Nur nicht nachdenken!

An Wahlabenden werden Verschwörungstheorien geboren. Das Blog »Nachdenkseiten« hat heute morgen eine besonders schöne Verschwörungstheorie vorgestellt: Die Ergebnisse von gestern beruhen auf Meinungsmache. Von Meinungsmache profitiert besonders die FDP. So ist das!

Das kommt mir im Ansatz bekannt vor: Meinungsmache war schon in der DDR das Zauberwort des seligen Karl Eduard von Schnitz’ und der anderen SED-Ideologen, wenn das Verhalten der irregeführten Menschen im Kapitalismus erklärt werden sollte. Es ist bis heute eine herabwürdigende Begründung, denn damit wird unterstellt, dass die Menschen durch Meinungsmache obskurer Kräfte in beliebiger Richtung beeinflussbar seien.

Ich will gar nicht auf alle Bausteine dieser Theorie eingehen. Lesen Sie selbst, wie der Autor in seiner unergründlichen Weisheit das Ergebnis der Wahl in Schleswig-Holstein analysiert, ohne die Piratenpartei auch nur einmal zu erwähnen.

Doch ein Zitat gönne ich mir, weil es stellvertretend für andere Teile zeigt, aus was für billigem Plastik diese Theorie geschnitzt ist:

Und Sie werden jetzt in der weiteren Zeit auch nichts anderes mehr über die Linke hören, als die vom zitierten Bonner Professor Decker intonierte Linie: »Die Linke kann sich in den westdeutschen Ländern nicht verankern. Sie bleibt eine ostdeutsche Regionalpartei.«

Was soll man denn nach dieser Wahl sonst über die Linkspartei berichten? Sie war im Kieler Landtag und sie hatte ihre Chance. Sie konnte in Schleswig-Holstein aber kaum noch jemanden überzeugen. Vielleicht lag es ja daran, dass diese Partei im Westen altlinke Sektierer geradezu magisch angezogen hat?

Die LINKE hat in Schleswig-Holstein seit 2009 insgesamt 62.000 Wähler verloren und von keiner einzigen Gruppe Wähler gewonnen. Es ist interessant, an welche Gruppe die LINKE die meisten Wähler verloren hat: 39.000 von den 62.000 wurden Nichtwähler. Lag das an der unterstellten »Meinungsmache zugunsten der FDP« oder an den Fehlern der Linkspartei?


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7 Antworten zu Nur nicht nachdenken!

  1. Rayson sagt:

    Von den Nichtdenkseiten konnte man auch nichts anderes erwarten. Die Verbissenheit, mit der hier, ganz im Gegensatz zur Realität, die eher auf das Gegenteil hindeutet, eine bevorzugte Behandlung der FDP in den Medien behauptet wird, erinnert wirklich an die Betonköpfe der untergegangenen SED-Diktatur.

    Man merkt, wie es am Autor nagt, dass die aus seiner Sicht einzig wahre Partei, nämlich die SEDPDSLinke, als Protestpartei durch die Piraten abgelöst wurde.

    • stefanolix sagt:

      Ich wollte gar nicht in der gleichen Münze zurückzahlen wie der Autor der Nachdenkseiten.

      Aber jetzt gibt es ja aus einigen Medien gleich wieder die volle Breitseite gegen die FDP. Die Redakteure des »Neuen Süddeutschland«, zum Beispiel, unterstellen der FDP einen Mangel an Programm. Der ganze Artikel ist voll schiefer Metaphern.

      Aber merkwürdigerweise legen sie an die Piraten einen ganz anderen Maßstab an …

  2. Grundsätzlich gibt es sicher Meinungsmache – in der Werbung, in der Presse und sogar in Schulbüchern. Aber gerade im Falle von Wahlen in Deutschland wirken doch viel eher sehr viele verschiedene Faktoren – wirtschaftliche und politische Lage, Tagesgeschehen, Bildungsstand, Traditionen, Moden und sicher noch viel mehr.

    • stefanolix sagt:

      Meinungsmache in Schulbüchern? Da würde mich ein Beispiel interessieren ;-)

      Du hast völlig recht. Neben den von Dir genannten Faktoren spielt natürlich auch die eigene soziale und ökonomische Lage eine große Rolle. Könntest Du es Dir z.B. finanziell leisten, die Piraten zu wählen? Ich nicht ;-)

      • Ich leiste mir ganz sicher nicht den Verzicht auf mein Copyright!
        Zu Meinungsmache in Schulbüchern – damit meine ich jetzt nichts unmittelbar themenbezogenes. Sondern ich erinnere mich an die unglaublich schlechten Geschichtsbücher meiner Schulzeit. Da hieß es durchgehend: Steinzeit primitiv, Urmenschen grunzende Chauvis, Antike irgendwie toll, Mittelalter finster, Neuzeit erleuchtet. Seeehr differenziert, das alles.

      • stefanolix sagt:

        Obwohl ich mit den Absendern des letzten Urheber-Briefs in der ZEIT nicht vollständig konform gehe: Was die Piraten wollen, gefährdet letztlich die Marktwirtschaft.

        Meinungsmache in Schulbüchern — ein weites Feld! Was Du beschreibst, ist aber eher (unzulässige) Vereinfachung. Mit gutem Lehrpersonal sollte dem entgegenzuwirken sein ;-)

  3. [...] Klicken Sie hier, um den ganzen Artikel zu lesen. So sieht die Meinungsmache zugunsten der FDP aus, die auf den Nachdenkseiten herbeiphantasiert wird … Teilen Sie dies mit:Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem diese(r) Artikel [...]

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