Wenn »ungewöhnliche Bestrafungen« einfach zu weit gehen

Die USA sind ein Rechtsstaat, aber sie sind in mancher Hinsicht ein anderer Rechtsstaat als Deutschland. In den USA ist im Recht auch verankert, dass Menschen zu sehr »ungewöhnlichen« Strafen verurteilt werden können. Dazu zählt wohl heute der moderne Pranger. Oft werden solche Strafen eingesetzt, weil Staatsanwälte wiedergewählt werden wollen oder weil sich Richter in der Öffentlichkeit profilieren wollen.

In deutschen Medien (z. B. SPON) und amerikanischen Medien (z. B. Huffington Post) wird über den Fall einer Autofahrerin berichtet, die als Strafe für ein Verkehrsvergehen in der Kälte eine Stunde lang ein Schild hochhalten musste.

Nun kann man diese Information in den Medien als Meldung wiedergeben oder man kann in einem Kommentar seine Meinung dazu sagen. Man kann auch auf beides verzichten. Ich finde es zum Beispiel völlig falsch, die Fotos weltweit zu verbreiten und die Videos weltweit zu zeigen.

Ich habe aber einen Vorschlag: Wenn eine solche Strafe in Form eines Prangers verhängt wird, sollten sich Staatsanwalt und Richter grundsätzlich immer daneben stellen. Das lässt sich ganz einfach begründen: Erstens stehen sie dann öffentlich zu ihrer Entscheidung, zweitens können sie die Wirkung unmittelbar einschätzen und drittens könnten sie im Hinterkopf darüber nachdenken, ob sie Zeit ihres Lebens nie einen Fehler gemacht haben …


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33 Antworten zu Wenn »ungewöhnliche Bestrafungen« einfach zu weit gehen

  1. Muriel sagt:

    Müsste man auf Basis genau derselben Argumentation nicht auch dafür argumentieren, dass (Straf-)Richter und Staatsanwälte mindestens ihre gesamte Arbeitszeit im Gefängnis zubringen?
    Naja.
    Jetzt, da ich noch mal drüber nachdenke…

    • stefanolix sagt:

      Ich habe eher an die Hinrichtungen in den USA gedacht, bei denen m. W. mindestens der Staatsanwalt dabei ist.

      Was ich aber eigentlich meinte: Der Pranger wird auf diese Weise ad absurdum geführt: Niemand kann sich wirklich vorstellen, dass ein Pranger unter dem Motto »Diese Erniedrigung wurde möglich gemacht durch …« stattfindet.

      Was das Gefängnis betrifft: Richter sollten sich im Rahmen ihrer Befugnisse zumindest informieren, wie es dort zugeht.

  2. E-Haller sagt:

    Man fragt sich schon, was da schiefläuft. Ok – wenn man sich anschaut, wie dumm-dreist sie sich angestellt hat: eine Strafe hat sie verdient.
    Aber dass eine SOLCHE Strafe in der vermeintlich zivilisierten westlichen Welt und in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich ist, verwundert schon!
    Manchmal bin ich froh, dass die Kommentarfunktion bei einigen Artikeln von SPON doch ausgeschaltet wird. Würde mich nicht wundern, wenn nicht der Großteil der Kommentatoren ähnliche Bestrafungsaktionen auch in Deutschland befürwortet hätten…
    Für mich (nebenbei) verwunderlich: dass man ihren Klarnamen nennt.

    • stefanolix sagt:

      Zum Namen: Die Regeln des Presserats gelten vermutlich nicht für Leute, die im Ausland leben. Wenn man ihn in unseren Medien wegließe, würde man ihn nach einem Klick auf die Seiten der US-Medien sehen.

      Ich bin in solchen Fällen immer für nicht-öffentliche, faire, aber auch konsequent abgeforderte gemeinnützige Arbeit nach Leistung und nicht nach Zeit. Und der Führerschein-Entzug sollte zusätzlich auf Bewährung ausgesetzt werden, damit es beim nächsten Verkehrsdelikt automatisch einen weiteren Entzug für vier Wochen geben kann.

      • Muriel sagt:

        Zum Namen: Die Regeln des Presserats gelten vermutlich nicht für Leute, die im Ausland leben.

        Das würde mich aber sehr wundern. Ich weiß zwar nicht besonders gut, wie der Presserat seinen Kodex in der Praxis handhabt, aber der Wortlaut gibt es nicht her.

  3. Manni sagt:

    Man sollte hier, wie eigentlich immer, aus der Ferne nicht allzu schnell urteilen. Vor unserem ersten USA-Urlaub (Florida – o.T. nebenbei mal eine Empfehlung!!) hatte ich mich u.a. über die Straßenverkehrs-Besonderheiten informiert. Und in jedem gängigen Reiseführer steht dazu sinngemäß: „…Passieren eines haltenden Schulbusses – auch aus der Gegenrichtung(!) – ist VERBOTEN!“ Diese haben sogar vorn und hinten ausklappbare „Stop“-Schilder. Vermutlich sind die Bestimmungen dazu in Cleveland (Ohio?) ähnlich. Jeder Autofahrer weiß das, geschätzte 99,999% nehmen das ernst (mein persönlicher Eindruck) – Mitleid mit der „Sünderin“ ist hier also vermutlich nicht angebracht.

    • stefanolix sagt:

      Über die Strafwürdigkeit des Verkehrsvergehens besteht gar kein Zweifel. Mit geht es nur um die Methode »Pranger« (siehe auch diese Antwort).

    • E-Haller sagt:

      Das war ja das, was ich mit „dumm-dreist“ meinte – vermutlich sah sie das Verbot sogar als eingehalten an – indem sie eben auf den Gehweg fuhr. Könnte man sich auch gut an einer Ampel vorstellen… ;)

      • stefanolix sagt:

        Dann wäre wohl über eine Sicherungsverwahrung des Führerscheins dieser Dame nachzudenken …

      • E-Haller sagt:

        Tja, Führerscheinentzug wäre in meinen Augen auch die passendere Strafe gewesen (schon damit sie merkt, dass Gehwege auch benutzt werden) – aber das gehört in den USA wahrscheinlich noch eher zu den Grundrechten als es bei uns manchmal propagiert wird…

  4. Frank sagt:

    Das Thema „Pranger“ hatten wir hier ja schon gelegentlich. Wenn ich den Fall der Dame betrachte, kommt mir ganz spontan der Gedanke: Eine passende Strafe. Hat vielleicht mehr Abschreckungs- und Erziehungscharakter, als eine Geldstrafe oder etwas Vergleichbares. Und es entlastet die Justiz. Aber darüber kann man sich durchaus streiten.

    Was ich aber falsch finde, ist die Überlegung, die Richter sollten sich daneben stellen und dabei

    könnten sie im Hinterkopf darüber nachdenken, ob sie Zeit ihres Lebens nie einen Fehler gemacht haben

    Es ist bei der Berufsausübung des Richters, genauer gesagt bei einer Urteilsfällung uninteressant, ob er selbst schon einmal etwas falsch gemacht hat. Selbstverständlich wird er schon einmal irgend etwas falsch gemacht haben. Er hat aber beruflich die Aufgabe, einen vorliegenden Fall so korrekt wie möglich* zu bewerten und zu beurteilen – unabhängig von persönlichen Hintergründen. Wenn man das noch mit in die Urteilsbildung mit einfließen würde, könnte man die Justiz wahrscheinlich ganz abschaffen, denn so würde man wohl kaum noch zu Urteilen kommen.

    (* ob das hier erreicht wurde, darüber kann man sich, wie gesagt, streiten)

    • stefanolix sagt:

      Wenn ich mir die Berichte anschaue, kommt mir spontan der Gedanke: Eine sinnlose Aktion. Sie stellt sich dort mit Kopfhörern, Smartphone und/oder Zigarette hin und lässt deutlich erkennen, wie nah ihr die Strafe am Hintern vorbeigeht.

      Die beste Erziehungswirkung hat in meinen Augen (wie oben schon gesagt) eine gemeinnützige Arbeitsaufgabe unter fairen Bedingungen und nach dem Leistungsprinzip.


      Kein Mensch ist fehlerfrei. Der Richter hat trotzdem die Aufgabe, über Schuldspruch oder Freispruch zu entscheiden. Das bestreite ich doch überhaupt nicht.

      Aber nehmen wir an, dass unser Richter eines Tages beim Besuch einer Prostituierten erwischt wird. Nehmen wir an, dass dieser Besuch nach dem Gesetz in seinem Bundesstaat illegal ist. Also steht er jetzt vor einem Richter mit Entscheidungsspielraum und ein Staatsanwalt beantragt für ihn eine Strafe.

      Wetten, dass er dann ziemlich froh sein wird, wenn er nicht an den Pranger muss?

      • Xeniana sagt:

        Ich stimme dir zu..Irgendwie ist eine die stelle aus der Bibel in meinem Kopf: und wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein….

      • Muriel sagt:

        Ich fand den Spruch immer grausig unsinnig.

      • Muriel sagt:

        Hm. Dann verstehst du den Spruch mutmaßlich anders als ich. Magst du erklären, was du damit ausdrücken möchtest?

      • stefanolix sagt:

        Im religiösen Sinne und im Kontext der damaligen Zeit hat der Bibelspruch eine tiefe Bedeutung. Der Kontext, soweit ich ihn verstehe:

        In der damaligen Zeit wurde die Frau als alleinige Verursacherin eines Ehebruchs angesehen. Sie war sozusagen die treibende Kraft.

        Gleichzeitig galt allerdings das Gesetz: Wenn eine Frau Ehebruch begeht, werden sowohl die Frau als auch der mit ihr ertappte Mann gesteinigt.


        In dem konkreten Fall war es wohl so: Eine Ehebrecherin sollte allein gesteinigt werden, der beteiligte Mann aber nicht. Das verstieß gegen geltendes Recht. Warum der Mann nicht mit gesteinigt werden sollte, erfährt man m. W. aus der Bibel nicht.

        So hat Jesus mit seinem Eingreifen zunächst klargestellt: Da soll gerade ein Mensch umgebracht werden für ein Delikt, das naturgemäß zwei Menschen begangen haben und für das beide zu bestrafen wären.

        Das Steinigen der Frau wäre also ein Gesetzesbruch (eine Sünde). Den Beteiligten wurde das bewusst und sie ließen die Steine fallen.

  5. Xeniana sagt:

    Ja so wie es Stefan auch schon ausdrückte. ..Die Stelle mit dem Splitter und dem Balken würde auch gut passen oder das mit zweierlei Maß messen..Ich finde es schwierig „derart „über andere zu zu richten…….

    • Muriel sagt:

      Was Stefan dazu schrieb, fand ich auch schon alles andere als überzeugend. (Ich nehme an, du meinst die zweite Hälfte dieses Kommentars.)
      Ich versuche mal knapp zusammenzufassen, was mir nicht gefällt: Ob jemand selbst schuldig oder unschuldig ist, sollte in meinen Augen nichts damit zu tun haben, wie er andere beurteilt. (Und ob jemand selbst eine bestimmte Strafe gerne hätte, oder froh wäre, wen er sie nicht bekommt, auch nicht. Ich persönlich hätte zum Beispiel lieber so eine Prangerstrafe als eine Haftstrafe, und vielleicht auch eine Geldstrafe. Käme in jedem Fall natürlich auf die Höhe an.)
      Oder anders herum formuliert: Das, was ich tue, ist nicht deshalb richtiger, weil andere Leute auch schlimme Sachen tun.
      Diese Frage führt (ob bei Jesus oder bei Stefan) in meinen Augen unnötig weg von eigentlich berechtigter Kritik an so einer Strafe, die in der ersten Hälfte des Kommentars ja zum Beispiel anklingt: Sie bewirke (ohne dass ich selbst mir zutraue, das einzuschätzen) nicht, was sie soll, sie sei unverhältnismäßig, und so weiter.
      Oder um beim biblischen Beispiel zu bleiben: Wenn jemand ohne Sünde ist, ist es genauso falsch, eine Prostituierte zu steinigen, wie wenn er jeden Tag drei kleine Kinder ermordet.
      Denke ich jedenfalls.

      • stefanolix sagt:

        Ich habe hier versucht, zu erklären, warum der Spruch »Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!« jedenfalls nicht »grausig unsinnig« ist.


        Dann taste ich mich mal an das andere Problem heran: Ich bin der Meinung, dass in dem konkreten Fall (Pranger für Verkehrsdelikt) der Spielraum des Richters zu groß war. Ich ordne den Pranger unter die entwürdigenden Strafen, wie z. B. Peitschenhiebe oder Bastonade ein.

        Gegen entwürdigenden Strafen kann man aus unterschiedlichen Gründen sein. Einer dieser Gründe ist ein ganz praktischer: Man überlegt sich, ob man im Fall eines Fehltritts davon betroffen sein möchte. Es gibt natürlich noch andere Gründe.

        Freiheitsentzug kam im Fall der an den Pranger gestellten Autofahrerin m. W. nicht in Frage. Eine Geldstrafe ist nicht entwürdigend und eine (faire) Arbeitsauflage auch nicht. Wenn ich mal einen Fehler dieser Art machen sollte, würde ich beides akzeptieren.

      • Muriel sagt:

        Ich habe hier versucht, zu erklären, warum der Spruch »Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!« jedenfalls nicht »grausig unsinnig« ist.

        Ich denke zwar, dass deine Erklärung zwar in sich Sinn ergibt, aber nicht zu dem zitierten Spruch passt, denn Jesus sagt „Wer von euch ohne Sünde ist“, und sogar wenn sein Argument gewesen wäre, dass bei das Verbrechen begangen haben, wäre das in meinen Augen nicht sinnvoll, denn ich sehe nicht, wie man vertreten könnte, dass man einen Mittäter eines Verbrechens laufen lassen muss, weil man einen anderen Mittäter nicht gleichzeitig mit bestrafen kann. Wie gesagt: Im Ergebnis ist es natürlich richtig, Ehebrecher nicht zu steinigen. Aber das hat in meinen Augen weder mit der Schuld der Steiniger zu tun, noch mit der Schuld des anderen Ehepartners.
        Ist aber auch nicht so wichtig. Ich bitte um Entschuldigung. Irgendwie neige ich dazu, Gespräch zu derailen, aber ohne bösen Vorsatz, isch schwör.

        Ich ordne den Pranger unter die entwürdigenden Strafen, wie z. B. Peitschenhiebe oder Bastonade ein.

        Ich kann mit dem Konzept zwar von Vornherein nicht viel anfangen, aber ich gestehe dir natürlich zu, selbst zu entscheiden, was du als entwürdigend empfindest.
        Ich denke, dass man eigentlich sogar gut vertreten könnte, dass jede Strafe einfach kraft ihrer Natur entwürdigend sein muss.

        Gegen entwürdigenden Strafen kann man aus unterschiedlichen Gründen sein. Einer dieser Gründe ist ein ganz praktischer: Man überlegt sich, ob man im Fall eines Fehltritts davon betroffen sein möchte.

        Jetzt mal ehrlich: Ich persönlich möchte von jeder Strafe am liebsten nicht betroffen sein, und ich glaube, das geht so ziemlich jedem Menschen so, andernfalls wäre es ja keine Strafe.
        Das Argument halte ich für wenig stichhaltig.

        Es gibt natürlich noch andere Gründe.

        Und mit vielen davon bin ich völlig einverstanden.

        Eine Geldstrafe ist nicht entwürdigend und eine (faire) Arbeitsauflage auch nicht

        Für dich vielleicht nicht. Aber das kann man doch nicht einfach als objektive Tatsache feststellen.

      • Muriel sagt:

        und sogar wenn sein Argument gewesen wäre, dass bei das Verbrechen begangen haben

        Hoppla, tut mir leid. Ich wollte schreiben: „dass zwei das Verbrechen begangen haben“.

      • stefanolix sagt:

        Das Problem in dem biblischen Fall war doch aber offensichtlich, dass sie den beteiligten Mann zwar mit der Frau in flagranti erwischt hatten, aber dann trotzdem laufen gelassen haben. Damit befanden sich (meiner Meinung nach) alle, die einen Stein in der Hand hatten, im Zustand einer tiefen moralischen Schuld.

      • Muriel sagt:

        Ich sehe das Problem ganz woanders: Es ist einfach völlig bescheuert, Ehebruch mit Steinigung zu bestrafen.
        Ob man beide oder nur einen steinigt, und ob man selbst Schuld trägt oder nicht, macht doch gar keinen Unterschied,
        Wenn die Leute drumrum alle eine weiße Weste gehabt hätten, und den Gatten mit gesteinigt hätten, wäre dann in Jesu Augen alles okay gewesen?

      • stefanolix sagt:

        (Ich will nicht recht haben, sondern nur mal darauf hinweisen, wie sich die Zeiten ändern):

        Es war im Kontext der Zeit vor mehr als 2.000 Jahren eben nicht »bescheuert«, sondern geltendes und akzeptiertes Recht. Kann man die damalige Zeit mit unseren heutigen Maßstäben messen?

        Heute ist Ehebruch in unserer Gesellschaft gar kein Delikt mehr und es gibt auch keine schuldbehaftete Scheidung mehr. Das ist aber (historisch eingeordnet) wirklich noch nicht lange so.

        Jesus hat die Ehebrecherin vor der Steinigung gerettet. Er hat sich aber selbst auch ganz klar gegen Ehebruch und gegen Scheidung ausgesprochen. Mit Worten, die eine große Mehrheit in der heutigen Zeit gar nicht mehr verstehen kann.

      • Muriel sagt:

        Es war im Kontext der Zeit vor mehr als 2.000 Jahren eben nicht »bescheuert«, sondern geltendes und akzeptiertes Recht. Kann man die damalige Zeit mit unseren heutigen Maßstäben messen?

        Es war damals auch schon bescheuert.
        Oder bist du der Meinung, dass es richtig war, Ehebrecher zu steinigen? Findest du es gut, dass das gemacht wurde?
        Auch heute ist viele geltendes und akzeptiertes Recht, was ich völlig bescheuert finde. Und ich akzeptiere viele Sachen, die andere wiederum bescheuert finden. Natürlich muss jeder seine eigenen Maßstäbe anlegen, wenn er etwas moralisch beurteilen will.
        Welche denn sonst?

        Heute ist Ehebruch in unserer Gesellschaft gar kein Delikt mehr und es gibt auch keine schuldbehaftete Scheidung mehr. Das ist aber (historisch eingeordnet) wirklich noch nicht lange so.

        Und?
        Es ist auch noch nicht so lange her, dass wir die Sklaverei abgeschafft haben, und bis 1945 wurden Juden in Deutschland systematisch ermordet. Müssen wir das auch im Kontext der Zeit sehen, und war das nicht bescheuert, weil es ja schließlich galt und akzeptiert wurde?

      • stefanolix sagt:

        Mit allem, was wir beide als aufgeklärte Menschen über
        – die Medizin
        – die Psychologie
        – die Menschenrechte
        wissen, ist es völlig undenkbar, zwei Menschen für Ehebruch zu steinigen. Auf dem Kenntnisstand der damaligen Zeit sah das einfach anders aus.

        Ich bleibe dabei: Für die Beurteilung der Steinigung im Fall von Ehebruch gibt es meiner Meinung nach zwei Zeitebenen: Man versetze sich bitte für einen Augenblick in die unwissende und unaufgeklärte Gesellschaft vor etwas mehr als 2.000 Jahren, die in dieser Beziehung im Prinzip auf dem Niveau von Nomadenstämmen stand. Da war es eine extreme Bedrohung, unter Umständen ein Kind von einem fremden Mann in der Familie zu haben; gleichzeitig war der Ehebruch eine furchtbare Entehrung des Ehemannes.

        Wie gesagt: Damals. Aber so manches Gewaltverbrechen dieser Tage zeigt uns doch, dass manche Menschen in solchen Extremsituationen auch heute noch zur tödlichen Waffe greifen.

      • Muriel sagt:

        Auf dem Kenntnisstand der damaligen Zeit sah das einfach anders aus.

        Welche Kennnisse hatten die denn damals, die Steinigung für Ehebruch als angemessene und sinnvolle Strafe erscheinen ließen?
        Klar, wenn jemand sich über Tatsachen irrt und es nicht besser wissen konnte, dann kann das eine Entschuldigung sein.
        Aber das, was du anführst, zieht in meinen Augen nicht:

        Da war es eine extreme Bedrohung, unter Umständen ein Kind von einem fremden Mann in der Familie zu haben; gleichzeitig war der Ehebruch eine furchtbare Entehrung des Ehemannes.

        Ja, die Gesellschaft war damals in vieler Hinsicht bescheuert. Ich behaupte nicht, dass es für eine einzelne Person keinen Sinn ergibt, sich an Gesetze zu halten, die von der Gesellschaft ganz überwiegend akzeptiert werden, obwohl man sie ablehnt. Ich mache das ja auch.
        Aber das macht die Gesetze nicht gut und richtig.
        Warum war es denn eine solche extreme Bedrohung, und warum war es eine „furchtbare Entehrung“, und warum war diese Entehrung überhaupt ein Problem? Weil die Leute nach bescheuerten Regeln gelebt haben.
        Das hat meines Erachtens weder mit medizinischem noch mit psychologischem Unwissen zu tun, sondern einfach mit einer völlig unsinnigen Vorstellung von Moral.
        Natürlich wäre nicht plötzlich alles toll, wenn man in diesem Konvolut von dämlichen Regeln einfach eine einzige streichen würde und sonst alles gleich ließe. Natürlich ist es kompliziert. Aber das ist doch keine Rechtfertigung.

    • stefanolix sagt:

      @Xeniana: Zweierlei Maß würde m. E. nur vorliegen, wenn andere Personen ohne Strafe oder mit minder schwerer Strafe davongekommen wären. »Splitter und Balken« würde zutreffen, wenn der Richter etwas Schwerwiegendes auf dem Kerbholz hätte.


      Wir haben einen Rechtsstaat und wir haben die Trennung von Staat und Kirche. Also kann m. E. im Rechtsstaat auch nicht die Bibel zur Urteilsfindung angewendet werden. Die Autofahrerin stand vor einem weltlichen Richter und wurde nach weltlichen Gesetzen verurteilt.

      Ich bin dankbar, dass wir und auch die Menschen in den USA in einem Rechtsstaat leben, aber kein Rechtsstaat ist so gut, dass er nicht weiterentwickelt werden könnte. Pranger und Todesstrafe haben z. B. nach meiner Meinung in einem Rechtsstaat nichts zu suchen.

      • Xeniana sagt:

        ich wollte auch keinen Gottesstaat Beistand leisten, aber diese Art der Bestrafung ist wirklich „idiotisch“und manchmal finde ich die Bibel ganz hilfreich….die Mitte ist meiner Meinung nach entscheidend

      • stefanolix sagt:

        OK. Wenn ich mir eine passende Bibelstelle aussuchen sollte, um sie auf den Fall zu übertragen, dann wäre es »Wer ohne Sünde ist …« und übertragen würde ich diese Bibelstelle auf die Gaffer, die sich die Frau am Pranger angeschaut haben.


        Ob das Neue Testament allerdings zur »Mitte« tendiert, wäre ein Thema für ganz viele Diskussionen, aber bitte nicht mehr heute Abend ;-)

  6. Xeniana sagt:

    dein Wille geschehe:) schlaf schön:)(habe gerade Pasolini gesehen, deshalb die Bibel:))

  7. Xeniana sagt:

    Ich hatte das Zitat“Wer ohne Sünde ist“ offensichtlich etwas unbedacht zum kommentieren dazugezogen. Der Kontext war mir nicht mehr bewusst. Heißt , ja es bezog sich auf die Gaffer, das der Ehebruch der Grund der Bestrafung hatte ich gar nicht parat.
    stefanolix, wenn du schreibst “ ob das Neue Testament allerdings zur Mitte tendiert“ dann ist das auch aus dem Kontext gerissen oder du hast mich missverstanden..Mit Mitte meinte ich , dass ich zu meiner Urteilsfindung versuche meine Maßstäbe zu finden und dann auch mal das neue Testament heranziehe. Vielleicht kann die Bibel in einem Rechtsstaat nicht zur Urteilsfindung herangezogen werden, aber für mich persönlich kann ich das ja trotzdem tun….

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