Halloween: Blätter und Licht

31. Oktober 2012


Blätter und Licht …


Erich Kästners »Fabian« und zwei weitere Artikel zum Qualitätsjournalismus

29. Oktober 2012

Hajo Schumacher (»Achim Achilles«) hat für die Nachrichtenagentur dapd den siebten Beitrag der Serie zum Qualitätsjournalismus geschrieben. Sein Artikel fällt positiv auf: Er zeigt wenigstens Ansätze von Kritik und Selbstkritik. Schon im ersten Abschnitt stellt er die Frage:

Warum eigentlich „Qualitätsjournalismus“? Journalismus allein würde schon reichen.

und ich wüsste zu gern, was die anderen Autoren dazu gesagt hätten. Denn in der Tat würden viele Probleme der Zeitungen nicht in dieser verschärften Form auftreten, wenn sich die Leserinnen und Leser auf das journalistische Handwerk verlassen könnten. Die schönste Stelle will ich hier noch wiedergeben, bevor ich auch an diesem Artikel noch etwas kritisieren muss:

Arbeitspsychologen behaupten, dass Anerkennung die mächtigste Triebfeder des Menschen ist, weit stärker als Geld oder Macht. Die Medienwelt hat vieles dazu getan, die Anerkennung für die eigene Arbeit zu ruinieren. Auf unzähligen Podien, Foren und Fachtagungen haben sich Medienmenschen gegenseitig vorlamentiert, dass alles den Bach runter geht. Wäre doch all diese Larmoyanz-Energie in Kreativität und neue Produkte geflossen. [Hervorhebung von mir.]


Allerdings kann es auch Schumacher nicht lassen, dem Suchmaschinenkonzern Google vor das Schienbein zu treten. Er schreibt über die Google-Eigentümer:

Das mühsame Content-Geschäft delegieren die jungen Herren, aber die Vermarktungsmaschine steuern sie virtuos.

Das ist gewagt: Zeitungen gab es lange vor Google. Ich glaube nicht, dass Google irgendeine Zeitung dazu zwingt, ihren Inhalt durchsuchen zu lassen. Jede Zeitung kann für sich entscheiden, ob sie gefunden werden will.

Wenn eine Zeitung im Netz nicht via Google gefunden werden will und wirklich gut ist, dann wird sie über tausende Links in anderen Digitalmedien aufgerufen (Blogs, Facebook, Twitter, Apps …).


Als ich Schumachers provokanten Beitrag las, kam mir unwillkürlich Erich Kästners Roman »Fabian« in den Sinn, in dem der Titelheld in einer Redaktion der frühen 1930er Jahre den Journalisten beim Arbeiten zusehen darf. Dort erkennt man, wie scharf und unerbittlich Erich Kästner beobachtet hat.

Ich habe den Roman am Wochenende noch einmal gelesen — eigentlich müsste man die Kästner-Zitate über den Journalismus von 1931 mit etlichen hochtrabenden Sprüchen aus der dapd-Serie von 2012 zu einer Collage zusammenstellen. Denn machen wir uns nichts vor: Wesentlich besser als in der Weimarer Republik ist es kaum geworden.

Der Roman »Fabian« sollte übrigens ursprünglich »Der Gang vor die Hunde« heißen …


Und dann gab es in der dapd-Serie noch einen achten Artikel. Er stammt von einem (typischen?) Vertreter der Content-Industrie:

Frank Briegmann ist President von Universal Music Deutschland, Österreich, Schweiz

Der Artikel ist so leer, dass ich daraus nichts zitieren und daran nichts kritisieren kann. Das kommt sehr selten vor.



Die F.A.Z. berichtet vom Scheidungsmarkt

28. Oktober 2012

Heute habe ich in der F.A.Z. einen Artikel gefunden, der sich mit dem Markt für Dienstleistungen rund um die Scheidung befasst. Illustriert ist er mit dem Bild einer jungen Frau im Brautkleid, die auf einem Schrottplatz auf einen Kleinwagen einhämmert.


In der brand eins vom November habe ich zwei interessante Zahlen gesehen:

Risiko der Scheidung einer ersten Ehe: 50%
Risiko der Scheidung einer zweiten Ehe: 60%



Katja Kipping und die Stücke vom großen Kuchen

27. Oktober 2012

Katja Kipping hat für die Zeitschrift »Cicero« eine Suada für das Bedingungslose Grundeinkommen aufgeschrieben. Interessant ist vor allem der zweite Teil des Artikels: Dort setzt sich Katja Kipping mit den Einwänden gegen das BGE auseinander, die ihr genehm sind. Man gewinnt den Eindruck, dass sie eine Geschichte aus einem schönen Tagtraum erzählt. Eine der schönsten Stellen:

Das Grundeinkommen refinanziert sich zu fast einem Drittel selbst. Es gilt die Faustformel, dass ca. dreißig Prozent der staatlichen Ausgaben, die sich in Einkommenssteigerungen gerade bei den untersten Einkommensschichten bemerkbar machen, sich durch erhöhte Nachfrage steuerlich amortisieren.

Wie kann man diese märchenhafte Amortisierungsquote erreichen? Dazu singt uns Frau Kipping ein weiteres Mal das Lied von der Umverteilung. Es klingt aber immer noch nicht besser.

Denn wenn man den einen Geld wegnimmt, um es den anderen zu geben, dann mag aus der Gruppe der Empfänger die Nachfrage nach bestimmten Waren steigen. Aber zur gleichen Zeit sinkt die Nachfrage nach anderen Waren — nämlich nach denen, die sich die unfreiwilligen Geber gern gekauft hätten. Außerdem hat die Umverteilung einen Wirkungsgrad von deutlich unter 100%. Im Ergebnis entsteht also für alle ein Verlust an Wohlstand.


Frau Kipping befasst sich (natürlich) nicht mit Einwänden, die aus wirtschaftlicher, ethischer und psychologischer Sicht gegen ein BGE sprechen: Die Gefahr einer schnell drehenden Inflationsspirale, die Loslösung der Rechte von den Pflichten oder die falschen ökonomischen Anreize. Ich will meine Einwände hier nicht wiederholen.

Die Vorsitzende der Linkspartei scheint mir zu den Anhängern der »Kuchenrechnung« zu gehören: Für diese Leute besteht die Welt aus lauter Kuchen, die einfach nur »gerechter« verteilt werden müssen. So schreibt Frau Kipping über die Arbeit:

Das Grundeinkommen hätte den Effekt, dass viele Vollzeitbeschäftigte kürzer treten würden, weil sie mehr Zeit mit der Familien, in Muße oder mit bürgerschaftlichem Engagement verbringen könnten. Somit würden Arbeitsplätze für Erwerbslose geschaffen.

Die Wahrheit ist: Viele Vollzeitbeschäftigte arbeiten deshalb jede Woche so lange, weil sie aufgrund ihrer Kompetenz gebraucht werden, weil sie mehr Verantwortung übernehmen und weil ihnen die Arbeit etwas bedeutet. Die Anforderungen an diese Gruppen steigen.

Man kann Vollzeitbeschäftigte in der Wirtschaft nicht beliebig durch Leute ersetzen, die fachlich gar nicht für den Job geeignet sind und (oder) bisher eher wenig Verantwortung übernommen haben. Arbeit ist eben kein Kuchen, den man einfach nur »gerechter« oder »besser« verteilen muss.

Frau Kippings Vorstellung von der Umverteilung der Einkommen und von der gleichzeitigen Umverteilung der Arbeit ist naiv: Damit überhaupt Geld zum Umverteilen vorhanden ist, muss es durch die richtigen Leute erwirtschaftet werden. Wenn diese Leute »kürzer treten«, dann sinken ihre Leistung und ihre Einkommen — folglich gibt es weniger Geld und weniger Güter zum Umverteilen.

In letzter Konsequenz laufen Frau Kippings Vorstellungen auf eine DDR 2.0 hinaus. Man lebt eine Weile von der Substanz und dann sinkt die Leistung der Wirtschaft rapide ab. Dann gehen die besten Leute ins Ausland. Dann muss man die verbleibenden Leute daran hindern. Dann bindet das Überwachen und Umverteilen immer mehr Ressourcen. Und schließlich kollabiert das System. Das wollte ich eigentlich kein zweites Mal erleben …



Das dapd-Blog zum Qualitätsjournalismus: Beitrag 6

25. Oktober 2012

Man kann einen Beitrag ja auf unterschiedliche Weise einleiten: Man beginnt mit einem aktuellen Beispiel, man stellt eine Frage, man macht einen Scherz — oder man kommt unvermittelt zur Sache. Im sechsten Beitrag der dapd-Serie stellt der SPD-Experte Marc Jan Eumann ganz unvermittelt die Systemfrage

Wer soll das bezahlen?

und offensichtlich soll das kein Scherz sein. Allmählich fragt man sich beim Lesen dieser Serie: Geht es den Autoren nur noch um das Geld oder geht es auch irgendwann wieder um die Qualität? Marc Jan Eumann stellt sich und uns folgende Frage:

Was kann diese Gesellschaft unternehmen, um den Strukturwandel der Finanzierung von Öffentlichkeit, zu der Journalisten einen wichtigen Beitrag leisten, zu begleiten?

Was verbirgt sich wohl hinter der Wendung »Finanzierung von Öffentlichkeit«? Und wozu leisten Journalisten einen maßgeblichen Beitrag? Zur Öffentlichkeit oder zur Finanzierung?
Den Rest des Beitrags lesen »


Empörungswelle nach einer Meldung auf einer Anti-Hartz-IV-Seite

25. Oktober 2012

Volkshochschulen galten früher als brav und bieder. Das ist Vergangenheit. Die VHS Osterode/Harz hat das virale Marketing für sich entdeckt. Sie bietet folgenden Kurs an:

Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion kann beim Zugang zu bestimmten Berufen, beispielsweise als Bauhelfer, eine große Einstellungshürde sein. In diesem Kurs versuchen wir, durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderungen auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer zu machen. Ein entsprechender Kurs für Frauen ist in Vorbereitung – nähere Infos sind in der KVHS-Geschäftsstelle erhältlich.

Eine Anti-Hartz-IV-Seite hat den Aprilscherz für bare Münze genommen und gleich noch etwas hinzugedichtet:

Jobcenter-Kurs: De-Qualifizierung von Akademikern
Ein „Dozententeam“ des Jobcenters Osterode bietet in den Räumlichkeiten der Volkshochschule Osterode einen „De-Qualifizierungskurs“ für Erwerbslose mit einem akademischen Abschluss an.

Von einem Angebot des Jobcenters ist aber in dem VHS-Prospekt gar nicht die Rede. Die Empörungswelle kann man über Rivva verfolgen. Hoffentlich bringt die Aktion der VHS ein paar Teilnehmer. Für den Kurs »Grundlagen des verstehenden Lesens«.



Kausalität?

25. Oktober 2012

Die Redaktion der »Sächsischen Zeitung« hat heute auf der Titelseite eine ganz besondere Meldung für uns:

Rentnern winkt Zuschlag von 1,3 Prozent
Die Senkung des Beitragssatzes sorgt überraschenderweise auch für höhere Altersgelder

An der Unterzeile der Überschrift stimmt fast gar nichts. Erstens ist an der Angelegenheit überhaupt nichts »überraschend«: Die entsprechenden Regelungen stehen in den Gesetzen und Verordnungen. Sie werden einfach nur abgewendet.

Zweitens stimmt es volkswirtschaftlich nicht: Es wird aufgrund der Konjunkturentwicklung eine Senkung der Beiträge geben. Es wird aufgrund der Konjunkturentwicklung ein Plus bei der Rente geben.

Die Senkung auf der einen Seite und die Erhöhung auf der anderen Seite sind — nicht überraschend! — von der volkswirtschaftlichen Entwicklung abhängig.

Aber die Senkung »sorgt« nicht für die Erhöhung. Lediglich die exakte Höhe des Zuschlags bei der Rente wird aus der Entwicklung der Beiträge abgeleitet.



Quitteronata

24. Oktober 2012

Ich hatte einer Bloggerkollegin etwas leichtsinnig versprochen, eine scharf-süße Konfitüre aus Quitten und Peperoni zu kochen, wie man sie in Italien manchmal zum Käse isst. Das Vorbild war die »Peperonata« (Paprikakonfitüre) von der »Fattoria La Vialla« — allerdings nicht in der süßen, sondern in der scharfen Version.

Heute hatte ich mein aktuelles Manuskript zur Post getragen und dann blieb plötzlich noch etwas Zeit. Bevor ich vergesse, wie es funktioniert hat, schreibe ich es auf. Und wer Lust hat, mag das Rezept nachkochen. Allerdings ist es kein Rezept für Anfänger: Ein klein wenig Erfahrung schadet nicht.


Ich verlose ein kleines Glas »Quitteronata« (scharf-süße Konfitüre aus Quitten, Äpfeln, Limetten und roten Peperoni) unter allen, die in den Kommentaren erkennen lassen, dass sie eins haben möchten. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mehr als ein Glas kann ich von dieser Charge nicht mehr abgeben.

Um meine Erfahrung offenzulegen: Ich habe in drei Jahren etwa ein Dutzend Mal Konfitüre, Marmelade oder Gelee gekocht und es ist nur eine einzige Charge misslungen ;-)

Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass kleine Gläser, passende Deckel, ein Marmeladentrichter und alle anderen Gerätschaften zum Einkochen bereitstehen und erzähle, wie ich es gemacht habe.


Zutaten

  • 2 sehr große gelbe Birnenquitten
  • 2 frische Äpfel (z.B. Cox Orange)
  • 2 längliche dunkelrote Peperoni (mittelscharf, 12cm)
  • 2 frische Limetten
  • 500 Gramm Gelierzucker der Sorte »2:1«
  • konzentrierter Quitten/Apfel-Saft pur zum Abschmecken

Zubereitung

  1. Limetten auspressen, Saft beiseite stellen.
  2. Quitten und Äpfel schälen, Kerngehäuse entfernen, in kleine Würfel schneiden.
  3. Peperoni putzen, entkernen, abspülen und in ganz dünne, kurze Streifen schneiden.
  4. Quitten- und Apfelwürfel mit den Peperonistreifen und wenig Wasser (oder Quittensaft) in einen Topf geben.
  5. Den Inhalt des Topfes erhitzen, kurz aufwallen lassen, dann die Hitze wegnehmen und einige Minuten ziehen lassen.
  6. Den Inhalt des Topfes in einem anderen Gefäß abkühlen und pürieren [man könnte es auch durch ein geeignetes Sieb drücken].
  7. Die pürierte Masse gut durchrühren. Limettensaft zugeben. Rühren.
  8. Das Volumen der Fruchtmasse kontrollieren, damit es zur Zuckermenge passt. Bei mir waren es etwa 1.000 Milliliter.
  9. Die Masse lauwarm werden lassen, mit dem Gelierzucker vermischen und gründlich rühren. Abschmecken. Falls es zu scharf ist: mit reichlich Saft oder etwas Zucker korrigieren.
  10. Wie üblich: Unter Rühren aufkochen, unter Rühren drei Minuten kochen lassen und sachgerecht in die vorbereiteten Gläser abfüllen.

Es gibt sehr unterschiedliche Peperoni-Arten. Man sollte unbedingt mit konzentriertem Quitten/Apfel-Saft gegensteuern können, falls es zu scharf wird. Die pürierte Masse kann wirklich verdammt scharf werden. Deshalb sollte immer etwas Weißbrot bereitstehen.

Für den erwähnten Saft entsafte ich sehr große gelbe Birnenquitten und Äpfel im Zahlenverhältnis 1:1 (inklusive Schalen und Kerngehäusen) mit relativ wenig Wasserzusatz, weil dann im Saft schon Pektin enthalten ist. Der Saft ist sehr aromatisch und wird im Kühlschrank ohne jeden Zuckerzusatz leicht dickflüssig. Er eignet sich auch gut für Gelee.


Als ich fertig war, habe ich gegoogelt, ob das Wort »Quitteronata« schon existiert. Google hat es nicht gefunden und jetzt ist es meins ;-)



Das dapd-Blog zum Qualitätsjournalismus: Beitrag 5

24. Oktober 2012

Der fünfte Beitrag des dapd-Blogs stammt von Paul-Josef Raue (Chefredakteur der »Thüringer Allgemeinen«) und trägt einen Titel, der auch in mein Blog passen würde:

Zeitungen müssen ein Markenartikel der Demokratie bleiben

Ein hoher Anspruch. Ein schöner Artikel. Doch davor sitzt ein zweifelnder Leser:

Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphären wag‘ ich nicht zu streben …

[Johann Wolfgang von Goethe: Faust I]


Im August und September 2012 musste ich mich mit gravierenden Recherchefehlern der »Sächsischen Zeitung« und anderer Dresdner Zeitungen beschäftigen. Ich greife die Vorgänge noch einmal kurz auf, weil ich sie an Paul-Josef Raues Maßstäben messen möchte.

Ich habe damals zwei Sachverhalte untersucht, die im Netz hohe Empörungswellen erzeugt hatten — die Empörung war aber bei nüchterner Betrachtung völlig ungerechtfertigt, weil die Zeitungsberichte falsch waren. Mein bitteres Fazit lautete:

Aber die Hauptverantwortung liegt bei der Presse: Wenn sie ohne Gegenrecherche eine Plattform für billigen Populismus bietet, wird das Vertrauen der Bürger in Rechtsstaat und Demokratie gestört.

Was die Zeitungsleser in der Hitze des Monats August auf Twitter und Facebook aus der Dresdner Presse wiedergegeben und kommentiert haben, sah in meiner Zusammenfassung etwa so aus:

Ungeschöntes Meinungsbild aus Twitter, Facebook, Blogs & Co.

Dieser Sturm der Entrüstung war ausgebrochen, nachdem ein Landtagsabgeordneter der Grünen in einer Pressemitteilung eine völlig absurde Behauptung aufgestellt hatte. Eine professionelle Aufbereitung des Falls findet man im Blog »Flurfunk«.


Die »Sächsische Zeitung« halluzinierte in einer Überschrift sogar einen »Sachsen-Trojaner« herbei. Das ist aus fachlicher Sicht völliger Blödsinn, weil ein »Trojaner« bekanntlich eine Schadsoftware ist, die auf den Rechner eines Nutzers eingeschleust wird und dessen Privatsphäre verletzt. Die Qualitätszeitung trat auf der Grundlage ihrer eigenen fehlerhaften Meldung nach:

In der SZ vom 7. August 2012 las man, die sächsische Staatsregierung plane den Ankauf einer Software für bis zu schlappen 390000 Euro, um erfahren zu wollen, worüber in sozialen Netzwerken wie Facebook diskutiert wird.
[…]
Dieser Innenminister oder wer da sonst verantwortlich ist, hat den Schuss nicht gehört; er hat auch die Urteile des Bundesverfassungsgerichts zur Verarbeitung personenbezogener Daten nicht gelesen, jedenfalls nicht verstanden.


[Hervorhebung von mir; Link zu einer Druckversion des Artikels; Abbruch vor dem Druck gegebenenfalls mit der Escape-Taste]


Und das soll ein Markenprodukt der Demokratie sein?


Es darf niemanden wundern, dass die Bürger ihrem Ärger Luft gemacht haben, nachdem sie glaubten, was da in der Zeitung stand. Ein solcher Shitstorm verschmutzt natürlich das Klima der Demokratie. Leider kam es niemals zu einem reinigenden Gewitter, weil die Zeitungen ihre Fehler nicht korrigiert haben.


Mehrere Dresdner Zeitungen haben also keinen Markenartikel der Demokratie hergestellt, sondern sie haben blanken Pfusch abgeliefert. Sie haben dabei nicht zuletzt gegen Grundregeln des journalistischen Handwerks verstoßen:

Sie haben Informationen ungeprüft übernommen. Sie haben falsch zitiert. Sie haben Zahlen aus ihrem Zusammenhang gerissen. Sie haben einen Staatsminister in völlig inakzeptabler Weise dargestellt.

In einer Demokratie soll und muss jede Kritik an der Regierung möglich sein. Dafür sind der Presse große Freiheiten garantiert. Was aber in den aufgedeckten Fällen geschah, kann man als fahrlässigen Umgang mit der Pressefreiheit ansehen. Das darf in einer »Qualitätsredaktion« niemals durchgehen.


Paul-Josef Raue schreibt große Worte:

Oft wird die journalistische Qualität allein an professionellen Kriterien gemessen. Doch guter Stil, Verständlichkeit oder saubere Recherche sind kein Selbstzweck. Wem nützt eine Überschrift, die ein neues Gesetz erläutert, wenn sie reizlos ist, wenn sie nicht einlädt zum Lesen?

Die Beherrschung des Handwerks und der klare Willen, dem Leser zu dienen, ist Voraussetzung für Qualität. Daraus wächst die Aufgabe, die Freiheit der Bürger zu sichern.


Zum Anspruch an die Beherrschung des Handwerks: Mit wenigen Klicks hätte jeder »Qualitätsjournalist« damals herausfinden müssen, wie es sich wirklich verhält. Ich würde die Fälle aus dem August und dem September 2012 übrigens in diesem Zusammenhang nicht mehr erwähnen, wenn die Fehler inzwischen transparent gemacht und berichtigt worden wären. Auch das sollte eigentlich zum Handwerk gehören. Welcher Eindruck hat sich wohl bei den Lesern festgesetzt, die es einfach ungeprüft geglaubt haben? 


Paul Josef Raue schreibt in seinem vorzüglich formulierten Gastbeitrag, der in jedem Redaktionsraum der »Sächsischen Zeitung« ausgehängt werden sollte:

Je tiefer wir kontrollieren, je genauer wir informieren, je stärker wir die Bürger mitwirken lassen, umso mündiger werden sie. Das bedeutet auch: Wenn der Journalismus dies nicht leistet, wird der Bürger entmündigt. Aus der Schwäche des Journalismus folgt die Schwäche der Demokratie. Wenn wir über den Wert des Journalismus sprechen, dann sprechen wir über den Wert unserer Gesellschaft.


Der Wert des Journalismus wird aber nur dann wieder steigen, wenn sich die Journalisten ihrer Verantwortung bewusst werden: Wer heute in einer Redaktion sitzt, hat es in der Hand, welchen Wert die Zeitung von morgen und die Demokratie von übermorgen hat.



Das dapd-Blog zum Qualitätsjournalismus: Beitrag 4

23. Oktober 2012

Inzwischen ist der vierte Beitrag des dapd-Blogs erschienen. Er stammt vom parlamentarischen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Hans-Joachim Otto (FDP) und hat den Hinweis auf das liebe Geld schon in der Titelzeile:

Guten Journalismus gibt es nicht umsonst

Um es vorwegzunehmen: Hans-Joachim Otto ruft nicht nach einem Zwangsgebührenssystem für die Finanzierung von Zeitungen. Das kann man fast schon als Lichtblick bezeichnen. Aber auch der FDP-Experte kann sich nicht von der Idee lösen, dass die Probleme des Journalismus ausschließlich mit Geld und Technik zu tun hätten.


Hans-Joachim Otto beschreibt die Rahmenbedingungen des Journalismus aus der Sicht eines liberalen Realpolitikers:

Dennoch liefert die Politik die Rahmenbedingungen für die Welt des Journalismus. Zu ihren Stellschrauben gehören heute die Sicherung der Pressefreiheit, die ermäßigten Steuersätze für Presseprodukte, die Unterstützung freier Journalisten durch die Künstlersozialkasse, die Sicherung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, um nur einige Punkte zu nennen.


Dann kommt er aber schnell zur Einnahmensituation. Er spricht sich vehement für ein Leistungsschutzrecht aus, als ob man damit alle Probleme des Journalismus beheben könnte.

Das Leistungsschutzrecht ist zweifelsohne auch ein wichtiger Beitrag zum Erhalt des Qualitätsjournalismus.

Wenn ein Politiker »zweifelsohne« sagt, ist höchste Vorsicht angesagt. Dann will er entweder eigene Zweifel überdecken oder fremdem Zweifel vorbeugen.

Vermutlich trifft in diesem Fall beides zu: Hans-Joachim Otto kann nicht ernsthaft glauben, dass Google nennenswerte Geldsummen zur Finanzierung des deutschen Qualitätsjournalismus beitragen wird. Und er kann nicht ernsthaft hoffen, dass seine These unwidersprochen bleibt.


Durch die bisher veröffentlichten Beiträge zieht sich eine bittere Klage: Die Konsumenten geben unter neuen Rahmenbedingungen nicht mehr genügend Geld für Zeitungen aus.

Aber merkwürdigerweise geben die Konsumenten gleichzeitig für viele andere Güter eine Menge Geld aus. Und die meisten dieser Güter sind nicht wirklich lebensnotwendig. Woran mag das wohl liegen? Als Marktwirtschaftler würde ich mich an diesem Punkt mit dem Nutzen der Produkte befassen …


Dankenswerterweise hat auch Hans-Joachim Otto die Marktwirtschaft noch nicht ganz vergessen. Als erster Autor redet er Klartext:

Die Insolvenz der Nachrichtenagentur dapd führt uns vielerlei vor Augen: dass Qualitätsjournalismus teuer ist; dass auch im Bereich des Journalismus die Grundregeln des Wettbewerbs gelten. Wettbewerb ist auch im Journalismus ein Qualitätssicherungsfaktor.

Im Interesse der Medienvielfalt ist es sicherlich bedauerlich, dass die Eigentümer nicht den langen Atem hatten, dapd bis zum Erreichen eines wettbewerbsfähigen und wirtschaftlich tragfähigen Zustands zu unterstützen.

Ich hoffe im Interesse des wirtschaftlichen und auch journalistischen Wettbewerbs, aber natürlich auch im Interesse der Mitarbeiter von dapd, dass eine gute Lösung zur Fortführung der Nachrichtenagentur gefunden wird.


Mit Hans-Joachim Ottos Hinweisen am Ende des vierten Beitrags geht es dann endlich in die richtige Richtung: Es kann den Zeitungsverlagen und den Journalisten nur besser gehen, wenn sie sich am Markt behaupten und den Kunden einen erkennbaren Nutzen bringen.

Doch das Vertrauen der Leser muss jeden Tag gefestigt werden. Kein Leser bezahlt seiner Tageszeitung fortwährend Geld für wortgetreu übernommene Pressemitteilungen, für Falschmeldungen, für unverschämte Schleichwerbung oder peinliche »Verlagssonderveröffentlichungen«. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man sagt: Jetzt reicht es.


Jetzt müsste sich nur noch jemand finden, der eine Erwiderung auf die bisher veröffentlichten Beiträge in das dapd-»Blog« setzt. Aber leider ist das bisher kein Blog, sondern nur eine Verlautbarungsplattform. Kommentare und Trackbacks sind dort nicht zugelassen. Vielleicht ist es deshalb in der Blogosphäre bisher kaum wahrgenommen worden.


Beim Lesen dieses vierten Beitrags habe ich mich kopfschüttelnd gefragt: Wann werden die Regierungspolitiker endlich begreifen und zugeben, dass man durch den Eingriff in die bestehenden Beziehungen zwischen Google und den Verlagen ganz genau gar kein Problem lösen kann?

Die Beziehungen zwischen Google und den Zeitungsverlagen sind durch ein beiderseitiges Geben und Nehmen gekennzeichnet. Kein einziger Verlag muss seine Beiträge von Google »finden« lassen. Jeder kann das verhindern. Aber merkwürdigerweise will jeder von Google gefunden werden.


Wenn ich als Blogger oder als Freiberufler von einer Suchmaschine gefunden werden will, dann trage ich zuerst meinen verschwindend kleinen Teil zur weltweiten Informationsbasis bei. Ich veröffentliche Texte und Bilder. Ich werde für andere interessant. Ich werde gefunden. Ich werde in Diskussionen verwickelt und verlinkt. Ich werde dann öfter gefunden. Ich bekomme Aufträge, die ich sonst nicht bekommen hätte.

Als beruflicher und privater Nutzer finde ich aber auch unendlich viele Informationen, auf die ich ohne Suchmaschine niemals gestoßen wäre. Ich habe von Google und anderen Suchmaschinen so oft profitiert, dass es mit Geld gar nicht zu bezahlen wäre.

Ich bin sicher: Auch in den Redaktionen dieses Landes wird täglich zehntausende Male Google aufgerufen — und es wird natürlich nicht dafür bezahlt. Warum sehen die Befürworter eines Leistungsschutzrechts immer nur die eine Seite des Gebens und Nehmens?


Als Ergänzung zum ursprünglichen Artikel an dieser Stelle ein Zitat aus dem verlinkten Artikel im »Cicero«:

Was dagegen nicht funktionieren wird, ist eine Haltung zu Google, die ein Großteil deutscher Verlage einnimmt: Sie wollen kostenlos gefunden werden und gleichzeitig für die Tatsache, dass ihre Inhalte gefunden werden, Geld verlangen. Tut also was, wenn euch Google nicht passt! Schafft Alternativen, wenn ihr könnt.

Nur eines, das wäre wirklich wunderbar: Hört endlich mit dem Lamento auf!


Um ein anderes Beispiel aus der Welt des bedruckten Papiers aufzugreifen: So wie der Blogger und Freiberufler arbeitet im Prinzip auch jeder Buchverlag. Er stellt Leseproben und Rezensionen ins Netz, um auf die Bücher aufmerksam zu machen. Er will gefunden werden und er wird auch gefunden.

Verfolgen wir Hans-Joachim Ottos Gedankengang einen Augenblick weiter. Was würde sich ändern, wenn die Buchverlage ein klein wenig Geld von Google dafür bekämen, dass ein paar Zeilen der Inhaltsangaben in Googles Datenbanken übernommen wurden? Es würden trotzdem nur die Bücher gekauft, die den Lesern einen erkennbaren Nutzen bringen.

Und warum sollte das auf Zeitungen nicht zutreffen?



Das dapd-Blog zum Qualitätsjournalismus: Beitrag 3

22. Oktober 2012

Am Anfang der neuen Woche noch eine kurze Notiz zum Thema Qualitätsjournalismus: In dem schon erwähnten dapd-Blog wurde der dritte Gastbeitrag veröffentlicht. Er stammt vom MDR-Hörfunkdirektor und stellvertretenden Intendanten Johann Michael Möller.

In allen drei bisherigen Beiträgen der Serie des dapd-»Blogs« ist mir aufgefallen: Es geht kaum um die Qualität — aber es geht immer um das liebe Geld.

Es wird immer wieder betont, dass Qualitätsjournalismus einen Preis habe. Aber es wird nie untersucht, welche Qualitätsprobleme es gibt und welche Ursachen sie haben. Der Gastautor Johann Michael Möller schreibt:

Und was wir außerdem wieder lernen müssen, ist die schlichte Tatsache, dass auch journalistische Qualität ihren Preis hat. Unsere Gesellschaft sollte in diesen komplizierten Zeiten wieder bereit sein, sich ihre verlässliche Unterrichtung und demokratische Teilhabe etwas kosten zu lassen.


Die schöne Formel

»Unsere Gesellschaft sollte bereit sein, sich XYZ etwas kosten zu lassen!«

ist aber nichts anderes als eine Chiffre für:

»Wir sollten eine Zwangsabgabe für XYZ einführen.«

Anstelle von XYZ kann man beliebige Ziele einsetzen. Eine Folge der Sentenz »Unsere Gesellschaft sollte bereit sein …« ist z. B. der ständig steigende Anteil der Steuern und Abgaben am Strompreis.


Der direkte Hinweis an die Politik darf folglich nicht fehlen. Möller schreibt den Politikern ins Stammbuch:

Und unsere Repräsentanten müssen begreifen, dass die Entwertung des Qualitätsjournalismus einhergeht mit dem Glaubwürdigkeitsverlust ihrer Politik.

Es wäre allerdings zu hinterfragen, ob der Glaubwürdigkeitsverlust der Politik nicht auch etwas mit dem Qualitätsverlust der Zeitungen zu tun haben könnte. In manchen Fällen hängt beides so eng zusammen, dass man trefflich über Ursache und Wirkung streiten könnte.


Das favorisierte Gebührenmodell hatte die Vorrednerin des MDR-Hörfunkdirektors als Vertreterin der potentiellen Nutznießer eines Zwangsgebührenmodells für Zeitungen bereits auf den Punkt gebracht:

Das öffentlich-rechtliche Modell (die Gesellschaft finanziert durch Gebühren, Steuern oder Haushaltsabgaben ein der Allgemeinheit verpflichtetes Medium) ist – trotz Drucks der Politik und Privatwirtschaft – bewährt im Rundfunk. Sollte der private Markt versagen und eine umfassende Information der Gesellschaft in Gefahr geraten, könnte das öffentlich-rechtliche Modell auch für andere Medienbereiche Pate stehen.

Das sind wohlklingende Worte mit zwei Schönheitsfehlern: Das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist weder ein besonders gutes Beispiel für Qualitätsjournalismus, noch ist es der Allgemeinheit verpflichtet.


Der Anteil der Ausgaben für politikbegleitenden Journalismus an den Gesamtkosten von ARD und ZDF dürfte recht gering sein. Mit den ständig überproportional steigenden GEZ-Gebühren wurde eine riesige Bürokratie aufgebaut. Es werden mit leichter Hand Unsummen für seichte Abendunterhaltung und für Sportrechte ausgegeben. Aber von wirklich investigativem und kritischem Journalismus hört man kaum noch etwas. Beispielhaft schreibt die Wikipedia zum Politmagazin »Monitor«:

Der Sendeplatz von Monitor, wie der der anderen ARD-Politmagazine auch, wurde in den letzten Jahrzehnten häufig geändert. Aktuell wird die Sendung im Wechsel mit Panorama und Kontraste am Donnerstag um 21:45 Uhr ausgestrahlt. Mit diesem Sendeplatz einher ging eine Kürzung auf nur noch 30 Minuten Länge. Andere Termine der letzten Jahre waren Donnerstag 20:15 Uhr und 21:00 Uhr.


Wenn wir uns einen Augenblick vorstellen, dass ein zwangsfinanziertes Modell für die Tageszeitungen eingeführt würde: Wäre das Ergebnis ein besserer Journalismus? — Nein, es geht nicht in erster Linie um das Geld. Antoine de Saint-Exupéry hat in »Wind Sand und Sterne« geschrieben:

Was können wir tun, um diese Befreiung des Menschen in uns zu fördern? […] Da sichert die Gesellschaft dem Dichter oder Forscher sein Brot, um seine schöpferische Arbeit zu ermöglichen; der Geförderte schläft träge ein. […] Was nützen uns die politischen Lehren, die den Menschen zu entwickeln versprechen, wenn wir von vornherein gar nicht wissen, was für Stoff ihnen zur Verfügung stehen wird?

Als Saint-Exupéry im Jahr 1939 diese Zeilen schrieb, gab es noch keinen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Heute kann man sehen, dass dass ein solches System die schöpferischen Journalisten weder anzieht noch fördert.

Das beste Beispiel dafür ist der MDR des Johann Michael Möller: Er ist bekannt für ein leichtes, gemütliches Unterhaltungsprogramm mit mitteldeutschem Lokalkolorit und ohne besonderen Tiefgang — aber ganz bestimmt nicht für investigativen und innovativen politikbegleitenden Qualitätsjournalismus. Wenn der Schunkelsender MDR das Vorbild für zwangsfinanzierte sächsische Lokalzeitungen sein soll, dann kann man sich den Weg zum Briefkasten sparen.


PS: Eigentlich sollte dieser Artikel am Ende der letzten Woche erscheinen und ich hatte ihn am Freitag auch schon begonnen, aber Freitag und Samstag waren dann sehr arbeitsreich. Um den ersten Blogger die Ehre zu geben: Der Beitrag des MDR-Hörfunkdirektors wurde zuerst in einem Lesehinweis im Medienblog Flurfunk erwähnt.



Herbst im Quadrat (2)

21. Oktober 2012
Ausflug in die Dresdner Heide: Herbst im Quadrat (2).

Ausflug in die Dresdner Heide: Herbst im Quadrat (2).


Noch ein paar Bilder aus dem fahrenden Zug …

20. Oktober 2012

zwischen Leipzig und Dresden — heute eher experimentell ;-)

Leipzig — Dresden (20.10.2012).


Musik zum Freitag: Türkisch angehauchte Variationen

19. Oktober 2012

Angeregt durch einen Artikel von Frau C. in »Zettels Raum«: Der türkische Pianist Fazil Say mit einer Jazz-Version des »Türkischen Marschs« und »Ah! vous dirai-je, Maman« von Wolfgang Amadeus Mozart.


Das Sächsische Gedenkstättenstiftungsgesetz und die ganz privaten Erinnerungen

17. Oktober 2012

Die Parteien CDU, FDP, SPD und Grüne sind im sächsischen Landtag kaum jemals einer Meinung. Jetzt ist einer dieser seltenen Fälle eingetreten: Zur Änderung des Sächsischen Gedenkstättenstiftungsgesetzes haben diese vier Parteien einen gemeinsamen Gesetzesentwurf eingebracht und schließlich auch beschlossen.


Ich habe den bisherigen Text und die Änderungen des Gesetzes in einem Anhörungsprotokoll des Landtags gefunden (PDF, 11 MByte). Darin liegt der Text ab Seite 103 leider nur in gescannter Form vor. Der Freistaat Sachsen verfolgt mit diesem Gesetz das Ziel

(…) die Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft der nationalsozialistischen Diktatur und der kommunistischen Diktatur, insbesondere der SED-Diktatur wach zu halten, den Widerstand gegen diese Diktaturen zu würdigen sowie die Strukturen und Methoden der jeweiligen Herrschaftssysteme für die Öffentlichkeit zu dokumentieren.

Zu den Gedenkstätten gehören Orte, an denen in der NS-Diktatur und in der kommunistischen Diktatur Menschen hingerichtet wurden, zum Beispiel am Münchner Platz in Dresden. Zu den Gedenkstätten gehören Orte, an denen uns die Singularität der NS-Verbrechen bewusst wird: In Pirna-Sonnenstein und in Großschweidnitz wird an die Opfer der Euthanasie erinnert.

Es gibt aber auch Gedenkstätten, die an alltägliche Zustände in Diktaturen erinnern: an die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, an die Misshandlung von Jugendlichen, an die Abschiebehaft politischer Häftlinge und an die Bespitzelung der Oppositionsgruppen.


Der CDU-Abgeordnete Prof. Dr. Günther Schneider sagte im Landtag:

Das neue Gedenkstättenstiftungsgesetz hat damit seinen Ursprung in der Mitte des Sächsischen Landtages und ist der wichtige Schlussstein eines langen Konsensprozesses zwischen den an der Gedenkstättenstiftung des Freistaates Sachsen beteiligten Opfergruppen

Auch der Grünen-Abgeordnete Dr. Karl-Heinz Gerstenberg begrüßte die Verabschiedung des neuen Gesetzes mit den Stimmen der CDU, FDP, SPD und der Grünen:

Gedenkstätten ermöglichen also nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der persönlichen Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft, eine kritische Auseinandersetzung mit politischen und ethischen Fragen der Gegenwart. Und damit haben sie eine hervorgehobene Bedeutung dafür, dass das Bewusstsein einer Gefährdung der Zivilisationsprozesse immer wieder wach gehalten wird.


Eine Partei fehlt in der Aufzählung: Die Linkspartei hat den Entwurf zur Änderung des Gesetzes nicht mit eingebracht und erwähnt die Verabschiedung bis Redaktionsschluss dieses Artikels auch nicht auf ihrer Fraktionswebsite. Das kann nicht verwundern: Die Mehrheit ihrer Mitglieder in Sachsen wird vermutlich auch heute noch bedauern, dass die DDR-Diktatur gestürzt wurde und dass der Freistaat Sachsen an besonderen Orten an die Opfer dieser Diktatur erinnert.

Bleibt zu hoffen, dass sich viele Bürger an den Gedenkstätten über die SED-Diktatur informieren und dass die Erben diese Partei folglich immer weniger Wählerstimmen bekommen. Dagegen hilft der SED-PDS-Linkspartei auch keine weitere Umbenennung ;-)


Man hat es an den Reaktionen auf den »Turm« wieder gesehen: Filme, Bücher und Originaldokumente über die DDR-Zeit bis 1989 bleiben wichtig.

Man liest zwar immer wieder, dass doch inzwischen aus dieser Zeit »alles aufgearbeitet« sei. Doch das stimmt nicht: Zum einen gerät ohne Gedenkstätten vieles in Vergessenheit. Und zum anderen sind auch Erinnerungen an Freundschaften über die innerdeutsche Grenze hinweg, an Ausreise oder Flucht und den Fall der Mauer im Grunde virtuelle Gedenkstätten. Sie rufen uns in Erinnerung, wie frei wir heute sind …



Das dapd-Blog mit Gastbeiträgen zur Qualität des Journalismus

16. Oktober 2012

Es begann mit einem Beitrag im Medienblog Flurfunk. Dort fand ich den Lesehinweis auf einen Beitrag von Johannes Beermann zur Qualität des Journalismus. Johannes Beermann ist Leiter der Sächsischen Staatskanzlei und Staatsminister für Medienpolitik und Medienrecht.


Wir haben ein Qualitätsproblem …

Die Dresdner Presse berichtet regelmäßig über die Arbeit der sächsischen Staatsregierung. Das ist ihre Aufgabe. Aber wird sie den Ansprüchen an Qualitätsjournalismus wirklich gerecht? In den letzten Monaten habe ich über einige schlecht recherchierte Artikel berichtet, die diesen Ansprüchen in keiner Weise standhalten.

Diese Zeitungsartikel gingen z. B. auf Pressemitteilungen von Politikern der Opposition zurück, deren Aussagen ungeprüft übernommen wurden. In diesen Artikeln wurde falsch zitiert, es wurde mit falschen Zahlen hantiert und es wurden falsche Schlüsse daraus gezogen. Ich konnte das nachweisen und andere haben es aufgegriffen.


… aber wir reden nicht darüber

Deshalb war ich gespannt, was Johannes Beermann zur Qualität der Berichterstattung schreiben würde. Denn die Staatsregierung kam in diesen Artikeln regelmäßig sehr schlecht weg. Um es kurz zu machen: Er konzentriert sich in seinem Artikel vor allem darauf, dass die Konsumenten nicht überall kostenlose Angebote erwarten sollten. Zur Qualität des Angebots macht er allenfalls Andeutungen:

Und wenn wir bereit sind, für Qualität auch etwas zu bezahlen, wird sich diese ganz nebenbei auch erhalten und durchsetzen. Am Angebot in unserem unendlich großen »Supermarkt der Kommunikationsmöglichkeiten« können wir nichts ändern. Aber Produkte von schlechter Qualität, die uns nicht schmecken, können wir ignorieren. So machen wir es im »richtigen« Supermarkt doch auch, oder?

Das sind sehr zurückhaltende Zeilen, wenn man weiß, dass Johannes Beermann selbst zum Opfer einer falschen Aussage auf einem Titelbild der Boulevard-Postille »Dresdner Morgenpost« wurde.


Es gibt keine Qualität ohne Qualitätskontrolle

Aber es ist leider auch ein Trugschluss: Qualität kommt nicht von selbst, wenn nur genügend Geld vorhanden ist. Qualität setzt sich nur dann durch, wenn es eine Qualitätskontrolle gibt. Es fehlt den Zeitungen an einer internen und an einer externen Qualitätskontrolle.

Es fehlt an aufmerksamen Leserinnen und Lesern, die öffentlich und in Leserbriefen Kritik an den Medien üben. Viele Menschen verzichten auf ihre Abonnements und auf den Zeitungskauf, weil sie denken: Ich kann doch ohnehin nichts ändern.

Das darf nicht das letzte Wort sein. Die Redaktionen müssen endlich umdenken und bereit sein, ihre eigenen Fehler offen einzugestehen. In der »Süddeutschen Zeitung« gibt es bereits entsprechende Ansätze. Das ist mutig.

Solange die Dresdner Presse ihre eigenen Fehlleistungen überhaupt nicht reflektiert und transparent macht, wird die Anzahl der verkauften Zeitungen weiter abnehmen — und man kann es den Dresdnern nicht verdenken.


Was sagt der Journalistenverband?

Als ich nach der Quelle für Johannes Beermanns Äußerungen suchte, stieß ich auf das Blog der Nachrichtenagentur dapd. Dort gibt es inzwischen einen zweiten Gastbeitrag. Er stammt von Ulrike Kaiser (Deutscher Journalistenverband). In den ersten Zeilen ihres Artikels fand ich diese erhebenden Worte:

Qualitätsjournalismus will jeder, findet auch jeder noch vor. In der Presse, im Rundfunk, im Internet, in Agenturen: Journalismus, der informiert, kritisiert, kontrolliert, der rechtliche und ethische Standards pflegt, der sorgfältig recherchiert, analysiert und orientierend einordnet, verständlich vermittelt, dabei auf Formenvielfalt achtet, der transparent und respektvoll mit dem Publikum umgeht und das eigene Handeln reflektiert.

Auch Ulrike Kaiser geht vorwiegend auf das Problem der Einnahmen ein. Sie bemängelt veränderte Konsumgewohnheiten und die mangelnde Bereitschaft der Kunden, für Journalismus einen adäquaten Preis zu zahlen. Aber sie hat nicht den Mut, ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen aufzufordern:

Überprüft die Zitate! Kontrolliert die Zahlen! Ihr seid kein Sprachrohr für Verlautbarungen! Zieht keine falschen Schlüsse aus einem Bruchteil der Statistik! Recherchiert selbst: Der Inhalt einer Zeitung darf nicht aus den Mitteilungen irgendwelcher Politiker abgeschrieben sein!

Das wäre mal ein Anfang. Die Artikel von Johannes Beermann und Ulrike Kaiser sind leider noch kein halber Schritt auf dem Weg zu einer Qualitätsverbesserung unserer Zeitungen. Beide drücken sich um das eigentliche Problem.


Abschreckende Modelle

Ulrike Kaiser weist in ihrem Beitrag darauf hin, dass es neben der privat finanzierten Presse zwei weitere Modelle gibt: Ein öffentlich-rechtliches Modell mit zwangsweise eingezogener Beitragszahlung und ein Stiftungsmodell. Beide Modelle schrecken mich ab.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf kein Vorbild für öffentlich-rechtliche Zeitungen sein. Er ist nicht den Zuschauern und auch nicht der Qualität, sondern vor allem den Parteien und Interessengruppen verpflichtet.

Jedes Stiftungsmodell ist mit Interessen verbunden — und ein »geförderter« Beitrag soll somit der Beeinflussung und im schlimmsten Fall der Umerziehung der Menschen dienen. Es werden heute schon hunderte Millionen Euro dafür ausgegeben. Die meisten Beobachter kritisieren es allerdings nur, wenn es dem politischen Gegner dient …



Die Erhöhung der Stromkosten: Brutto und Netto

15. Oktober 2012

Überall wird heute über eine Erhöhung der Zwangsumlage für Ökostrom auf 5.3 Cent berichtet [Beispiel]:

Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden steigen damit die Zusatzkosten von 125 auf knapp 185 Euro.

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Auf diese Zwangsumlage wird noch die Umsatzsteuer aufgeschlagen. Die Gesamtumlage beträgt damit brutto 6.3 Cent und die gesamte Zusatzbelastung steigt auf brutto 220 Euro.

Abgesehen davon: Die 3.500 Kilowattstunden sind als »Durchschnitt« auch ein verzerrter Wert. Die vielen Single-Haushalte brauchen natürlich nicht so viel Energie, wie eine Familie mit zwei Kindern. Die meisten Familien kommen nicht mit 3.500 Kilowattstunden aus.



Herbst im Quadrat (1)

14. Oktober 2012


Herbstbilder aus dem Botanischen Garten (14.10.2012).


Antoine de Saint-Exupéry: Ein Gebet zum Sonntag

14. Oktober 2012

In Kathrins Blog geht es heute um ein (mir) bisher unbekanntes Gebet von Antoine de Saint-Exupéry.

Ich habe diese Zeilen jetzt mehrere Male gelesen: Sie wirken auf mich merkwürdig unstrukturiert, als hätte ich die Notiz der ersten Idee aus einem Tagebuch vor mir. Vielleicht hatte der Autor nicht mehr genügend Zeit für eine endgültige Fassung? Vielleicht hat er die Notizen zeitweise weggelegt, weil er die Form des Gebets nicht mehr als angemessen empfand? Ich wüsste auch gern, wann diese Zeilen zum ersten Mal niedergeschrieben wurden und was dann mit ihnen geschehen ist. Bestimmt haben sie eine ganz eigene Geschichte.

Es gehören Glaube, Mut und Sendungsbewusstsein dazu, ganz persönliche Gedanken in ein Gebet zu kleiden und drucken zu lassen. Der Autor kann die Worte keiner Figur in den Mund legen und er kann sie auch nicht in Form einer alten Inschrift erscheinen lassen.


Inhaltlich streite ich schon beim ersten Lesen mit mir selbst: Es sind darin viele Denkanstöße enthalten, die man anderswo schon gelesen hat, die zeitlos gültig und doch so schwer in die Tat umzusetzen sind. Ich fühlte mich spontan an das Gebet um Gelassenheit erinnert, über das ich vor drei Jahren schon einmal gebloggt hatte. Aber auf der anderen Seite weiß ich mit einer gewissen Lebenserfahrung auch: Schon das Nachdenken über einen solchen Idealzustand ist Luxus.


Bei meiner Suche nach dem Ursprung des Zitats bin ich gerade auf »Die Stadt in der Wüste« gestoßen. Es ist ein unvollendetes Buch und 1948 posthum erschienen. Das würde erklären, was ich beim ersten Lesen empfand.


Zum Schluss noch mein Lieblingszitat von Antoine de Saint-Exupéry:

Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann,
wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat,
sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.

Das ist ein gutes Motto beim Schreiben und Korrekturlesen ;-)



Die »Energiewende«: Ein permanenter Abstieg

12. Oktober 2012

Der Begriff »Wende« hat in unserem Sprachgebrauch eine weitgehend positive Bedeutung. Mit der politischen Wende im Jahr 1989 verbinden wir einen großen Gewinn an Freiheit.

Vielleicht haben die Politiker und die Medien deshalb den Begriff »Energiewende« geprägt. Doch diese »Wende« hat für uns als Steuerzahler und Stromkunden schon lange keine positive Bedeutung mehr. Sie ist mit einem mehrfachen Verlust an Freiheit verbunden.

Hier ist die Geschichte eines Abstiegs in vier Stufen.


Stufe 1: Wir zahlen für Energie aus effizienteren Anlagen

Am Anfang stand die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung. Das war noch eine weitgehend sinnvolle Angelegenheit: Energieträger werden mit einem höheren Gesamtwirkungsgrad ausgenutzt. Einziger Kritikpunkt: Investitionen in Effizienz sollten sich in einer Marktwirtschaft auch ohne Förderung aus Zwangsabgaben rechnen.


Stufe 2: Wir zahlen für Energie aus ineffizienteren Anlagen

Dann kam die massive Förderung der Fotovoltaik. Sie ist in unseren Breiten nicht effizient und deshalb wird nur ein sehr geringer Teil des jährlichen Energiebedarfs aus Fotovoltaik-Anlagen gedeckt. Offensichtlicher Kritikpunkt: Die hohen Subventionen aus Zwangsabgaben haben hier den geringsten Wirkungsgrad. Doch wir werden gezwungen, dafür zu zahlen.


Stufe 3: Wir zahlen für Energie aus Nahrungsmitteln

Einer der schlimmsten Irrwege der sogenannten Energiewende ist die Förderung der Energiegewinnung aus »Biomasse«. Hier ist vor allem Kritik aus ethischer Sicht angebracht: Solange weltweit Menschen verhungern, dürfen Mais, Palmöl und andere Nahrungsmittel nicht zur Energiegewinnung eingesetzt werden. Doch wir werden gezwungen, dafür zu zahlen.


Stufe 4: Wir werden für Energie bezahlen, die es gar nicht gibt

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen wir als Stromkunden auch noch für die Auswirkungen der Fehlplanungen von Offshore-Windparks zahlen. Dann sind wir auf der bisher tiefsten Stufe angelangt: Wir zahlen eine Umlage und bekommen gar nichts dafür.


Stehen wir vor dem Übergang zur Planwirtschaft?

Oft wird nun argumentiert: Weil der Staat die Ziele der »Energiewende« vorgibt, stehen wir vor dem Übergang von der Marktwirtschaft zur Planwirtschaft. So sieht Zettel in der »Energiewende« eine Entscheidung für die Planwirtschaft. Er bezieht sich dabei auf einen Kommentar in der F.A.Z. vom 12.10.2012.

Ich sehe das etwas anders: Die Energiewende ist ein Beispiel für die katastrophalen Auswirkungen der lobbygetriebenen Subventionswirtschaft. Ein überzeugendes Indiz findet sich in vielen früheren Ausgaben der F.A.Z. — denn sie hat als eine der wichtigsten Wirtschaftszeitungen Deutschlands jahrelang über die Vorteile der staatlich unterstützten Investitionen in »erneuerbare Energiequellen« berichtet.

Das kann niemanden verwundern: Schließlich will sie ihrer Leserschaft beim Geldverdienen und Geldsparen helfen und somit muss sie auch über (falsche) staatliche Anreize berichten. Es ist also zu kurz gedacht, wenn man in der F.A.Z. nun mit dem Reizwort »Planwirtschaft« titelt, obwohl es eigentlich um eine massive Verzerrung der Anreize in einer Marktwirtschaft geht.


Eine Wende zur Unfreiheit

Ob man in der »Energiewende« eine Tendenz zur Planwirtschaft oder eine aus dem Ruder laufende Subventionswirtschaft sieht, spielt für die Bürger kaum eine Rolle: Der Verlust an Freiheit ist evident.

Wir dürfen nicht selbst entscheiden, ob wir die Energiegewinnung aus Lebensmitteln unterstützen wollen. Wir dürfen auch nicht entscheiden, ob wir unsere Umwelt mit immer mehr Windrädern belasten wollen. Wir dürfen nicht einmal entscheiden, welche Leuchtmittel uns am Abend Licht spenden werden.

Alle drei Verluste an Entscheidungsfreiheit kommen wirtschaftlichen Interessengruppen zugute: Den Bauern, den Ökostrom-Erzeugern und den Leuchtmittelproduzenten.

Weil man auch 2012 und in den folgendem Jahren jeden Euro nur einmal ausgeben kann, müssen wir als Steuerzahler und Stromkunden notwendigerweise bei den Ausgaben für andere Produkte und Dienstleistungen sparen. Unter dem Strich wird ein volkswirtschaftlicher Verlust entstehen. Den Verlust an Freiheit beklagen wir jetzt schon.



Umsatzsteuer auf gespendete Lebensmittel

11. Oktober 2012

Vor einiger Zeit gab es große Aufregung über die Umsatzsteuer-Nachforderungen der Finanzämter gegenüber Bäckern und Lebensmittelhändlern. Die reißerische Schlagzeile eines Fernsehmagazins legte nahe, dass eine ominöse Skandalsteuer die Tafeln für Bedürftige ins Aus treiben würde.

Der Fall gab mir damals Anlass zum Nachdenken über Empörungswellen und vorschnelle Urteile. Jetzt haben die Finanzbehörden eine Lösung gefunden. Das Sächsische Finanzministerium gibt bekannt:

Bei einer kostenlosen Abgabe von Lebensmitteln durch Bäckereien an die Tafeln kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums oder der Verkaufsfähigkeit als Frischware, die aus mildtätigen Zwecken erfolgt, wird von einer Umsatzbesteuerung abgesehen. […] Einzige Voraussetzung für die Inanspruchnahme dieser Regelung ist, dass eine Zuwendungsbestätigung für Spendenzwecke — wie auch bei einer Vernichtung der Lebensmittel — nicht ausgestellt wird.


In der Pressemitteilung wird der Zusammenhang noch einmal in ganz sachlicher Form erläutert. Leider wird man damit genau die Leute nicht erreichen, die im Juli ihre Wut auf den Staat und die Finanzämter herausgetwittert haben, ohne sich auch nur drei Minuten über den Sachverhalt zu informieren.



Zwei Dresdner Blogger schreiben über sächsische Zeitungen

9. Oktober 2012

Ein Lesehinweis in Sachen Medien: Ich möchte hier einen Artikel und einen Kommentar im Dresdner Medienblog »Flurfunk« verlinken, weil sie beispielhaft zeigen, mit wie viel Kompetenz und Herzblut man auf Internetplattformen über die sächsischen Zeitungen schreiben kann.

Der Artikel von Peter Stawowy weist auf eine Sendung heute Abend im MDR-Radio hin. Der Kommentar von Steffen Peschel geht auf den Nutzen für die Leser und auf Qualitätskriterien für gute Lokalzeitungen ein.

Für mich steht fest: Die klassischen gedruckten Zeitungen werden auch in einem Mix aus Digital- und Print-Angebot nur dann überleben, wenn sie sich für fachlich fundierte Kritik und Beratung öffnen. Sie müssen den Lesern wieder mehr Nutzen bringen. Sie haben keine Chance, solange sie nur das Mantra »Wir waren noch nie so gut wie heute« vor sich hertragen. Denn erstens bezahlt ihnen das keiner und zweitens stimmt es weder hinten noch vorn.



Das »Bild eines neuen Menschen« ist kein neues Bild

9. Oktober 2012

Der Piraten-Politiker Christopher Lauer beschreibt seine Partei mit Worten, die perfekt in das Programm der SED gepasst hätten:

Eine Partei, die ein positives Menschenbild vertritt: Nimm einem Menschen die Existenzangst und gib ihm die Möglichkeit sich frei zu entfalten, dann wird er sich zum Positiven entwickeln und etwas gesamtgesellschaftlich Sinnvolles tun.

Blicken wir 25 Jahre zurück: Auch in der DDR wurde bis zum letzten Tag das Bild von der allseitig entwickelte Persönlichkeit vermittelt, die im Sozialismus frei von Existenzangst aufwachsen darf und dadurch motiviert wird, etwas gesamtgesellschaftlich Sinnvolles zu tun.

Im Spielfilm »Der Turm« konnten Millionen Zuschauer sehen, mit welchen Methoden die Menschen motiviert wurden, etwas für die sozialistische Gesellschaft zu tun. An den Darstellungen im Film war nichts übertrieben: Sie zeigten den Alltag in einem System, in dem von oben vorgegeben wurde, was gesamtgesellschaftlich sinnvoll ist.


Nun behaupten die Piraten und andere moderne Linke gern: Die DDR war ein zwangskollektivistischer Staat. Wir vertreten dagegen eine freie und individualistische Position.

Das stimmt auf der Empfängerseite: Kaum jemand führte uns ein so freies Leben vor, wie die Piraten-Führungsfigur Johannes Ponader. Er ist sicher überzeugt, dass er in den letzten Jahren immer etwas gesamtgesellschaftlich Sinnvolles getan hat. Damit sich jeder in der gleichen Weise verwirklichen kann, fordert er ein hohes Grundeinkommen für jeden Bürger. Und seine Fans klatschen Beifall: Wenn wir die Banken retten, dann muss doch für ein Grundeinkommen auch Geld vorhanden sein.

Das Grundeinkommen ist keine Frage der Finanzierung: Nach der Dotcom-Blase, der Immobilien-Blase und der Staatsschulden-Blase könnte es auch noch eine Grundeinkommens-Blase geben. Dann drucken wir eben noch etwas Geld nach. Das tun wir ja für »die Banken« und für Griechenland auch.


Es stimmt aber auf der Leistungsseite nicht: Die Leistungen, die der individualistische Pirat zum Leben braucht, müssen erarbeitet werden. Der kostenlose Internetzugang und der kostenlose Nahverkehr für alle Bürger sind wunderschöne Vorstellungen. Eine Grundvoraussetzung für diese Leistungen ist aber bis heute schwere körperliche Arbeit. Jede Existenzsicherung muss erarbeitet werden.


Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist völlig nutzlos, wenn man sich für dieses Grundeinkommen nichts kaufen kann und wenn die lebensnotwendigen Leistungen nicht zur Verfügung stehen. Um nur wenige zu nennen: Versorgung mit Energie und Wasser, Entsorgung des Abwassers, Nahverkehr, Anschluss an die Datennetze.

Deshalb ist ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne verlässlich abgesicherte Arbeit nicht möglich. Daraus ergibt sich ein unauflösbarer Zielkonflikt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen verhindert auf der einen Seite jegliche finanzielle Sanktion. Es führt auf der anderen Seite zu ständig steigenden Ansprüchen der Beschäftigten, die materielle Leistungen und Werte erarbeiten. Es entsteht eine Lohn-Preis-Grundeinkommens-Spirale.


Die Leistungen werden in einer Marktwirtschaft im Spiel von Angebot und Nachfrage erarbeitet. Wer in einer Marktwirtschaft etwas anbietet, das andere aus freiem Willen nachfragen, tut damit automatisch etwas gesamtgesellschaftlich Sinnvolles.

Es steht überhaupt nicht in Frage, dass sich eine soziale Marktwirtschaft weiterentwickeln muss. Aber wenn man den Markt streicht, bleibt nur noch eine sozialistische Wirtschaft übrig. Wie das endet, konnte man (auch) im »Turm« sehen.


Eine Ergänzung: Die WELT befasst sich in einem längeren und teils sehr harten Artikel mit den Piraten [in meinen Augen teilweise zu hart]. Am Ende kommt der Autor aber zu dem sehr konsequenten Fazit:

Wenn somit der Hype um die Piraten auch erst einmal vorüber sein mag – das Potenzial des Grolls und der Verachtung für die institutionalisierten Formen von Politik, das sich unter ihrer Fahne zusammenfand, bleibt erhalten und kann in anderen Konstellationen ohne Weiteres wieder zum Ausbruch kommen.

Der „Dammbruch“, den die Piraten bereits jetzt erzielt haben, besteht darin, dass mit ihnen das antipolitische Ressentiment erstmals eine organisierte politische Form angenommen hat.

Von meiner Seite eine Ergänzung: Auch das antiökonomische Ressentiment hat dort eine politische Form angenommen. Darunter verstehe ich die Weigerung, sich über die Grundlagen unserer Wirtschaft und unseres Wohlstandes Gedanken zu machen. Es gibt m. W. keinen Piraten-Vertreter, der sich in der Öffentlichkeit fundiert zu volkswirtschaftlichen Fragen geäußert hätte.

Konsequenterweise werden dadurch Wählerinnen und Wähler angezogen, die sich ebenfalls keine Gedanken darüber machen, woher die finanziellen und materiellen Ressourcen für eine Gesellschaft mit hohem BGE kommen sollen.




Der Turm (2): Persönliche Anmerkungen

7. Oktober 2012

Heute ist der 7. Oktober. Es ist der Tag, an dem früher die DDR Geburtstag hatte. Am letzten Geburtstag der DDR stand ich allein in einer Um- und Ausbauwohnung im Dresdner Stadtteil Blasewitz und habe auf dem Dach des Hauses die Abdeckung eines großen Lichtschachts repariert.

Kurze Zeit später sind wir als sehr junge Familie in diese Wohnung eingezogen. Der Lichtschacht beleuchtete unsere Küche und in dieser Küche gab es eine Duschkabine, so wie man sie im ersten Teil des »Turm«-Films in der Wohnung von Josta sieht …


Der 7. Oktober ist für mich seit 1990 der Tag, an dem ich mich freue, dass es die DDR nicht mehr gibt. Als ich die ersten Szenen des zweiten Teils sah, wusste ich einmal mehr: Das wird immer so bleiben. Denn in diesen Szenen wird Christian Hoffmann auf brutale Weise in die real existierende Armee der DDR eingeführt. Nach der ersten halben Stunde wusste ich: Über den zweiten Teil des Films kann ich nicht so locker schreiben, wie über den ersten Teil.


In der Schule hatte Christian noch die Propaganda von der »sozialistischen Landesverteidigung« auswendig gelernt und vorgetragen. Nach der Einberufung erfuhr er am eigenen Leib, dass die NVA nichts als ein riesiger Unterdrückungsapparat war. Zur Verteidigung war diese Armee weitgehend ungeeignet, aber zum Schikanieren der jungen Wehrpflichtigen fehlte es nie an Ressourcen.

Die NVA war ein Unterdrückungsapparat, in dem sich die intelligenteren Offiziere oft bis zur Besinnungslosigkeit besoffen haben. Die NVA war ein Unterdrückungsapparat, in dem die dümmsten Offiziere die Soldaten manchmal bis in den Tod getrieben haben. Immer unter dem Deckmantel der DDR-Ideologie. Christian wurde aus dem »Turm« herausgerissen und diesem Unterdrückungsapparat ausgeliefert.


Christian schreibt im Film auf der Latrine einen Brief an seine Familie. Als ich ihn dort sitzen sah, musste ich an meine eigene Armeezeit denken. Ich habe meine 18 Monate im selben Alter und zur selben Zeit abgeleistet. Körperlich war das kein Problem. Die Eskaladierwand habe ich bei jedem Wetter sportlich genommen und die Läufe über 3.000 Meter habe ich geradezu genossen.

Aber ähnlich wie im Film waren Schreiben, Lesen und Denken den Vorgesetzten vom ersten bis zum letzten Tag verdächtig: Ich hatte als junger Abiturient auch Bücher im Spind, vor allem für das spätere Studium — und ein brunzdummer sozialistischer Berufsunteroffizier hat mir einen Eimer Wasser hineingekippt.

Ich habe sehr viele private Briefe geschrieben — nicht wenige davon kamen geöffnet bei den Empfängern an. Ich hatte großes Glück, dass ich für eine spontane Bemerkung im Politunterricht nicht ins Militärgefängnis nach Schwedt gekommen bin: Der junge Offizier auf Zeit war auch begeisterter Läufer und hat mich nicht verpfiffen.

Im ersten halben Jahr einer Unteroffiziersausbildung muss es aber noch viel schlimmer als bei der Grundausbildung der einfachen Wehrpflichtigen zugegangen sein. Der Grund ist offensichtlich: Die jungen Unteroffiziere sollten nach einem halben Jahr mit Hass und Härte auf die Grundwehrdienstleistenden losgelassen werden.

Möglichst alle jungen Männer sollten in der Wehrdienstzeit kapieren: Ihr habt keine Chancen und keine Rechte. Wir verbiegen das Recht bis ins Gegenteil, wenn wir euch fertigmachen wollen. Einen anderen Zweck hatte die NVA in den 1980er Jahren nicht mehr.


Im Film klingelt eine Freundin an der Tür von Anne Hoffmann und sagt nur ein Wort: »Genehmigt«. Sofort ist die Situation in den 1980er Jahren wieder präsent, in der wir uns angesichts der vielen Ausreiseanträge immer wieder fragten: Was hält uns hier? Was treibt uns aus dieser DDR weg? Die Mauer wurde zum Alptraum.

Im Film ist nicht nur von Ausreiseanträgen, sondern auch von Fluchtversuchen, Denunziation und Bestrafung die Rede. Im Buch begeht ein gerade in Rente gegangener Oberarzt Selbstmord, nachdem der DDR-Staat seine Kunstsammlung in den Westen verschiebt.

Man muss die Mauer, das MfS und die Methoden des DDR-Staats immer wieder in Erinnerung rufen, damit Modrow, Gysi und die jüngeren SED-Nachfolger die Geschichte nicht für ihre Zwecke zurechtbiegen können. In der SED/PDS/Linkspartei gibt es noch viele »Genossen« aus jener Zeit, die bis heute bedauern, dass nicht genügend Gewalt angewendet wurde.

Auch am 7. Oktober 2012: Keine Träne für den Staat DDR!


Später wird im Film gezeigt, wie sich Judith Schevola und Meno Rohde gemeinsam betrinken. Sie betrinken sich, weil sie im Staat DDR keine Chance haben, gute Literatur zu schreiben und unzensiert herauszugeben. Judith Schevolas Manuskript wird schließlich bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste am Dresdner Hauptbahnhof vernichtet …

Am Ende des Films geht vordergründig ein junger Mann in die Freiheit. Aber eigentlich werden die Bürger eines ganzen Landes in die Freiheit entlassen. Am 8. Oktober 1989 war die Polizei in Dresden zum ersten Mal gezwungen, die Gummiknüppel und Schilde niederzulegen. Am 9. Oktober 1989 war die große Demonstration in Leipzig. Wenige Monate später sagte die große Mehrheit: Weg mit dem Staat DDR!



Ein sächsischer SPD-Landtagsabgeordneter treibt die Staatsregierung in die Enge

6. Oktober 2012

Im Blog kultur2punkt0 hat Steffen Peschel auf die wahrhaft intelligente Kleine Anfrage eines SPD-Landtagsabgeordneten verwiesen. Der Abgeordnete Dirk Panter wollte wissen:

Was versteht die Staatsregierung unter Onlinejournalismus?

Nicht mehr. Und nicht weniger. Er sendete seine Anfrage am 06. September ab und bekam immerhin schon am 04. Oktober eine Antwort. Der Chef der Staatskanzlei antwortete ihm:

Die Staatsregierung versteht unter Onlinejournalismus Onlinejournalismus.


Die sächsische SPD hat ein wunderbares Talent dafür, ihre zwischenzeitlich etwas höheren Umfragewerte bis zur nächsten Landtagswahl wieder auf zehn Prozent zu drücken. Berücksichtigt man die Wahlbeteiligung, gehen etwa sechs Prozent der Sachsen zur Landtagswahl, um die Sozialdemokraten zu wählen. Wundert sich darüber noch jemand?

Zur Erinnerung an vergangene Höchstleistungen der sächsischen SPD habe ich hier noch einen Ausschnitt aus einem Plakat mit der SPD-Spitzenkraft Thomas Jurk gefunden. Es würde in jede Ausgabe des »Neuen Deutschland« aus der Zeit vor der Wende passen: Ein Genosse aus der Parteizentrale erklärt den Werktätigen ihre Arbeit …

Thomas Jurk auf einem echten Wahlplakat der SPD/Sachsen.

Thomas Jurk auf einem Wahlplakat der SPD in Sachsen.