»Das Zugpersonal verabschiedet sich von Ihnen …«

Der Zugführer im »Franken-Sachsen-Express« verkündete mit fränkischer Bassstimme, tief in sich selbst ruhend und jede Silbe exakt betonend:

Wir erreichen Dresden-Hauptbahnhof mit neun-und-zwan-zig Minuten Verspätung. Ihre vorgesehenen Anschlusszüge werden nicht erreicht.

Dann sagte er Ersatzverbindungen für die »Fahrgäste mit Fahrtziel Berlin« an. Ich habe beim Zuhören mit ihnen gelitten: Schon die Fahrt auf der direkten Verbindung ist kein Vergnügen, aber die Aussicht auf mehr als vier Stunden Fahrt auf einer Route über Cottbus hätte mich heute zur Verzweiflung gebracht.

Auf die heute üblichen Erklärungen und auf die Abschiedsformel verzichtet der Zugführer. Weil so eine Verspätung inzwischen die normalste Sache der Welt ist? Oder weil ihm die vorgegebenen Formeln an diesem Abend wirklich nicht angemessen erschienen?


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7 Antworten zu »Das Zugpersonal verabschiedet sich von Ihnen …«

  1. E-Haller sagt:

    Verspätungen gehören nicht zum Alltag – ich fahre sehr viel Bahn und habe kaum entsprechende Erfahrungen machen müssen.

    Affig finde ich deshalb auch die momentan vorgegebene Ansage: „…wir erreichen jetzt Bahnhof xy, es werden alle vorgesehenen Anschlusszüge erreicht.“ Damit umgeht man im Zweifel, eine Verspätung von wenigen Minuten ansagen zu müssen, impliziert aber tatsächlich eine stetige Unpünktlichkeit.

    Das konnte ich dann auch mal erleben:
    Fahrgast: Werden wir die Verspätung bis Leipzig nicht mehr haben? – Zugbegleiter: Welche Verspätung???

    Zu dem konkreten Fall: soviele Fahrgäste wird es nicht betroffen haben – nach Berlin fährt man von Chemnitz aus selten über Dresden, bleiben noch Freiberger…

    Dank Smartphone und Echtzeitinfo der DB kann man heute aber doch flexibler auf Störungen reagieren, wenn man will.

    • stefanolix sagt:

      Ich fahre sehr oft auf der Strecke zwischen Westsachsen und Dresden (Franken-Sachsen-Express) und habe leider die Erfahrung machen müssen, dass der Feierabendzug sehr oft unpünktlich ist. Nun kann ich im Zug lesen, denken, schreiben, tippen. Ich kenne keine Langeweile. Und ich habe das schönste Ziel der Welt: Dresden ;-)

      Aber Anschlussreisende sehen die Verspätung wohl doch mit anderen Augen.

      Mich hat einfach verwundert, wie der Zugführer die Meldung vermittelt hat. Er vertrat wohl den Standpunkt: Ich kann nichts dafür, also stelle ich mich nicht hierher und entschuldige mich.

      Es stimmt, dass die Information [für Fahrgäste ohne ICE/IC-Ticket] vielleicht nur für eventuell zugestiegene Freiberger Fahrgäste relevant war. Aber sie impliziert doch auch, dass man von Dresden nach Berlin in den Abendstunden nur mehr schlecht als recht kommt. Die ICE- oder IC-Verbindung klang auch nicht berauschend.

  2. E-Haller sagt:

    Nach Berlin DIREKT geht es 19 und 21 Uhr, Gegenrichtung 20:30. Da ich öfter in Berlin zu tun habe, würde ich mir schon auch noch spätere Anbindungen wünschen…aber schon der Zug halb 21 ist kaum noch gefüllt.

    Was das Verhalten der Durchsager angeht: letztens hatte ich einen Ersatzzug, der kurzfristig eingesetzt wurde und deshalb keine Reservierungen hatte (zudem andere Waggonart). Obwohl jetzt nicht übervoll reagierten manche Fahrgäste sehr aggressiv, was dann auch den Zugbegleiter zum verbalen Gegenschlag veranlasste (zwar im freundlichen Ton, aber unter dem Motto „ich kann nix dafür, wenn mich einer fragt, würde ich das nächste Mal aber für einen Zugausfall als für einen Ersatzzug plädieren…“). Fand ich nicht so passend: eine Erläuterung der Situation zu Beginn der Fahrt + Angabe von kaum besetzten Waggons hätte wohl mehr zur Entspannung beigetragen.

    Aber wahrscheinlich versetzt man sich ab einer gewissen Berufserfahrung dann lieber nicht mehr in den Fahrgast oder identifiziert sich mit der Bahn…

    • stefanolix sagt:

      Ich habe das gerade noch mal anhand der Reisezugauskunft rekonstruiert. Der Zugbegleiter hat um 17.30 Uhr (Ankunft DD) folgende Verbindungen vorgeschlagen:

      (a) für ICE/IC-Ticket-Inhaber: Dresden – Leipzig – Berlin (3:20h)
      (b) im »Nahverkehrszug«: Dresden – Ruhland – Cottbus – Berlin (3:39h)

      Finde ich beides nicht optimal ;-)

      • E-Haller sagt:

        Mmmh – hätte man auch auf den nächsten EC warten können und wäre 10 später als der ICE dagewesen…

      • stefanolix sagt:

        Ja. Manchmal wartet man auf solche EC aber auch etwas länger: »Verspätete Übergabe aus dem Ausland« …

        Richtig gut klappt es, wenn der Zug in Dresden eingesetzt wird (z. B. 5.54 Uhr). Aber die offizielle Fahrtzeit nach Berlin ist viel zu lang.

        Übrigens habe ich das auch beobachtet: Die Zugbegleiter müssen sich oft Unsinn, Gedankenlosigkeiten und Frechheiten anhören. Trotzdem ist es außergewöhnlich, dass sich ein Mitarbeiter so gar nicht an die vorgegebenen Formeln hält.

  3. Lenbach sagt:

    Die Antwort ist eindeutig die (ober)fränkische Mentalität. Ich bin da aufgewachsen und ich kenne das fast nicht anders. Früher war das noch schlimmer: Maulfaul und emotionslos irgendwas Unverständliches ins Mikrophon genuschelt, ja kein Wort zuviel. Das hat nichts mit bewußter Unhöflichkeit zu tun, man hat halt eine eher pessimistische Weltsicht, und überhaupt, man will halt seine Ruhe haben. Außerdem scheut sich der Franke, vor Publikum zu sprechen, vor allem, wenn es verständlich sein soll, also „anstrengend“ wird. Nach ein paar Bieren sieht das auch wieder ganz anders aus, aber so derart nüchtern… ;-)

    Das Gegenteil davon ist eine Zugfahrt im Norden, es scheint, die Sprecher dort möchten über das Mikro möglichst viele Worte loswerden, gerne auch mit dem einen oder anderen eingebauten Flachs, das hat manchmal schon was von Entertainment.

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