Schwäbische Hausfrauen hätten es besser gemacht

SPON hat heute einen Artikel veröffentlicht, der die Verschärfung der Krise in Europa darauf zurückführt, dass sich die Griechen, Spanier und Deutschen zu stark am Leitbild der Schwäbischen Hausfrau orientieren. Die einleitenden Sätze scheinen ja noch halbwegs plausibel:

Gern wird in wirtschaftspolitischen Debatten die Fiktion einer schwäbischen Hausfrau beschworen, deren Handeln Ausbund bodenständiger ökonomischer Vernunft sei. Sie gilt als das Beispiel, an dem sich Wirtschaftspolitik zu orientieren hat. Gemeint ist damit vor allem die ihr unterstellte Sparsamkeit und Vorsicht, die Politikern als leuchtendes Vorbild empfohlen wird.


Auch wenn geflissentlich übergangen wird, wer das Bild von der Schwäbischen Hausfrau zum ersten Mal in die Politik eingeführt hat: Es wäre ein guter Anfang für einen Artikel über die Krise gewesen. Aber dann hätte man nicht unterschlagen dürfen, welche Eigenschaften die ideale Schwäbische Hausfrau noch auszeichnen:

  • Sie bezahlt ihre Rechnungen.
  • Sie würde sich nie etwas kaufen, das sie sich nicht leisten kann.
  • Sie würde sich nie für den Konsum verschulden.
  • Sie würde wohl nach reiflicher Überlegung einen Kredit aufnehmen — aber nur für ein solide finanzierbares Häusle oder für ein solides Gewerbe. Sie würde niemals ihre Kinder damit belasten.

Der Autor des Artikels kritisiert, dass die ehrlichen »Hausfrauen« in Spanien und Griechenland jetzt ihre Ersparnisse in Sicherheit bringen. Aber das hat mit einer Schwäbischen Hausfrau nix zu tun: Die hätte es nämlich niemals so weit kommen lassen.

Wenn alle Völker in der EU seit 1990 nach ihrem Vorbild Wirtschaftspolitik betrieben hätten und wenn sich die Mehrheit der Bürger an diesem Leitbild orientiert hätte, dann stünden wir heute nicht vor einem Schulden- und Bürgschaftsberg, den keiner mehr übersehen kann.


Der Autor schließt:

Langfristig führt kein Weg am demokratisch kontrollierten Aufbau einer europäischen Finanzpolitik vorbei, die den gesamtwirtschaftlichen Bedürfnissen des europäischen Währungsraums dient.

Nein: Langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass alle Staaten und Privatpersonen nur noch das ausgeben, was sie ohne neue Verschuldung aufbringen können. Dann ist es völlig nebensächlich, ob wir in Europa eine Währung oder viele Währungen haben. Dann sind wir nämlich wirtschaftlich gesund und die Farbe der Geldscheine spielt gar keine Rolle.


Ergänzung: Der Autor des Artikels bei SPON kommt von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Wenn aus solchen Kreisen die Redewendung »demokratisch kontrolliert« kommt, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Meist meinen sie damit: »durch populistische Forderungen angetrieben« ;-)

Zweite Ergänzung: Es gibt noch einen wunderbaren Artikel zu Gustav A. Horns Versuch über die Schwäbischen Hausfrauen Europas — von Lila, die natürlich über die bessere Literatur zum Thema verfügt.


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24 Responses to Schwäbische Hausfrauen hätten es besser gemacht

  1. Antifa sagt:

    Ohne Verschuldung (sei es ökonomisch oder ökologisch) kein Kapitalismus, aber das hattest Du sicher nur vergessen zu erwähnen.

    • stefanolix sagt:

      Ich habe im Artikel geschrieben:

      »Sie würde wohl nach reiflicher Überlegung einen Kredit aufnehmen — aber nur für ein solide finanzierbares Häusle oder für ein solides Gewerbe. Sie würde niemals ihre Kinder damit belasten.«

      Das hast Du sicher nur vergessen zu lesen ;-)

  2. Mit dem klassichen Stammtischvergleich von privat- und volkswirtschaftlicher Ökonomie hat hier zwar der „Qualitätsjournalismus“ begonnen, es zeigt aber auch, dass man nicht automatisch freier und frischer denkt, nur weil man einen Blog betreibt.

    Fast jeder Satz hier, der die Thesen aus dem Spiegel aufgreift und durch Umdrehen der Aussage eine Lösung präsentiert, wird Ihnen von unseren Erstsemestern VWL (aus-)achend um die Ohren gehauen. Ok, von den Zweitsemestern, im ersten denken die meisten noch wie Sie.

    Herr Antifa hat natürlich recht (aber Kapitalismus ist schon noch ein wenig mehr und ihre Meinung dazu kann ich mir ob des Namens denken :) aber selbst Ihre Entgegenung, Herr Stefanolix, gilt halt nur für die Hausfrau und gerade wenn es um den Eigenheimbau geht, gerade dort zur Zeit eher nicht (mehr).

    • stefanolix sagt:

      Ich habe das Bild aufgegriffen, das schon seit vielen Jahren durch die Politik geistert. Ich habe darüber nachgedacht, welche Auswirkungen eine Haushaltspolitik nach dem Ideal »Schwäbische Hausfrau« gehabt hätte.

      Ich hatte nicht die Absicht, eine Lösung zu präsentieren, weder für Erstsemester noch für Zweitsemester. Es ist mir schon klar, dass Staaten auch in Zukunft Kredite aufnehmen werden. Aber vor einer Kreditaufnahme müssen endlich strengere Maßstäbe angelegt werden und es muss engere Grenzen geben.

      • Antifa sagt:

        Aber vor einer Kreditaufnahme müssen endlich strengere Maßstäbe angelegt werden und es muss engere Grenzen geben.

        Die gibt es und dennoch gibt es in Europa aktuell kein Land, was nicht hoch verschuldet IST.

      • stefanolix sagt:

        Und was sagt uns das? Jetzt müssen die Regeln nur noch eingehalten werden …

    • Rayson sagt:

      Fast jeder Satz hier, der die Thesen aus dem Spiegel aufgreift und durch Umdrehen der Aussage eine Lösung präsentiert, wird Ihnen von unseren Erstsemestern VWL (aus-)achend um die Ohren gehauen. Ok, von den Zweitsemestern, im ersten denken die meisten noch wie Sie.

      Schon mal auf die Idee gekommen, dass vieles von dem, was man bei dir oder anderen Fakultäten den Studenten im 2. Semester erzählt, Bullshit sein könnte?

      • stefanolix sagt:

        Als ich auf den SPON-Artikel antwortete, hatte ich eher eine Glosse im Sinn, weil der gewerkschaftsnahe SPON-Autor das ursprüngliche Leitbild der solide wirtschaftenden Hausfrau völlig verzerrt hat.

        Soweit ich mich erinnere, wurde die »Schwäbische Hausfrau« vor sechs oder sieben Jahren von Angela Merkel in einer Regionalkonferenz zum ersten Mal instrumentalisiert.

        Natürlich war das auch nur ein politischer Bluff. Aber hätte man sich damals wirklich an die Prinzipien des soliden Wirtschaftens gehalten, dann hätten wir einige der aktuell brennenden Probleme heute nicht.

        Ergänzung: Der Absender des Kommentars hat zwar einen Lehrstuhl der TU Dresden verlinkt, aber es gibt keinen Hinweis, dass er wirklich etwas mit der TU zu tun hat.

      • Rayson sagt:

        Der Absender des Kommentars hat zwar einen Lehrstuhl der TU Dresden verlinkt, aber es gibt keinen Hinweis, dass er wirklich etwas mit der TU zu tun hat.

        Er bezeichnet sich ja auch als Dipl.-Vw. Die „formale Berechtigung“ für das argumentum ad verecundiam würde ich daher zunächst mal nicht bezweifeln, sondern nur den Gehalt seiner Anwendung ;-)

      • stefanolix sagt:

        Wenn das argumentum ad verecundiam ganz für sich allein steht, bewirkt es bei mir nicht viel ;-)
        Viel kann man ja aus seinem einzigen Kommentar nicht herauslesen. Mal sehen, ob er sich noch mal meldet …

      • Danke für den Denkanstoss vom Liberalenstammtisch 2.0

        Um das Missverständniss von vornherein auszuräumen, ich Lehre nicht an der TU zu Dresden, der Link war nur ein Hinweis auf die nächstmögliche Einrichtung sich fundiert zum Thema zu bilden. Bei Ihnen, Herr Rayson genügt zunächst vielleicht doch der nun verlinkte Bildungsträger. Ich bin zu Gast in Dresden und vom Gastgeber auf Ihre kleine Runde hingewiesen worden und nicht wirklich enttäuscht. Er riet mir bewusst meinen Namen zu verschweigen (ich kann an sich mit meinem Ruf gut leben) und erwartungsgemäß…

        Thematisch ist das alles im Ansatz schon erschöpft. Daß gewerkschaftsnahe Volkswirte (oder Verfasser volkswirtschaftlicher Beiträge) die Gewichtungen in der VWL anders sehen als Norbert Walter ((ehem.) Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank) leuchtet ein, aber wenn dann die ambitionierten Hobbyökonomen kommen, die Welt zu erklären, bleibt halt doch nur der Spruch:

        For every subtle and complicated question, there is a perfectly simple an straightforward answer, which is wrong.

        von H.L. Mencken und interessanterweise ist das Zitat einem Kapitel in der recht amüsant zu lesenden Occupy Wallstreet Bibel „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ von D. Graeber vorangestellt. Aber fangen Sie um Himmels Willen nicht damit Ihre Grundausbildung VWL an!

      • stefanolix sagt:

        Vielleicht hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt: Es war nicht meine Absicht, mit diesem Artikel die Welt oder die Volkswirtschaft zu erklären. Ich habe zwar ein Diplom der oben erwähnten TU Dresden, aber leider nur als Dipl.-Ing. ;-)

        Als diplomierter Volkswirtschaftler haben Sie sicher eine fundierte Meinung. Ich würde sehr gern wissen, für welche Lösung Sie plädieren: Mehr Schulden? Weniger Schulden? Gar keine Schulden?

        Es muss keine lange Ausführung sein, ein Link würde mir schon reichen.

      • Rayson sagt:

        Normalerweise würden mich diese erbärmlichen Versuche des angeblichen Diplom-Volkswirts, mit seiner fragwürdigen Autorität zu argumentieren, ja nur amüsieren, aber ich habe da einen gewissen Verdacht und beende die wenig ertragreiche Diskussion deswegen hiermit für meinen Teil.

      • „Sorry“, ich klinke mich mal ein ;)

        Da der Name Graeber fiel und du, Stefan, ’nen Link suchtest. Er war kürzlich bei Maybritt Illner – „Alle pfeifen auf die Schulden – Wer hört noch auf die Kanzlerin?“
        Dort findest du das Gespräch mit David Graeber und einen Link zur kompletten Sendung.

        Alles in allem ist es ein Problem, wie Geld entsteht … im Grunde aus Schulden …
        Auf den Seiten vom Nachrichtsender n-tv fand ich folgenden Artikel „Vollgeld statt Giralgeld – Das Ende der monetären Fata Morgana“

      • Dipl Vw (zum Schluss) sagt:

        Die Frage „Mehr Schulden? Weniger Schulden? Gar keine Schulden?“ ist doch gleich sinnfrei wie der Hausfrauenvergleich. Wer verschuldet sich wann und bei wem?

        Wenn es um die konkrete Situation im Euroraum geht, kann man sich die Frage, egal wie sinnfrei, sparen. Der Euro ist kurzfristig nur zu retten in dem enorme Mengen Geld in den Markt gepumpt werden. Ob man das „Schulden machen“ nennt oder „Geld drucken“, es kommt auf das gleiche hinaus, der Euro wird abgewertet, die Inflation steigt. Da schreit die schwäbische Hausfrau auf und (dieser) Volkswirt nimmt es gelassen als Auf und Ab der Weltenläufte hin.

        Ich kann aber gerne ein paar Kollegen vorbeischicken, die das anders sehen. (Ob da die größe Lust besteht wage ich zu bezweifeln)

      • stefanolix sagt:

        In meinem Artikel geht es überhaupt nicht um die Lösung der aktuellen Krise. Ich habe (kurz gesagt) folgendes vertreten: Erstens wären wir heute nicht in der Krise, wenn die Staaten Europas solide gewirtschaftet hätten. Zweitens ist solides Wirtschaften der einzige Weg, um künftige Krisen zu vermeiden.

  3. funkloch sagt:

    man kann übrigens auch intellektuell mit dem thema umgehen: http://www.linksnet.de/de/artikel/27599

    • stefanolix sagt:

      »Linksnet« ist weder intellektuell noch wissenschaftlich, sondern einzig ideologisch geprägt. Ich höre aus dem Artikel den Genossen Lafontaine heraus. Und der Autor des SPON-Artikels wird natürlich auch zitiert.

      Im Kern soll das alles der Rechtfertigung linker »Patentrezepte« dienen: hoher Mindestlohn, hohe Sozialausgaben, noch stärkere Belastung der Mitte und natürlich eine hohe Verschuldung. Also weit weg von einem nachhaltigen Wirtschaften.


      Der verlinkte Artikel hat außerdem mit dem Thema dieser Diskussion nichts zu tun. Mir ging es um ein nachhaltiges Wirtschaften. Dabei ist es zweitrangig, ob man in Euro oder in Deutscher Mark oder in Drachmen vernünftig mit dem Geld umgeht.

      • funkloch sagt:

        Komisch, der Artikel ist zwar auf einem aus deiner Sicht kompromittierten Blog nachgedruckt, stammt aber aus der Berliner Debatte Initial. Gleichwohl ist natürlich auch Initial eine linke (wenngleich wissenschaftliche) Publikation. Sonst hätt ich wohl dort auch nicht geschrieben =)

        Mal Spass beiseite. Deine Darstellung mit der sparenden Hausfrau hat ja nur dann einen Zweck, wenn man unterstellt, die kapitalistische Wirtschaft hätte die Komplexität eines Stabilbaukastens (atomistischer Markt). Hattse aber halt nicht, weil permanent interveniert wird und weil solche Sachen, wie ein europäischer Binnenmarkt eben nicht das Ergebnis frei flottierender Kräfte, sonder langwieriger politischer Prozesse sind. Auch wenn Du immer meinst, es sollte nicht so sein, bleibt es dennoch die kapitalistische Wirklichkeit, die eben nicht nur den bürgerlichen Staat aus sich hervortreibt, sondern die sich durch staatliches und zwischenstaatliches Handeln emergiert. Ohne das wären wohl auch die enormen Wachstumsraten des 20.Jhd kaum zustande gekommen.

        Der angesprochene Artikel macht sich im Übrigen überhaupt nicht anheischig, Empfehlungen für eine wie auch immer andere Politik zu geben. Vielmehr geht sein (aus meiner Sicht zynischer) Deskriptivismus soweit, einfach nur zu konstatieren:

        „Aus heutiger Sicht ist zu vermuten, dass sich Europa in den nächsten Jahrzehnten nicht zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt entwickelt wird, sondern zu einem Niedriglohnkontinent und Zulieferer für neue aufstrebende Wirtschaftsmächte.“

        Also vielleicht doch mal lesen.

      • stefanolix sagt:

        Ich bin heute zu müde für lange Erläuterungen, was ich anders einschätzen würde. Mit fehlt natürlich auch der gefestigte Klassenstandpunkt ;-)

        Ich hatte den Artikel wirklich quergelesen und mir war diese Schlussfolgerung (Vermutung? Prophezeiung?) auch aufgefallen. Aber Europa wurde schon oft genug totgesagt und es lebt immer noch. Ich hoffe, dass das bis zum Ende meiner Zeit so bleibt.

  4. oma gundel sagt:

    man kann da auch wissenschaft: http://www.linksnet.de/de/artikel/27599

  5. funkloch sagt:

    aber ich hab spekuliert, ob ich vllt. auf einer blacklist bin =D

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