Sommer, Sonne, Strand

So lautet das ungeschriebene Gesetz: Wer erst am Ende der Sommerferien in den Urlaub fährt, muss sich geduldig die Berichte der Verwandten und Bekannten anhören, die schon in der Vorsaison oder in den ersten Ferienwochen in den Urlaub gefahren sind.

Sie schwärmen vom Wetter, vom Licht, von der guten Luft — und man wünscht sich an manchen Tagen in eine wohlbekannte abgelegene Ecke auf einer kleinen Nordsee-Insel, um all diesen Berichten zu entkommen. Aber man muss noch warten.


Nils Minkmar ist der Feuilleton-Chef der F.A.Z. und er gehört offensichtlich zu denjenigen, die gerade Urlaub haben oder aus dem Urlaub zurückgekommen sind. Er befasst sich in einem Leitartikel seines Feuilletons mit dem Leben am Strand — und auf den ersten Blick könnte man meinen, dass er darin Gesellschaftskritik übt. Nils Minkmar schreibt:

Man erwirbt das temporäre Anrecht auf einen Flecken Badestrand nicht durch Geld oder Leistung, sondern indem man sein Handtuch drauflegt. Noch nie habe ich erlebt, dass dieses schlichte Prinzip nicht anerkannt würde. Mehr braucht es nicht, keine Eintrittskarte, keinen Ausweis, nicht mal Bürgerrecht oder Aufenthaltserlaubnis werden abgefragt.

Außerdem meint Minkmar — und nun wird er grundsätzlich — die Gesellschaft am Strand sei unter jedem Aspekt

»das genaue Gegenteil des kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaftsentwurfs und darum so unwiderstehlich, gerade auch für dessen inbrünstigste Propheten.«


Als ich diesen Artikel las, dachte ich spontan: Da muss ihm aber die Sonne ziemlich stark auf den Kopf geschienen haben. Seine Sätze sehen ja beim ersten Hinschauen in der Tat gesellschaftskritisch aus.

Aber Nils Minkmar blendet völlig aus, dass er ja irgendwie in den Urlaub und an den Strand gekommen ist: Mit dem Flugzeug oder mit dem Auto, mit dem ICE oder mit dem Schiff? Brauchte er dafür kein Geld, kein Ticket, keinen Reisepass? War es ihm nicht von Nutzen, dass er als Deutscher in einem wirtschaftlich starken Land lebt?

Bevor der Autor »seinen« passenden Strand erreicht hat, hat er sich natürlich auch ein sozial-adäquates Reiseziel ausgewählt. Vermutlich fährt der Feuilleton-Chef der FAZ nicht an einen Strand mit angeschlossenem Ballermann und auch nicht an einen Strand, der hoffnungslos überlaufen ist.

Es mag sein, dass am Strand nur noch ganz einfache Gesetze gelten. Man vergisst vieles. Aber man muss schon eine Menge vergessen, um auf die Idee zu kommen, dass das Leben am Strand mit unserer Gesellschaft nichts zu tun habe.


Zettel hat diesen Artikel auch gelesen. Er schrieb darüber eine Meckerecke und kommt zu dem Schluss:

Ja gewiß, es ist Saure-Gurken-Zeit. Den Zeitungen fehlen die Themen. Auch in ZR hätte ich gern ein paar mehr Besucher. Aber das Blatt will gefüllt sein. Und dann liegt man als Journalist, ja als Feuilletonchef am Strand und denkt sich: Dann schreibe ich doch einfach was über den Strand. An dem ich rammdösig liege. Also was Rammdösiges.

(…)

Ja, alles geht. Auch ein Artikel, den die FAZ jedem Redakteur um die Ohren hauen würde; es sei denn, er ist Ressortchef.

Ich bin ja gegen solche drastischen Maßnahmen. Ich denke, man sollte Nils Minkmar mal für eine Woche an einen Strand schicken, den er sich nicht selbst ausgesucht hat ;-)

Flug über den Strand …


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4 Antworten zu Sommer, Sonne, Strand

  1. Muriel sagt:

    Ohwei. Ich hatte den Mist auch gelesen, aber völlig übersehen, wer ihn verfasst hat.
    Nils Minkmar, I am disappoint.

  2. Lenbach sagt:

    Soll er Urlaub im verdreckten Alaunpark machen. Da kann er „das genaue Gegenteil des kapitalistischen, neoliberalen Gesellschaftsentwurfs“ besichtigen.

    • stefanolix sagt:

      Und den passenden Sound kann er dort kennenlernen, wo sich die Protagonisten der Vermüllung hemmungslos gehen lassen (ob in Diskussionen im Web oder im realen Leben).

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