Ein Ogasnök aus Waldheim?

3. Mai 2012

Zugegeben: Den Namen des Möbelstücks »Ogasnök« habe ich mir gerade ausgedacht. Ein solches Möbel gibt es nicht bei IKEA. Den Namen findet man auch noch nicht bei Google. Aber nach Medienrecherchen könnten in den DDR-Gefängnissen etliche Möbel — mit mehr oder weniger lustigen Namen — für die IKEA-Häuser im Westen gefertigt worden sein. Unter Bedingungen, die alles andere als lustig waren.


Der Autor dieses kleinen Blogs befand sich im Winter 1987/88 für eine Weile in der DDR-Haftanstalt Waldheim. Nein, ich saß nicht im Gefängnis. Ich habe damals als angelernte Aushilfskraft in den Werkstätten der Haftanstalt gearbeitet. Und das kam wie aus heiterem Himmel.

Die DDR-Führung hatte 1987 die größte Amnestie ihrer Geschichte erlassen. Mehr als 40.000 Häftlinge kamen in Freiheit — soweit man in der DDR von Freiheit sprechen konnte. Der SPIEGEL schrieb damals über die Probleme bei der Freilassung der Häftlinge:

Zahlreiche Betriebe sind auf sie angewiesen. So ist dem Gefängnis Brandenburg eine Möbelfabrik angegliedert, die durch die Amnestie den größten Teil ihrer Belegschaft verliert.

In der DDR wusste man auch ohne den SPIEGEL recht gut, dass in fast allen Strafanstalten kleine Betriebe eingerichtet waren, in denen die Häftlinge gearbeitet haben. Ich gehörte zu den jungen Grundwehrdienst-Soldaten, die es selbst miterlebt haben. Ich will mich in diesem Artikel so gut wie möglich an Waldheim erinnern.


Ich habe dort nicht in der Möbelproduktion gearbeitet und ich habe auch keine Möbelproduktion gesehen. Wir standen als junge Soldaten an Drehmaschinen, auf denen Bolzen und andere Teile für Textilmaschinen gefertigt wurden. In der Nachbarschaft wurden in einem anderen Betriebsteil aus elektronischen Bauteilen Schalter montiert.

Kaum einer von uns hatte einen Metallberuf gelernt, aber das war kein Problem: Erstens hatten wir alle in der Schule das Fach »Produktive Arbeit« absolviert. Und zweitens gab es ja erfahrene Facharbeiter, die uns die Maschinen eingerichtet haben. Es gab auch mehrere Ausbilder und Meister, die uns eingewiesen haben.


Diese Beschäftigten waren keine Strafgefangenen. Sie wurden von ihrem Textilmaschinenkombinat in den Strafvollzug delegiert, um dort die Häftlinge zur Arbeit anzuleiten. Ich habe sie als bodenständige, ruhige und sachliche Menschen kennengelernt. Bald kamen wir miteinander ins Gespräch.

Es gab natürlich Tabuthemen: Die Psychatrie gegenüber dem Gefängnis, aus der wir beim Aussteigen aus den Transportfahrzeugen manchmal verzweifelte Schreie von Insassinnen hörten. Die Politik. Und auch die Fluchtversuche und Selbstmorde einiger Häftlinge. Aber im Grunde sprachen die Facharbeiter und Ausbilder sehr offen mit uns — sogar über den Sinn oder Unsinn der Amnestie.

Sie zeigten uns die Artefakte, die man nach der Amnestie beim schrittweisen Renovieren der Latrinen, Waschräume und Aufenthaltsräume gefunden hatte: selbstgefertigte Messerklingen und Seile, aber auch abenteuerliche Vorrichtungen für die alkoholische Gärung.

Seitdem habe ich immer plastisch vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich Freiheit — oder eine Illusion von Freiheit — verschaffen wollen.


Wir hatten in den Produktionsanlagen des Gefängnisses nur sehr wenig Freiraum, weil ein letztes Aufgebot an Häftlingen immer noch im Gefängnis verblieben war. Diese Häftlinge waren zu sehr langen Haftstrafen verurteilt worden und hatten davon noch nicht den erforderlichen Anteil verbüßt.

Aus Sicherheitsgründen haben wir also nicht im Gefängnis übernachtet. Wir schliefen in einem alten Tanzsaal in einem Landgasthof in der Nähe. Jeden Morgen wurden wir von dort auf großen Lastkraftwagen nach Waldheim gefahren. Jeden Morgen passierten wir schaudernd die Schleuse. Dahinter erwarteten uns erschreckende Zustände.

In einigen Räumen sah es so aus, wie man sich ein Zuchthaus der Kaiserzeit vorstellt. Hans Fallada hat diese Zustände in seinem Roman »Wer einmal aus dem Blechnapf frisst« beschrieben. Die Toiletten waren eigentlich Latrinen — ohne jeglichen Schutz der Privatsphäre. Die Waschräume waren sehr primitiv ausgestattet. In der ehemaligen Gefängniskirche befand sich eine kleine Turnhalle.


Wir waren Soldaten im Grundwehrdienst. Man konnte uns zwar befehlen, pünktlich zur Schicht anzutreten. Man konnte uns auch acht Stunden arbeiten lassen. Aber die Motivation fehlte. So hat man uns recht bald Sonderurlaub und Zulagen angeboten, wenn wir bestimmte Normen erfüllten. Natürlich war der Urlaub für die meisten von uns der einzig wirksame Anreiz.

Ich wollte zum Weihnachtsfest 1987 unbedingt meine damalige Freundin (und heutige Frau) sehen. Aber in der DDR-Armee hatte man nur Anspruch auf je einen Urlaub und einen Kurzurlaub pro Halbjahr. Insgesamt sind das wohl sechs Werktage und zwei Wochenenden gewesen. Durch Schikanen der Vorgesetzten konnte es geschehen, dass man mehrere Monate nicht nach Hause kam.


Also haben wir die Maschinen rotieren lassen. Wir waren sehr schnell eingearbeitet. Wir haben fast jede Woche einen neuen Rekord aufgestellt. Und dann haben wir die Fachkräfte eines Tages gefragt, was denn die Gefangenen so für Leistungen gebracht haben.

Die Ausbilder und Facharbeiter wollten keinen direkten Vergleich anstellen. Aber sie haben uns gesagt, dass wir die Leistungen der besten Häftlinge nie erreichen würden. Soweit ich mich an die Aussagen erinnern kann, gab es dort auch für die Häftlinge eine Art Anreizsystem. Es waren die Anreize, die im Gefängnis eines totalitär-repressiven Staates wirksam sein mussten: etwas besseres Essen, Tabak oder — interessantere Arbeit.

Nun war uns klar, warum die verbliebenen Häftlinge immer so müde aussahen, wenn sie einige Meter entfernt an uns vorbeitrotteten und doch unerreichbar waren. Wer würde unter Haftbedingungen nicht alles daransetzen, sich einen kleinen Vorteil oder Freiraum zu erarbeiten?

Man darf nicht vergessen: Die Anreize für kleine Vorteile und Freiräume, die man sich im Knast durch fleißige Arbeit verschaffen konnte, waren auf die Verhältnisse in den Gefängnissen des Staates DDR zugeschnitten — und nicht auf die Verhältnisse in den Gefängnissen eines Rechtsstaats.


Ähnlich war es ja auch in der Nationalen Volksarmee der DDR: Ein Soldat in der Bundeswehr hätte sich nicht mit der Aussicht auf ein paar Tage Weihnachtsurlaub zu hohen Leistungen an der Drehmaschine motivieren lassen. Er hätte seinen Weihnachtsurlaub als selbstverständlich hingenommen — widrigenfalls hätte er ihn eingeklagt …


Die meisten Häftlinge im Waldheim der 1980er Jahre haben (nach den Erzählungen der Zivilbeschäftigten) eine Strafe für eine wirklich schwere Straftat verbüßt: Mord, Vergewaltigung, schwerste Körperverletzung. Oft waren es Mehrfachtäter. Für solche Delikte wurde man auch im Westen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Jeder Häftling leidet unter dem Freiheitsentzug — ob im Rechtsstaat oder in einem Staat ohne wirksame Rechtsmittel. Die Häftlinge in der DDR haben unter ihren Haftbedingungen vermutlich mehr gelitten als die Häftlinge in der BRD. Nach der Wiedervereinigung bekamen bestimmte Gruppen von Häftlingen Entschädigungen für inhumane Verhältnisse im Strafvollzug.

Sollte sich herausstellen, dass die DDR ihre [nicht politischen] Häftlinge ausgebeutet hat, müsste geprüft werden, ob der Rechtsnachfolger Bundesrepublik Deutschland in die Verantwortung genommen werden kann. Denn der Rechtsvorgänger DDR hat ja schließlich die Möbel bei IKEA in Rechnung gestellt und Geld dafür bekommen.

Für die Verhältnisse in Waldheim und anderen Gefängnissen kann nach meinem Verständnis nur die DDR verantwortlich gemacht werden — und nicht IKEA oder andere Unternehmen. Aber wenn eines Tages eine Entschädigung fließen sollte, müsste man im Grunde noch einen Schritt weiterdenken: An die Opfer der damals verurteilten Straftäter, die möglicherweise heute auch noch leben. Oder haben diese Opfer gar keine Rechte?



Yablar

3. Mai 2012

Noch so ein Wort, das es erst seit kurzem gibt: Yablar. Torsten hat einen Ticker mit den aktuellen Meldungen aus Dresdner Blogs programmiert. Jetzt wird man nie wieder ein Posting verpassen und braucht nur noch ein klitzekleines Mehr an Zeit, um sie alle zu lesen ;-)

Es gibt auch eine dynamische Tabelle. Da hätte ich aber noch einen kleinen Verbesserungsvorschlag: Wenn man nach dem Ranking sortiert, sollte ein Blog ohne Ranking nach den Blogs mit Ranking-Werten größer als Null angezeigt werden.

Das müsste eigentlich geschehen, wenn man das »Nicht-Ranking« nicht mit Null und auch nicht mit einem »-«, sondern mit einem Buchstaben belegt. In der Shell ergibt

echo „1
2


3“ | sort

nicht die gewünschte Sortierung.


Der Aufruf

echo „3
2
x
x
1“ | sort

ergibt aber wie gewünscht:

1
2
3
x
x


Ergänzung: Es gibt bei Torsten auch einen Artikel über das neue technische Spielzeug ;-)



Ein Artikel bei SPON. Ein Bericht aus einem Blog.

3. Mai 2012

Es liegen Welten dazwischen: SPON und Zettels Raum berichten in den Morgenstunden über das Duell zwischen den Kandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande.

Hier ist der Artikel bei SPON. In diesem Artikel berichtet der Autor in weiten Teilen über Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten. Er ist in diesen Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten auch noch so plump parteiisch, dass man sich beim Lesen schämt. Einige Fakten über den Inhalt des Duells erfährt man immerhin am Ende des Artikels, wenn man bis dahin nicht aufgegeben hat.

Hier ist der Artikel in Zettels Raum. In diesem Artikel finde ich eine kühle und kluge Analyse des Duells. Obwohl Zettel aus ökonomischer und politischer Sicht eher für Sarkozy ist, ist sein Artikel in einem angenehm sachlichen Ton verfasst. Er behandelt beide Politiker — in ihren Schwächen wie in ihren Stärken — mit Respekt.

Wenn man wirklich etwas über die politische Entwicklung in unserem großen Nachbarland wissen will, kommt man derzeit in den deutschen Medien nur selten auf seine Kosten. Im Anschluss an die Diskussion von gestern: Es muss doch irgendein Modell geben, in dem man die Leistungen von Bloggern honorieren kann, die außerordentlich informative Beiträge liefern. Die bisher ausprobierten Modelle kenne ich alle, aber sie überzeugen mich nicht …



Rock me, Ukulele

2. Mai 2012

Hinweis: In diesem Artikel ist mir ursprünglich ein Fehler unterlaufen. Es gibt zwei bekannte Ukulele-Orchester in Großbritannien und ich habe sie miteinander verwechselt.

In der Comödie Dresden hat heute abend das United Kingdom Ukulele Orchestra gespielt. Es gab noch Karten an der Abendkasse. Es war ein lustiges Konzert. Hier ist der Youtube-Kanal dieses Orchesters mit einigen Live-Aufnahmen. Leider ist der schönste Titel, eine Kombination aus der Bach-Adaption »Air on the G String« (Suite Nr. 3 D-Dur) und »A Whiter Shade Of Pale« von Procol Harum, nicht verfügbar.


Der zweite Teil des Artikels ist für sich genommen richtig. Hier geht es aber um das wesentlich bekanntere »Ukulele Orchestra of Great Britain«. Den Rest des Beitrags lesen »


Von Kühen und Milch

2. Mai 2012

Seit vielen Jahren wird in den Schulen und im Netz ein Artikel weitergereicht, in dem die Wirtschaft am Beispiel des Bauern mit den zwei Kühen erklärt wird. Es ist an der Zeit, den Artikel fortzuschreiben.


Vor dem Auftauchen der Piraten war alles ganz einfach: Ein Bauer besitzt zwei Kühe. Die Milchindustrie kauft die Milch auf. Der Bauer nimmt das Geld, kauft den Kühen Futter und saniert seinen Stall.

Die Milchindustrie verarbeitet die Milch, füllt sie in Verpackungen ab und verteilt sie im ganzen Land. Die meisten Kunden bezahlen ihre Milch. Aber manche Kunden denken: Warum sollte ich bezahlen, wenn es morgen sowieso neue Milch gibt?

Die Milchindustrie lässt nun die Kunden verfolgen, die sich ihre Milch aus dem Milchladen mitnehmen, ohne zu bezahlen. Dabei verdächtigt sie zeitweise alle Milchtrinker. Im Milky Feedback stellen die Piraten fest: Die Milchindustrie ist die Wurzel allen Übels.

Ein Pirat gibt sich im Fernsehen nachdenklich: Die Kühe sind anscheinend Urheber der Milch. Wir wissen das alles noch nicht so genau. Wir sind noch in der Findungsphase. Aber die Kühe werden auch irgendwie zurechtkommen, wenn es keine Milchindustrie mehr gibt. Darauf eine Club-Mate!

Die Piraten beschließen: Die Milch wird kostenlos via Milk-Sharing verteilt. Die Bauern dürfen für ihre Kühe um Spenden aus dem Milk-Funding bitten. Dafür entwirft Julia Schramm eigens einen Milkr-Button.

Fünf Jahre später: Die Piraten kommen an die Regierung. Das Abfüllen von Milch in Flaschen und Tetrapacks wird wirksam verhindert. Die Menschen haben das Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen und können so viel Milch trinken, wie sie wollen.

Alle müssten eigentlich glücklich sein. Doch das Milk-Funding hat nie so richtig funktioniert: Der Milkr-Button wurde auf den meisten Rechnern geblockt und jeder dachte, dass doch der Nachbar zahlen könnte.

Nach kurzer Zeit haben die Kühe kein Futter mehr, die Ställe brechen zusammen und die Bauern wandern aus. Die letzten Milchvorräte werden sauer. Die Piraten zucken mit den Schultern und trinken noch eine Club-Mate.


Ergänzung: Hier ist ein Link zu einem der vielen Artikel, die das Original verbreiten. Es gibt viele Variationen …