Nicht mehr alle Waren im Korb …

29. Juni 2012

In der letzten Stunde vor Ladenschluss macht das Verkaufen und das Einkaufen vermutlich niemandem mehr Spaß. Das Ladenpersonal sehnt den Feierabend herbei und auch die meisten Kunden haben einen langen Arbeitstag hinter sich. Manchmal kann man dann sehr merkwürdige Verhaltensweisen beobachten.

Wer aufmerksam durch die Supermärkte und Feinkostabteilungen geht, kennt vermutlich die Spuren einer inzwischen weit verbreiteten Unsitte: Die Kunden stellen irgend eine Ware in ihren Einkaufswagen, merken Minuten später, dass sie die Ware doch nicht haben möchten, und legen sie in irgend einem anderen Regal ab.

Das mag einem Glas Senf oder einer Packung Toastbrot nicht schaden. Das Verkaufspersonal wird solche Waren wohl wieder in das richtige Regal zurückbringen. Aber eine kleine Platte mit Käse oder Wurst, die an der Theke zusammengestellt wurde, kann das Ladenpersonal am Abend nur noch wegwerfen.

Gestern konnte ich in der Schillergalerie im (guten) Konsum-Markt etwas beobachten, was ich vorher noch nie erlebt hatte: Ein Kunde hatte schon alle Waren auf das Band gelegt. Er nahm dann eine riesige Flasche mit einem Energy-Drink wieder herunter und stellte sie auf den Fußboden unter das Band der unbesetzten Nachbarkasse. Das hatten mehrere Leute beobachtet, auch die Kassiererin an unserer Kasse.

Wie hat sie wohl reagiert?



Wenn das die Gegenwart des Buchhandels ist …

27. Juni 2012

Schnäppchen

Schnäppchen: Fähnchen in einer Filiale einer Buchhandelskette


… dann möchte ich die Zukunft lieber nicht sehen.


MDR: Ein ARD-Jugendkanal zum Schunkeln?

27. Juni 2012

Ein Gespenst geht durch die Medien: Der MDR schlägt einen zentralen Jugendkanal der ARD vor. Das Dresdner Blog »Flurfunk« hat sich mit der Meldung beschäftigt und stellt zwei Vermutungen auf:

  1. Der Vorschlag ist eine taktische Forderung, um Kürzungen bei den vielen Kanälen der ARD zu verhindern.
  2. Der Vorschlag soll lediglich Aufmerksamkeit für den MDR und vor allem seine neue Intendatin erzeugen.

Mir scheint nur die erste Deutung plausibel. Denn welches Interesse sollte der MDR daran haben, dass die Aufmerksamkeit auf sein Programm und auf seine Intendantin gelenkt wird? Frau Prof. Wille betont:

Eine weitere Herausforderung für den MDR ist die Bewältigung des Generationenabrisses. In der jungen Generation ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr selbstverständlich.

Als ob das von selbst so gekommen wäre. Halb Deutschland biegt sich vor Lachen, wenn man das »Schnulzen- und Schunkel-Fernsehen« des MDR erwähnt. Es gibt wohl kaum ein Drittes Programm, das auf Jugendliche noch abschreckender wirken könnte.

Um das Problem zu beschreiben, muss man nicht den Begriff »Generationenabriss« erfinden. Das MDR-Programm ist eine Vergrämung der Zuschauer aller Generationen unterhalb des Renteneintrittsalters.


Wie hören sich denn eigentlich die beiden MDR-Radiosender an, die für jüngere Leute bestimmt sind? Ein Selbstversuch.

Auf »MDR-Jump« blödeln sich Sarah und Lars-Christian durch den Morgen und die »Morningshow«. Gefühlt ein halbes Dutzend Mal pro Stunde wird betont, dass es »echte Abwechslung für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen« und den »besten Musikmix« gibt.

Ich wage zu behaupten: Wenn der Hörer das nicht von selbst merkt, ist das Jingle ziemlich nutzlos. Und was ist eigentlich »echte Abwechslung«? Gibt es auch unechte?

Aber da gab es doch noch »MDR-Sputnik«, das frühere »DT-64«? Für diesen Sender haben wir uns in den frühen 1990er Jahren einen Astra-Receiver auf das Dach des dringend sanierungsbedürftigen Altbauhauses gesetzt, in dem wir in der Wendezeit unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen hatten.

»Sputnik« war damals ein innovativer Sender und hätte wohl sogar als Modell für einen ARD-Jugendkanal dienen können. Aber der Sender ist längst auf MDR-Niveau angekommen: Bei »MDR-Sputnik« wird nicht der »beste Musikmix« gesendet, sondern es heißt ähnlich monoton »Deine Lieblingsstars und Deine Lieblingsmusik«. Und am Morgen plaudern nicht Sarah und Lars-Christian, sondern Wiebke und Raimund.

Im Prinzip sind beide Sender nicht von einem beliebigen seichten Privatradio zu unterscheiden. Einzig der Konkurrenzkampf dürfte bei den Privaten etwas härter sein.


Und womit fällt der MDR zur Zeit sonst noch auf? Zu »Waldis Club« ist alles gesagt: Das Niveau ist unterhalb der Rasenkante angesiedelt und man möchte sich nach jedem Spiel der Nationalmannschaft einfach nur fremdschämen, bevor man den Stream verzweifelt ein weiteres Mal abschaltet.

Franz-Beckenbauer-Parodien oder Witze über Rainer Calmunds Masse und Maße waren im letzten Jahrhundert auch nicht lustig, aber wenigstens noch neu … [Korrektur: Es gibt eine wirklich gute Franz-Beckenbauer-Parodie. Aber wirklich nur eine.].


Nein, von diesem MDR sollten besser keine Vorschläge für einen ARD-Jugendkanal ausgehen. Vielleicht sollte Frau Prof. Wille in ihrer Eigenschaft als MDR-Chefin und »Filmintendantin« der ARD zuerst einmal ihre Arbeit tun und dafür sorgen, dass dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht noch mehr Zuschauer und Zuhörer weglaufen. Filme auf dem Niveau der »Degeto-Schnulzen« können die Privaten nämlich bei gleich schlechter Qualität wesentlich billiger anbieten.



Kenne Dein Limit. Gib Deine Daten nicht preis.

25. Juni 2012

Man sieht im Stadtbild oft die Plakate der Aktion »Kenne Dein Limit«: Darauf sind junge Menschen abgebildet, die fröhlich feiern und flirten. Darauf sind auch kurze Texte zu sehen, die auf Gefahren beim Überschreiten des persönlichen Alkohol-Limits hinweisen.

Es geht dort um die direkten Folgen des akuten Alkoholmissbrauchs: Trunkenheit am Steuer, Enthemmung, Intensivstation. Ich finde diese Plakate prinzipiell nicht schlecht, auch wenn man über die eine oder andere Aussage sicher streiten kann. Das Anliegen ist jedenfalls richtig.


Auf der Website der Kampagne gibt es aber auch eine Aktion, die Anlass zu ganz deutlicher Kritik bietet: das Alkohol Diary. Man kennt ein ähnliches Prinzip aus dem Zeitmanagement: Jemand schreibt sich über mehrere Wochen alle Tätigkeiten auf, um Reserven zu erkennen und dann die Zeitplanung zu optimieren.

Hier geht es also um ein Alkoholtagebuch. Die Nutzer der Website sollen in einer Datenbank der Aktion »Kenne Dein Limit« jedes einzelne alkoholische Getränk eintragen, das sie konsumieren. Aus der Beschreibung:

Das Alkohol Diary zeigt dir, wie viele alkoholische Drinks du in einer Woche getrunken hast – eine wichtige Voraussetzung, um beim Alkohol auf Dauer im Limit zu bleiben. Auch deinen Trinkgewohnheiten kannst du mit dem Alkohol Diary auf die Spur kommen und so eine Menge über dich selbst erfahren.


An dieser Stelle sollte jeder Nutzer innehalten und ein ganz anderes Limit beachten: Gib niemals Daten preis, deren Bekanntwerden Dir persönlich schaden könnte. Beim Registrieren sollen die Nutzer nämlich folgendes angeben:

Loginname*
Vorname
Name
Geschlecht*
E-Mail*
Geburtstag*
Tätigkeit*
Passwort*

Pflichtfelder sind mit dem Asterisk gekennzeichnet. Zwar sind Name und Vorname keine Pflichtfelder, aber eine Zuordnung der E-Mail-Adresse zu einer konkreten Person dürfte in den meisten Fällen ziemlich einfach sein.


Weder bei der Registrierung noch bei der Anmeldung bekommen die Nutzer einen Hinweis auf den Datenschutz angezeigt, obwohl auf der Website personenbezogene Daten erhoben werden.

Dabei gäbe es eine einfache Möglichkeit, das Alkoholtagebuch auf dem eigenen Rechner zu führen: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müsste einfach nur eine Office-Vorlage bereitstellen, in der die Formeln und Hinweise hinterlegt sind. Dann könnte jeder Nutzer zu Hause bilanzieren, ob er das Limit noch einhält.



Verschleierungstaktik

22. Juni 2012

Martin Haase ist ein einflussreiches Mitglied der Piratenpartei und einer der Autoren des Blogs »neusprech.org«. Dieses Blog schien mir früher beachtenswert, weil dort mit Witz und Scharfsinn bestimmte Phrasen unserer Politiker entlarvt wurden. In seinen besten Zeiten bot das Blog auch richtig gute Medienkritik.

Heute sehe ich das etwas anders. Martin Haase befasst sich unter dem Schlagwort »Filesharing« mit dem Wort Tauschbörse und befindet:

Es handelt sich also um eine Fehlbezeichnung, um einen Malapropismus. Vielleicht ist es sogar ein Dysphemismus, also der Versuch, etwas finsterer aussehen zu lassen, als es ist – werden doch finanzielle Interessen unterstellt, die gar nicht vorhanden sind.

Beide Schlussfolgerungen sind offensichtlich falsch. Aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema One-Klick-Hosting:

Der Markt der Sharehoster war teilweise hart umkämpft und so versuchten einige Anbieter mit Premiumangeboten Uploader zu locken und zu motivieren: Angemeldete Nutzer konnten an einem Affiliate-Programm teilnehmen, bei dem nach bestimmten Mengen von Downloads der von ihnen hochgeladenen Dateien Prämien ausgezahlt wurden.

Diese Anbieter haben also für die Anbieter der begehrtesten digitalen Medien Anreize geschaffen und sie haben dazu ganz genau den »Börsenwert« (die Anzahl der Downloads) der einzelnen Medien ermittelt.

Damit dürfte die (piratenpolitisch motivierte?) Verharmlosung des »Tauschens« wohl widerlegt sein: Es waren sehr wohl finanzielle Interessen der Betreiber vorhanden, schließlich wurden ja Millionen-Gewinne damit gemacht. Es waren finanzielle Interessen der Nutzer der Affiliate-Programme im Spiel. Der Wert der Angebote richtete sich nach Angebot und Nachfrage.

Übrigens: Das Wort Börse lässt überhaupt nichts finsterer aussehen, als es ist: Die Börse ist einfach einer von vielen Märkten innerhalb unserer Marktwirtschaft — ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen.



Über den Sieg

20. Juni 2012

Nach einer überlegen absolvierten EM-Qualifikation, nach drei Siegen in der EM-Vorrunde und vor dem EM-Viertelfinale gegen einen vermeintlich unterlegenen Gegner:

Es ist eine alte Weisheit: daß man dem eigenen Recht, der eigenen Macht und ihrer Dauer nie weniger trauen soll, als wenn man oben ist und den Gegner unter sich hat; daß dann der Augenblick zur Demut, zum Zweifeln am eigenen Verdienst gekommen ist. — Golo Mann, Deutsche Geschichte 1919-1945

Als das geschrieben wurde, war Fußball noch eine von vielen Nebensachen dieser Welt. Dieser Satz war auf einen ganz anderen Sieg gemünzt: Er leitet in Golo Manns Buch die Kritik an den Siegern des Ersten Weltkriegs ein. Aber er scheint mir — politisch, wirtschaftlich, privat — bis heute gültig.



Stadtradeln: Absurde Zahlenspiele in der »Sächsischen Zeitung«

19. Juni 2012

Ich fahre sehr gern Fahrrad und besitze keinen eigenen PKW. Ich wäre eigentlich der ideale Kandidat für das »Stadtradeln«. Aber ich gehe den Zahlen und Fakten auf den Grund und musste schon 2011 feststellen: Stadtradeln ist ein absurdes Spiel mit nicht nachprüfbaren Kilometer-Angaben und bloßen Spekulationen über CO2-»Einsparungen«.

Die »Sächsische Zeitung« berichtet am 19.06.2012 auf Seite 13 über folgende Zahlen aus der Bilanz des Stadtradelns 2011 für Dresden:

Nur jeder vierte Stadtrat beteiligte sich an der Aktion. Im Schnitt radelte jeder Dresdner gerade einmal rund 900 Meter weit. Zum Vergleich: Der Sieger, die nordrhein-westfälische Stadt Rheinberg, schaffte rund 7700 Kilometer pro Einwohner.

Diese Angabe stammt aus der Auswertung des Stadtradelns 2011 (PDF). Dort werden für jede Stadt die abgerechneten Kilometer und die Bevölkerungszahl ins Verhältnis gesetzt. Die Angabe über knapp 900 Meter pro Einwohner sagt aber überhaupt nichts darüber aus, wie weit »jeder Dresdner« in den drei Wochen des Jahres 2011 im Schnitt geradelt ist.

Diese Verhältniszahl ist nämlich völlig nutzlos: Die abgerechneten Fahrradkilometer von etwa 2.000 Aktiven werden auf mehr als 520.000 Einwohner bezogen. Das ist etwa so sinnvoll, als wollte man die Anzahl der EM-Tore auf die Anzahl der Einwohner eines Landes beziehen. Kann man machen. Bringt aber keinen Erkenntnisgewinn.

Zu der zweiten Angabe aus der »Sächsischen Zeitung«: Die Zahl aus Rheinberg ist natürlich genauso nutzlos wie die Zahl aus Dresden, aber noch nicht einmal richtig abgeschrieben. Für Rheinberg werden von den Organisatoren nämlich rund 7,7 Kilometer (oder 7.700 Meter) angegeben.


In einer offiziellen Verlautbarung der Stadtverwaltung wird Dresden im Rückblick als »fahrradaktivste Stadt« bezeichnet:

Gleich bei der ersten Teilnahme radelten die Dresdnerinnen und Dresdner grandios vornweg und belegten den ersten Platz als fahrradaktivste Stadt mit den meisten Radkilometern.

Diese Aussage ist ganz schön gewagt: Immerhin haben überhaupt nur 0,4 Prozent der Bevölkerung bei dieser Propaganda-Aktion mitgemacht. Grandios sind die Zahlenspiele, die um ein wenig Radfahren veranstaltet werden. Nicht.

Um uns als Dresdner zu neuen Höchstleistungen zu motivieren, hat die Oberbürgermeisterin anlässlich des Fahrradfestes der »Sächsischen Zeitung« ein Grußwort verfasst. Darin heißt es:

Gleich mit der ersten Teilnahme im vergangenen Jahr radelte Dresden vorneweg und gewann den deutschlandweiten Wettbewerb als „Fahrradaktivste Stadt mit den meisten Radkilometern“. Beteiligen Sie sich auch in diesem Jahr und sammeln Radkilometer für Gesundheit und Klimaschutz.

Ich freue mich, wenn Sie auf den Geschmack kommen und auch im Alltag öfter einmal den Drahtesel gegen die Benzinkutsche tauschen.

Drahtesel und Benzinkutsche. Ich fasse es nicht. Redet man so mit mündigen Bürgern?



Glücksspiel im Nahverkehr

18. Juni 2012

Im öffentlichen Personennahverkehr der Stadt Dresden wird massiv für eine Spielbank geworben. Auf den Fahrzeugen steht: »Spielbank Zinnwald«. Also liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine deutsche Spielbank in dem kleinen Erzgebirgs-Kurort handelt.

Die Spielbank Zinnwald liegt aber auf der tschechischen Seite der Grenze in Cinovec. Im deutschsprachigen Impressum wird als Rechtsform »Spielbank Zinnwald s.r.o.« angegeben. Eingetragen ist die Spielbank beim Kreisgericht Brünn. Die Spielbank zahlt also ihre Steuern und Abgaben in der Tschechischen Republik. Den Rest des Beitrags lesen »


Nachtrag aus dem Barockgarten

18. Juni 2012

Noch letzte Blicke in den Barockgarten …


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Schöne Frauen und schöne Blicke im Barockgarten

17. Juni 2012

Blick aus dem Barockgarten …


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Diskriminierung auf dem Weg zum Barockgarten Großsedlitz

17. Juni 2012

Ein schockierendes Foto zeigt die bittere Wahrheit: Auf dem Weg zum Barockgarten Großsedlitz gibt es einen Pfad für verliebte Paare und einen Pfad für alte Ehepaare. Wer Single ist oder in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, bekommt keinen Weg angezeigt. Hier muss der Freistaat Sachsen schleunigst Abhilfe schaffen ;-)

Das Schild zeigt es:
Privilegien für den Fürsten, die Liebespaare und die Ehepaare.

Vom »Weg für alte Ehepaare …«

Vom »Weg für Liebespaare …«

Das Tor des Barockgartens.


17. Juni 1953

17. Juni 2012

Panzerkette: Zum Gedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953.


Katja Kipping: Bedingungsloses Grundeinkommen und bedingungslose Enteignung

16. Juni 2012

»Die LINKE« hat es zur Zeit schwer in Deutschland. In NRW und Schleswig-Holstein wurde sie sang- und klanglos aus den Landtagen gewählt. Nur noch etwa drei Prozent der Wähler wollten überhaupt noch etwas von der Linkspartei wissen.

Also muss die frisch gewählte linksradikale Parteivorsitzende Katja Kipping in der F.A.Z. schweres Geschütz auffahren, um ihre Partei wieder ins Gespräch zu bringen. Die Befürworterin eines (relativ moderaten) Grundeinkommens will auf der anderen Seite jegliches Einkommen über einer Einkommensgrenze von etwa 480.000 Euro im Jahr zu 100 Prozent enteignen. Die originelle Begründung:

»Kein Mensch braucht mehr als das Vierzigfache des Mindesteinkommens. Alles, was darüber liegt, kann man getrost mit 100 Prozent besteuern. (…) Ab 40.000 Euro im Monat gibt es kein Mehr an Lebensgenuss. Wenn es dann noch Einkommenszuwächse gibt, fließen sie in die Beeinflussung von politischen Entscheidungen durch Bestechung — oder in zerstörerische Finanzspekulationen.«

Frau Kipping lässt für einen Spitzenverdiener genau zwei Möglichkeiten offen: Die Bestechung und die Spekulation. Dabei sollte sie aus der eigenen Familie wissen, dass man mit dem notwendigen Kapital auch ein Unternehmen gründen und erfolgreich führen kann. Doch Unternehmergeist kommt in ihrem Weltbild offensichtlich nicht vor.


Hätten wir in Deutschland solche Gesetze, dann hätte es viele Unternehmen niemals gegeben. Beispiel SAP: Einige der SAP-Gründer sind mit ihrer Geschäftsidee, ihrem Fachwissen und ihrem unternehmerischen Geschick Milliardäre geworden. Sie haben inzwischen aber auch Milliarden in Stiftungen eingebracht, mit denen Wissenschaft, Kultur, Soziales und Sport gefördert werden.

Heute arbeiten knapp 60.000 Menschen bei SAP. Viele davon bringen Höchstleistungen und verdienen damit wiederum mehr als 480.000 Euro im Jahr. Vielleicht werden sie später selbst Unternehmen gründen.

Es ist völlig ausgeschlossen, dass sich dieses Unternehmen so weit entwickelt hätte, wenn Frau Kippings LINKE das Einkommen der SAP-Gründer ab einer bestimmten Grenze enteignet hätte. Es ist ebenso ausgeschlossen, dass erfolgreiche Entwickler eigene Unternehmen gründen. Frau Kipping sagt damit allen Spitzenkräften: Geht weg aus Deutschland, hier wird niemand Eure Leistung respektieren und honorieren.


In Dresden gibt es viele Zeugnisse des erfolgreichen Unternehmertums. Um nur einige zu nennen: Die Siedlung der Deutschen Werkstätten in Hellerau, die Stiftungen Gottlieb Traugott Bienerts und Karl August Lingners oder das Georg-Arnhold-Bad. Diese (und viele andere) Unternehmer zeigten eine hohe soziale Verantwortung.

Was wäre unter einer Kipping-Regierung aus dem Unternehmer Karl August Lingner geworden, der seiner Heimatstadt Werte in Millionenhöhe hinterlassen hat? Vermutlich hätte er sein Unternehmen in Amerika weitergeführt.

Frau Kippings Vorstoß hat zwei Gründe: Sie will mit einer groß angelegten Neiddebatte die Protestwähler wieder zur Linkspartei zurückholen, damit ihre Partei bei der nächsten Bundestagswahl nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert. Und sie will ihren Co-Vorsitzenden aus Westdeutschland links überholen. Das ist eine leicht durchschaubare Taktik. Es bleibt zu hoffen, dass 2013 weniger als fünf Prozent der Wähler darauf hereinfallen.


Ergänzung (1) vom 16.06.: Natürlich hat es Frau Kipping schon heute in die »Tagesschau« geschafft, bevor die Zeitung am Sonntag zu haben sein wird. Dort wird Frau Kipping mit der Aussage zitiert, dass der linksradikale Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon in Frankreich mit einem ähnlichen Vorschlag »sehr erfolgreich« gewesen sei. Woran misst Frau Kipping den Erfolg? Jean-Luc Mélenchon hat in der ersten Runde den vierten Platz belegt …

Ergänzung (2) vom 17.06.: Zettel zeigt, wie erfolglos der Kandidat linksradikale Politiker Jean-Luc Mélenchon wirklich war. Aber vermutlich will Frau Kipping auch gar nicht erfolgreich sein. Ihr würde es schon reichen, wenn sie die LINKE wieder in den Bundestag führen könnte. Dafür reichen fünf Prozent der Wählerstimmen oder drei Direktmandate.



Wir werden dosiert zensiert

16. Juni 2012

Die »Frankfurter Allgemeine« schreibt über die merkwürdig zahme Sportberichterstattung von ARD und ZDF:

Mit einschläfernden Dialogen und begütigenden Bildern verstellen ARD und ZDF bei der EM den Blick auf Europa. Ihre Programmpolitik ist das reinste Ablenkungsmanöver von den dramatischen politischen Vorgängen. (Quelle)

Dabei musste ich an eine Aktion der Sportblogs denken, mit der (auch) auf die dramatische Situation der Homosexuellen in den EM-Teilnehmerländern Russland und Ukraine hingewiesen wird.

Die Aktion richtet sich zwar vordergründig gegen Homophobie im Fußball. Aber kann man bei einer EM die Repressionen gegen Homosexuelle in einigen Staaten natürlich nicht ausblenden. Deshalb ein Hinweis auf die »Aktion Libero« in den Sportblogs:

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Screenshot von der Website der Aktion Libero.



Wie im Kindergarten?

15. Juni 2012

Die Opposition hat es doch tatsächlich geschafft, eine Sitzung des Bundestages zum Betreuungsgeld zu verhindern. Das verwundert auf den ersten Blick: SPD, Grüne und Linke fordern doch sonst gern neue oder erhöhte Sozialausgaben. Selbst wenn sie gegen das Betreuungsgeld sind, wäre es anständig gewesen, die Einwände im Parlament vorzutragen.

Auf der anderen Seite ist das Projekt Betreuungsgeld schlecht vorbereitet, in der Koalition umstritten und so undurchdacht, dass ich als Abgeordneter auch am Sinn einer Debatte mit der Koalition zweifeln würde. Jetzt schäumen einige Politiker der Koalition. Die F.A.Z. zitiert CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der sich aufregt wie ein kleines Kind:

»Das war ein kleines dreckiges Foulspiel.«


SPON zitiert den FDP-Bundestagsabgeordneten Torsten Staffeldt:

Die Opposition habe mit Verfahrentricks die Arbeit des Parlaments verhindert. Dies sei ein „Affront“.

Man kann die Opposition für ihre alberne Aktion kritisieren. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass es in der Koalition seit 2009 oft genug wie im Kindergarten zugegangen ist.

Vorschlag zum Wochenende: Gründen wir doch einfach eine Stiftung. Zahlen wir ein Betreuungsgeld für Abgeordnete, damit sie nicht mehr an Sitzungen teilnehmen müssen, in denen überflüssige Gesetze beschlossen werden ;-)

Wenn es nicht notwendig ist, ein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, kein Gesetz zu machen.

(Charles de Montesquieu)



Spülführer

15. Juni 2012

Tobias Strahl vom Dresdner Blog Sehnsuchtsort hat im Drogeriemarkt eine Aktion der Spülmittelmarke »Fit« entdeckt. Dieses Spülmittel wird zur Zeit in Schwarz-Rot-Gold verpackt und es trägt die Aufschrift »Spülführer«. Zitat aus Tobias Strahls Artikel:

Beim Fußball versteht auch der beste Kumpel keinen Spaß, hätte ich wissen sollen – ähnlich mag das einmal im Bezug auf den lieben Herrgott der Fall gewesen sein, und immerhin gilt der sportliche Länderwettstreit um das runde Leder als niedliches und harmloses Placebo böser, alter Nationalismen.

Ich hätte nicht geglaubt, dass man beim Betrachten einer Spülmittelflasche auf so tiefsinnige Gedanken kommen kann ;-)

Wir hatten dann eine kleine Diskussion, die man dort im Blog nachlesen kann. Später hat sich aber noch ein ganz besonders schlauer Kommentator gemeldet und auf das Wort »Führer« in »Spülführer« hingewiesen. Es sei doch ganz besonders schlimm, wenn dieser belastete Begriff nun in Europa zur Kenntnis genommen würde. Aus der Antwort des Autor Tobias Strahl:

So viel zur internationalen Dimension und historischem Bewusstsein im Marketing.

Man sollte den Ball flach halten. Die Position des Spielführers hat nun wirklich nichts mit Adolf Hitler zu tun. Einen Spielführer gab es schon lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten:

In den ersten Jahren ohne Trainer hatte der Spielführer die Aufgabe die Taktik vorzugeben, in der das vom Spielausschuss aufgestellte Team spielen sollte. Erster Spielführer war Arthur Hiller, der es auf vier Länderspiele brachte, davon zwei als Kapitän.

Das war 1908.



Leiharbeit im Kindergarten: Der Zahlentrick der Linkspartei

13. Juni 2012

Ich hatte mich ja schon zur aktuellen Empörungswelle in den Medien geäußert, die durch eine Pressemitteilung der Linkspartei ausgelöst wurde. Hier ist noch einmal das hyperventilierte Zitat und dann wird der Trick aufgelöst:

Waren im Jahr 2009 bundesweit 5.664 Sozialarbeiter/-innen, Sozialpädagogen/-innen, Kindergärtner/-innen und Kinderpfleger/-innen bei Leiharbeitsunternehmen angestellt, sind es im Jahr 2011 schon 7.338 gewesen, eine Zunahme um 30 Prozent. Dass geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage der linken Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann zum Einsatz von pädagogischen Fachkräften als Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung hervor.

Ich habe mir dazu die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit besorgt. Die genannten Berufsgruppen werden in der Statistik unter folgenden Klassifizierungen geführt:

861: Sozialarbeiter, Sozialpfleger
862: Heimleiter, Sozialpädagogen
864: Kindergärtnerinnen, Kinderpflegerinnen


Die letzte Statistik vom März 2011 weist dafür folgende Zahlen aus:

861: 566.185
862: 296.162
864: 479.887

Die Summe beträgt: 1.342.234 Beschäftigte. In der Summe dieser Beschäftigten sind insgesamt 7.338(!) Beschäftigte enthalten, die bei Leiharbeits-Unternehmen angestellt sind.

Und es ist nach wie vor nicht sicher, ob all diese Beschäftigten in Kindergärten ausgeliehen werden. Bedarf an diesen Beschäftigten gibt es auch in der Kurzzeitbetreuung (z.B. in Einkaufszentren) oder im Rahmen von Ganztagsangeboten.

Man kann der Linkspartei keinen Vorwurf machen. Ihre Vertreter brauchen dringend Beachtung in den Medien und sie suchen natürlich nach passenden Themen. Ich finde es aber beschämend, dass die Journalisten nicht in der Lage sind, sich einfach mal die Statistik herunterzuladen und die Zahlenverhältnisse korrekt darzustellen.


Ergänzung: Hier gibt es die Daten zum Nachrechnen.



Gegen die Bekleidungsvorschrift

13. Juni 2012

In den Blogs von Udo Vetter und Frank wird gerade über einen Vorfall im Sächsischen Landtag diskutiert. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung sind die Landtagsabgeordneten der NPD in Klamotten mit der Aufschrift Thor Steinar aufgetreten.

Frank geht in seinem Beitrag auf die Aufmerksamkeit ein, die der NPD dadurch wieder einmal zuteil wird. Udo Vetter fragt sich, ob das Vorgehen des Landtagspräsidiums wirklich so klug war:

Für mich steht der Anlass in keinem vertretbaren Verhältnis zum Glaubwürdigkeitsverlust, der notwendigerweise eintritt, wenn Volksvertreter andere Volksvertreter von der Polizei abholen lassen. Noch dazu aus so einem relativ unbedeutenden Anlass wie einem Verstoß gegen die Geschäftsordnung.

Ein wahres Wort! Der ganze Artikel ist lesenswert.

In Sachen Bekleidungsvorschrift kommt eines hinzu: Man darf davon ausgehen, dass die Grünen in ihren Anfangsjahren und die Piraten nach dem Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus vermutlich auch gegen diverse Vorschriften der jeweiligen Geschäftsordnungen verstoßen haben. Legt man zweierlei Maß an, können sich die NPD-Abgeordneten wieder einmal als Opfer hinstellen.

Die NPD ist leider bis auf weiteres noch im Landtag vertreten. Die beste Lösung ist: Nicht fotografieren, nicht filmen, nicht auf ihre Redebeiträge eingehen. Aber das würde ja eine gewisse Souveränität voraussetzen …

Die NPD wird erst dann scheitern, wenn [man] ihrer Ideologie wirksam politisch entgegentritt. Der sächsische Landtag wird nicht dadurch nazifrei, dass man die NPD-Vertreter wegen des Tragens dieser hässlichen T-Shirts belangt und ihnen damit eine Opferrolle ermöglicht.



Warum gibt es Leiharbeit im Kindergarten?

13. Juni 2012

In der Presse schwappt gerade die nächste Empörungswelle hoch: Linkspartei und GEW machen Front gegen die Leiharbeit in Kindergärten. Wie üblich werden dabei Wahrheit und Propaganda miteinander verrührt. Am Ende kommt viel Propaganda und wenig Wahrheit auf den Teller.

Zunächst die bittere Wahrheit: Manche Erzieherinnen und Erzieher sind gemessen an ihrer hohen Verantwortung und am Stellenwert ihrer Arbeit unterbezahlt. Das gilt besonders für die Bundesländer im Osten. Aber daneben gibt es noch ein ganz anderes Problem.


Jedes Bundesland legt einen Betreuungsschlüssel fest: Eine Erzieherin oder ein Erzieher soll für eine bestimmte Anzahl Kinder zuständig sein. Die längerfristigen Ausfälle durch Weiterbildung, Krankheit, Schwangerschaft oder andere »unvorhersehbare« Ereignisse sind dabei meist nicht einkalkuliert.

Ein Kaufhaus oder ein produzierender Betrieb berücksichtigt die Ausfallquote bei der Ermittlung des Personalbedarfs in der Personalbedarfsplanung und in der Personaleinsatzplanung. In großen kommunalen Kita-Eigenbetrieben gibt es manchmal »Springer«. Aber die meisten kleinen und mittleren Träger können sich keine Springer leisten, weil die Fördergelder nach dem Betreuungsschlüssel verteilt werden.

Damit die Betreuungszeiten abgedeckt werden können, werden in vielen Kindertagesstätten unbezahlte Überstunden geleistet. Denn auch Erzieherinnen werden krank, müssen sich weiterbilden oder fallen unter das Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter. Eine schwangere Erzieherin darf oft schon am Beginn der Schwangerschaft nicht mehr bei Kindern arbeiten, weil das Risiko einer Ansteckung als sehr hoch eingeschätzt wird.


SPON und die Saarbrücker Zeitung haben nun eine Initiative der Linkspartei aufgegriffen. SPON schreibt (wie üblich sehr stark vereinfacht):

Die Leiharbeitsbranche boomt in Deutschland seit Jahren. Einem Bericht der „Saarbrücker Zeitung“ zufolge steigt selbst unter Sozialarbeitern und Kindergärtnerinnen nun der Anteil der Leiharbeiter. Ihre Zahl sei von 2009 bis 2011 um knapp ein Drittel gestiegen. Die Zeitung beruft sich auf eine Übersicht der Bundesagentur für Arbeit.

Wenn eine Zahl gestiegen ist, dann muss man immer die Bezugsgrößen kennen, sonst sagt die Information über die Steigerung überhaupt nichts aus. SPON nennt uns diesen Bezug nicht. In der Saarbrücker Zeitung kann man zwei Zahlen finden:

Nach einer Übersicht der Bundesagentur für Arbeit, die unserer Zeitung vorliegt, waren im Jahr 2009 bundesweit 5664 Sozialarbeiter, Sozialpädagogen sowie Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen in Zeitarbeitsunternehmen angestellt. Mitte des Vorjahres lag die Zahl schon bei 7338. Das ist eine Zunahme um 30 Prozent.

In Kindertagesstätten und ähnlichen Einrichtungen arbeiten in Deutschland etwa 480.000 Fachkräfte. Die Zahl der Arbeitskräfte aus Zeitarbeitsunternehmen ist also im Vergleich zur Gesamtzahl der Fachkräfte verschwindend gering. Das muss man wissen, um die Steigerung richtig einordnen zu können. Es gibt also keinen Grund zum Hyperventilieren:

Kaum eine Berufsgruppe bleibt mittlerweile von der Leiharbeit verschont. Selbst gefragte pädagogische Fachkräfte, wie Erzieherinnen und Erzieher, müssen sich als Leiharbeitskräfte verdingen und sich in vielen Fällen dem Lohndumping der Branche aussetzen. Die Gier nach Profit der Leiharbeitsbranche scheint vor keinem Berufsfeld Halt zu machen, noch nicht einmal vor dem hochsensiblen Bereich der Kindererziehung.


Linkspartei und Gewerkschaften sind aus Prinzip gegen Leiharbeit. Einige ihrer Gründe sind sogar nachvollziehbar. Aber hier wird die Leiharbeit völlig zu Unrecht kritisiert. Sie bietet nämlich die Möglichkeit, die oben beschriebenen Ausfälle auszugleichen. Leiharbeitskräfte können vor allem dort eingesetzt werden, wo es zu längeren Ausfällen kommt.

Die Auswirkungen auf die Kinder und Mitarbeiter in der betroffenen Kindertagesstätte halten sich dabei in Grenzen: Es kommt eine neue Fachkraft für eine begrenzte Zeit in ein eingespieltes Team. Natürlich brauchen die Kinder und Eltern ihre Bezugspersonen. Aber es ist allemal besser, wenn die gestressten und überarbeiteten Mitarbeiter einer Kita etwas Unterstützung bekommen, als wenn ihnen diese Unterstützung auch noch verwehrt bleibt.


Noch eine Ergänzung: Die statistisch erfasste Tatsache, dass

Sozialarbeiter, Sozialpädagogen sowie Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen

bei Zeitarbeitsfirmen angestellt waren, sagt noch lange nichts über ihren Einsatz aus. Jedenfalls gibt es keine belastbare Quelle dafür, dass diese Arbeitnehmer alle in Kindertagesstätten gearbeitet haben. Es gibt auch andere Einsatzfelder.



Restaurant-Werbung in der »Sächsischen Zeitung«

11. Juni 2012

Viele Leser vermissen die Beilage »PluSZ«, in der man früher so manche gute Restaurant-Kritik fand. Die »Sächsische Zeitung« hat diese Beilage nicht fortgeführt. Der Flurfunk schrieb damals:

Wie bei Sonderpublikationen üblich finden sich in dem 16- bis 20-seitigen Magazin künftig neben klassischen Anzeigen auch verkaufte Artikel. Da kann man es wohl als anständig von dem Verlag bezeichnen, das Produkt auch umzubenennen.

Heute hatte ich auf Seite 4 des redaktionellen Teils den Eindruck, in eine solche »Sonderpublikation« hineingeraten zu sein. In der »Post aus Prag« wird über die gesamte Breite der Zeitung in mehreren Spalten Werbung für ein Restaurant in Prag gemacht. Besonders pikant ist ein Detail: Der Journalist ist den Eigentümern des Restaurants verbunden. Zitat aus dem Artikel:

Vor einem halben Jahr hat meine tschechische Familie ein eigenes Restaurant in Prag eröffnet. Schön gelegen auf dem Vysehrad (…) In unserem Restaurant führen wir …

Es folgen die bekannten Floskeln aus der Gastro-Branche: Das hervorragende ungefilterte Bier kommt aus einer der besseren tschechischen Privatbrauereien, es gibt große Renner im Angebot, die Zutaten stammen von BIO-Bauern und von »Fleischern unseres Vertrauens«, es kommt nichts aus Konserven oder Tüten auf den Tisch. Das Essen hat natürlich seinen Preis, aber der wird ohne Bedenken bezahlt. Die Stammgäste müssen gleich doppelt erwähnt werden.

Am Ende des Artikels freut sich der Journalist über den Zuspruch der Touristen:

Auch wir merken das. Speisekarten auf Deutsch und Englisch werden immer öfter verlangt.

Mit Verlaub: Bei derart penetrant vorgetragener Werbung im redaktionellen Teil bekomme ich keinen Appetit, sondern das große Kotzen.



Sanddorn

8. Juni 2012

Sanddorn


Drastische Fahrpreiserhöhungen in Dresden

8. Juni 2012

Die Dresdner Zeitungen berichten über Anpassungen der Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Zum Teil verharmlosen sie dabei das Ausmaß der Fahrpreiserhöhung. Das Muster der Argumentation wird vom Verkehrsverbund vorgegeben: Im Durchschnitt ist es doch gar nicht so schlimm. Aus der DNN:

VVO beschließt Preiserhöhung – Tickets werden durchschnittlich um 4,4 Prozent teurer

Der Zweckverband Verkehrsverbund Oberelbe hat am Donnerstag die angekündigte Preiserhöhung im VVO ab November beschlossen. Wie Sprecher Christian Schlemper am Nachmittag bekannt gab, sollen die Ticketpreise um durchschnittlich 4,4 Prozent steigen.

Aus jeder Statistik kann man eine ganz einfache Zahl ableiten. Diese Zahl ist fast immer wertlos.

Das bestätigt sich immer dann, wenn jemand Zahlen verharmlosen oder verschönern will. Dann wird mit allen Mitteln nach einer »günstigen« Zahl gesucht, die das ganze Zahlenwerk repräsentieren soll. Meist ist das leicht durchschaubar.


Der Pressesprecher will die Preiserhöhung als möglichst harmlos darstellen. Also veröffentlicht er in seiner Pressemitteilung an prominenter Stelle das arithmetische Mittel aus den geplanten Erhöhungen.

Aber ein Einzelfahrschein muss natürlich völlig anders gewichtet werden als eine Jahreskarte. Der Einzelfahrschein wird aus politischen Gründen nicht teurer. Die Jahreskarten für Schüler und Erwachsene werden um mehr als sechs Prozent teurer. Die unterschiedliche Bedeutung der vielen einzelnen Erhöhungen bei Tageskarten und Zeitkarten geht in den 4.4 Prozent völlig unter.


Man kann das Prinzip an einem ganz einfachen Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, dass es in Ihrem Unternehmen vier Gehaltsgruppen gibt: Facharbeiter, Meister, Verwaltung und Geschäftsführer. Innerhalb einer Gehaltsgruppe bekommen alle Mitarbeiter das gleiche Gehalt.

Wie berechnet man nun das durchschnittliche Gehalt aller Mitarbeiter? Ganz sicher nicht aus den vier festgelegten Grundgehältern. Entscheidend ist die Anzahl der Facharbeiter, Meister und Verwaltungsangestellten. Deshalb spricht man von einem gewichteten arithmetischen Mittel.


Es gehört zum Job eines Pressesprechers, seine Organisation möglichst gut aussehen zu lassen. Ihm kann man keinen Vorwurf machen.

Es gehört zum Job eines Journalisten, die Zahlen aus einer Pressemeldung nicht nur zu kopieren, sondern sie dabei zu werten. Wer mit einer wertlosen Zahl in der Überschrift aufmacht, entwertet damit seinen eigenen Artikel und seine eigene Zeitung.


Ergänzung: Inzwischen wurde die Pressemitteilung des VVO (PDF) veröffentlicht. Dort findet sich ein interessanter Satz, den ich so auch nicht in der Presse gefunden habe.

Mit der Anpassung sollen unter anderem die zum Teil deutlichen Kostensteigerungen der Verkehrsunternehmen teilweise aufgefangen werden. Insbesondere die Preise für Energie sind seit 2011 um 10,6 Prozent gestiegen.

Vielleicht machen sich jetzt mal die ersten Bürger (gern auch Journalisten!) Gedanken, ob man die Energiewende nicht doch etwas durchdachter gestalten sollte. Die Probleme mit den Netzen sind ja schon gravierend genug, aber wenn ein Großkunde plötzlich 10,6 Prozent mehr für die Energie bezahlen muss, lässt das doch tief blicken.



Schwäbische Hausfrauen hätten es besser gemacht

5. Juni 2012

SPON hat heute einen Artikel veröffentlicht, der die Verschärfung der Krise in Europa darauf zurückführt, dass sich die Griechen, Spanier und Deutschen zu stark am Leitbild der Schwäbischen Hausfrau orientieren. Die einleitenden Sätze scheinen ja noch halbwegs plausibel:

Gern wird in wirtschaftspolitischen Debatten die Fiktion einer schwäbischen Hausfrau beschworen, deren Handeln Ausbund bodenständiger ökonomischer Vernunft sei. Sie gilt als das Beispiel, an dem sich Wirtschaftspolitik zu orientieren hat. Gemeint ist damit vor allem die ihr unterstellte Sparsamkeit und Vorsicht, die Politikern als leuchtendes Vorbild empfohlen wird.


Auch wenn geflissentlich übergangen wird, wer das Bild von der Schwäbischen Hausfrau zum ersten Mal in die Politik eingeführt hat: Es wäre ein guter Anfang für einen Artikel über die Krise gewesen. Aber dann hätte man nicht unterschlagen dürfen, welche Eigenschaften die ideale Schwäbische Hausfrau noch auszeichnen:

  • Sie bezahlt ihre Rechnungen.
  • Sie würde sich nie etwas kaufen, das sie sich nicht leisten kann.
  • Sie würde sich nie für den Konsum verschulden.
  • Sie würde wohl nach reiflicher Überlegung einen Kredit aufnehmen — aber nur für ein solide finanzierbares Häusle oder für ein solides Gewerbe. Sie würde niemals ihre Kinder damit belasten.

Der Autor des Artikels kritisiert, dass die ehrlichen »Hausfrauen« in Spanien und Griechenland jetzt ihre Ersparnisse in Sicherheit bringen. Aber das hat mit einer Schwäbischen Hausfrau nix zu tun: Die hätte es nämlich niemals so weit kommen lassen.

Wenn alle Völker in der EU seit 1990 nach ihrem Vorbild Wirtschaftspolitik betrieben hätten und wenn sich die Mehrheit der Bürger an diesem Leitbild orientiert hätte, dann stünden wir heute nicht vor einem Schulden- und Bürgschaftsberg, den keiner mehr übersehen kann.


Der Autor schließt:

Langfristig führt kein Weg am demokratisch kontrollierten Aufbau einer europäischen Finanzpolitik vorbei, die den gesamtwirtschaftlichen Bedürfnissen des europäischen Währungsraums dient.

Nein: Langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass alle Staaten und Privatpersonen nur noch das ausgeben, was sie ohne neue Verschuldung aufbringen können. Dann ist es völlig nebensächlich, ob wir in Europa eine Währung oder viele Währungen haben. Dann sind wir nämlich wirtschaftlich gesund und die Farbe der Geldscheine spielt gar keine Rolle.


Ergänzung: Der Autor des Artikels bei SPON kommt von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Wenn aus solchen Kreisen die Redewendung »demokratisch kontrolliert« kommt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Meist meinen sie damit: »durch populistische Forderungen angetrieben« ;-)

Zweite Ergänzung: Es gibt noch einen wunderbaren Artikel zu Gustav A. Horns Versuch über die Schwäbischen Hausfrauen Europas — von Lila, die natürlich über die bessere Literatur zum Thema verfügt.



Ein neues Schwarz-Weiß-Buch

2. Juni 2012

Die »Frankfurter Allgemeine« berichtet über merkwürdige Umstände einer Buchpremiere: Die bekanntesten und größten Buchhändler bieten das »Schwarzbuch WWF« von Wilfried Huismann nicht mehr an. Die Zeitung berichtet, der WWF habe versucht, den Verkauf des Buches zu stoppen.

In der Tat geht der Link von der Seite des Verlags zu Amazon ins Leere und das Buch ist auch bei anderen Händlern online nicht mehr verfügbar.

Seit dem Film »Der Pakt mit dem Panda« bin ich durchaus kritisch gegenüber dem WWF und ich hätte mir das Buch in der Buchhandlung gern mal angeschaut. Oft merkt man ja schon nach dem Querlesen einiger Seiten, ob sich der Kauf lohnt.

Immerhin gibt es beim Verlag eine Leseprobe und man kann sich zumindest über einen kleinen Teil des Buches ein Bild machen. Was ich dort gelesen habe, lässt mich allerdings nicht auf eine besonders differenzierte Auseinandersetzung mit dem WWF hoffen.


Das erste Kapitel heißt »DIE BRAUT TRÄGT PANDA«. Darin versucht sich der Autor an dem Kunststück, gleichzeitig die Coca-Cola-Company und den WWF so schlecht wie irgend möglich wegkommen zu lassen.

Zuerst zeichnet er nach der Erzählung eines Bekannten vom Öko-Markt das bizarre Bild einer Stadt in Mexiko, in der es sogar zum Abendmahl Coca-Cola gibt. Nun ist Mexiko offensichtlich eines der Länder mit einem recht hohen Pro-Kopf-Verbrauch an Coca-Cola. Aber das kann auch daran liegen, dass das Getränk dort schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts angeboten wird.

Dann stellt der Autor eine Partnerschaft zwischen Coca-Cola und dem WWF in der Größenordnung von 20 Millionen Dollar als anrüchige Ehe dar: Der WWF als willige Braut des »bösen Konzerns«. Die Darstellung des Konzerns und der Umweltorganisation in diesem ersten Kapitel scheint mir recht undifferenziert zu sein.


Im zweiten Kapitel geht es in diesem Stil weiter. Dort stellt der Autor den exklusiven Club der wichtigsten Förderer des WWF als »Allianz aus Geld- und Blutadel« dar. Er greift sich dazu die Person des Gründers Prinz Bernhard der Niederlande heraus und erwähnt dann etwas nebulös »einige seiner alten Kameraden aus der gemeinsamen Zeit bei der IG Farben und der Reiter-SS«. Wer das gewesen sein soll, bleibt im Dunklen.


Nach der Leseprobe (PDF) bin ich der Meinung, dass ich dieses Buch nicht unbedingt brauche. Polarisierende Schwarz-Weiß-Malerei gibt es schon genug. Im Sinne der Meinungsfreiheit sollte aber jeder die Möglichkeit haben, sich ein Bild über das gesamte Buch zu machen. Momentan gibt es (laut F.A.Z.) keine Verfügung gegen den Verkauf des Buches. Man kann es beim Verlag bestellen.



Die DNN veröffentlicht den zweiten Teil ihrer Anzeigenbeilage

1. Juni 2012

Seit einer Woche wird die Dresdner Zeitung DNN kritisiert, weil sie in ihrem Online-Angebot den redaktionellen Teil nicht sauber von den Anzeigen trennt. Nach den Veröffentlichungen im BILD-Blog und im Flurfunk hätte den Verantwortlichen in der Redaktion eigentlich klar sein müssen, dass der nächste Teil der Serie auf reges Interesse stoßen würde ;-)

Heute wird den Lesern und den Nutzern des Online-Angebots der zweite Artikel aus der Anzeigenbeilage »DNN-Auto-Ausflüge« angeboten. Er ist online wiederum nicht vom redaktionellen Inhalt getrennt. Der Beitrag ist nicht als Anzeige gekennzeichnet und man erfährt auch nicht, welches Unternehmen die Veröffentlichung unterstützt hat. Heute beginnt der zweite Teil der Serie so:

Mein erster Gedanke an einem bewölktem Mittwochmorgen im Mai: »200 PS? Holla, da hat der kleine VW Beetle ja einiges unter der Haube.« Und tatsächlich, dieser Ausflug sollte sich zu einem spritzigen Tag entwickeln (…)

In diesem Stil geht der Text weiter. Das Auto ist natürlich für den Ausflug bestens geeignet und am Ende des Artikels weist die Autorin noch einmal auf die 200 Pferdestärken hin.

Wer die DNN im Abo hat oder wer sie sich heute gekauft hat, kann den Text in voller Pracht genießen (und Korrektur lesen). Ich sage nix mehr dazu ;-)

Diese Werbung geht jedenfalls in der gedruckten Zeitung völlig in Ordnung, weil die Anzeigenbeilage ordentlich gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu wird der Nutzer des Angebots »DNN-Exklusiv« nach wie vor nicht auf die Art der Veröffentlichung hingewiesen. Das wäre aber gemäß den Richtlinien des Presserats erforderlich.