Die Unstatistik 09/2012

4. Oktober 2012

Wir haben in Deutschland schon seit Jahren ein »Wort des Jahres« und ein »Unwort des Jahres«. Manchmal ist die Wahl gelungen, manchmal folgt sie zweifelhaften politischen Präferenzen. Ob passend oder unpassend: Die Anwendung oder Nichtanwendung von Wörtern ist im Grunde eine Frage des persönlichen oder politischen Sprachstils.

Die Interpretation einer Statistik ist aber keine Frage des Stils. Wir führen in Deutschland viele gute und sinnvolle Statistiken. Leider präsentieren uns Presse und Meinungsmacher viel zu oft die unvernünftigsten Auswertungen und Interpretationen. Im Grunde kann man kaum noch einer Zeitungsmeldung ungeprüft Glauben schenken, wenn darin eine statistische Auswertung enthalten ist.

Drei ausgewiesene Fachleute haben sich zum Ziel gesetzt, jeden Monat eine Unstatistik zu entlarven. Unter einer Unstatistik kann man falsch interpretierte oder falsch ausgewertete Zahlen verstehen. Ziel:

Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben.

Die »Unstatistik des Monats« September zeigt sehr schön, wie Presse und Politiker eine Studie so sehr fehlinterpretieren können, dass sich am Ende eine Schlussfolgerung gemäß ihrer vorgefassten Meinung ergibt. Gleichzeitig kann man lernen, wie man derartig falsche Interpretationen selbst erkennt.


Es gibt auf der Seite auch schon ein Archiv. Gefunden habe ich den Link übrigens beim Herrn Schockwellenreiter. In meinem Blog gab es zu diesem Thema bereits einige Artikel.



»Der Turm« (1) in der ARD

4. Oktober 2012

Ich muss zugeben, dass ich nach den vielen Ankündigungen in der Presse sehr gespannt auf den Film war. Als ich im Vorfeld einen Artikel über die begleitenden digitalen Angebote las, hatte ich allerdings beschlossen: Ich werde mich ganz auf den Film konzentrieren und mich nicht von Twittereien ablenken lassen ;-)


Als »Altersgenosse« der Romanfigur Christian bin ich nicht unbefangen. Ich habe den Roman zweimal gelesen und das Vorwort dabei zweimal übersprungen. Ich habe das Theaterstück einmal im Großen Haus und einmal im Fernsehen erlebt. Ich habe viele Parallelen zu meiner eigenen Abitur-Zeit gefunden.

Mit diesem Hintergrund fand ich den Film sehr gut: An keiner einzigen Stelle langweilig, prägnant erzählt, anspielungsreich, sehr authentisch. Nach dem ersten Teil kann ich sagen: Der Film ist eine sehr gelungene Ergänzung zum Roman. Wer ihn verpasst hat, sollte ihn unbedingt noch aus der Mediathek herunterladen oder später die DVD kaufen.


Großes Lob …

Zu den Hauptrollen: Claudia Michelsen als Anne Hoffmann und Nadja Uhl als Josta Fischer finde ich bisher überwältigend, auch Sebastian Urzendowsky spielt seine Rolle als Christian sehr gut.

Die Nebenrolle der Schriftstellerin Judith Schevola ist mit Valery Tscheplanowa am besten besetzt. Beim Betrachten dieser speziellen Figur und Rolle fiel mir besonders auf, wie stark der Film auf das Wesentliche konzentriert ist. Dort hätte man buchstäblich kein Wort weglassen können.

Sehr gut sind die Szenen aus dem Schulwesen der DDR getroffen: Diese Lehrertypen hat man alle selbst kennengelernt. Unter diesen inhaltslosen Bekenntnissen hat man selbst gelitten und mit verbotener Literatur hätte man selbst oft erwischt werden können. Natürlich war Schule in der DDR noch wesentlich vielschichtiger, aber der Film zeigt das Wesentliche: Die Totschlagargumente der Propaganda, die großen und kleinen Gemeinheiten der Karrieristen, die Anpassung vieler Schüler.

Zwei Ergänzungen seien gestattet: Auf die Umweltzerstörung im Erzgebirge hat uns ein engagierter Geographielehrer hingewiesen. Und nicht alle Staatsbürgerkundelehrer haben solche sinnentleerten schriftlichen Bekenntnisse gefordert — manche haben sich in den Klassenarbeiten einfach auf die Fakten beschränkt, die der Lehrplan vorgegeben hat.


… und ganz kleine Kritikpunkte

Bei allem Respekt vor dem Schauspieler Jan Josef Liefers: Sein Gesicht ist aus so vielen eher »leichten« Filmen und Rollen bekannt, dass ich mir einen anderen Hauptdarsteller gewünscht hätte. Das soll keine Kritik an seiner Leistung sein. Er spielt die Rolle in all ihren Schattierungen sehr gut (fachliche Arroganz, die Kombination aus Strenge und Unsicherheit, die persönliche Feigheit, die innere Zerrissenheit). Aber diese kleine Bemerkung zur Besetzung sei trotzdem gestattet.

Die Szenen mit den privaten Familientreffen auf dem Weißen Hirsch scheinen mir oft ziemlich dunkel. Dort hätte ich mir mehr Licht und etwas bessere Kostüme gewünscht. Die Schauspieler aus den besseren Kreisen scheinen manchmal in Klamotten aus der Kleiderkammer zu stecken.

Dagegen fand ich die Wohnung Josta Fischers sehr gut ausgestaltet: Vor allem die Duschkabine in der Küche erinnerte lebhaft an die erste eigene Wohnung in der DDR-Zeit. Es ist ein schöner Kontrast zwischen dem alten Haus und der gemütlichen Wohnung.

Die politischen Diskussionen in den Kreisen auf dem »Turm« dürften etwas tiefgründiger gewesen sein. Vielleicht hätte man einen etwas subtileren politischen Witz als ausgerechnet den von den »vier Feinden des Sozialismus« wählen können. Und die Rolle der Ina Rohde scheint mir im Film nur deshalb angelegt zu sein, damit Stephanie Stumph lächelnd ein paar Belanglosigkeiten zur Auflockerung beisteuern kann.


Ich freue mich auf den zweiten Teil, den ich aus beruflichen Gründen aber leider erst zeitversetzt anschauen kann. Vielleicht werde ich den Artikel dann noch weiterführen.

Zum Weiterlesen: Die F.A.Z. bringt eine Kritik aus der Sicht der etwas jüngeren Generation und hatte im Vorfeld eine sehr gute Ankündigung abgedruckt. Fotos und eine weitere Rezension findet man bei SPON.


Kleines Haus am Weg

Aus dem »Turm«-Gebiet in Dresden: Kleines Haus am steilen Weg.



Arbeitshefte für die Dresdner Schüler

3. Oktober 2012

Ich habe zum Thema Schule lange Zeit nichts geschrieben, weil ich als Vater natürlich nicht unbefangen bin. Wenn ich im folgenden Beitrag über Arbeitsmittel und Kopien schreibe, beziehe ich meine eigenen Beobachtungen, aber auch die Erfahrungen aus vielen Gesprächen mit Lehrern und anderen Eltern ein.


Das Oberverwaltungsgericht Bautzen (OVG) hat im April 2012 ein Urteil gefällt, nach dem der öffentliche Schulträger im Freistaat Sachsen zukünftig für Kopierkosten und Arbeitshefte keine Rechnung mehr an die Eltern stellen darf. Vorausgegangen war ein Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden (VG), das die Klage einer Gemeinde abgewiesen hatte. Der Leitsatz des OVG-Urteils lautet:

Die Schulträger öffentlicher Schulen haben keinen Anspruch auf Erstattung der Kosten für von ihnen für die Verwendung im Unterricht hergestellte Kopien. Hierfür besteht keine Anspruchsgrundlage.

Um welche Summen ging es eigentlich? Ein Schulträger hatte zunächst vor dem Verwaltungsgericht Dresden geklagt, weil sich eine Mutter weigerte, für zwei Schuljahre(!) einen Betrag von knapp 35 Euro(!) zu bezahlen. Aus dem Urteilstext:

Gegenüber der Beklagten rechnete die Klägerin mit Schreiben vom 7. Mai 2008 für das Schuljahr 2006/2007 einen Betrag von 24,90€ und mit Schreiben vom 26. August 2008 für das Schuljahr 2007/2008 einen Betrag von 10,05€, insgesamt 34,95€, ab.

Diese 35 Euro beschäftigten in der Folgezeit zwei Gerichte sowie alle sächsischen Lehrer und Eltern. War es das wirklich wert?


Die Opposition witterte natürlich sofort ihre Chance. Viele Reaktionen auf das ursprüngliche Urteil des VG Dresden und auf das Urteil des OVG Bautzen waren ein Tiefpunkt der politischen Unkultur. Manche Oppositionspolitiker haben das Thema in einer Weise instrumentalisiert, dass man nur mit dem Kopf schütteln konnte. Die Presse ist eine Zeitlang nur allzu gern auf den Zug aufgesprungen.

Plötzlich sollte der Freistaat alles zahlen: Bücher, Taschenrechner, Turnschuhe, Zeichengeräte und womöglich sogar noch den Schulranzen. Stellvertretend für diesen Forderungspopulismus ein Zitat von der Linkspartei:

Kostenlose Lernmittel sind Ihr gutes Recht!
Nach der Gesetzesvorlage der LINKEN umfasst die Lernmittelfreiheit mehr als nur die Druckwerke für die Hand der Schülerin bzw. des Schülers. Lernmittel sind z.B. auch Taschenrechner und andere für den Unterricht nötige Gegenstände.

Wie jetzt bekannt wird, haben einige Eltern sogar Lernmittel gekauft und die Rechnung in der Schule eingereicht — mit dem Anspruch, dass der Schulträger doch jetzt gefälligst sofort zu zahlen habe.


In den meisten sächsischen Schulen wurde zu Beginn der Sommerferien noch hart darum gerungen, mit welchen Arbeitsheften die Schüler ab September lernen sollen und auf welche Weise die Kopien bezahlt werden. Es war klar: Offiziell dürfen die Eltern die Arbeitshefte und Kopien nicht mehr bezahlen. In einer Pressemitteilung der Stadt Dresden hieß es dazu Anfang August:

Um das Urteil schnellstmöglich umzusetzen, hat das Dresdner Schulverwaltungsamt den Bedarf an Arbeitsheften an allen Schulen abgefragt. Für das Jahr 2012 ergibt sich daraus ein überplanmäßiger Mehrbedarf in Höhe von 1.151.650 Euro. Dabei handelt es sich nur um dringend notwendige Materialien. […] »Es ist uns wichtig, dass Lehrer und Eltern für das neue Schuljahr eine Planungssicherheit haben. Diese wird mit einem Beschluss des Finanzausschusses nun gegeben sein«, sagt Bürgermeister Winfried Lehmann.


Es war zu diesem Zeitpunkt allen Beteiligten klar: Wenn man die bisherige Praxis weiterführt, reicht das Geld der Stadt »nicht hinten und nicht vorn«. Als die Eltern die Arbeitshefte selbst bezahlt haben, wurden nämlich (auch) Hefte angeschafft, die später im Unterricht kaum genutzt wurden. Beispiel: Als unser Kind im Jahr 2011 in ein neues Schuljahr wechselte, haben wir insgesamt sechs Arbeitshefte bezahlt. Nur die Hälfte davon war wirklich notwendig. Anfang August 2012 legte die Stadt fest:

Grundlage für die Berechnung der Kosten sind schulartspezifische Festwerte pro Schüler, die nach der Bedarfsabfrage an den Schulen ermittelt wurden. So werden beispielsweise in Grundschulen und Gymnasium je Schüler 30 Euro für Arbeitshefte bereitgestellt, in Mittelschulen 28 Euro und Berufsschulzentren 5 Euro.


Wie sieht es in der Realität aus? Die Planungssicherheit bestand natürlich nur auf dem Papier. Eine rechtzeitige Bestellung von gedruckten Arbeitsheften war gar nicht möglich. Somit begann das neue Schuljahr schon aufgrund der Bestell- und Lieferzeiten ohne Arbeitshefte. Bis heute haben wir kein Arbeitsheft in die Hand bekommen.

Unsere Schule hatte in der Sommerpause festgelegt, welche Arbeitshefte man mit den knappen Mitteln anschaffen kann. Auf einige Arbeitshefte wird künftig verzichtet. Es wurden auch Abonnements für digitale Kopien beschafft, die man an der Schule oder zu Hause (legal!) als Einzelseiten selbst drucken kann. Damit werden natürlich Kosten reduziert — es fragt sich nur, warum man daran nicht schon früher gedacht hat.

Ich denke, dass sich das alte und sehr teure Geschäftsmodell mit den gedruckten und gebundenen Arbeitsheften überlebt hat. Viele Aufgaben bleiben unbearbeitet, weil sie der Lehrer nicht für sinnvoll hält oder weil die Zeit nicht reicht. Sinnvoller ist ein digitales Abo: Der Lehrer entscheidet, welche Seiten wirklich gebraucht und gedruckt werden.


Man kann sich natürlich auch die Frage stellen: Warum verzichten die Lehrer nicht auf die Arbeitsunterlagen der Verlage und bieten eigene Arbeitsblätter an, wie es z. B. in der beruflichen Weiterbildung schon lange üblich ist? — Es hat sich gezeigt, dass bestimmte Arbeitsunterlagen bisher nicht ersetzt werden können. Anschauliche Beispiele sind die Fächer Geographie und Biologie: Dort sind oft urheberrechtlich geschützte Kartenausschnitte, Fotos und Zeichnungen enthalten, die man nur mit hohem Aufwand ersetzen kann.

Auf der anderen Seite können Lehrer aber in Mathematik und in den Sprachen problemlos eigene Arbeitsblätter entwerfen. Formeln und Vokabeln sind nicht urheberrechtlich geschützt. Der Lehrer hätte als Autor ein eigenes Urheberrecht, sofern eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht ist. Er kann die Arbeitsblätter unter einer selbst gewählten Lizenz zum Kopieren freigeben. Das Kopieren können die Eltern übernehmen oder freiwillig durch Spenden unterstützen, denn Schule ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe der Lehrer, Schüler und Eltern.


Noch einen Schritt weiter gedacht: Arbeitsblätter und Arbeitshefte in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen könnten unter offene Lizenzen gestellt und ausgetauscht werden, so wie es in Polen gerade begonnen wird. Davon profitieren letztlich alle.

In der Programmierung gibt es das schon lange: Für bestimmte Programmiersprachen gibt es Dutzende sehr gute und freie Anleitungen, mit denen hunderttausende Studenten und Entwickler schon das Programmieren gelernt haben. Warum sollte das in der Mathematik nicht möglich sein?


PS: Das OVG in Bautzen hat zwar den Schulträgern untersagt, den Eltern eine Rechnung für Arbeitshefte und Kopien zu stellen. Es hat den Eltern aber nicht untersagt, freiwillig etwas für die Bildung ihrer Kinder zu tun und pro Monat einen Euro Kopierkosten beizusteuern. Das dürfte wirklich nicht zu viel verlangt sein.


PPS: Es tut bei alledem nichts zur Sache, welche Schule, welche Schulart und welche Klasse mein Kind besucht. Ich bitte darum, in den Diskussionen auf persönliche Anspielungen zu verzichten. Ich äußere mich hier einfach aus der Sicht eines Bürgers der Stadt Dresden.


Die beiden Urteile sind jeweils als PDF unter folgenden Adressen zu finden:
Verwaltungsgericht (mit Schilderung des Falls)
Oberverwaltungsgericht (mit Verweis auf die Sächsische Verfassung)



Die Beschwörung des Wassers mit dem Kammerton A

1. Oktober 2012

Im Nachhinein ist man immer klüger: Man hätte schon aufmerksamer hinschauen müssen, als dieses Mondwasser zu Mondpreisen angeboten wurde und als es Menschen gab, die dieses Wasser auch noch gekauft haben. Was treibt Menschen dazu, einen gepfefferten Aufpreis für ein Wasser zu bezahlen, das in der Vollmondnacht in Flaschen gefüllt wurde? Der Mond ändert sich ja nicht, wenn wir mehr oder weniger von ihm sehen …


In der Stadt Münster ist man in der vergangenen Woche noch einen Schritt weiter gegangen. Dort wollte man das Wasser eines kleinen Flusses in einem »ökologischen Kulturhappening« mit Musik beschwören. Aus einem Bericht der lokalen Medien:

Die Musik des Projekts basiert auf hohen und tiefen As, ihre Schwingungen sollen über die Luft aufs Wasser übertragen werden und zur Säuberung dessen beitragen. Mit beiden Händen dirigiert Thomas Nufer die Kinder, gibt Anweisungen, welche Schule wann einsetzt, wann laut und wann leise gesungen werden soll.

Man muss sich diesen Unsinn bildlich vor Augen führen: Es handelt sich um ein Fließgewässer. Das beschworene Wasser ist einige Sekunden später schon flussabwärts abgeflossen. Das nachfließende Wasser blieb also ganz und gar unbeschworen. Welche nachhaltige Wirkung erhofft man sich für den Fluss? ;-)


In einem weiteren Bericht aus der dortigen Lokalpresse heißt es:

83 Schüler der Sekundarschule Roxel unter Leitung von Reiner von Borzyskowski (Gitarre) und Ulrich Hesselkamp (Stabspiele) flüsterten viermal den Zauberspruch »Wasser der Aa, werde klar«, während die Klassen 5A und 5D der Gesamtschule Münster in einer Prozession Sonnenblumen in die Aa warfen.
(…)
Alle haben ein Ziel und singen es kraftvoll zum dadaistisch-freejazzigen Ende heraus: »Weg mit den Kolibakterien, weg mit den Blaualgen.«

An dieser obskuren Beschwörungszeremonie am Fluss Aa nahmen auch eine Bürgermeisterin(!) und ein Vertreter des Amtes für Grünflächen- und Umweltschutz teil. Dadurch erhielt das Spektakel einen offiziellen Anstrich.

Im Zentrum des Massenhappenings standen zwei Ampullen, gefüllt mit Aa-Wasser. Wolfram Goldbeck vom Amt für Grünflächen- und Umweltschutz brachte die Proben sogleich zu einem Labor für Mikrobiologie. Mit Ergebnissen ist Anfang Oktober zu rechnen.

Sollten die Gewässerproben irgendein »Ergebnis« zeigen, wäre es eine gute Gelegenheit, mit den Schulkindern über Korrelation und Kausalität nachzudenken. Allerdings müssen das dann wohl die Eltern übernehmen, denn die Lehrer haben das Spektakel ja selbst mit organisiert. Und bei vielen Eltern frage ich mich, ob sie dazu willens und in der Lage sind.


Was mir besonders zu denken gibt: In den Berichten über die angebliche »Reinigung« des Wassers durch musikalische Schwingungen wird die organisierte Teilnahme von Kindern mehrerer Schulen erwähnt.

Wenn Schulklassen dabei waren, dürften in die Vorbereitung auch Lehrer, Schulleiter und/oder Elternvertreter involviert gewesen sein. Da wird also eine obskure Handlung offensichtlich durch staatliche Stellen und den staatlichen Schulträger unterstützt.

Eigentlich müssten aufgeklärte Lehrer, Schulleiter und Elternvertreter aber schon im Vorfeld verhindern, dass solcher Unsinn überhaupt in die Schulen getragen wird. 

Die Schüler sollen sich in der Schule mit Naturwissenschaft beschäftigen. Sie sollen die Grundlagen des Experimentierens kennenlernen und ich befürworte unbedingt, dass sie dabei auch Wasserproben entnehmen und selbst untersuchen. Ich finde es auch richtig, wenn Kinder im Rahmen ihrer Beobachtungen auf Umweltprobleme aufmerksam werden. Aber Pseudowissenschaft und obskure Praktiken dürfen in der Schule keinen Raum finden.


Um den Kreis zum Mondwasser zu schließen: Die Initiatoren des Projektes sind für rationales Denken und Naturwissenschaft ohnehin verloren. Sie sollten bedenken, dass einmal in 28 Tagen der Vollmond über dem kleinen Fluss steht. Wenn er einen Einfluss auf Mineralwasser in Flaschen hat, dann hat er ganz gewiss auch einen großen und guten Einfluss auf das Wasser der Aa. Damit er ungehindert auf das Wasser scheinen kann, sollte man alle Brücken abreißen ;-)

Es steht dem Künstler völlig frei, mit Privatleuten zu singen und zu musizieren — meinetwegen, bis der Fluss sich dagegen wehrt und über die Ufer tritt. Aber Schulklassen, Lehrer (in ihrer beruflichen Funktion) und Repräsentanten der Kommune (in Ausübung ihres Amtes) haben dabei nichts zu suchen. Zettel resümiert in seinem Blog:

Sie werden sich wohlfühlen, diese Abergläubischen und Wissenschaftsfeindlichen, diese von ihren LehrerInnen mit Dummheit und Pseudowissenschaft indoktrinierten SchülerInnen; sich wohlfühlen in einem Land, in dem der Obskurantismus längst nicht mehr in den Nischen der Gesellschaft zu finden ist, sondern zunehmend in die Medien vordringt, in die Schulen und ins Bürgermeisterbüro der Christdemokratin Reismann.