Die Misere

Die meisten Zeitungen reservieren die Seite 3 für besonders wichtige Themen: Dort stehen Berichte und Kommentare der besten Journalisten zu Themen aus Politik und Wirtschaft. Kurz: Wenn Sie eine Zeitung auf Seite 3 aufschlagen, dann erfahren Sie, was der Redaktion wichtig ist.

Wenn eine Überschrift am 15. November 2012 mit »Die Misere« beginnt: Was könnte diesen beiden Wörtern folgen? Ich habe mir drei Themen ausgedacht und dann erzähle ich Ihnen, was die »Sächsische Zeitung« gestern tatsächlich auf Seite 3 gebracht hat.


Die Misere des Schuldenstaats

Der Artikel beschreibt die Buchungstricks, mit denen die Politik gerade vermeiden möchte, dass die Belastungen aus der Euro-Krise im Haushalt sichtbar werden. Er erläutert uns auch den Unterschied zwischen sinkender Neuverschuldung und sinkender Verschuldung. Er zeigt uns, dass wir endlich ehrlich über Geld reden müssen.


Die Misere der Solarindustrie

Der Artikel beschreibt die Lage der ostdeutschen Solarindustrie: Trotz massiver Subventionen und Zwangsabgaben gehen immer wieder Unternehmen zu Lasten des Steuerzahlers, der Lieferanten und der Anteilseigner in die Insolvenz. Welche Folgen hat das für die Wirtschaft Sachsens?


Die Misere der Qualitätspresse

Der Artikel beschreibt selbstkritisch, auf welche Weise der Leser in der Vergangenheit getäuscht wurde, indem er im redaktionellen Teil gekaufte Artikel und PR vorgesetzt bekam. Er endet mit dem Versprechen: In Zukunft wollen wir den Lesern wieder richtigen Journalismus ohne PR anbieten.


Und jetzt ist noch aufzulösen, was die »Sächsische Zeitung« gestern wirklich auf Seite 3 gebracht hat:

Die Misere der Möpse

Der Artikel beschreibt die Situation der Hunderasse Mops. So banal ist die Auflösung: Wir bekommen nichts über Politik, nichts über Wirtschaft und auch nichts über »Qualitätsjournalismus« zu lesen. Wir bekommen einen Herz- und Schmerz-Artikel über die Misere einer morbiden Hunderasse.

Das Leitmotiv von der Misere des Mopses findet man auch auf einer Website mit dem schönen Namen »IG Mops«. Dort heißt es:

Im Hinblick auf die Misere der Rasse Mops (…) sollten alle, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass eine dauerhafte Verbesserung der Lebensqualität für den Mops nur über die Schaffung größerer Genvielfalt zu erreichen sein wird, an einem Strang ziehen und ihre Möglichkeiten in ein wohlwollendes Miteinander einbringen.

Aber wir haben in diesem Land wirklich andere Probleme! Es kann doch in all den Krisen des Jahres 2012 nicht Priorität haben, eine wichtige Zeitungsseite mit Informationen über Möpse und ALDI-Werbung zu füllen. Wo leben wir denn?


Liebe »Sächsische Zeitung«, wir müssen mal über Grundsätzliches reden. Wenn ich Ihr Blatt lese, wünsche ich mir immer öfter, ich könnte Ihnen einen Auftritt in der Art von »Gernot Hassknecht« aus der heute-Show vorführen.

Ich habe schon einige Texte für diesen Auftritt geschrieben. Ich habe sie aus Zurückhaltung und Höflichkeit bisher immer wieder gelöscht. Bevor ich also in den »Gernot-Hassknecht«-Modus übergehe, beantworten Sie mir doch bitte einige Fragen:

Für welche Zielgruppe wurde dieser Mops-Artikel auf Seite 3 gesetzt? Sicher nicht für die Zielgruppe der Leser, die an Wirtschaft, Politik und Journalismus interessiert sind. Meinen Sie wirklich, dass es keine dringlicheren und wichtigeren Themen für eine Seite 3 gibt?


Für welche Zielgruppe wurde gestern im Lokalteil schon wieder ein Werbe-Artikel über ein Restaurant abgedruckt? Für die Zielgruppe der Restaurantbesitzer, die bei Ihnen werben sollen? Meinen Sie wirklich, dass Restaurantbesitzer und Leser einen Text brauchen, der wie ein Nahrungsaufnahmeprotokoll klingt? Zitat aus Ihrem Fazit:

Das Würfel-Konzept der luxuserprobten Gastro-Brüder, die Welt des Geschmacks zu fairen Preisen in ihre Heimatstadt zu bringen, geht mehr als auf. Jeder einzelne Bissen ist ein Genuss.

So leid es mir tut, Ihnen das so offen sagen zu müssen: Das ist kein Journalismus aus der Edelfeder. Das ist PR mit dem Fleischklopfer – und noch nicht mal als Anzeige gekennzeichnet. Würden Sie PR für Ihre Zeitung lesen wollen, die im Stil Ihres eigenen Restaurant-Artikels geschrieben ist? Ach, das wäre peinlich? Sehen Sie!

Manchmal frage ich mich, warum ich mir diese Zeitung noch antun soll …


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22 Antworten zu Die Misere

  1. stefanolix sagt:

    Eine Kostprobe des Artikels über Möpse finden Sie übrigens hier.

  2. dekabrista sagt:

    Bestell sie einfach ab. Dann mußt Du Dich nicht jeden Tag ärgern. Ich habe mit dem Thema auch abgeschlossen.
    Es ist zwar schade, daß so wenig auf Qualitätsstandards geachtet wird, aber ich vermute, nur sehr wenige der hiesigen Journalisten sind tatsächlich auch kritikfähig.

  3. stip sagt:

    Wollen wir mal eine Online-Zeitung gründen? Eine werbefreie?

    • stefanolix sagt:

      Das klingt gut und ich habe diesen Vorschlag auch schon lange im Hinterkopf.

      Aber dafür braucht man mindestens ein Dutzend Gleichgesinnte, besser zwei. Man braucht ein gleichzeitig rechtssicheres und motivierendes Statut. Man braucht ein Prinzip der gegenseitigen Qualitätssicherung. Man wird wohl auch ein Verfahren zur Annahme und Ablehnung von Beiträgen einführen müssen. Es müsste letztlich auch die Rolle der Autoren geklärt werden (sind es Journalisten mit entsprechenden Rechten wie z. B. Informantenschutz?).

      Geld spielt für die Technik kaum eine Rolle. Das kann man privat tragen. Außerdem könnte zum Decken der Ausgaben die Rechtsform des eingetragenen gemeinnützigen Vereins gewählt werden.

      Man muss aber viel Zeit hineinstecken. Von denen, die in Frage kämen, höre ich oft: »Keine Zeit« und ich kann das verstehen … Das Dilemma ist: Entweder verwenden wenige Leute sehr viel Zeit oder viele Leute verwenden jeweils ein wenig Zeit für das Projekt. Beides kann zu Problemen führen.

      Je tiefer ich mich in die Materie der Qualität des Journalismus einarbeite, desto mehr Respekt habe ich vor der Aufgabe, ein unabhängiges Online-Magazin ohne Gewinnerzielungsabsicht zu gründen. Und da habe ich die politischen Fallstricke noch nicht einmal erwähnt.

  4. dekabrista sagt:

    Ich wäre dabei, die Muyserin sicher auch.

  5. Ein Mensch sagt:

    Guten Abend.

    Wir kennen uns nicht. Ich bin der Mensch der von Claudia Sperlich gemeinhin als Nazispammer bezeichnet wird.

    [antisemitischer Inhalt des Kommentars gelöscht]

    • stefanolix sagt:

      Wer auch immer Sie sind: Gehen Sie weg und versuchen Sie nie wieder, hier einen Kommentar zu veröffentlichen. Sie werden hier mit antisemitischen Äußerungen keine Chance auf Veröffentlichung haben.

  6. Ein Mensch sagt:

    Weshalb kann man denn nicht sachlich mit Ihnen diskutieren ?

  7. stip sagt:

    Da wollte einer zeitnah die Grenzen des Spaßes an derlei Projekten aufzeigen…

  8. freihafen. sagt:

    Hier gibt es so etwas schon, da aber der Hauptautor ehemaliger CDU-Stadtrat ist, steht die Seite in dem Ruf, etwas arg parteilastig zu sein:

    http://www.riesa-lokal.de/

    Für eine Stadt unserer Größe mag das ausreichen, für Dresden müsste man das freilich viel größer und mit mehr Manpower aufziehen.

    Grüße,
    McCluskey

    • stefanolix sagt:

      Ich würde mich vermutlich nicht auf eine Seite einlassen, die parteilastig ist. Dafür fehlt’s an der passenden Partei. Allerdings kann man auch nicht unpolitisch durch das Leben gehen. Also: Entweder pluralistisch – oder Beschränkung auf Kunst, Kultur und Genuss.

      Werbefrei muss es sein. Ich kann mir eine Restaurant-Kritik von UvS nicht neben der Werbung für fast food vorstellen ;-)

      • UVS sagt:

        ich kann mir meine beiträge zwar neben werbung von den betroffenen lokalen vorstellen, aber viele lokale nicht ihre anzeige neben den texten ;-)

      • stefanolix sagt:

        Deshalb gibt es jetzt diese Ratschläge für die eher anzeigenorientierten Kritiker ;-)

      • Muyserin sagt:

        @UVS: Und schon wieder muss ich grinsen. Wenn die Restaurants sich das so vorstellen können, müsste Stefanolix nicht seine Jeremiaden verfassen, dann wär‘ alles noch beim Alten.

        (Disclosure: UVS & ich sind alt. Alte Hasen. Alte Hasenesser. Manchmal auch Hasenesserhasser. Anwesende Mitdiskutanten wissen, worum es geht.)

      • UVS sagt:

        seit wann ist die @muyserin alt? das ist mein privileg. hasen allerdings geht schon.
        aber zur sache: natürlich kann ich mir alles vorstellen, weil ich vor allem weiß: in den guten, alten zeiten® drohten anzeigenkunden auch schon immer mal mit liebes- (vulgo: anzeigen-) verlust. aber wenn man einen verlagsleiter mit nem dingens in der hose hat, dann sagt der mosernden kunden: ich dachte immer, ihr schaltet anzeigen, weil ihr den multiplikator zeitung braucht – und nicht, weil ihr mich liebt. denn genau so ist es. hätten die verleger, die so zu nennen mir schon lange schwer fällt, etwas mumm, würden sie für gute inhalte sorgen. und nicht für angepasste, oberflächliche, unkorrekte…

  9. Xeniana sagt:

    Ich find das mit der Online Zeitung eine ausgesprochen gute Idee. Ich würde sie auf jeden Fall lesen und weiterempfehlen:)

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