Darf man einen Workshop mit jungen Rechtsradikalen durchführen?

Es gibt wieder einmal Aufregung um ein Projekt der Bundesministerin Kristina Schröder. Reflexartig urteilen viele: Schröder-Projekte sind grundsätzlich abzulehnen und mit jungen Rechtsradikalen diskutiert man nicht.

Ich kenne die Bedingungen dieses Projektes nicht. Aber ich würde zuerst festlegen, dass keine Funktionäre oder Anführer von Neonazigruppen zugelassen sind. Außerdem würde ich Regeln festlegen, die den harten Extremisten das Mitmachen verleiden, aber auf der anderen Seite ungefestigte junge Leute nicht abschrecken.

Wenn die Leitung des Workshops bei jeder grundgesetzwidrigen oder rassistischen Äußerung sofort die Rote Karte für den Betreffenden ziehen kann, finde ich das Projekt grundsätzlich nicht falsch. Wer in der Veranstaltung bleiben will, muss sich beherrschen und muss sich die Argumente der Gegenseite anhören. Das gilt natürlich für alle Beteiligten.

Es gibt sicher geeignete Methoden, um mit solchen jungen Leuten in Kleingruppen zu arbeiten — wenn auch nur zehn junge Menschen zum Umdenken gebracht werden, dann wäre das Geld schon gut angelegt. Man muss die Ideologie der Neonazis bekämpfen. Aber man darf nicht jeden ins Abseits stellen, der mal mit dieser Ideologie Berührung hatte.

Kritisiert wird das Motto »Dortmund den Dortmundern«. Ich finde das Motto geradezu genial: Es entzieht den Neonazis den Boden. Ihr Motto »Deutschland den Deutschen« wird umgedreht in das Motto »Die Stadt gehört den Bürgern«: Zu den Dortmundern gehören heute auch Eingebürgerte und Ausländer. Die Leute in einer Großstadt müssen ihr Zusammenleben unter sich regeln. Je weniger Extremisten, Fundamentalisten und Ausgegrenzte in der Stadt leben, desto besser.

Deshalb könnte der nächste Workshop »Berlin den Berlinern« vielleicht mit einer Gruppe aus jungen Autonomen oder mit einer Gruppe junger Türken aus Problemvierteln der Stadt durchgeführt werden — Damit das Klima in der Stadt durch die Bürger verbessert und nicht durch Extremisten vergiftet wird.


Advertisements

32 Responses to Darf man einen Workshop mit jungen Rechtsradikalen durchführen?

  1. Jane sagt:

    Hm. Andererseits, welchen Anreiz sollte ein Workshop für junge Rechte haben, wenn ihre über längere Zeit verinnerlichten Ansichten dort sofort und bedingungslos sanktioniert würden? ich befürchte, dass die Reihen da ziemlich leer bleiben oder aber sich nach einem kurzen Versuch ziemlich schnell lichten würden. Wenn man Rechte wirklich von ihren Ansichten kurieren und zurück aufs gesellschaftliche Parkett führen will, dann wird man glaube ich nicht drum herumkommen, sich ihre Ansichten erst einmal anzuhören und mit ihnen dazu ins Gespräch zu kommen. Wenn man dann gleich die Rote Karte zeigt, schafft man selbt sofort wieder die Distanz, die man mit der Einladung zum Gespräch zunächst aufgehoben hatte. Eine schwierige Sache, die mit erhobenem Moralzeigefinger nicht weit kommen wird, fürchte ich.

    • stefanolix sagt:

      Mit erhobenem Mittelfinger auch nicht! ;-)

      Die Regeln für ein Projekt sollten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger aufgestellt werden. Sie dienen letztlich zum Gewährleisten der Arbeitsfähigkeit.

      Der Moderator muss sich die Argumente beider Seiten in nichtöffentlichen Gesprächen anhören. Er muss beiden Seiten die Grenzen aufzeigen und entscheiden, welche Themen in öffentlicher Sitzung wirklich behandelt werden. Diese Themen müssen grundgesetzkonform sein.

      • Jane sagt:

        Ja, genau das einzuhalten, fürchte ich, dürfte aber in einem Workshop mit Rechten nicht gerade einfach sein (dass die Themen grundgesetzkonform bleiben, meine ich). Denn rechtes Gedankengut ist nun mal in aller Regel nicht grundgestzkonform. Das heißt: Wenn ich so einen Workshop wirklich machen will, muss erst mal das Ziel klar sein: Was will ich denn damit erreichen? Dann erst kann ich Regeln aufstellen. Wenn ich erreichen will, dass sich die Leute öffnen und Vertrauen fassen, muss ich die Schmerzgrenze für den Anfang wohl ziemlich niedrig legen. Denn wenn ich die ersten rauswerfe, weil sie sagen: Juden und Ausländer sollten aus Deutschland ausgebürgert werden, wird bald keiner mehr kommen. Statt Rauswurf wären dann z.B. gute, handfeste Beweise angebracht. Oder z.B. mutige Holocaustüberlebende, die beeindruckende Geschichten erzählen können. Und was ich ganz wichtig fände: die persönliche Lebensgeschichte des einzelnen Teilnehmers mit einzubeziehen. Die sehen nämlich meist alles andere als rosig aus.

  2. Antifa sagt:

    Ich kenne die Bedingungen dieses Projektes nicht.

    Damit sind ja auch die beiden nächsten Abschnitte relativ überflüssig.

    Deshalb könnte der nächste Workshop »Berlin den Berlinern« vielleicht mit einer Gruppe aus jungen Autonomen oder mit einer Gruppe junger Türken aus Problemvierteln der Stadt durchgeführt werden…

    Mehr Klischee geht ja nun wirklich nicht oder? Was sind denn in Deinen Augen Problemviertel in Berlin? Charlottenburg?

    Damit das Klima in der Stadt durch die Bürger verbessert und nicht durch Extremisten vergiftet wird.

    Ist es denn vergiftet? Nach meinem Eindruck ist Berlin gerade zum Anlaufpunkt der Kreativszene in Europa geworden, vielleicht auch explizit wegen seines Charmes, aber vielleicht täusche ich mich ja auch und die ganzen vollbesetzten Flieger dahin sind ein Zeichen für das vergiftete Klima in der Stadt.

    • stefanolix sagt:

      Ich frage mich ja manchmal, wo man dieses selektive Zitieren und gezielte Missverstehen lernt …


      Mir geht es darum, dass man das Klima in einer Stadt verbessern kann, wenn man bestimmte Gruppen gezielt einbezieht und nicht ausgrenzt. Um das tun zu können, müssen Regeln aufgestellt und durchgesetzt werden.

      Es reicht einfach nicht, als Antwort auf das Angebot eines solchen Projektes nur »Nazis raus« zu skandieren und Kristina Schröder zu »dissen«. Dadurch verbessert sich überhaupt nichts.

      Einige Rechtsradikale müssen »rein« — nämlich in den Knast, sofern sie straffällig geworden sind. Andere kann man wieder in die Gesellschaft zurückholen. Aber »raus« ist die dümmste aller Parolen. Wohin denn?


      Zur Methode: Man konnte im Vorfeld des 13. Februar und an den beiden kritischen Terminen im Febuar 2012 in Dresden beobachten, dass der Moderationsprozess zur Vorbereitung des 13. Februar wirklich zu Ergebnissen geführt hat. Grundlage dieses Prozesses waren genau die Prinzipien, die auch meinem Artikel zugrundeliegen.


      Im übrigen gilt das auch für Vertreter der anderen Seite, die nicht nur die Polizei angreifen, sondern auch Mieter terrorisieren.

      • Antifa sagt:

        Hast Du Dir überhaupt durchgelesen was ich geschrieben habe? Wo steht denn bei mir bzw. im publikative-Artikel irgendetwas von „Nazis raus“?

      • stefanolix sagt:

        Nun, ich habe z.B. auf ein Beispiel aus dem von Dir so gelobten Berlin verwiesen. Ich habe auch auf eines der vielen Beispiele von Gewalttaten gegen die Polizei verwiesen (in diesem Fall aus Magdeburg).

        Es gibt eben nicht nur auf einer Seite Bedarf an Möglichkeiten zur Eingliederung und Befriedung … und wenn man es der einen Seite zugesteht, kann man es der anderen nicht verweigern. Die Bedingungen stehen oben im Artikel. Übrigens müssen bekanntlich alle Träger solcher Projekte unterschreiben, dass die Projekte grundgesetzkonform sind. Ist vielleicht doch keine schlechte Idee.

        Das Projekt kann natürlich scheitern. Es ist immer sehr riskant, auf Risikogruppen zuzugehen und mit den Menschen zu arbeiten. Aber der Versuch ist gerechtfertigt. Anderswo wird übrigens auch Geld für soziale Projekte ausgegeben, obwohl vorher keine Garantie für den Erfolg vorliegt.


        Die Parole »Nazis raus« ist nicht nur in den Kommentaren des »publikative«-Artikels zu lesen … ich glaube nicht, dass ich dafür einen Zitatnachweis bringen muss.

  3. Antifa sagt:

    Sorry, aber ich komme bei Deinen Sprüngen nicht mehr so recht hinterher. Es gibt genug Beispiele für Projekte die sich mit rechten Jugendlichen beschäftigen und die ausgehend von Schröders Extremismusdoktrin pauschal in eine Ecke gestellt worden sind, in die sie aufgrund ihrer hervorragenden und oft ehrenamtlichen Arbeit nicht hingehören.

    Worin der Sinn bestehen soll, sich mit Nazikadern auseinanderzusetzen, kann ich nicht nachvollziehen. Dazu steht bei publikative eindeutig:

    In einer gemeinsamen Stellungnahme wird kritisiert, dass mit ideologisch gefestigten Neonazis voraussetzungslos gearbeitet wird. Dies würde „der gängigen Praxis von Sozialarbeit mit extrem rechten Jugendlichen“ widersprechen. Die Stadt Dortmund, welche zunächst als Kooperationspartner des Projektes aufgeführt war, sah nach der öffentlichen Kritik offenbar auch keinen Grund mehr für eine Zusammenarbeit. So wurde dem Projektträger schriftlich untersagt, die Stadt weiterhin als Partner zu nennen.

    Was es braucht sind finanziell angemessen ausgestattete Projekte die sich mit der Mehrheitsgesellschaft beschäftigen, damit vorhandene stereotype Einstellungen in der breiten Masse der Bevölkerung verändert werden können. Sich jetzt wieder explizit dem Krisensymptoms von Neonazismus zu widmen, verkennt die eigentlichen Ursachen des Problems und dient mehr der Imagepflege als einer Lösung gesellschaftlicher Konflikte.

    Und um noch einmal auf Dein Berliner Beispiel einzugehen: Das Problem um die Liebigstraße ist ein generelles um die Frage nach bezahlbarem Wohnraum für alle Menschen auch im Zentrum von Städten. Da werden Räume rechtswidrig unter dem Einsatz mehrerer tausend Beamtinnen und Beamten geräumt und Menschen von einem Tag auf den anderen obdachlos, während andererseits kein Geld mehr für soziale Stadtplanung übrig ist. Da beißt sich der Tiger doch in den Schwanz. Aber so lange Probleme so oberflächlich wie hier behandelt werden, braucht man sich auch über die Resultate nicht zu wundern.

    • stefanolix sagt:

      Es gibt eben mehrere Ansätze. Vielleicht ist es bequemer, »sich der Mehrheitsgesellschaft zu widmen«. Ganz sicher ist es riskanter, sich mit rechtsradikal beeinflussten Jugendlichen zu befassen. Mir scheint, dass es Verteilungskonflikte zwischen den Vertretern der beiden Ansätze gibt …


      Zur anderen Seite: Erstens ist die Wendung »rechtswidrig geräumt« nicht angemessen. Das Berliner Landgericht hat die Kündigungen schon 2009 für rechtmäßig erklärt. Selbst wenn es daran Zweifel geben sollte, rechtfertigen sie nicht den Einsatz von Gewalt und die massive Androhung von Gewalt gegen Mieter.

      • Antifa sagt:

        „… rechtfertigen sie nicht den Einsatz von Gewalt und die massive Androhung von Gewalt gegen Mieter.“

        Keiner hier hat diese Behauptung aufgestellt. Rechtfertigen ungleich Verstehen, aber das willst Du in Deiner kleinbürgerlichen Welt ja nie wahrhaben ;)

      • stefanolix sagt:

        Es gibt bestimmte Straftaten, werter Antifa, die auf keiner Seite »verständnisvoll behandelt«, toleriert oder gerechtfertigt werden dürfen. Dabei ist es gleichgültig, welche Kleidung, welche Fahnen und welche Gesinnung die Tätergruppen tragen.

        Für diese Einstellung lasse ich mich gern »Kleinbürger« nennen.

      • Antifa sagt:

        Ja ich habe das begriffen, trotzdem noch einmal die Frage, wer hat das gemacht?

    • Antifa sagt:

      Mal abgesehen davon, dass Janes Aussage „Einer der früheren Helfer der Zelle ist mittlerweile aus der rechten Szene ausgestiegen und arbeitet als Priester (!).“ vollkommener Blödsinn ist, solltest Du fairerweise auch auf die Antwort von publikative verweisen.

      Es geht nicht um die Frage ob Sozialarbeit finanziert werden soll, die sich mit rechten Jugendlichen auseinandersetzt (das passiert bereits und das schon seit Jahren), sondern ob diese Programme auch überzeugte Kadernazis mit einbeziehen sollten. Für die gibt es bereits seit Jahren Programme wie Exit.

      @Jane: Du meinst den hier und auch da wäre ich mit einer Seeligsprechung vorsichtig, egal ob er sich inzwischen geläutert gibt.

      • stefanolix sagt:

        Meine Leserinnen und Leser können Kommentar und Antwort(en) selbständig lesen, aber ich kann gern beim nächsten Mal einen Hinweis auf mögliche Erwiderungen geben ;-)

        Gibt es eigentlich auch Ausstiegsprogramme für Linksextremisten?

  4. Antifa sagt:

    Gibt es eigentlich auch Ausstiegsprogramme für Linksextremisten?

    Es gab eine Hotline, aber ob es die noch existiert, keine Ahnung. Macht ja auch nicht wirklich Sinn, denn im Unterschied zu rechten Szene, gibt es bei den Linken ja keine Mitgliedschaft oder Drohungen nach dem Verlassen der Szene.

    • Rayson sagt:

      denn im Unterschied zu rechten Szene, gibt es bei den Linken ja keine Mitgliedschaft oder Drohungen nach dem Verlassen der Szene.

      Eine formelle Mitgliedschaft ist wohl auch rechtsaußen nicht unbedingt erforderlich, aber dass ein Unterschied zwischen Links- und Rechtsextremen darin besteht, dass erstere Konvertiten nicht verfolgen, finde ich interessant. Kennt jemand einen einleuchtenden Grund dafür, warum sich die Rechtsextremen wie eine Sekte (oder wie – sorry, die Realität zeigt es uns gerade ja – fanatische Muslime) gebärden und die Linksextremen nicht?

      • Antifa sagt:

        Ich würde versuchen es so herunterzubrechen: Inklusion vs. Exklusion. Heterogenität vs. Homogenität.

      • Rayson sagt:

        Ich würde versuchen es so herunterzubrechen: Inklusion vs. Exklusion. Heterogenität vs. Homogenität.

        Überzeugt mich noch nicht. Auch bei Linksextremen gibt es klare Regeln, wer dazu gehört. Abweichende Meinungen sind dort auch nicht gefragt.

        Dass z.B. Schwarze sehr wohl linksextrem werden können, aber wegen des rechtsaußen bevorzugt herangezogenen Unterscheidungsmerkmals nie eine Zukunft als Rechtsextreme hätten, sei dabei unbenommen.

        Wo die Rechten „Biologie“ rufen, antworten die Linken eben mit „Sozioökonomie“, und als liberale Fans des Rechtsstaats ist uns (stefanolix und mir) der eine Grund so fremd wie der andere.

        Aber müssten nicht eigentlich die Linksextremen abweichenden „Meinungen“ gegenüber intoleranter sein als die Rechtsextremen, bei denen das Kriterium „Meinung“ eben nicht den Ausschlag gibt? Jedenfalls kennen Linksextreme keine Gnade gegenüber politischen Gegnern, da ist alles erlaubt und wird auch so praktiziert. Aber der Aussteiger ist dort eben kein Gegner besonderer Art, er wird nicht allein deswegen verfolgt, weil er ein Aussteiger ist. Schlimmstenfalls reiht man ihn ein in die Phalanx des bekannten Klassenfeinds, aber eine Sonderstrafe erwartet ihn nicht. Das ist bei den Rechtsextremen eben anders.

        Liegt es vielleicht an der Überhöhung von Begriffen wie „Ehre“ und „Treue“, die nicht nur bei Rechtsextremen, sondern auch bei vielen Religionen und Sekten eine prominente Rolle einnehmen? Linksextreme können damit jedenfalls meist nichts anfangen.

      • Antifa sagt:

        Überzeugt mich noch nicht. Auch bei Linksextremen gibt es klare Regeln, wer dazu gehört. Abweichende Meinungen sind dort auch nicht gefragt.

        Also das deckt sich leider überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen. Da bin ich leider raus.

        Jedenfalls kennen Linksextreme keine Gnade gegenüber politischen Gegnern, da ist alles erlaubt und wird auch so praktiziert.

        Wie meinen?

      • Rayson sagt:

        Also das deckt sich leider überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen. Da bin ich leider raus.

        Echt jetzt? Bei Linksextremen sind Anarcho-Kapitalisten gern gesehen? Das würde tatsächlich all meine Vorurteile über den Haufen werfen.

        Wie meinen?

        Soll ich hier spezifische Fälle ausplaudern? Stefanolix wird wissen, wovon ich rede.

  5. Antifa sagt:

    Echt jetzt? Bei Linksextremen sind Anarcho-Kapitalisten gern gesehen? Das würde tatsächlich all meine Vorurteile über den Haufen werfen.

    Hast Du jemals in Deinem Leben ein linkes Plenum besucht? Falls nicht, nachholen und Zeit mitbringen.

    • Rayson sagt:

      Hast Du jemals in Deinem Leben ein linkes Plenum besucht?

      Die Online-Begegnungen ließen da wenig Hoffnung zu.

    • stefanolix sagt:

      Wobei man zur Erklärung für »Antifa« sagen muss: Wir haben wirklich intensiv und über mehrere Jahre mit Linksradikalen diskutiert (nach eigener Aussage »Undogmatische Linke«, Marxisten, Feministen …). In manchen Phasen ging es sogar sportlich zu. Später haben sich die beiden Seiten dann auseinandergelebt.

      Für mich war es irgendwann quälend, dass man im Prinzip mit Leuten diskutiert hat, die alles ihrem Weltbild unterordnen. Ein lebendes Muster dafür ist der Mann mit der Roten Fahne auf der Prager Straße in Dresden, von dem es im Web solche Bekundungen gibt: Ich muss nicht diskutieren. Mein Weltbild ist auf Marx und Engels aufgebaut, also vertrete ich die Wahrheit.

      Im Gegensatz dazu befinde ich mich als »Rückenmarksliberaler« im Grunde jeden Tag in einem Entdeckungsprozess. In Anlehnung an Gauck: Ich bin manchmal verwirrt und man darf das sehen.


      Woran ist der Dialog damals letztlich gescheitert? Einerseits gab es Personen, die ihn nach Kräften torpediert haben. Aber denen hätte man Paroli bieten können. Das eigentliche Problem lag tiefer.

      Im Weltbild vieler radikaler Linker sind Menschen mit bürgerlicher Grundeinstellung (abwertend auch als Kleinbürger bezeichnet), Unternehmer, Banker und Manager nahe beim Faschismus [Nationalsozialismus] angesiedelt.

      Wirtschaft und demokratischer Rechtsstaat sind nach diesem Weltbild grundsätzlich Helfershelfer des Faschismus [Nationalsozialismus].

      Man hat das wieder sehr deutlich auf der Demonstration der vielen linken/linksradikalen/linksextremen Funktionäre und Aktivisten am 18. Februar in Dresden gesehen.

      • Proust.. sagt:

        „Im Weltbild vieler radikaler Linker sind Menschen mit bürgerlicher Grundeinstellung (abwertend auch als Kleinbürger bezeichnet), Unternehmer, Banker und Manager nahe beim Faschismus [Nationalsozialismus] angesiedelt.

        Wirtschaft und demokratischer Rechtsstaat sind nach diesem Weltbild grundsätzlich Helfershelfer des Faschismus [Nationalsozialismus].“

        Ich bastle mir die Welt, wie sie mir gefällt, lala. Selten so was Falsches gelsesen. Aber es fehlt noch eine Perle in der Traumkette: „..Faschismus [Nationalsozialismus] {Deutschland}..“ Jetzt stimmt es.

        (Und ja, es wäre lustig, wenn es nicht so dumm wäre.)

      • Antifa sagt:

        Wir haben wirklich intensiv und über mehrere Jahre mit Linksradikalen diskutiert…

        Wir und die anderen, so einfach kann man es sich auch machen. Ist Feminismus inzwischen bei euch auch schon linksradikal?!?

        Für mich war es irgendwann quälend, dass man im Prinzip mit Leuten diskutiert hat, die alles ihrem Weltbild unterordnen.

        Schon eine Qual in Diskussionen nicht zu einem Ende zu kommen, nicht wahr?

      • stefanolix sagt:

        @Proust: Interessant.

        @Antifa: Es war heute morgen nicht die beste Zeit zum Kommentieren. Man muss aber aus meinem Kommentar nun nicht unbedingt entnehmen, dass ich feministisch und linksradikal gleichsetzte. Das tue ich natürlich nicht. — Es ist allerdings manchmal lustig anzusehen, wenn männliche Linke auf ihre Art feministischer als Frauen sein wollen ;-)


        Ich würde es im Rückblick nicht als einen Kampf »wir gegen die anderen« bezeichnen. Ich habe in diesen Diskussionen eine Menge gelernt und erfahren. Aber letztlich wurde es einfach langweilig — so wie eine Diskussion mit dem »Mann mit der Roten Fahne« auf der Prager Straße.

        Hier ist ein wunderbares Beispiel für den Diskussionsstil dieser Leute:

        [audio src="http://danile.de/Vellem/01_-_Bewusstsein.mp3" /]

      • Proust.. sagt:

        [Unsachlicher Kommentar gelöscht.]

      • stefanolix sagt:

        Werter »Proust«: Bitte verziehen Sie sich wieder. Ich werde Sie nicht vermissen.

      • Rayson sagt:

        Wir und die anderen, so einfach kann man es sich auch machen.

        Das „wir“ ergab sich ganz simpel aus der Tatsache, Autoren eines gemeinsamen Blogs gewesen zu sein. Und für die ideologische Kollektivierung sorgten nicht wir – wir hatten auch eher „linksliberale“ Autoren dabei, die von einigen unserer Diskussions“partner“ persönlich angegangen wurden, weil sie auf unserem Blog mitmachten. Einer bekam sogar Probleme mit seinen Real-Life-Freunden deswegen.

        Bis heute nehmen auch die bemühten Versuche nicht ab, Liberale irgendwie in Verbindung mit „Rechten“ zu bringen, als sei ihre unabhängige Existenz ein Fehler in der Matrix.

        Tut mir leid, aber so ein verfestigt-ideologisches Denken ist mir fremd.

  6. „Für mich war es irgendwann quälend, dass man im Prinzip mit Leuten diskutiert hat, die alles ihrem Weltbild unterordnen.“

    Das ist in der Tat quälend. Außerdem erinnert es mich irgendwie an folgenden Witz:

    Radiodurchsage: „Achtung, auf der A4 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen.“
    Autofahrer empört: „Wieso einer, dutzende!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: