Was wissen wir über die ostdeutschen Anhänger der Parteien?

Zur Zeit macht gerade ein [aus dem Zusammenhang gerissener] Ausschnitt aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung die Runde. Die Tabelle soll angeblich zeigen, wie viele Anhänger der CDU, der Grünen, der SPD oder der FDP bestimmten ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen.

Populistische Lautsprecher wie »Fefe« skandalisieren nun:

Wenn man mal die NPD mit ihren 75% Ausländerhetzern rausrechnet, sind die Parteien mit dem höchsten Ausländerhassanteil die CDU (47,8%) und die SPD (48,3%). Ja! Die SPD hat mehr „Ausländer Raus!!“ als die CDU im Osten! Krass sind auch die Zahle der Linken (36,2%) und der Grünen (37,5%). Die Piraten haben den kleinsten Wert aller Parteien mit ca 21%.


Für die Gesamtstudie wurden etwas weniger als 500 Ostdeutsche befragt. Diese Menge kann insgesamt repräsentativ für Ostdeutschland sein, wenn die Befragten wissenschaftlich exakt ausgewählt wurden.

In der bewussten Tabelle sind von diesen Ostdeutschen genau 439 zu finden. Davon sind 32 Befragte Anhänger der Grünen und 13 Befragte Anhänger der Liberalen. 12 Grünen-Anhänger und 3 FDP-Anhänger sollen Aussagen zugestimmt haben, die als ausländerfeindlich gelten.


Ich sehe folgendes Problem: Die ostdeutschen Teilnehmer der Gesamtumfrage mögen insgesamt repräsentativ für Ostdeutschland sein, aber die Untergruppen sind nicht repräsentativ für die Anhänger der einzelnen Parteien.

Um eine repräsentative Umfrage unter den ostdeutschen Anhängern der Grünen oder der FDP durchzuführen, müsste man zwei neue Befragungsgruppen bilden, die repräsentativ für Anhänger der beiden Parteien sind. Diese Anhängerinnen und Anhänger müssten aus unterschiedlichen Gegenden und unterschiedlichen sozialen Schichten stammen.

Für eine zuverlässige Aussage über die Quote der Ausländerfeindlichkeit unter den Anhängern der kleinen Parteien Grüne und FDP ist das vorliegende Zahlenmaterial meiner Meinung nach nicht tauglich.

Um die Frage an einem Beispiel zuzuspitzen: Unter den 439 Beteiligten an der Umfrage seien 12 Dresdner. Können sie repräsentativ für alle Dresdner sein? Oder müsste man nicht für eine Umfrage zur Ermittlung von politischen Einstellungen der Dresdner eine bestimmte Mindestanzahl an befragten Dresdnern repräsentativ auswählen?


12 Antworten zu Was wissen wir über die ostdeutschen Anhänger der Parteien?

  1. Antisemitismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus kommen nach dieser Statistik bei den Rechten nie und nimmer vor. Das kann ich nicht so ganz glauben.

    • stefanolix sagt:

      Daran sieht man: Es ist kompletter Unsinn, von einer nicht repräsentativen Gruppe Befragter (hier: ganze vier!) auf eine politische Gruppe (hier: Anhänger rechtsradikaler Parteien in Ostdeutschland) zu schließen.

      Von den vier »rechten« Befragten waren jeweils drei für die Diktatur, für den Chauvinismus und für die Ausländerfeindlichkeit zu haben [allerdings erscheinen mir die dazugehörigen Aussagen, denen die Befragten zustimmen sollten, sehr fragwürdig].

      Zwei der »rechten« Befragten waren auch noch für den Sozialdarwinismus. Zufällig haben die Befrager unter diesen vier Leuten keinen Antisemiten und keinen Verharmloser des Nationalsozialismus gefunden.

      Das war mir noch gar nicht aufgefallen. Danke für den Hinweis!


      Nebenbei gesagt: Die FES macht noch einen methodischen Fehler. Sie ordnet alle Aussagen »pro Diktatur« den Rechtsextremen zu. Es gibt aber auch Linke, Linksradikale und Linksextreme, die durchaus mit einer Diktatur sympathisieren.

      • Antifa sagt:

        Die FES macht noch einen methodischen Fehler. Sie ordnet alle Aussagen »pro Diktatur« den Rechtsextremen zu. Es gibt aber auch Linke, Linksradikale und Linksextreme, die durchaus mit einer Diktatur sympathisieren.

        Wo ist denn da der methodische Fehler, Befürwortung einer Diktatur als Merkmal rechten Einstellung? Ich habe die Studie nicht gelesen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie an irgendeiner Stelle das Wort „Diktatur“ begrifflich eingeordnet haben.

      • stefanolix sagt:

        In den Aussagen, die sie den Teilnehmern der Befragung vorgelegt haben, heißt es:

        • Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.
        • Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.
        • Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.

        Diese Fragen können von einem überzeugten Stalinisten alle mit „JA!“ oder „Überwiegende Zustimmung“ beantwortet werden.

        Das Wort „Diktatur“ wird in der Befragung m. W. nicht definiert. Das muss der Befragte kennen.

      • Rayson sagt:

        Die ganzen Klimaexperten, die gerne mal von den nötigen Einschränkungen der Demokratie reden, um den Planeten zu retten, sind dann also alle „rechts“? Gut, dass wir das klar gestellt haben.

      • stefanolix sagt:

        Die lassen sich von den Fragestellern vielleicht nicht so einfach über den Tisch ziehen?

        Wenn mich jemand mit solchen Aussagen überfallen würde, dann würde ich ihm gar keine verwendbaren Antworten geben. Sich solche konstruierten Aussagen anhören zu müssen ist doch eine Zumutung: Du musst bei jeder Frage daran denken, dass dich jemand in die „rechte Ecke“ stellen will.

      • Antifa sagt:

        Diese Fragen können von einem überzeugten Stalinisten alle mit “JA!” oder “Überwiegende Zustimmung” beantwortet werden.

        Ich habe doch geschrieben wie solche quantitativen Befragungen zustande kommen. Mal vereinfach gesagt: Es werden anhand bestimmter Kriterien oder Kategorien Themenkomplexe aufgemacht und anhand dieser dann Fragen formuliert. Dass ein „Stalinist“ (Ich würde fast behaupten keiner der 500 befragten Menschen aus Ostdeutschland würde sich dieser seltenen Spezie zuordnen.) oder auch ein Anhänger einer der fünf großen Parteien dann auf die Frage das antwortet was ersie denkt, hat doch nichts damit zu tun wo er sich politisch verortet, sondern ob diese Antwort in einer von der Stiftung zuvor aufgemachten und definierten Kategorie hineinpasst oder nicht. Und wenn ich mir die Fragen da so anschaue implizieren sie doch zumindest eine rechte Einstellung:

        Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.

        Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.

        Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.

        Ob die Interviewten dabei am Ende die Frage überhaupt wirklich verstehen oder ihnen eine Einordnung vielleicht unterstellt wird, ist dabei unerheblich, was auch die relativ sinnfreie Behauptung von Rayson beantworten dürfte, wonach: die ganzen Klimaexperten, die gerne mal von den nötigen Einschränkungen der Demokratie reden, um den Planeten zu retten… rechts seien, da danach überhaupt nicht gefragt worden ist.

      • Rayson sagt:

        Wenn es so unerheblich ist, ob „die Interviewten dabei am Ende die Frage überhaupt wirklich verstehen oder ihnen eine Einordnung vielleicht unterstellt wird“, dann ist es vor allem „relativ sinnfrei“, irgendwelche Schlüsse auf „rechte Gesinnung“ aus dieser „Studie“ zu ziehen.

  2. E-Haller sagt:

    Tjaja – die Verlockung der Zahlen. Ich kenne auch Studien, die dieser erlegen sind. Da wurden ca. 1000 Einwohner einer Stadt zu ihrem Verkehrsverhalten gefragt. Früher ergab das einen Jahres-Durchschnittswert. Heute wird das ganze zusätzliche nach Jahreszeiten (oder war es Witterung?) ausgewertet – was z.B. in Zwickau dazu führte, dass im Winter (oder war es bei Schnee?) der höchste Anteil Radverkehr des ganzen Jahres herrschte…

    Es geht halt so schnell und einfach, im Excel auszuwerten und Diagramme draus zu machen, dass man nicht mehr drüber nachdenkt, was man damit eigentlich aussagt…

    • stefanolix sagt:

      Wobei für Dresden 500 bis 520 Leute reichen würden (wie bei den Befragungen vor der Kommunalwahl).

      Ergänzung: Und wenn man in den fünf neuen Ländern jeweils 500 Anhänger der Grünen (FDP, Linke etc.) fair befragen würde, dann würde ich die Ergebnisse auch ernst nehmen.

  3. Gut geschrieben! Kann der Methodenkritik nur zustimmen. Knapp 500 klingt erst mal nicht schlecht, ist aber deutlich zu wenig, wenn kleinere Untergruppen analysiert werden.

    Ich hab den Eindruck, dass der Begriff „repräsentative Studie“ gern absolut im Sinne von „ja oder nein“ verwendet wird. Wird eine Studie erst mal als repräsentativ bezeichnet, dann hat sie die höheren Weihen der Wissenschaftlichkeit. Dabei gilt Repräsentativität (abgesehen von dem Beispiel hier mit den kleinen Untergruppen) immer nur in Bezug auf bestimmte Merkmale, die streng genommen mit angegeben werden müssen. Meist geht es um Soziodemografie, z. B. Alter, Geschlecht, Wohnort. Untersucht man dann z. B. eine bestimmte Krankheit, dann kann es sein, dass die Stichprobe zwar hinsichtlich soziodemografischer Merkmale repräsentativ ist, aber nicht bezüglich gesundheitlicher Eigenschaften.

    • stefanolix sagt:

      Es tut mir leid, aber der Kommentar hatte sich in einer Falle verfangen.

      Vielen Dank für das Lob vom Fachmann. Ich war mir nach langer Zugfahrt und weit nach Mitternacht einfach nur sicher: Da stimmt etwas nicht. Das musste raus. Sicher lesen meinen Text weniger Leute als beim populistischen Lautsprecher, aber vielleicht ist es ein Flüstern der Vernunft.

      Wie kann man herausfinden, ob die Studie im Hinblick auf die Auswahl der Probanden wirklich repräsentativ ist?

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