Ungekennzeichnet: Restaurant-Werbung im Lokalteil der »Sächsischen Zeitung«

Gestern haben sich die Qualitätsjournalisten der »Sächsischen Zeitung« wieder einmal selbst übertroffen:

Freuden unter Reben

ist der Artikel im redaktionellen Lokalteil überschrieben. Der kundige Leser ahnt: Jetzt kommt Restaurantwerbung bis zum Abwinken. Man fragt sich unwillkürlich: Welche der lieblos auf den Teller gepackten PR-Phrasen soll man zuerst zitieren?

  • kleines Innenstadtwunder
  • urig-lauschiges Ecklokal
  • kulinarisches Gedicht
  • generationsübergreifender Wohlfühlort

Das ist keine Restaurantkritik. Das ist kein Service. Das ist noch nicht mal richtige Schleichwerbung. Es ist einfach erbärmlich.


Aber in einem Punkt hat es mir trotzdem geholfen: Der Artikel ist namentlich gekennzeichnet und der Autor hat für mich schlagartig an Glaubwürdigkeit verloren. Wenn ich ab jetzt einen Artikel dieses Autors lese, werde ich mich immer fragen: Ist er den Interessen des Lesers oder den Interessen anderer Auftraggeber verpflichtet?

So kann man sich als Zeitung das Geschäft selbst kaputtmachen. Vielleicht werden sie irgendwann jemanden für einen PR-Artikel bezahlen, in dem die »Sächsische Zeitung« als

  • kleines Zeitungswunder
  • mit urig-lauschigem Lokalteil
  • journalistischen Gedichten und
  • generationsübergreifendem Wohlfühljournalismus

angepriesen wird. Aber das wird dann auch nicht mehr helfen.


Anmerkung am Jahresende 2012: Ich habe im Artikel einen Satz gestrichen, weil er nicht verhältnismäßig war.


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17 Antworten zu Ungekennzeichnet: Restaurant-Werbung im Lokalteil der »Sächsischen Zeitung«

  1. Muriel sagt:

    Ich frage mich, ob es fair ist, das dem Verfasser anzukreiden. Ist das nicht eher ein Glaubwürdigkeitsproblem der ganzen Zeitung?
    Der einzelne Journalist hat doch nur die Alternative zu kündigen, und nicht mal das wäre eine Lösung, weil s bei anderen Zeitungen genauso läuft.

    • stefanolix sagt:

      Es ist die Frage: Welchen Auftrag hatte der Autor? Wenn er PR für das Restaurant machen soll, muss das als Anzeige oder Sonderveröffentlichung gekennzeichnet werden. Die Kennzeichnung ist ohnehin meist so klein gedruckt, dass es die meisten Leser übersehen. Aber in diesem Fall gibt es gar keine.

      Darüber hinaus ist die Qualität schlecht. Ich kann hier natürlich kein Vollzitat und keine Kopie veröffentlichen. In dem Text ist jedenfalls eine PR-Phrase an die andere gereiht. Deshalb schadet diese Leistung erstens der journalistischen Glaubwürdigkeit des Autors und zweitens natürlich auch der journalistischen Glaubwürdigkeit der Zeitung.

      • stefanolix sagt:

        Noch ein PS: Ich habe im Vertrauen von mehreren Seiten Kritik zum Ton des Artikels erhalten. Der Ton ist in der Tat hart und einen Teil der Härte bedaure ich. Inhaltlich gibt es nichts zurückzunehmen.

        Wer dieses Blog kennt, der weiß, dass mir eine freie und unabhängige Presse sehr viel wert ist. Ich habe in diesem Jahr für Recherchen und Berichtigungen eine Menge Zeit eingesetzt (der Sachsen-Trojaner ist ein Beispiel von mehreren).

        Die Presse kann nur glaubwürdig bleiben, wenn sie sich an die handwerklichen Regeln des Journalismus hält – und dazu gehört heute auch: Wenn ein Fehler gemacht wurde, muss er korrigiert werden.

        Die »Süddeutsche Zeitung« zeigt z. B. in dieser Beziehung erste Ansätze. Andere Zeitungen weigern sich, ihre Fehler überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

        Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die jünger sind als ich, höre ich häufig: »Ich kaufe keine Zeitung mehr. Die schreiben nicht für mich.«

        Wenn den Zeitungen in den nächsten Jahren ein Großteil der Abonnenten aus Altersgründen abhanden kommen wird, dann entscheidet nur noch ein Wert über das Überleben: Glaubwürdigkeit.

        Und weil das so ist, habe ich den Artikel dort oben geschrieben.

      • Muriel sagt:

        Wie? Was soll denn am Tonfall nicht stimmen? Was giibt es da zu kritisieren?

      • stefanolix sagt:

        Ich würde jetzt nicht mehr schreiben »Es ist einfach erbärmlich.«

      • Antifa sagt:

        Wenn den Zeitungen in den nächsten Jahren ein Großteil der Abonnenten aus Altersgründen abhanden kommen wird, dann entscheidet nur noch ein Wert über das Überleben: Glaubwürdigkeit.

        Eine sehr gewagte These.

      • Muriel sagt:

        Findest du es denn nicht erbärmlich?

      • stefanolix sagt:

        Ich würde mich heute anders ausdrücken – nur um die Verhältnismäßigkeit zu wahren.

      • stefanolix sagt:

        @Antifa: Es gibt nicht nur gedruckte Zeitungen. Vielleicht wird die Zeitung der Zukunft auf Bildschirm oder Touchscreen gelesen. Aber es bleibt doch eine Zeitung.

  2. stip sagt:

    Tja, leider greift diese Art zu schreiben immer mehr um sich. Und das liegt auch an den Schreibern, denen man ja die Wortwahl nicht vorschreibt (hoffe ich mal). Am besten gefiel mir (weil sehr zum Nachdenken anregend) dieser Satz: „Was … am ausgezeichneten Essen lag, das man andernorts nur guten Bekannten vorsetzt.“ DAS Restaurant möchte ich erleben, das „gute Bekannte“ anders behandelt als normale Gäste…
    Disclaimer: Ich habe früher mal für die SZ (PluSZ und Augusto) geschrieben. Auch über das Bacchus

    • stip sagt:

      Ergänzung: Schlampigkeit im Umgang mit der Sprache hat offensichtlich System: „Sachsen ist im „Michelin“-Sterneregen wieder leer ausgegangen“, lese ich hier – aber es gibt natürlich (wie weiter hinten steht) fünf Restaurants mit insgesamt sechs Sternen…

    • stefanolix sagt:

      Wenn die »Sächsische Zeitung« ihren Artikel vom Montag online veröffentlichen würde, dann könnte man jetzt einen sehr interessanten Vergleich ziehen ;-)

    • stefanolix sagt:

      Und ich habe einige der Artikel aus der regelmäßig erscheinenden Serie damals wirklich bewundert: Sie verführten zum Genießen, aber sie haben mir manchmal auch Ideen für eigene Versuche geliefert.

  3. […] welche Zielgruppe wurde gestern im Lokalteil schon wieder ein Werbe-Artikel über ein Restaurant abgedruckt? Für die Zielgruppe der Restaurantbesitzer, die […]

  4. […] Das geschah 1989. Heute muss ich nicht mehr spekulieren, wie die Dresdner Tageszeitungen im Jahr 2012 mit dieser Versuchung umgehen würden. Ich beobachte ja jede Woche, in welche Richtung sich der Journalismus entwickelt hat. […]

  5. […] maximal zehn Prozent Bitteres über die Zeitungen geschrieben. Ich nehme mich davon nicht aus: In einem Beitrag bin ich mit einem Satz ein Stück zu weit […]

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