drängen. Belassen wir es also dabei.

      • stefanolix sagt:

        @Rayson: Momentan scheitert es ganz klar an der Verhärtung der Fronten in den Köpfen und an den mangelnden Ressourcen.

        Reden wir darüber, wie man vom Ist zum Soll kommen kann. Sicher nicht durch das Aufstocken der Zahl der Polizisten. Diesen Wettlauf kann man nicht gewinnen. Es geht nur durch

        – Überzeugung
        – Stärkung der demokratischen Kräfte
        – Schwächung der extremistischen Kräfte


      • Rayson sagt:

        @stefanolix

        Mir geht es nicht so sehr um das „wie“, sondern vor allem um das „ob“.

      • stefanolix sagt:

        @Jane: Soweit ich mich erinnere, hat der Stadtrat Jens Hoffsommer von den Grünen bei der Diskussion nach der Dresdner Rede gesagt, er habe das Bußgeld bezahlt. Ein zweiter bekannter Stadtrat (SPD) stand mit der gleichen Stellungnahme in der Zeitung, aber ich kann mich jetzt nicht an den Namen erinnern und will nichts falsches sagen.

      • stefanolix sagt:

        Das »ob« stand nie in Frage. Das Ziel ist ein freier und fairer Wettbewerb der Meinungen. Aber wenn man ein Ziel formuliert hat, muss man ja auch an den Weg dorthin denken ;-)

      • Rayson sagt:

        Das »ob« stand nie in Frage.

        Das zu ergründen, war der Zweck meiner Frage.

      • stefanolix sagt:

        Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viele quälende Diskussionen man hier in Dresden im »realen Leben« über dieses Thema führt. Du kannst fest voraussetzen, dass ich für ein Demonstrationsrecht im Rahmen des Grundgesetzes bin.


        Ein Aspekt des Jahres 2012 ist aus meiner Sicht, dass sich bestimmte Extremisten und Provokateure (wie z.B. diese Gruppe aus Jena) durch wirre Aktionen und Sprüche entlarvt haben und von vielen Dresdnern jetzt noch deutlicher abgelehnt werden.

        Auch der Anlass dieses Artikels (die Hass-Manifestation im Bahnhof) ist bei den wenigen Zeugen aus der Bevölkerung auf absolutes Unverständnis gestoßen. Darauf kann man aufbauen.


        Auch im Jahr 2012 wurden nicht alle Grundrechte gewahrt. Die einen haben ein Stück demonstriert, die anderen haben den Rest der Strecke verhindert. Es war also alles andere als perfekt. Aber es war die beste Lösung, die man unter den herrschenden Bedingungen bekommen konnte.

  5. E-Haller sagt:

    Ach Mensch, das sind eben Jugendliche, die sich noch nicht ganz gefunden haben und provozieren wollten… Lasst sie machen – in drei Jahren wundern die sich schon genug über sich selbst.

    • stefanolix sagt:

      Es waren leider zum großen Teil keine Jugendlichen (im Sinne von: unter 18 oder unter 20 Jahren).


      Man freut sich ja, wenn es fast gewaltfrei abläuft und endet. Ich kann mich aber manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass sich eine Art »Berufsdemonstrantentum« herausbildet (auch als »Aktivisten« bezeichnet). Ohne alle Demonstranten dort einordnen zu wollen: Es sieht schon manchmal etwas schräg aus, wenn die Rituale solcher Demonstrationen zelebriert werden.

      • Rayson sagt:

        Es sieht schon manchmal etwas schräg aus, wenn die Rituale solcher Demonstrationen zelebriert werden.

        Die einen vermummen sich, die anderen ziehen sich Kutten über und schwenken Schals. Hauptsache, Ritual, Gewaltbereitschaft inbegriffen. Bernhard von Clairvaux wusste schon, welche Konsequenzen er aus der Tatsache ziehen sollte, dass viele junge Männer seiner Zeit ohne sinnvolle Aufgabe waren…

      • stefanolix sagt:

        Interessanter Aspekt und Anlass zum Nachdenken über die Verwendung von staatlichem Fördergeld … ;-)

  6. Antifa sagt:

    Nur der Vollständigkeit halber, der Spruch endet mit: „… all cops are basterds acab.“ Vonwegen hinhören usw.

    Anmerkung des Autors dieses Blogs: Ich habe den Spruch kurz nach 16.00 Uhr durchgestrichen.

    • Jane sagt:

      Ich glaub, es hackt… wer bei solchem Schund auch noch auf der vollen Version besteht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

      • Antifa sagt:

        Wer verstehen will, sollte auch zuhören können. Gerade Du als Vollzeitjournalistin solltest das eigentlich verstehen und ich glaube auch kaum dass ich von Dir Hilfe benötige.

      • Jane sagt:

        Antifa, sorry, aber man muss nicht bei jedem Blödsinn zuhören. Und an dem, was da gebrüllt wurde, gibt es auch dann nichts zu verstehen, wenn man die volle Version gehört hat. Hass ist etwas, das weder zum Lösen von Konflikten taugt noch anderweitig ein guter Ratgeber ist. Das weiß im Übrigen niemand besser als ein Journalist, der von Berufs wegen zur größtmöglichen Unaufgeregtheit und Neutralität verpflichtet ist – zumindest sieht so mein ganz persönlicher Ehrencodex aus. Wer hasst, kann aber nicht neutral sein.

      • stefanolix sagt:

        @Antifa: Verstehen? Worüber soll man denn mit ihnen sprechen? Sie zeigen uns doch schon mit ihrem Gebrüll, dass sie keinen Dialog wollen.

    • stefanolix sagt:

      Dann haben sie vielleicht nur die verkürzte Version gebrüllt? Oder die zweite Zeile etwas leiser?

    • stefanolix sagt:

      Übrigens: Es ist auch argumentativ sehr schwach, die Polizei an der einen Stelle übel zu beleidigen und anderswo den Schutz der Polizei vorauszusetzen. Oder sind »Antifaschisten« nicht auch dafür, dass die Polizei z.B. einem Opfer hilft, das gerade von einem Gewalttäter bedrängt wird?

    • Antifa sagt:

      Ich hätte sie gern gefragt, wen sie hassten: Die Frau am Stand mit den Thüringer Würsten? Die Fahrkartenverkäuferinnen? Den Betreiber des Kiosks? Oder ÖPNV-Umsteiger wie mich — müde nach der samstäglichen Arbeit?

      Es ging mir nur um die Beantwortung deiner Frage.

      • stefanolix sagt:

        Oh, danke, wie aufmerksam ;-)

        Auf das mehrfach sehr laut und verständlich vorgetragene »Haß! Haß! Haß wie noch nie!« folgte keine ebenso laute und verständliche zweite Zeile. Das hätte ich wirklich registriert. Vermutlich haben sie vorausgesetzt, dass man die zweite Zeile kennt.

        Übrigens ist der Spruch sprachlich einfach schlecht. Ich würde so etwas nicht in die Welt setzen.

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