Vom Schreiben und Lesen

Ein Zitat aus einer Rede von Constantin Seibt vor den Aktionären und Verantwortlichen der »Basler Zeitung« werde ich mir über den Schreibtisch hängen:

Denn das ist meine wichtigste Aufgabe als Journalist, mein Service an die Öffentlichkeit: präzis die Grundlagen zu liefern, von denen aus diskutiert werden kann. Mein Job ist, eine komplexe Welt verständlich zu machen, ohne ihre Komplexität zu verraten. Der Rest, nicht zuletzt meine Meinung, ist sekundär: Es ist der Anstrich des Hauses, nicht sein Fundament.

Klar: Das ist ein Ideal. Doch viele Journalisten haben es schon lange aufgegeben, sich wenigstens an diesem Ideal zu orientieren.


Erst gestern ist eine Zeitung deshalb in die Insolvenz gegangen. Eine andere Erklärung gibt es nicht. In unserem Land kann die große Mehrheit der Bürger selbst entscheiden, ob sie sich eine Zeitung leistet. Es wird ja auch viel Geld für andere Dinge ausgegeben. Aber die Leserinnen und Leser wollten sich diese Zeitung nicht mehr leisten.


Als Blogger können wir die Zeitungen nicht ersetzen. Wir können aber mit unserer Fachkompetenz, mit unserer Methodenkompetenz und mit unserem gesunden Menschenverstand so schreiben, wie es Constantin Seibt in seiner Rede als Ideal formuliert hat.

Wir sind von niemandem abhängig und deshalb können wir auch zu einer Kontrollinstanz für die Medien werden. Und das Beste ist: Wir bringen uns gegenseitig Gewinn.

Es lohnt sich deshalb, den Rest des ersten Teils der Rede aus der »Basler Zeitung« zu lesen. So soll man schreiben, wenn man gelesen werden will:

Der wichtigste Moment, wo ich im Alltag an die Wirkung, also das Publikum, also im weitesten Sinne an die Demokratie denke, passiert in den stillsten, unspektakulärsten Teilen des Textes. Dort, wo ich unauffällig Erklärungen nachschiebe (…)

Ich feile oft am längsten an diesen stillen Passagen, denn sie müssen klar und genau sein, trotz aller Knappheit. Sie müssen Volkshochschule sein, ohne dass sie nach Volkshochschule klingen.

Inzwischen treffe ich auf solche kompetent verfassten Passagen, die ja eigentlich Aufklärung im besten Sinne sind, eher in Blogs als in den Dresdner Zeitungen. Ausnahmen bestätigen die Regel.



Zufällig bin ich gestern als stiller Leser in eine Diskussion bei der Frau Kaltmamsell geraten. Sie hat einen kritischen Beitrag über Homöopathie empfohlen und kundig kommentiert. Gerade schreibt sie dort:

Hin und wieder erschüttern mich Informationen wie die oben so tief, dass ich mich doch wieder in die Schlacht mit Menschen stürze, die Korrelation und Kausalität nie zu unterscheiden gelernt haben.

Ich nehme aus dieser Diskussion mehr Gewinn mit, als ich beim Lesen der »Verlagsbeilagen« der Zeitungen zum Thema Medizin jemals haben kann.

Warum wird die Pseudowissenschaft Homöopathie gar nicht mehr hinterfragt? Weil die Verlage vermutlich kalkulieren, mit kritischem und wissenschaftlichem Hinterfragen könne man weniger gewinnen, als mit Verlagsbeilagen, die von den Interessen der Pharma-Industrie bestimmt werden. [Bevor jemand einwendet, dass Homöopathie gegen die Interessen der Pharma-Industrie sei: Sie ist ein Teil der Pharma-Industrie.]


Man bekommt inzwischen in ausgewählten Blogs bessere Informationen, als in den furchtbar banalen Beratungsgesprächen in der Apotheke, die man ungewollt mithört, wenn man sich die obligatorische Kräuter-Arznei gegen die Folgen der Erkältung kaufen will.

Früher haben sich die Apotheker noch von der Quacksalberei abgegrenzt:

Die hohe Würde eines guten Apothekers, aus dessen unbestechlich gewissenhaften Händen Leben und Gesundheit in lauterer Quelle fließt, und unter dessen wachsamer Kenntniß die ächtigen Werkzeuge erschaffen werden, womit wir die zerrüttete Maschine des menschlichen Körpers zu bessern und in ihren ursprünglichen harmonischen Gang zu bringen suchen, wird sich nie mit der Niederträchtigkeit einer vernunftlosen Quacksalberei besudeln.

Heute verkaufen sie viel teure Kosmetik und noch mehr Homöopathie. Und allmählich sehe ich gerade eine interessante Parallele zum Journalismus. Man sollte mal über die Gemeinsamkeiten zwischen Pseudomedizin und Pseudojournalismus nachdenken ;-)


Pseudojournalismus bedeutet: Sie drücken sich nicht verständlich aus. Sie produzieren Skandale, obwohl sie die Fakten eigentlich methodisch einordnen müssten. Sie ventilieren Informationen, die sie eigentlich vorher prüfen müssten. Sie vermischen Meinungen und Fakten. Sie zwingen uns einen Deutungsrahmen auf. Sie bevormunden uns durch Weglassen.

Notiz: Ich sollte mal eine Serie zur Vorstellung von Blogs starten, die mir geholfen haben, mich aus den Fallen des Pseudojournalismus zu befreien.

Notiz für einen Beitrag in dieser Serie: Wenn ich unabhängige Informationen und Denkanstöße zur Energiepolitik brauche, verlasse ich mich ja schon lange nicht mehr auf die Zeitungen, die das Thema nur noch in interessengeleiteten Artikeln und Verlagsbeilagen behandeln. Auf diesem Gebiet haben mich Beiträge bei Frank und in Zettels Diskussionsforum wesentlich bereichert.


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8 Responses to Vom Schreiben und Lesen

  1. Muriel sagt:

    Ich war mal bei einem Apotheker, der sagte, er führe keine homöopathischen Mittel, weil er mit diesem Mummenschanz nichts zu tun haben wolle.
    Ich würde nur noch da meine Medikamente holen, wenn ich nicht inzwischen umgezogen wäre.
    Finde das so erschütternd, dass Ärzte, Apotheker und sonstige Fachleute sich nicht zu schade sind, ihren Patienten, die ihnen vertrauen, wirkstofffreie Scheinmedizin zu empfehlen…
    Naja. Und ansonsten geb ich dir auch recht.

  2. Muyserin sagt:

    [Auf Wunsch der Autorin gelöscht.]

  3. Muyserin sagt:

    Der obige Kommentar erschien aus dem „Nichts“ (d. h. Cache), als ich mich über ein Add-On bei Dir einloggte. Bitte, ihn (und diesen) zu löschen, da er sich auf eine andere Diskussion bezieht und bereits veröffentlicht wurde!

    • stefanolix sagt:

      Ich habe den Text des Kommentars gelöscht. Soweit ich selbst erfahren habe, kann das Erscheinen von »altem« Text in Kommentarfeldern nicht nur bei der Nutzung von Add-ons auftreten.

  4. Muyserin sagt:

    Ich hatte den Beitrag bei der Kaltmamsell auch als hoch informativ empfunden und stimme Dir wesentlich zu.

  5. Michael sagt:

    Hierzu gerade gefunden : Eine Veranstaltung in Dresden.

    VERANSTALTUNG PRESSECLUBS DRESDEN: „SIND JOURNALISTEN NOCH GLAUBWÜRDIG?“
    Der Presseclub dresden, lädt am 14.10.2013, 19.00 Uhr (Einlass ab 18.30 Uhr) im Forum am Altmarkt Dresden (Ostsächsische Sparkasse, Dr.-Külz-Ring 17, 01067 Dresden) zur Podiumsdisskusion zum Thema „Sind Journalisten noch glaubwürdig?“.

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