Nicht mehr alle Waren im Korb …

29. Juni 2012

In der letzten Stunde vor Ladenschluss macht das Verkaufen und das Einkaufen vermutlich niemandem mehr Spaß. Das Ladenpersonal sehnt den Feierabend herbei und auch die meisten Kunden haben einen langen Arbeitstag hinter sich. Manchmal kann man dann sehr merkwürdige Verhaltensweisen beobachten.

Wer aufmerksam durch die Supermärkte und Feinkostabteilungen geht, kennt vermutlich die Spuren einer inzwischen weit verbreiteten Unsitte: Die Kunden stellen irgend eine Ware in ihren Einkaufswagen, merken Minuten später, dass sie die Ware doch nicht haben möchten, und legen sie in irgend einem anderen Regal ab.

Das mag einem Glas Senf oder einer Packung Toastbrot nicht schaden. Das Verkaufspersonal wird solche Waren wohl wieder in das richtige Regal zurückbringen. Aber eine kleine Platte mit Käse oder Wurst, die an der Theke zusammengestellt wurde, kann das Ladenpersonal am Abend nur noch wegwerfen.

Gestern konnte ich in der Schillergalerie im (guten) Konsum-Markt etwas beobachten, was ich vorher noch nie erlebt hatte: Ein Kunde hatte schon alle Waren auf das Band gelegt. Er nahm dann eine riesige Flasche mit einem Energy-Drink wieder herunter und stellte sie auf den Fußboden unter das Band der unbesetzten Nachbarkasse. Das hatten mehrere Leute beobachtet, auch die Kassiererin an unserer Kasse.

Wie hat sie wohl reagiert?


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Wenn das die Gegenwart des Buchhandels ist …

27. Juni 2012

Schnäppchen

Schnäppchen: Fähnchen in einer Filiale einer Buchhandelskette


… dann möchte ich die Zukunft lieber nicht sehen.


MDR: Ein ARD-Jugendkanal zum Schunkeln?

27. Juni 2012

Ein Gespenst geht durch die Medien: Der MDR schlägt einen zentralen Jugendkanal der ARD vor. Das Dresdner Blog »Flurfunk« hat sich mit der Meldung beschäftigt und stellt zwei Vermutungen auf:

  1. Der Vorschlag ist eine taktische Forderung, um Kürzungen bei den vielen Kanälen der ARD zu verhindern.
  2. Der Vorschlag soll lediglich Aufmerksamkeit für den MDR und vor allem seine neue Intendatin erzeugen.

Mir scheint nur die erste Deutung plausibel. Denn welches Interesse sollte der MDR daran haben, dass die Aufmerksamkeit auf sein Programm und auf seine Intendantin gelenkt wird? Frau Prof. Wille betont:

Eine weitere Herausforderung für den MDR ist die Bewältigung des Generationenabrisses. In der jungen Generation ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr selbstverständlich.

Als ob das von selbst so gekommen wäre. Halb Deutschland biegt sich vor Lachen, wenn man das »Schnulzen- und Schunkel-Fernsehen« des MDR erwähnt. Es gibt wohl kaum ein Drittes Programm, das auf Jugendliche noch abschreckender wirken könnte.

Um das Problem zu beschreiben, muss man nicht den Begriff »Generationenabriss« erfinden. Das MDR-Programm ist eine Vergrämung der Zuschauer aller Generationen unterhalb des Renteneintrittsalters.


Wie hören sich denn eigentlich die beiden MDR-Radiosender an, die für jüngere Leute bestimmt sind? Ein Selbstversuch.

Auf »MDR-Jump« blödeln sich Sarah und Lars-Christian durch den Morgen und die »Morningshow«. Gefühlt ein halbes Dutzend Mal pro Stunde wird betont, dass es »echte Abwechslung für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen« und den »besten Musikmix« gibt.

Ich wage zu behaupten: Wenn der Hörer das nicht von selbst merkt, ist das Jingle ziemlich nutzlos. Und was ist eigentlich »echte Abwechslung«? Gibt es auch unechte?

Aber da gab es doch noch »MDR-Sputnik«, das frühere »DT-64«? Für diesen Sender haben wir uns in den frühen 1990er Jahren einen Astra-Receiver auf das Dach des dringend sanierungsbedürftigen Altbauhauses gesetzt, in dem wir in der Wendezeit unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen hatten.

»Sputnik« war damals ein innovativer Sender und hätte wohl sogar als Modell für einen ARD-Jugendkanal dienen können. Aber der Sender ist längst auf MDR-Niveau angekommen: Bei »MDR-Sputnik« wird nicht der »beste Musikmix« gesendet, sondern es heißt ähnlich monoton »Deine Lieblingsstars und Deine Lieblingsmusik«. Und am Morgen plaudern nicht Sarah und Lars-Christian, sondern Wiebke und Raimund.

Im Prinzip sind beide Sender nicht von einem beliebigen seichten Privatradio zu unterscheiden. Einzig der Konkurrenzkampf dürfte bei den Privaten etwas härter sein.


Und womit fällt der MDR zur Zeit sonst noch auf? Zu »Waldis Club« ist alles gesagt: Das Niveau ist unterhalb der Rasenkante angesiedelt und man möchte sich nach jedem Spiel der Nationalmannschaft einfach nur fremdschämen, bevor man den Stream verzweifelt ein weiteres Mal abschaltet.

Franz-Beckenbauer-Parodien oder Witze über Rainer Calmunds Masse und Maße waren im letzten Jahrhundert auch nicht lustig, aber wenigstens noch neu … [Korrektur: Es gibt eine wirklich gute Franz-Beckenbauer-Parodie. Aber wirklich nur eine.].


Nein, von diesem MDR sollten besser keine Vorschläge für einen ARD-Jugendkanal ausgehen. Vielleicht sollte Frau Prof. Wille in ihrer Eigenschaft als MDR-Chefin und »Filmintendantin« der ARD zuerst einmal ihre Arbeit tun und dafür sorgen, dass dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht noch mehr Zuschauer und Zuhörer weglaufen. Filme auf dem Niveau der »Degeto-Schnulzen« können die Privaten nämlich bei gleich schlechter Qualität wesentlich billiger anbieten.



Kenne Dein Limit. Gib Deine Daten nicht preis.

25. Juni 2012

Man sieht im Stadtbild oft die Plakate der Aktion »Kenne Dein Limit«: Darauf sind junge Menschen abgebildet, die fröhlich feiern und flirten. Darauf sind auch kurze Texte zu sehen, die auf Gefahren beim Überschreiten des persönlichen Alkohol-Limits hinweisen.

Es geht dort um die direkten Folgen des akuten Alkoholmissbrauchs: Trunkenheit am Steuer, Enthemmung, Intensivstation. Ich finde diese Plakate prinzipiell nicht schlecht, auch wenn man über die eine oder andere Aussage sicher streiten kann. Das Anliegen ist jedenfalls richtig.


Auf der Website der Kampagne gibt es aber auch eine Aktion, die Anlass zu ganz deutlicher Kritik bietet: das Alkohol Diary. Man kennt ein ähnliches Prinzip aus dem Zeitmanagement: Jemand schreibt sich über mehrere Wochen alle Tätigkeiten auf, um Reserven zu erkennen und dann die Zeitplanung zu optimieren.

Hier geht es also um ein Alkoholtagebuch. Die Nutzer der Website sollen in einer Datenbank der Aktion »Kenne Dein Limit« jedes einzelne alkoholische Getränk eintragen, das sie konsumieren. Aus der Beschreibung:

Das Alkohol Diary zeigt dir, wie viele alkoholische Drinks du in einer Woche getrunken hast – eine wichtige Voraussetzung, um beim Alkohol auf Dauer im Limit zu bleiben. Auch deinen Trinkgewohnheiten kannst du mit dem Alkohol Diary auf die Spur kommen und so eine Menge über dich selbst erfahren.


An dieser Stelle sollte jeder Nutzer innehalten und ein ganz anderes Limit beachten: Gib niemals Daten preis, deren Bekanntwerden Dir persönlich schaden könnte. Beim Registrieren sollen die Nutzer nämlich folgendes angeben:

Loginname*
Vorname
Name
Geschlecht*
E-Mail*
Geburtstag*
Tätigkeit*
Passwort*

Pflichtfelder sind mit dem Asterisk gekennzeichnet. Zwar sind Name und Vorname keine Pflichtfelder, aber eine Zuordnung der E-Mail-Adresse zu einer konkreten Person dürfte in den meisten Fällen ziemlich einfach sein.


Weder bei der Registrierung noch bei der Anmeldung bekommen die Nutzer einen Hinweis auf den Datenschutz angezeigt, obwohl auf der Website personenbezogene Daten erhoben werden.

Dabei gäbe es eine einfache Möglichkeit, das Alkoholtagebuch auf dem eigenen Rechner zu führen: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müsste einfach nur eine Office-Vorlage bereitstellen, in der die Formeln und Hinweise hinterlegt sind. Dann könnte jeder Nutzer zu Hause bilanzieren, ob er das Limit noch einhält.



Verschleierungstaktik

22. Juni 2012

Martin Haase ist ein einflussreiches Mitglied der Piratenpartei und einer der Autoren des Blogs »neusprech.org«. Dieses Blog schien mir früher beachtenswert, weil dort mit Witz und Scharfsinn bestimmte Phrasen unserer Politiker entlarvt wurden. In seinen besten Zeiten bot das Blog auch richtig gute Medienkritik.

Heute sehe ich das etwas anders. Martin Haase befasst sich unter dem Schlagwort »Filesharing« mit dem Wort Tauschbörse und befindet:

Es handelt sich also um eine Fehlbezeichnung, um einen Malapropismus. Vielleicht ist es sogar ein Dysphemismus, also der Versuch, etwas finsterer aussehen zu lassen, als es ist – werden doch finanzielle Interessen unterstellt, die gar nicht vorhanden sind.

Beide Schlussfolgerungen sind offensichtlich falsch. Aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema One-Klick-Hosting:

Der Markt der Sharehoster war teilweise hart umkämpft und so versuchten einige Anbieter mit Premiumangeboten Uploader zu locken und zu motivieren: Angemeldete Nutzer konnten an einem Affiliate-Programm teilnehmen, bei dem nach bestimmten Mengen von Downloads der von ihnen hochgeladenen Dateien Prämien ausgezahlt wurden.

Diese Anbieter haben also für die Anbieter der begehrtesten digitalen Medien Anreize geschaffen und sie haben dazu ganz genau den »Börsenwert« (die Anzahl der Downloads) der einzelnen Medien ermittelt.

Damit dürfte die (piratenpolitisch motivierte?) Verharmlosung des »Tauschens« wohl widerlegt sein: Es waren sehr wohl finanzielle Interessen der Betreiber vorhanden, schließlich wurden ja Millionen-Gewinne damit gemacht. Es waren finanzielle Interessen der Nutzer der Affiliate-Programme im Spiel. Der Wert der Angebote richtete sich nach Angebot und Nachfrage.

Übrigens: Das Wort Börse lässt überhaupt nichts finsterer aussehen, als es ist: Die Börse ist einfach einer von vielen Märkten innerhalb unserer Marktwirtschaft — ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen.



Über den Sieg

20. Juni 2012

Nach einer überlegen absolvierten EM-Qualifikation, nach drei Siegen in der EM-Vorrunde und vor dem EM-Viertelfinale gegen einen vermeintlich unterlegenen Gegner:

Es ist eine alte Weisheit: daß man dem eigenen Recht, der eigenen Macht und ihrer Dauer nie weniger trauen soll, als wenn man oben ist und den Gegner unter sich hat; daß dann der Augenblick zur Demut, zum Zweifeln am eigenen Verdienst gekommen ist. — Golo Mann, Deutsche Geschichte 1919-1945

Als das geschrieben wurde, war Fußball noch eine von vielen Nebensachen dieser Welt. Dieser Satz war auf einen ganz anderen Sieg gemünzt: Er leitet in Golo Manns Buch die Kritik an den Siegern des Ersten Weltkriegs ein. Aber er scheint mir — politisch, wirtschaftlich, privat — bis heute gültig.



Stadtradeln: Absurde Zahlenspiele in der »Sächsischen Zeitung«

19. Juni 2012

Ich fahre sehr gern Fahrrad und besitze keinen eigenen PKW. Ich wäre eigentlich der ideale Kandidat für das »Stadtradeln«. Aber ich gehe den Zahlen und Fakten auf den Grund und musste schon 2011 feststellen: Stadtradeln ist ein absurdes Spiel mit nicht nachprüfbaren Kilometer-Angaben und bloßen Spekulationen über CO2-»Einsparungen«.

Die »Sächsische Zeitung« berichtet am 19.06.2012 auf Seite 13 über folgende Zahlen aus der Bilanz des Stadtradelns 2011 für Dresden:

Nur jeder vierte Stadtrat beteiligte sich an der Aktion. Im Schnitt radelte jeder Dresdner gerade einmal rund 900 Meter weit. Zum Vergleich: Der Sieger, die nordrhein-westfälische Stadt Rheinberg, schaffte rund 7700 Kilometer pro Einwohner.

Diese Angabe stammt aus der Auswertung des Stadtradelns 2011 (PDF). Dort werden für jede Stadt die abgerechneten Kilometer und die Bevölkerungszahl ins Verhältnis gesetzt. Die Angabe über knapp 900 Meter pro Einwohner sagt aber überhaupt nichts darüber aus, wie weit »jeder Dresdner« in den drei Wochen des Jahres 2011 im Schnitt geradelt ist.

Diese Verhältniszahl ist nämlich völlig nutzlos: Die abgerechneten Fahrradkilometer von etwa 2.000 Aktiven werden auf mehr als 520.000 Einwohner bezogen. Das ist etwa so sinnvoll, als wollte man die Anzahl der EM-Tore auf die Anzahl der Einwohner eines Landes beziehen. Kann man machen. Bringt aber keinen Erkenntnisgewinn.

Zu der zweiten Angabe aus der »Sächsischen Zeitung«: Die Zahl aus Rheinberg ist natürlich genauso nutzlos wie die Zahl aus Dresden, aber noch nicht einmal richtig abgeschrieben. Für Rheinberg werden von den Organisatoren nämlich rund 7,7 Kilometer (oder 7.700 Meter) angegeben.


In einer offiziellen Verlautbarung der Stadtverwaltung wird Dresden im Rückblick als »fahrradaktivste Stadt« bezeichnet:

Gleich bei der ersten Teilnahme radelten die Dresdnerinnen und Dresdner grandios vornweg und belegten den ersten Platz als fahrradaktivste Stadt mit den meisten Radkilometern.

Diese Aussage ist ganz schön gewagt: Immerhin haben überhaupt nur 0,4 Prozent der Bevölkerung bei dieser Propaganda-Aktion mitgemacht. Grandios sind die Zahlenspiele, die um ein wenig Radfahren veranstaltet werden. Nicht.

Um uns als Dresdner zu neuen Höchstleistungen zu motivieren, hat die Oberbürgermeisterin anlässlich des Fahrradfestes der »Sächsischen Zeitung« ein Grußwort verfasst. Darin heißt es:

Gleich mit der ersten Teilnahme im vergangenen Jahr radelte Dresden vorneweg und gewann den deutschlandweiten Wettbewerb als „Fahrradaktivste Stadt mit den meisten Radkilometern“. Beteiligen Sie sich auch in diesem Jahr und sammeln Radkilometer für Gesundheit und Klimaschutz.

Ich freue mich, wenn Sie auf den Geschmack kommen und auch im Alltag öfter einmal den Drahtesel gegen die Benzinkutsche tauschen.

Drahtesel und Benzinkutsche. Ich fasse es nicht. Redet man so mit mündigen Bürgern?