Halloween: Blätter und Licht

31. Oktober 2012


Blätter und Licht …


Erich Kästners »Fabian« und zwei weitere Artikel zum Qualitätsjournalismus

29. Oktober 2012

Hajo Schumacher (»Achim Achilles«) hat für die Nachrichtenagentur dapd den siebten Beitrag der Serie zum Qualitätsjournalismus geschrieben. Sein Artikel fällt positiv auf: Er zeigt wenigstens Ansätze von Kritik und Selbstkritik. Schon im ersten Abschnitt stellt er die Frage:

Warum eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Journalismus allein würde schon reichen.

und ich wüsste zu gern, was die anderen Autoren dazu gesagt hätten. Denn in der Tat würden viele Probleme der Zeitungen nicht in dieser verschärften Form auftreten, wenn sich die Leserinnen und Leser auf das journalistische Handwerk verlassen könnten. Die schönste Stelle will ich hier noch wiedergeben, bevor ich auch an diesem Artikel noch etwas kritisieren muss:

Arbeitspsychologen behaupten, dass Anerkennung die mächtigste Triebfeder des Menschen ist, weit stärker als Geld oder Macht. Die Medienwelt hat vieles dazu getan, die Anerkennung für die eigene Arbeit zu ruinieren. Auf unzähligen Podien, Foren und Fachtagungen haben sich Medienmenschen gegenseitig vorlamentiert, dass alles den Bach runter geht. Wäre doch all diese Larmoyanz-Energie in Kreativität und neue Produkte geflossen. [Hervorhebung von mir.]


Allerdings kann es auch Schumacher nicht lassen, dem Suchmaschinenkonzern Google vor das Schienbein zu treten. Er schreibt über die Google-Eigentümer:

Das mühsame Content-Geschäft delegieren die jungen Herren, aber die Vermarktungsmaschine steuern sie virtuos.

Das ist gewagt: Zeitungen gab es lange vor Google. Ich glaube nicht, dass Google irgendeine Zeitung dazu zwingt, ihren Inhalt durchsuchen zu lassen. Jede Zeitung kann für sich entscheiden, ob sie gefunden werden will.

Wenn eine Zeitung im Netz nicht via Google gefunden werden will und wirklich gut ist, dann wird sie über tausende Links in anderen Digitalmedien aufgerufen (Blogs, Facebook, Twitter, Apps …).


Als ich Schumachers provokanten Beitrag las, kam mir unwillkürlich Erich Kästners Roman »Fabian« in den Sinn, in dem der Titelheld in einer Redaktion der frühen 1930er Jahre den Journalisten beim Arbeiten zusehen darf. Dort erkennt man, wie scharf und unerbittlich Erich Kästner beobachtet hat.

Ich habe den Roman am Wochenende noch einmal gelesen — eigentlich müsste man die Kästner-Zitate über den Journalismus von 1931 mit etlichen hochtrabenden Sprüchen aus der dapd-Serie von 2012 zu einer Collage zusammenstellen. Denn machen wir uns nichts vor: Wesentlich besser als in der Weimarer Republik ist es kaum geworden.

Der Roman »Fabian« sollte übrigens ursprünglich »Der Gang vor die Hunde« heißen …


Und dann gab es in der dapd-Serie noch einen achten Artikel. Er stammt von einem (typischen?) Vertreter der Content-Industrie:

Frank Briegmann ist President von Universal Music Deutschland, Österreich, Schweiz

Der Artikel ist so leer, dass ich daraus nichts zitieren und daran nichts kritisieren kann. Das kommt sehr selten vor.



Die F.A.Z. berichtet vom Scheidungsmarkt

28. Oktober 2012

Heute habe ich in der F.A.Z. einen Artikel gefunden, der sich mit dem Markt für Dienstleistungen rund um die Scheidung befasst. Illustriert ist er mit dem Bild einer jungen Frau im Brautkleid, die auf einem Schrottplatz auf einen Kleinwagen einhämmert.


In der brand eins vom November habe ich zwei interessante Zahlen gesehen:

Risiko der Scheidung einer ersten Ehe: 50%
Risiko der Scheidung einer zweiten Ehe: 60%



Katja Kipping und die Stücke vom großen Kuchen

27. Oktober 2012

Katja Kipping hat für die Zeitschrift »Cicero« eine Suada für das Bedingungslose Grundeinkommen aufgeschrieben. Interessant ist vor allem der zweite Teil des Artikels: Dort setzt sich Katja Kipping mit den Einwänden gegen das BGE auseinander, die ihr genehm sind. Man gewinnt den Eindruck, dass sie eine Geschichte aus einem schönen Tagtraum erzählt. Eine der schönsten Stellen:

Das Grundeinkommen refinanziert sich zu fast einem Drittel selbst. Es gilt die Faustformel, dass ca. dreißig Prozent der staatlichen Ausgaben, die sich in Einkommenssteigerungen gerade bei den untersten Einkommensschichten bemerkbar machen, sich durch erhöhte Nachfrage steuerlich amortisieren.

Wie kann man diese märchenhafte Amortisierungsquote erreichen? Dazu singt uns Frau Kipping ein weiteres Mal das Lied von der Umverteilung. Es klingt aber immer noch nicht besser.

Denn wenn man den einen Geld wegnimmt, um es den anderen zu geben, dann mag aus der Gruppe der Empfänger die Nachfrage nach bestimmten Waren steigen. Aber zur gleichen Zeit sinkt die Nachfrage nach anderen Waren — nämlich nach denen, die sich die unfreiwilligen Geber gern gekauft hätten. Außerdem hat die Umverteilung einen Wirkungsgrad von deutlich unter 100%. Im Ergebnis entsteht also für alle ein Verlust an Wohlstand.


Frau Kipping befasst sich (natürlich) nicht mit Einwänden, die aus wirtschaftlicher, ethischer und psychologischer Sicht gegen ein BGE sprechen: Die Gefahr einer schnell drehenden Inflationsspirale, die Loslösung der Rechte von den Pflichten oder die falschen ökonomischen Anreize. Ich will meine Einwände hier nicht wiederholen.

Die Vorsitzende der Linkspartei scheint mir zu den Anhängern der »Kuchenrechnung« zu gehören: Für diese Leute besteht die Welt aus lauter Kuchen, die einfach nur »gerechter« verteilt werden müssen. So schreibt Frau Kipping über die Arbeit:

Das Grundeinkommen hätte den Effekt, dass viele Vollzeitbeschäftigte kürzer treten würden, weil sie mehr Zeit mit der Familien, in Muße oder mit bürgerschaftlichem Engagement verbringen könnten. Somit würden Arbeitsplätze für Erwerbslose geschaffen.

Die Wahrheit ist: Viele Vollzeitbeschäftigte arbeiten deshalb jede Woche so lange, weil sie aufgrund ihrer Kompetenz gebraucht werden, weil sie mehr Verantwortung übernehmen und weil ihnen die Arbeit etwas bedeutet. Die Anforderungen an diese Gruppen steigen.

Man kann Vollzeitbeschäftigte in der Wirtschaft nicht beliebig durch Leute ersetzen, die fachlich gar nicht für den Job geeignet sind und (oder) bisher eher wenig Verantwortung übernommen haben. Arbeit ist eben kein Kuchen, den man einfach nur »gerechter« oder »besser« verteilen muss.

Frau Kippings Vorstellung von der Umverteilung der Einkommen und von der gleichzeitigen Umverteilung der Arbeit ist naiv: Damit überhaupt Geld zum Umverteilen vorhanden ist, muss es durch die richtigen Leute erwirtschaftet werden. Wenn diese Leute »kürzer treten«, dann sinken ihre Leistung und ihre Einkommen — folglich gibt es weniger Geld und weniger Güter zum Umverteilen.

In letzter Konsequenz laufen Frau Kippings Vorstellungen auf eine DDR 2.0 hinaus. Man lebt eine Weile von der Substanz und dann sinkt die Leistung der Wirtschaft rapide ab. Dann gehen die besten Leute ins Ausland. Dann muss man die verbleibenden Leute daran hindern. Dann bindet das Überwachen und Umverteilen immer mehr Ressourcen. Und schließlich kollabiert das System. Das wollte ich eigentlich kein zweites Mal erleben …



Das dapd-Blog zum Qualitätsjournalismus: Beitrag 6

25. Oktober 2012

Man kann einen Beitrag ja auf unterschiedliche Weise einleiten: Man beginnt mit einem aktuellen Beispiel, man stellt eine Frage, man macht einen Scherz — oder man kommt unvermittelt zur Sache. Im sechsten Beitrag der dapd-Serie stellt der SPD-Experte Marc Jan Eumann ganz unvermittelt die Systemfrage

Wer soll das bezahlen?

und offensichtlich soll das kein Scherz sein. Allmählich fragt man sich beim Lesen dieser Serie: Geht es den Autoren nur noch um das Geld oder geht es auch irgendwann wieder um die Qualität? Marc Jan Eumann stellt sich und uns folgende Frage:

Was kann diese Gesellschaft unternehmen, um den Strukturwandel der Finanzierung von Öffentlichkeit, zu der Journalisten einen wichtigen Beitrag leisten, zu begleiten?

Was verbirgt sich wohl hinter der Wendung »Finanzierung von Öffentlichkeit«? Und wozu leisten Journalisten einen maßgeblichen Beitrag? Zur Öffentlichkeit oder zur Finanzierung?
Den Rest des Beitrags lesen »


Empörungswelle nach einer Meldung auf einer Anti-Hartz-IV-Seite

25. Oktober 2012

Volkshochschulen galten früher als brav und bieder. Das ist Vergangenheit. Die VHS Osterode/Harz hat das virale Marketing für sich entdeckt. Sie bietet folgenden Kurs an:

Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim Zugang zu bestimmten Berufen, beispielsweise als Bauhelfer, eine große Einstellungshürde sein. In diesem Kurs versuchen wir, durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderungen auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer zu machen. Ein entsprechender Kurs für Frauen ist in Vorbereitung – nähere Infos sind in der KVHS-Geschäftsstelle erhältlich.

Eine Anti-Hartz-IV-Seite hat den Aprilscherz für bare Münze genommen und gleich noch etwas hinzugedichtet:

Jobcenter-Kurs: De-Qualifizierung von Akademikern
Ein „Dozententeam“ des Jobcenters Osterode bietet in den Räumlichkeiten der Volkshochschule Osterode einen „De-Qualifizierungskurs“ für Erwerbslose mit einem akademischen Abschluss an.

Von einem Angebot des Jobcenters ist aber in dem VHS-Prospekt gar nicht die Rede. Die Empörungswelle kann man über Rivva verfolgen. Hoffentlich bringt die Aktion der VHS ein paar Teilnehmer. Für den Kurs »Grundlagen des verstehenden Lesens«.



Kausalität?

25. Oktober 2012

Die Redaktion der »Sächsischen Zeitung« hat heute auf der Titelseite eine ganz besondere Meldung für uns:

Rentnern winkt Zuschlag von 1,3 Prozent
Die Senkung des Beitragssatzes sorgt überraschenderweise auch für höhere Altersgelder

An der Unterzeile der Überschrift stimmt fast gar nichts. Erstens ist an der Angelegenheit überhaupt nichts »überraschend«: Die entsprechenden Regelungen stehen in den Gesetzen und Verordnungen. Sie werden einfach nur abgewendet.

Zweitens stimmt es volkswirtschaftlich nicht: Es wird aufgrund der Konjunkturentwicklung eine Senkung der Beiträge geben. Es wird aufgrund der Konjunkturentwicklung ein Plus bei der Rente geben.

Die Senkung auf der einen Seite und die Erhöhung auf der anderen Seite sind — nicht überraschend! — von der volkswirtschaftlichen Entwicklung abhängig.

Aber die Senkung »sorgt« nicht für die Erhöhung. Lediglich die exakte Höhe des Zuschlags bei der Rente wird aus der Entwicklung der Beiträge abgeleitet.