Feuerahorn und Zwergholunder

17. Juli 2012

Unreife Samen des Feuerahorns
(Botanischer Garten Dresden).

Zwergholunderblüten (Botanischer Garten Dresden).


Zwang und Anleihe

16. Juli 2012

Der Kolumnist Jakob Augstein hat sich bei SPON vehement für eine Zwangsanleihe ausgesprochen. Bisher durfte man das so verstehen: Reiche Leute sollen zum Kauf von Anleihen verpflichtet werden. Der Staat bekommt auf diese Weise einen sicheren Kredit, muss ihn aber irgendwann zurückzahlen. Welch ein Irrtum! Jakob Augstein rechnet uns vor:

Die deutsche Schuldenquote beträgt 2012 wohl 83,5 Prozent. Die Zwangsanleihe würde, wenn der Staat neun Prozent des BIP mit der Zwangsanleihe mobilisiert, diesen Wert auf 74,5 Prozent senken – deutlich näher an die 60-Prozent-Grenze, auf die Europa sich einmal im Maastricht-Vertrag geeinigt hatte.

An eine Rückzahlung des Geldes denken die Befürworter der Zwangsanleihen offensichtlich gar nicht. Sie betrachten die Zwangsanleihen nicht als Schulden des Staates, sondern als willkommene Einnahmequelle. Das Wort Zwangsanleihe wird nur eingesetzt, um das eigentliche Vorhaben zu verschleiern.

Im Neusprech des Zwangsanleihenbefürworters kommen so schöne Begriffe wie »mobilisieren« und »Gerechtigkeit« vor. Daran hat man sich heute schon gewöhnt — Gerechtigkeit ist sowieso der am meisten missbrauchte Begriff auf dieser Welt. Was mir beim Lesen aber richtig wehtut: Er verschleiert seine Ideologie der Zwangsenteignung auch noch mit der »Solidarität«:

Vor allem aber geht es um die Gerechtigkeit. Die ist wichtiger als Geld. Eine Zwangsanleihe wäre ein Zeichen der Solidarität – und zwar der Solidarität der Vermögenden mit dem Volk.

Solidarität bedeutet im Wortsinn: freiwilliger Gemeinschaftsgeist und Zusammenhalt. Tätige Solidarität ist jede freiwillig geleistete Unterstützung im Sinne dieses Zusammenhalts. Diese freiwillige Unterstützung ist notwendig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und sie wird in Deutschland täglich millionenfach geleistet.

Was der Salon-Linke Jakob Augstein vorschlägt, wird die Solidarität in Deutschland jedenfalls nicht stärken. Im Gegenteil: Eine solche Zwangsenteignung wird den Gedanken der Solidarität noch mehr zerstören, als alle Zwangsmaßnahmen, die bisher schon erfunden wurden …



Blühende Fackel

15. Juli 2012

Botanischer Garten Dresden, 15.07.2012.


Blasser Mohn

15. Juli 2012

Blasser Mohn. Gefunden im Botanischen Garten am 15.07.2012.

Ergänzung: Insekten scheinen auch ganz wild nach Mohn zu sein. Wer weiß, nach welchen Inhaltsstoffen? ;-)
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Generationen

15. Juli 2012

Generationen (Botanischer Garten, 15.07.2012).


Zur Nacht der Museen in Dresden: Einige Eindrücke von der Ausstellung in der HfBK

14. Juli 2012

Im Innenhof …

Einige Werke aus diesem Bereich …

Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes: Ein Ausblick …

… und tiefe Einblicke …

Eine ironische Antwort auf die vielen Blumenkübel in Dresden?

Im dritten Stock: Eine Antwort
auf das bepflanzte Waschbecken im ersten Stock?

Eine Video-Installation (und ein schöner Ort dafür) …

Noch mehr Grünes im Wasser …


Aus dem Treppenhaus …

Was man schwarz auf weiß besitzt … ;-)


Ergänzungen: In der Hochschule für Bildende Künste sind noch bis morgen zwei Ausstellungen zu sehen: Die Jahresausstellung und die Diplomausstellung. Hier sind noch ein paar weitere Bilder aus dem Gebäude und aus den Ausstellungsräumen. Manches ist Kunst, anderes stand einfach so herum ;-) Den Rest des Beitrags lesen »


Die Grenzen der Satiriker. Was ein Titelbild der »Titanic« über unser Kulturverständnis aussagt.

12. Juli 2012

In Zettels Diskussionsforum wurde vor kurzem wieder einmal an den Roman »Der Campus« erinnert. »Der Campus« ist eine Hochschulsatire aus den 1990er Jahren und es geht darin (auch) um die Verteidigung der Leistungsmaßstäbe an den Hochschulen. Zettel merkte an:

Schwanitz war ein Zyniker, der die Dinge beim Namen nannte. Sein Buch „Der Campus“ ist vergnüglich zu lesen; vor allem, wenn man den Hochschulbetrieb ein wenig von innen kennt.

Es gibt in dem Roman auf der einen Seite die leistungsbewussten Vertreter der alten Fakultäten, die sich auch unter schwierigen Bedingungen um Forschung und Lehre auf hohem Niveau bemühen. Auf der anderen Seite stehen die vorgeblich progressiven linken Erneuerer, die unter dem Deckmantel der Hochschulreformen alle Leistungsmaßstäbe nach unten verschoben haben und sich nur um ihre eigenen Karrieren kümmern.


Als ich Zettels Artikel über die jüngste Entgleisung der Illustrierten »Titanic« las, musste ich unwillkürlich an die bürgerlichen Vertreter der alten Universität aus dem »Campus« denken. Sie grenzen sich unter anderem durch Umgangsformen und Sprache ab. Sie legen einen strengen Maßstab an die Sprache an. Sie verwenden Begriffe, die man heute zwar noch liest, aber kaum noch hört.

Zettel befasst sich nun also auch mit dem »Titanic«-Titel, auf dem offensichtlich Papst Benedikt beleidigt werden soll, um durch einen kalkulierten Skandal im Sommerloch die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Er schreibt:

Sich nicht an Spielregeln zu halten, vor allem nicht an die Regeln des Anstands, ist keine Satire, sondern Flegel­haftigkeit. Es gibt freilich eine Art des Humors, der von seiner Unanständigkeit lebt; im Deutschen heißt das Latrinenhumor.

Natürlich kann man jemanden, wie es im Jargon solcher Leute wohl heißt, „verarschen“, indem man sich unverschämt aufführt. Wer bei einem Festessen ein schmutziges Sacktuch hervorzieht und sich damit dröhend schneuzt, der mag sich für einen Satiriker halten. Ein paar sich auf die Schenkel klopfende Bewunderer wird diese Art von Satire allemal finden. (…)

Einige Wörter aus diesem Abschnitt könnten auf der »Liste der aussterbenden Wörter« stehen: der Flegel, die Latrine, das Sacktuch und das Schneuzen. In Zettels Artikel kann man auch noch die Schmutzfinken und den verlotterten Sohn finden. Im »Campus« bezeichnet ein alteingesessener Professor einige unverschämte Studenten gar als »Hundsfötter«. Alte Wörter können starke Wörter sein.


Zettels Artikel scheint vor allem an einem Maßstab ausgerichtet: Was man tut und was man — aus persönlichem Anstand heraus — nicht tut. Das ist richtig und notwendig, auch wenn es die Mitarbeiter der »Titanic« und ihre bildungsfernen Leser wohl kaum erreichen dürfte.

Aber ein zweiter Punkt scheint mir mindestens genauso wichtig: Das Niveau der »Titanic« sinkt stetig. Es ist im Grunde ähnlich wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Wenn die Quote stimmt, wird jeder Mist verbreitet. In der ARD sind es die Degeto-Schnulzen, die synthetische Volksmusik und »Waldis« Fußballstammtisch.

Auf der »Titanic« macht man Auflage mit herabwürdigenden Titelbildern. Man kalkuliert offensichtlich, dass es irgendwo in den eher dümmeren Schichten des Landes noch 50.000 Leser geben könnte, die ein übel herabwürdigendes Titelbild mit dem Papst oder mit einem Politiker kaufen und daraus eine persönliche Befriedigung gewinnen. Andere wollen damit ihre Klickzahlen nach oben treiben.

Dabei hätte das Land intelligente Satire bitter nötig. Aber das wäre ja mit Aufwand verbunden.


Paradoxerweise werden solche Titelbilder oft von Personen gut gefunden und verteidigt, die sonst am lautesten zu vernehmen sind, wenn sie gegen irgend eine Art der tatsächlichen oder scheinbaren Diskriminierung protestieren.

Das war mir schon 2009 aufgefallen, als die »Titanic« vor der Wahl ein primitiv-homophobes Titelbild mit dem Politiker Guido Westerwelle veröffentlichte. Ich fragte mich: Wer würde ein solches Titelbild mit einer beliebigen anderen homosexuellen Persönlichkeit kulturell akzeptieren? Allenfalls könnte ich mir vorstellen, dass rechtsradikale Homophobe über einen herabgewürdigten Klaus Wowereit grölen.

Wie stark wäre der Proteststurm, wenn die »Titanic« im Juli 2012 einen Rabbi, eine Bischöfin oder einen Mullah in ähnlicher Weise dargestellt hätte? Und welche Gruppen würden darüber lachen? Wären es nicht die Primitivlinge an antisemitischen, misogynen und islamfeindlichen Stammtischen? Wer möchte auf diesem Niveau lachen?


Die »Titanic« hat bis in die frühen 1990er Jahre nach dem Maximalprinzip gearbeitet: Wir machen möglichst gute Satire und wir hoffen, dass sie genügend Leser findet. Später gab es noch ganz wenige gute Aktionen.

Seit einigen Jahren arbeitet sie nach dem Minimalprinzip: Wir verkaufen keine hochwertige Satire mehr, sondern nur noch billigen Latrinenhumor. Wir versuchen, mit dem geringsten Aufwand noch die bestmöglichen Verkaufszahlen zu erreichen. Wie geht das am Einfachsten? Wir würdigen Menschen herab, die sich ohnehin nicht wirksam wehren können.

Es stimmt: Der Papst hat vor Gericht durchgesetzt, dass das Blatt nicht mehr verbreitet werden darf. Doch diese einstweilige Verfügung ist noch nicht einmal der Griff eines stumpfen Schwertes. Die »Titanic« hat gewonnen. Solange die Lokalmedien darauf hereinfallen und unkritisch berichten und solange es noch genügend Leser gibt, die man mit Latrinenhumor zufriedenstellen kann, wird das auch so bleiben.


Ergänzung: Es gibt beim Sender detektor.fm interessante Interviews mit dem Chefredakteur der »Titanic« und mit Wiglaf Droste. Auch der SPON-Kolumnist Jan Fleischhauer hat sich mit dem Niveau der Satire in Deutschland befasst.



Gerechte Ungleichheit

11. Juli 2012

Ein schönes Zitat von Nicolas Gomez Davila:

Die ungerechte Ungleichheit heilt man nicht mit Gleichheit, sondern mit gerechter Ungleichheit.

Sicher kannte er als Aphoristiker seinen Lichtenberg:

So vielerlei Arten von Gleichheit es gibt, worunter es fürchterliche gibt, eben so gibt es verschiedene Grade der Ungleichheit, und darunter welche die eben so fürchterlich sind. Von beiden Seiten ist Verderben.



Zwangsabgabenanleihe

11. Juli 2012

Heute übertrifft sich die Finanzkompetenz-Abteilung der Illustrierten SPON wieder einmal selbst: Man gibt einen Vorschlag von Ökonomen des DIW so verwirrend wieder, dass der Leser am Ende nicht klüger als zuvor ist. Worum geht es?

Die Forscher schlagen vor, der Staat könne das Vermögen wohlhabender Bürger entweder mit einer einmaligen Abgabe belasten, die dann nach und nach abgezahlt werde. Oder der Staat zwinge seine Reichen, ihm Kredit zu gewähren. Das Geld gebe es dann zurück, wenn sich die Haushaltslage gebessert hat.

Die beiden Vorschläge werden im SPON-Artikel so sehr miteinander vermischt, dass das Ergebnis völlig ungenießbar ist.

Es wird (wie fast immer) ignoriert, dass die Bewertung des Vermögens mit einem ungeheuren Aufwand verbunden ist. Es wird (wie fast immer) ignoriert, dass Maßnahmen gegen die »Reichen« am Ende immer die »Mittleren« treffen.

Die Vermögenssteuer (die es ja mal gab) hat phasenweise kaum noch Einnahmen gebracht, weil ihre Erhebung mit immer neuen aufwendigen Bewertungen von Vermögensgegenständen verbunden war. Es ist erst recht abenteuerlich, einen solchen Vorschlag an Griechenland weiterzugeben, wo es nicht ansatzweise die verwaltungstechnischen Möglichkeiten gibt, die wir in Deutschland seit Jahrhunderten aufgebaut haben.

Zwangsanleihen würden in Deutschland in einer sehr unguten Tradition stehen. Götz Aly beschreibt in seinem Buch »Hitlers Volksstaat«, wie die Nationalsozialisten solche Zwangsanleihen durchgesetzt und verwendet haben. Außerdem sind Zwangsanleihen natürlich auch Staatsschulden — wenn man nicht unterstellen will, dass sie sowieso nie zurückgezahlt werden oder dass der Staat auf eine systematische Entwertung des Geldes setzt.

Zum Nachlesen: Hier ist der Original-Artikel zu den Vorschlägen der Ökonomen im Handelsblatt.



30 Minuten Ruhe — oder was man so Ruhe nennt …

11. Juli 2012

am Montag im Botanischen Garten (ich sollte öfter rausgehen …) —


Der Schilf- und Seerosenteich am Eingang
und der Teich am großen Steingarten …

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Update: Kleine Veränderungen bei der Erfassung von Daten für das Gewinnspiel

6. Juli 2012

Ich hatte gestern auf ein Datenschutzproblem im Zusammenhang mit einem Gewinnspiel hingewiesen. Innerhalb der letzten 24 Stunden wurde die Website mit dem Gewinnspiel ein klein wenig geändert, wie die beiden Screenshots zeigen:

Screenshot am Morgen des 05.07.2012
Screenshot am Morgen des 06.07.2012

Manchmal bewirkt Bloggen doch etwas. Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, was das Corporate Design einer Hochschule auf einer privaten Website zu suchen hat, ist es immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. — Die Umfrage ist in meinen Augen trotzdem wenig hilfreich, aber das sagte ich ja schon.



Gewitterstimmung und La Follia

5. Juli 2012

Ich habe gerade eine wunderbare Motivation in der Arbeitspause: La Follia von Geminiani/Corelli in einer Aufnahme mit dem Chamber Artists Orchestra. Besonders schön ist die Stelle, an der sich die erste Geigerin und der Cellist duellieren ;-)



Die Linkspartei trickst weiter. Aber diesmal fragt die Presse nach.

5. Juli 2012

Ich muss heute noch ein großes Lob loswerden: Die Presse fällt nicht mehr so einfach auf die Zahlentricks der Linkspartei herein.

Nach dem bahnbrechenden Erfolg mit ihrer Anfrage zur Leiharbeit in Kindergärten hatte die LINKE diesmal die Pflegebranche im Visier. Sie verweist auf 400 Prozent(!) Steigerung bei der Leiharbeit in dieser Branche.

Heute geben Süddeutsche Zeitung und SPON nicht mehr nur die Zahlen aus einer Pressemitteilung der Linkspartei wieder, sondern man ordnet das Ergebnis sachgerecht ein: Nur 16.350 von 2.800.000 Mitarbeitern der Pflegebranche sind in Leiharbeit. Das entspricht 0.6 Prozent.

Danke. — Den Rest des Beitrags lesen »


Es gibt da ein kleines Datenschutzproblem mit dem Gewinnspiel bei der Umfrage im Auftrag der Stadtverwaltung

5. Juli 2012

Die Stadtverwaltung Dresden führt nach eigener Aussage gemeinsam mit der Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer eine Online-Befragung durch: »Dabei geht es um Ihre Erwartungen und Qualitätsbewertungen zum Stadtportal der Landeshauptstadt.«

Glaubt man einer weiteren Pressemitteilung, haben sich bisher nur sehr wenige Menschen an der Befragung beteiligt.

In den vergangenen zwei Wochen haben bereits 127 Personen den etwa 15-minütigen Fragebogen ausgefüllt. Nach Abschluss des anonymen Fragebogens lockt noch ein freiwilliges Gewinnspiel. Es winken mehrere Einkaufsgutscheine.


Ich habe mich heute morgen durch die Befragung gekämpft, nachdem ich bei meinem ersten Versuch schon auf der ersten Seite aufgegeben hatte. Die Aussagen sind zum Teil sehr merkwürdig formuliert und ich kann in vielen Sätzen keinen Sinn erkennen. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen.


Hinweis: Zu diesem Artikel gibt es jetzt ein Update.


Am Ende der Befragung bekommt der Nutzer einen »Sicherheitscode« zugewiesen. Ich habe den Sicherheitscode aus meinem Screenshot entfernt, aber sonst nichts geändert. Wer am Gewinnspiel teilnehmen will, wird auf die Seite robert-piehler.de verwiesen.

Im Screenshot dieser Seite erkennt man zwar das Logo der Uni Speyer. Aber die Domain ist auf eine Privatperson aus Sachsen angemeldet. Eine Denic-Abfrage am 05.07.2012 verrät mehr: Diese Privatperson ist nicht Robert Piehler.

Auf der Seite gibt es zum Zeitpunkt des Abrufs am 05.07.2012 um 06.15 Uhr kein Impressum. Man soll also als Teilnehmer der Umfrage im Auftrag der Stadtverwaltung seine Daten auf einer Domain hinterlassen, die weder im Verantwortungsbereich der Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer noch im Verantwortungsbereich der Stadt Dresden liegt.


Wenn man sich den Quelltext der Seite anschaut, wird schnell klar: Auf einer Webseite einer privaten Domain in Sachsen werden die Stilvorlagen (CSS) und das offizielle Logo der Universität für Verwaltungswissenschaften vom Server in Speyer genutzt. Aber die Daten werden nicht dorthin übertragen.

Ich meine: Dem Teilnehmer der Befragung darf es nicht zugemutet werden, bei der Denic den Betreiber der Domain abzufragen oder im Quelltext der Seite nach verwertbaren Informationen zu suchen.

Der Teilnehmer muss glasklar darüber informiert werden, wer seine Daten speichert. Das ist hier eindeutig nicht der Fall und deshalb sollte die Stadtverwaltung Dresden nicht immer wieder auf dieses Gewinnspiel in Verbindung mit der Umfrage hinweisen.


Auf der Website der Stadt Dresden heißt es zu den Gewinnen:

Im Anschluss an die Befragung haben Sie die Möglichkeit, an einer Verlosung teilzunehmen. Die Teilnahme ist freiwillig und unabhängig von der Befragung. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden drei Einkaufsgutscheine im Wert von je 50 Euro und ein Gutschein für einen Elektronikmarkt im Wert von 150 Euro verlost.

Vielleicht sollte die Stadt ihrer Pressemitteilung einen Satz hinzufügen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können dabei nicht erkennen, wer ihre Daten erhebt und wer sie verarbeitet.

Vermutlich hat die Stadtverwaltung das Gewinnspiel zu ihrer eigenen Umfrage überhaupt nicht getestet. Die Teilnahme an der Verlosung ist nämlich nicht unabhängig von der Befragung. Sie ist nur mit dem »Sicherheitscode« möglich, den man erst nach dem Beantworten aller Fragen erhält.


PS: In der Pressemitteilung der Stadtverwaltung ist von einem »anonymen Fragebogen« die Rede. Vermutlich will uns die Stadtverwaltung damit sagen, dass der Nutzer anonym bleibt. Es ist kaum anzunehmen, dass Fragebögen Wert auf Anonymität legen ;-)



Statt einer Empörungswelle über das EU-Video: Ein Beitrag vom Science Slam

4. Juli 2012

SPON berichtet über eine neue Empörungswelle: Ein EU-Video zur Motivation junger Mädchen und Frauen für die Naturwissenschaften sei sexistisch, nicht gendergerecht und überhaupt Müll. Ich mag mich nicht mehr in solche Dinge einmischen. Am besten ist es, eine junge Frau zu Wort kommen zu lassen. Mein Lieblingszitat aus diesem Video von Giulia Enders‘ Auftritt:

Dann macht man es eben Schritt für Schritt. Und wenn man dann in eine Pfütze tritt, ist auch nur ein Fuß nass.

Vielleicht hat sich die EU-Kommission mit ihrem Video mal einen Fuß nass gemacht. Vielleicht kommt im nächsten Jahr wieder ein besseres Video. Aber eigentlich sieht man an den vielen Beiträgen junger Frauen zur Wissenschaft: Unter guten Rahmenbedingungen werden sich junge Frauen für Naturwissenschaft und Technik begeistern, unter schlechten Rahmenbedingungen sind EU-bürokratisch finanzierte Videos ohnehin nicht hilfreich.



»Alternativlos« spricht mit dem Springer-Chef Mathias Döpfner

3. Juli 2012

Ich möchte am frühen Abend die Aufmerksamkeit auf ein Gespräch lenken, das die beiden CCC-Aktivisten Frank Rieger und Felix von Leitner mit dem Chef des Springer-Verlags geführt haben. Man kann es als MP3-Mitschnitt anhören oder auf den iPod laden. Es gibt auch ein Transkript, das von Freiwilligen erstellt wurde (zwar nicht perfekt, aber man kann es ganz gut lesen).

Ich weise auch deshalb darauf hin, weil es heute kaum noch eine Zeitung gibt, die solche langen Gespräche führt und abdruckt. Das ist eine Art Bürger-Journalismus, die wohl nur im Netz funktioniert.

Die beiden Fragesteller sind keine Journalisten. Aber sie sind völlig unabhängig. Sie fragen und argumentieren inzwischen oft kompetenter als ein Großteil der Journalisten — die ja nicht selten PR-Mitteilungen umformulieren, Artikel aus Gefälligkeit schreiben oder die Meldungen der Nachrichtenagenturen durchwinken. Aber wem sage ich das?

Ein Insider aus der Zeitungsbranche bestätigt hier sehr offen, was man als kritischer Leser schon lange wusste (bei etwa 14:00 Minuten im Gespräch):

Bei Zeitschriften ist es viel stärker als bei Zeitungen und wiederum bei einigen Zeitschriftensegmenten, also insbesondere Modezeitschriften, da sind die Sitten – muss man ehrlich sagen – komplett verdorben. Da geht es teilweise so: »Wir schalten hier nur einen Anzeige, wenn’s ein schönes Protrait gibt, und im Übrigen wenn im Bericht das Produkt soundso vorkommt.« Das ist offengestanden das Gegenteil von Journalismus. Das ist gekauftes Marketing. Und das muss jeder selber sehen, ob er so etwas zulässt oder nicht.


Aber das ist nicht der wichtigste Grund, aus dem ich auf das Gespräch hinweisen will. Mathias Döpfner sagt in dem Gespräch über die einzige Chance der Marktwirtschaft:

Das wäre aber eine freiwillige Selbstregulierung, eine freiwillige Selbstbeschränkung, eine freiwillige Neuorientierung der marktwirtschaftlichen Player. Und da habe ich einen ganz altmodischen Begriff parat. Und das ist der Begriff des ehrbaren Kaufmanns. Der Begriff ist ja Jahrhunderte alt und dem werden verschiedene Eigenschaften zugewiesen. Dazu gehört eben, dass es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung gibt, desjenigen, der sich in einem marktwirtschaftlichen Kontext bewegt, dass es Gebote der Fairness, der Verlässlichkeit, der Gerechtigkeit gibt, die der Einzelne nicht verletzen darf. (…)

Und setzt kurz darauf fort:

Ich glaube aber, dass nur eine Selbstbesinnung der wirtschaftlichen Akteure, selbst Grenzen zu definieren und zu sagen, bestimmte Sachen gehören sich nicht und die machen wir nicht, und bestimmte Produkte und Derivate bieten wir einfach nicht an, weil klar ist, dass das irgendwie eine Art von Kettenbrief-Geschäftsmodell ist, das nicht seriös ist.

Nur durch eine solche Verhaltensänderung der kapitalistischen Akteure kann größeres Unheil verhindert werden. Ob die eintritt, ob es diese Erkenntnis gibt oder ob man weiter versucht, in den Regulierungslücken quasi-kriminelle Geschäftsmodelle zu betreiben, das ist eine offene Frage.

Ich kann nur sagen, diese Finanzkrise ist mit Sicherheit der letzte Warnschuss für die Akteure, die sich im marktwirtschaftlichen Geschehen nicht an die Regeln halten und nicht an die wichtigste Regel halten und die heißt Anstand und gesunder Menschenverstand. »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu«, ganz einfach. [Quelle: das verlinkte Transkript]

Das sind eigentlich die Gedanken, die ich auch seit langer Zeit beschäftigen. Wenn wir alle anständig wirtschaften, dann brauchen wir keine windigen Finanzprodukte und keine Spekulationsblasen. Und auch keine rapide wachsende Staatsverschuldung.


Es geht in dieser Folge der Serie »alternativlos« auch um Leistungsschutzrecht, Axel Springer und den Schweinestall, gewerbliche Informationsanbieter und viele andere Themen. Ich meine: Es lohnt sich ;-)



Zu dick für Sponsoren?

3. Juli 2012

Die Kaltmamsell greift in ihrem Blog einen Artikel aus den USA auf, der die Benachteiligung einer Sportlerin aufgrund ihrer Figur zu beweisen scheint. Sie kommentiert das so:

Was auch dazu passt: Die stärkste Frau der USA (olympische Gewichtheberin) lebt am Existenzminimum, weil ihr Körper keine vermarktbare Formen hat: The strongest woman in America lives in poverty. (Quelle: Kaltmamsell).

Es ist eine gute Gelegenheit, um sich mit den Zahlen, Daten und Fakten zu beschäftigen, die in dem verlinkten Artikel fehlen. Man braucht diese Informationen, wenn man sich zu diesem Thema eine fundierte Meinung bilden will.


In dem Artikel wird die US-Sportlerin Sarah Robles in den Mittelpunkt gestellt. Sie ist zweifellos die stärkste Gewichtheberin aus den USA, aber sie ist weit von den Besten der Welt entfernt. Sie wird in dem Artikel nur mit ihrer direkten Konkurrentin aus dem eigenen Land verglichen.

Um das Ergebnis in ihrer Gewichtsklasse bei der WM im Frauen-Gewichtheben zu visualisieren, habe ich mir die Ergebnisse der letzten WM im November 2011 in Paris besorgt:

gewichtheben_frauen_400

Ergebnisse der zehn stärksten Frauen bei der WM im Gewichtheben.

Bei dieser Weltmeisterschaft belegte Sarah Robles den besten Platz aller US-amerikanischen Gewichtheberinnen und Gewichtheber. Doch die USA liegen im Gewichtheben bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen meist weit hinter den führenden Ländern zurück. Führend sind Länder wie Russland, China, Japan, Bulgarien und die Türkei.


Seit vielen Jahren findet man für das Gewichtheben in den meisten EU-Staaten und in den USA nur sehr schwer Sponsoren. Das hat mindestens drei offensichtliche Gründe.

  1. Die Sportart Gewichtheben kommt immer wieder mit Doping-Vergehen in die Schlagzeilen. Es mussten schon ganze Mannschaften aus dem Verkehr gezogen werden, weil alle Sportler gedopt waren.
  2. Gewichtheben ist in vielen Ländern nicht »fernsehtauglich«. Das Interesse der Zuschauer ist so gering, dass es von den Wettkämpfen kaum Übertragungen gibt. Einzige Ausnahme: Die Olympischen Sommerspiele.
  3. Die Gewichtheber aus diesen Staaten sind bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen nur selten erfolgreich.

In einigen erfolgreicheren Staaten ist Gewichtheben eine sehr beliebte Sportart und ein Gewichtheber kann relativ reich werden. In den USA und bei uns kennt aber — außer ganz wenigen Fans — kaum jemand einen Gewichtheber oder eine Gewichtheberin. Also sind sie für Sponsoren auch nicht interessant.

Eine Ausnahme ist der Olympiasieger Matthias Steiner (Superschwergewicht, ein sehr umfangreicher Mann) — nachdem er dadurch bekannt wurde, dass er nach seinem Sieg bei den Olympischen Spielen um seine verstorbene Frau geweint hat.

Dieses Schicksal rührte viele Menschen. Er hat dann mehrere Auszeichnungen bekommen und wurde zu wichtigen Veranstaltungen eingeladen. Aber selbst sein Management klagte nach den Olympischen Spielen 2008 darüber, dass kaum Sponsoren an ihm interessiert seien.


Sarah Robles ist nun keine Olympiasiegerin. Sie ist eine der zehn besten Sportlerinnen ihrer Gewichtsklasse. Das ist aller Ehren wert, aber es kann keinen Anspruch auf Sponsorengeld oder staatliche Sportförderung begründen. Zum Vergleich: Für eine Sportförderung, von der man gut leben kann, müssen die Leistungssportler in Deutschland international im Bereich der Plätze 1 bis 6 liegen.

Es ist zweifellos traurig, dass es der Leistungssportlerin Sarah Robles materiell nicht gut geht. Aber sie ist eine erwachsene Frau und sie hat die Entscheidung für den Sport freiwillig getroffen.

Wenn das Sportfördersystem der USA ihr nicht hilft, weil die Chancen auf eine Medaille sehr gering sind, kann sie sich den Leistungssport nicht leisten. Da ist bitter.


Ich finde es trotzdem nicht angemessen, darin die Diskriminierung einer dicken Frau zu sehen. Denn die oben aufgeführten Sportlerinnen in dieser Gewichtsklasse haben alle eine ähnliche Figur. Die besten von ihnen werden natürlich gefördert, wenn in ihren Ländern zwei Bedingungen erfüllt sind: Gewichtheben muss populär sein und es müssen Chancen auf Medaillen bestehen. Diese beiden Bedingungen sind in den USA nicht erfüllt.

Sarah Robles geht es also nicht anders als vielen anderen Sportlerinnen und Sportlern in den sogenannten »Randsportarten«. Das ist völlig unabhängig von der individuellen Figur einer Sportlerin oder eines Sportlers. Sie werden gefördert, wenn es im nationalen Interesse liegt und wenn sie populär sind.



Vollstes Vertrauen

2. Juli 2012

In einer Umfrage der Uni Speyer im Auftrag der Stadtverwaltung Dresden werden den Teilnehmern etliche Aussagen vorgelegt, die jeweils zu Blöcken zusammengefasst sind. Man kann diesen Aussagen ganz oder teilweise zustimmen. Einer der Blöcke sieht so aus (Hervorhebungen von mir):

Ich denke, dass ich der Stadtverwaltung vertrauen kann.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung Online-Transaktionen ehrlich und wirklichkeitsgetreu durchführt.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung in meinem Sinne handelt.

Meiner Meinung nach ist die Stadtverwaltung vertrauenswürdig.

Ich vertraue darauf, dass die Stadtverwaltung kompetent ist.

Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass ich der Stadtverwaltung vertrauen kann.


Ein wenig Redundanz mag ja hilfreich sein. Aber die oben zitierten Aussagen kann man sehr gut auf zwei oder drei reduzieren, ohne einen wesentlichen Verlust beklagen zu müssen. Weiß übrigens jemand, wie man Online-Transaktionen »ehrlich und wirklichkeitsgetreu« durchführt? — Sehr schön ist auch die Aussage:

Menschlicher Kontakt bei der Erledigung von städtischen Anliegen macht den Prozess für mich angenehmer.

Fürs Sprachprotokoll: Wenn ich im Rathaus etwas zu erledigen habe, geht es nicht um städtische Anliegen, sondern um meine Anliegen an die Stadtverwaltung.

Zu den weiteren Fragen auf der ersten Seite möchte ich nichts sagen, sonst laufe ich Gefahr, sehr sarkastisch zu werden ;-)


Als ich mich durch alle Aussagen auf der ersten Seite gekämpft hatte und wider Erwarten nicht eingeschlafen war, kam mir jedenfalls dies in den Sinn:

Ich denke, dass ich denke, also denke ich, dass ich bin. (Ambrose Bierce)


Auf der Website der Stadt Dresden ist die Umfrage natürlich auch verlinkt. Aus der Pressemitteilung:

Zusammen mit der Universität Speyer führen wir eine Online-Befragung der Nutzerinnen und Nutzer von dresden.de durch. Dabei geht es um Ihre Erwartungen und Qualitätsbewertungen zum Stadtportal der Landeshauptstadt.

Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen wollen wir vor allem wissen, wo und wie wir den Internetauftritt noch verbessern können.

Welche Bedeutung haben denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Satz? Will man uns gemäß den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen befragen? Will man wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen?

Ich hoffe nur, dass für diese Umfrage nicht allzu viel Steuergeld in den Sand gesetzt wurde. Ich wage zu bezweifeln, dass man daraus Informationen gewinnen kann, die zu einer Verbesserung der Website www.dresden.de führen.



Programmieren oder programmiert werden? Auf die falsche Frage kann man keine richtigen Antworten bekommen.

2. Juli 2012

Warum uns schlechte Ratgeber nicht in die Freiheit, sondern nur in eine andere Abhängigkeit führen.


Die Mitarbeiter des Online-Magazins SPON haben manchmal merkwürdige Einfälle, wenn es darum geht, die Produkte des hauseigenen SPIEGEL-Shops feilzubieten. Am Wochenende wollten sie unsere Aufmerksamkeit wohl auf ein Buch des Autors Douglas Rushkoff lenken. Es heißt

Program or Be Programmed
Ten Commands for a Digital Age

und die Ankündigung des SPON-Artikels verspricht noch mehr: »Digitale Selbsthilfe — Programmiere dich zur Freiheit«. Ist es wirklich so einfach? Kann uns der SPON-Artikel dabei helfen?


In dem Artikel ist ungefähr jeder Irrtum enthalten, der einem Autor zu diesem Thema einfallen kann. Schon der erste Absatz birgt mehrere Widersprüche in sich:

Wo man auch hinschaut: Algorithmen. Die durchschnittliche Waschmaschine hat heute schon mehr Rechenpower als ein alter Computer, an den Börsen handelt Software längst ohne menschliches Zutun, Facebook und Google bestimmen, was wir lesen und wissen. Wir sind in der Hand von Programmen, oder genauer gesagt: in der Hand von Programmierern.

Wenn es stimmen sollte, dass Facebook oder Google bestimmen, was wir lesen und wissen, dann wären wir nicht in der Hand von Programmierern und erst recht nicht in der Hand von Programmen. Dann wären wir in der Hand der Eigentümer und Betreiber der Server, auf denen diese Programme laufen.

Aber es stimmt natürlich nicht. Wir selbst sind dafür verantwortlich, was wir lesen, was wir wissen, was wir glauben und was wir lernen. Wir können die Verantwortung nicht auf Facebook oder Google abschieben.


Vermutlich gehört heute das Wort »Algorithmus« an den Anfang jedes wichtigtuerischen Artikels über Computer. Was ist eigentlich ein Algorithmus? — Algorithmen gibt es schon seit tausenden Jahren. Die Wikipedia gibt die zeitlos richtige Definition wieder, die wir schon in der Schule gelernt haben:

Ein Algorithmus ist eine aus endlich vielen Schritten bestehende eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen.

Man hat uns auch beigebracht: Wenn man einen Algorithmus mehrmals auf die selben Eingangswerte anwendet, müssen immer die selben Ergebnisse herauskommen. Dabei ist es völlig belanglos, ob man diesen Algorithmus im Kopf oder auf dem Papier, mit dem Taschenrechner oder mit dem Computer abarbeitet. Mit manchen Werkzeugen kommt man einfach schneller zum Ergebnis.


Ein weiteres Zitat aus dem SPON-Artikel:

(…) Mittlerweile klicken oder drücken wir auf bunte Icons, und auf magische Weise tut die Technik Dinge, die sich jemand anderes vorher ausgedacht hat. Dieser jemand arbeitet im Zweifelsfall für Google, Microsoft oder einen anderen Konzern.

Nein! Nein! Und nochmals: Nein! Es kommt nicht darauf an, ob die Programmentwickler für Apple, Google, Microsoft oder einen anderen Konzern arbeiten. Es würde sich an dem Grundproblem nichts ändern, wenn die Programme von einer DVD mit dem freien Betriebssystem Ubuntu stammten. Es kommt darauf an, was wir mit der Technik tun und ob wir die Ergebnisse richtig einordnen, die uns auf dem Monitor angezeigt werden.


In dem SPON-Artikel wird nun eine Gruppe aus drei Berliner Studenten vorgestellt, die folgendes getan haben:

Die Berliner Studentin Fiona Krakenbürger hat die harte Tour gewählt und zwei computeraffine Freunde dazu gebracht, sich mit ihr die Maschinensprache Assembler vorzunehmen. Erste Lektion: Weg mit Windows, Linux auf den Laptop installieren. „Ich kann meinen Computer mit einem Terminal bedienen, ohne grafische Benutzeroberfläche. Das ist ein starkes Gefühl. Damit kann ich Produktvorgaben unterwandern oder sogar verändern“, sagt Krakenbürger.

Auch hier: Phrasen und Widersprüche. Erstens kann man die Beispiele aus einer Assembler-Einführung mit jedem Betriebssystem ausprobieren. Microsoft hindert niemanden daran, unter Windows programmieren zu lernen — im Gegenteil: Sie bieten sogar einige Werkzeuge kostenlos an. Viele andere Werkzeuge kann man sich als OpenSource-Software herunterladen und völlig problemlos unter Windows nutzen.

Zweitens: Als Anfängerin kann Frau Krakenbürger auch mit Linux überhaupt gar keine Produktvorgaben unterwandern oder »sogar verändern«. Das ist auch gar nicht notwendig. Ein Betriebssystem ist nichts als ein Mittel zum Zweck. Nebenbei gefragt: Wie »unterwandert« man überhaupt Produktvorgaben?

Drittens: Es ist völlig belanglos, ob ein Artikel auf dem Mac, auf einem Windows-PC, auf einem Linux-Rechner oder auf einem Server in der »Cloud« verfasst wurde. Ich muss dazu auch nicht wissen, mit welcher Software der Artikel geschrieben wurde. Entscheidend ist der Inhalt. Entscheidend ist der Nutzen für die Leser. Der zitierte SPON-Artikel nutzt allenfalls den Umsätzen im SPIEGEL-Shop ;-)


Schaut man sich das dort verlinkte Blog »fiona lernt programmieren« an, wird schnell klar: Die drei Studenten haben nicht das Programmieren gelernt, sondern sie haben die Vorgaben aus irgendwelchen Büchern oder Anleitungen abgetippt. Eine Zeile aus einem Chat-Protokoll in einem Artikel von Fiona zeigt das beispielhaft:

Hab zwar keinen Plan, was wir dann genau machen sollten in der Zeit, aber wir können ja auch einfach improvisieren.

Dieses Zitat mag willkürlich herausgegriffen sein, aber die Auswahl dieser Zeile ist wirklich nicht böse gemeint. Es befreit niemanden und es ist geradezu eine Verschwendung von Ressourcen und Zeit, die Programmierbeispiele in maschinennaher Sprache aus einem Buch abzutippen, wenn man diese Sprache privat und beruflich überhaupt nicht braucht. Man wird dabei nicht frei, sondern man ist abhängig von der jeweiligen Anleitung.

Abgesehen davon hat mich in dem Blog schon die Überschrift »C für Dummies« abgeschreckt. Kein Mensch ist ein Dummy, wenn er sich nicht selbst dazu macht. Auch wer planlos an das Programmieren herangeht, ist noch lange kein Dummy. Er hat vielleicht einfach zu viel Zeit …

Man hat natürlich beim Ausprobieren solcher Beispiele seine Aha-Effekte: Oh! Mit solch kryptischen Befehlen wird also ein Satz auf dem Monitor angezeigt. Aber entscheidend sind doch nicht die Befehle, mit denen die Zeichen auf den Schirm kommen. Entscheidend für den Nutzer ist die Bedeutung der Zeichen.

Wenn wir also über Freiheit reden wollen: Es befreit den Nutzer, wenn er Informationen richtig auswählt, wenn er sie richtig einordnet und wenn er sie richtig an andere weitergibt. Und nicht zuletzt: Wenn er sich gut überlegt, welche Informationen er weitergibt.


Ich habe in diesem Blog mit meinen bescheidenen Mitteln schon in etlichen Fällen bestimmte Statistiken und Zahlenangaben hinterfragt, die in der Presse kritiklos veröffentlicht wurden. Vielleicht konnte ich in dem einen oder anderen Fall für ein wenig Aufklärung sorgen.

Es ist bei der Wertung der Zahlen jedenfalls völlig belanglos, mit welchen Programmiersprachen und mit Hilfe welcher Datenbanken die dynamischen Webseiten erstellt wurden, die man z. B. bei SPON oder bei der Greenwashing-Aktion »Stadtradeln« zu Gesicht bekommt. Entscheidend sind die Zahlen. Entscheidend ist, ob Ihr die Zahlen glaubt, oder ob Ihr Euch mit den Zahlen einwickeln lasst.


Während ich diesen Artikel schreibe, wäscht unsere Waschmaschine gerade meine Trainingsbekleidung vom Wochenende. Die Waschmaschine ist einer der Aufhänger des SPON-Artikels und gleichzeitig ein weiteres Indiz für seine Sinnlosigkeit.

Es stimmt vermutlich, dass in einer Waschmaschine heute mehr Rechenleistung steckt, als früher in einem Computer zu finden war. Aber diese Rechenleistung dient zu meinem Nutzen. Mit einer modernen Waschmaschine kann ich die Ressourcen Zeit, Energie und Wasser besser ausnutzen, wenn ich die richtigen Knöpfe drücke.

Als Nutzer bin ich nicht in der Hand der Schaltkreise und Waschprogramme, sondern ich kann im Handbuch der Waschmaschine zu jedem Waschprogramm erfahren, wie viel Wasser verbraucht wird, bei welcher Temperatur gewaschen wird und wie schnell die Wäsche geschleudert wird. Dafür muss ich aber nicht die Maschinenbefehle kennen, mit denen die Waschmaschine programmiert wurde.

Wenn ich meine Trainingsbekleidung mit dem 95°-Programm waschen würde, müsste ich nach dem Waschgang wohl nun noch einen Klumpen Kunstfasern aus der Waschmaschine holen. Dafür wäre dann aber nicht die Maschine verantwortlich und erst recht nicht der Hersteller; auch nicht die Programmierer bei Miele.

Natürlich wäre ich als Anwender verantwortlich, weil ich die Maschine falsch eingesetzt hätte. Tiefe Kenntnisse über die Interna der Maschinensteuerung sind für die Entscheidung über das richtige Waschprogramm völlig irrelevant.

Ich würde gern in diesem Sommer einige Artikel darüber schreiben, was man über Computer wirklich wissen sollte und was uns wirklich frei macht. Hat jemand Interesse? ;-)