Ratschläge für einen schlechten Restaurantkritiker

Kurt Tucholskys unvergessene »Ratschläge für einen schlechten Redner« standen in der DDR im Lesebuch des sechsten Schuljahres. Wer diese Ratschläge wirklich noch nicht kennt, dem seien sie in aller Form empfohlen. Sie wirken als gute Prophylaxe – auch im Zeitalter der Präsentationsprogramme und der allgegenwärtigen Beamer.

Nachdem ich mich in letzter Zeit mehrmals über schlechte Restaurantkritiken geärgert habe, stand für mich fest: Heute gibt es die »Ratschläge für einen schlechten Restaurantkritiker«. Sie sind angelehnt an die Ratschläge Kurt Tucholskys und gewidmet allen guten Restaurantkritikern.

Ähnlichkeiten mit Kritiken aus den Zeitungen und Magazinen dieser Stadt sind rein zufällig. Und Satire darf alles.


Ratschläge für einen schlechten Restaurantkritiker

Fange nie mit einer verlockenden Geschichte über Genuss und Lebensart an, sondern komme immer sofort zur Sache: Dein Auftraggeber bezahlt dich schließlich nicht fürs Dichten. Beginne etwa so:

Das ist schon ein kleines Wunder im Nobelviertel: Zwei luxuserprobte Gastro-Schwestern bringen die weite Welt des guten Geschmacks zu fairen Preisen auf den Weißen Hirsch. Der generationsübergreifende Wohlfühlort wurde von ihrer Mutter mit stilsicherer Hand als urig-lauschiges Ecklokal gestaltet.

Hier hast du schon alles, was eine gute Lobhudelei ausmacht: Die Sprache ist steif; das Fazit steht am Anfang; der Leser merkt jetzt schon, dass Du nicht den Hauch eines Einwands gegen das Restaurant haben wirst.


So gewinnst Du im Sturm das Herz jedes Gastronomen. Er wird von dir begeistert sein, denn sein PR-Agent schreibt ja auch nicht anders. – Merk dir dies: Du darfst den Zeitungsleser nie nach seiner Meinung fragen, denn der bezahlt Dich ja nicht.

Schreibe nicht frei, das macht einen so unordentlichen Eindruck. Am besten: Du zählst die Speisen auf. Das ist sicher und zuverlässig; auch freut es jedermann, wenn der essende Kritiker zu jedem Gericht nur ein einziges Adjektiv beilegt.

Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät, und du willst durchaus frei schreiben … du Laie! Mach dich nicht lächerlich! Nimm dir doch ein Beispiel an den PR-Leuten! Hast du von denen schon mal einen freien Satz gelesen? Die müssen ein Restaurant gar nicht besuchen, um darüber schreiben zu können.


Schreib in langen, verschachtelten Sätzen – solchen, bei denen du, der du zu Hause nie kochst, Dir nicht anmerken lässt, dass es Dein erstes Auftragswerk ist und dass Du viel lieber woanders wärst. Schreib, wie du isst. Und ich weiß, wie du isst; denn immer wenn du eine Speise beschreibst, klingt es wie Werbung für Mikrowellengerichte.

Beschreibe die Speisenfolge schön geschachtelt und auf keinen Fall in ihrer natürlichen Struktur – erwähne erst den Hauptgang, dann den Käse, dann die Vorspeise, zuletzt das Dessert. Dir kann’s doch egal sein, ob der Leser deinen Artikel zu Ende liest.

Aber vergiss die Versatzstücke nicht, von denen du glaubst, dass dein Leser sie zum Sattwerden braucht: das »butterweiche kulinarische Gedicht«, das »knackig-knusprige Röllchen« und die Frage »Wo kriegt man denn so etwas heute noch?« — Man kriegt es überall, aber dem Chef des »Lauschigen Plätzchens« bist du noch einen Gefallen schuldig.


Ich habe in der Zeitung eine Restaurantkritik gelesen, in der zwei Spalten lang nur das Gebäude beschrieben wurde. So musst du das auch machen. Wer kann denn essen gehen, ohne die baulichen Hintergründe zu kennen?

Die Leute lesen doch deinen Artikel nicht, um etwas über die Kombination der Speisen und die Auswahl der Weine zu erfahren. Gib ihnen das, was sie auch auf der Website des Restaurants nachschlagen können! Aber gib ihnen auf keinen Fall einen Link!


Deine Kritik ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog – Weil doch nur einer schreibt, und alle anderen lesen sollen.

Du brauchst für Dein Auftragswerk nicht zu wissen, dass die Kritik ein Dialog mit dem Leser und ein Orchesterstück für seine Phantasie sein soll: Er will die Schritte der Kellner, den Klang der Gläser und das »Oh!« der Gäste hören.

Schreib und vergiss! Das schont den Magen.


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10 Antworten zu Ratschläge für einen schlechten Restaurantkritiker

  1. Xeniana sagt:

    Ein ungewohnter Ton, aber witzig, sarkastisch und einfach gut::)

  2. Muyserin sagt:

    Ich sehe, du kennst und liest die PRINZ!? ;) *duckundweg*

  3. E-Haller sagt:

    KÖSTLICH! ;)

  4. alex sagt:

    Das Problem ist ein viel schwerwiegenderes. Wenn ich mich recht erinnere – ist der späte Erscheinungstermin des neuen Augusto – einem Strategie UND Redaktionswechsel geschuldet.

    Die Kritiken im Heft waren anscheinend der Anzeigenabteilung zu kritisch – da eben jene kritisierten Gastronomen da auch Anzeigen schalten sollen. Und bei Verärgerung des „Zahlers“ sinken natürlich Anzeigenerlöse und die Provisionen der Anzeigenverkäufer.

    Heisst: die Aufsicht und (wenn auch nicht offen zugegeben) hat die Anzeigenabteilung der SZ über das Augusto. Wie da die journalistische Qualität gewahrt bleiben soll… Nun ja.

    Also ist das neue Augusto eher eine Verlagssonderveröffentlichung – wird aber als journalistisches Produkt verschleiert.

    Und besonders dreist ist nun, diese Lobhudelein und gesteuerten Kritiken in der SZ zu drucken – um damit das Augusto „Magazin“ anzuteasern.

    Lokaljournalismus at it`s best.

    • stefanolix sagt:

      In dem obenstehenden Artikel wollte ich zunächst nur den Stil vieler Restaurantkritiken würdigen, unabhängig von dieser Publikation.


      Wenn sich ein Magazin mit seinen Kritikerinnen und Kritikern ein gutes Image als Schiedsrichter in Sachen des guten Geschmacks aufbaut, dann werden die Kunden am Kiosk Schlange stehen und die Anzeigenkunden werden rege nachfragen.

      Im Umfeld guter Kritiken und guter Fotos kann man für nahezu alle Produkte aus den Bereichen Genuss, Kultur und Tourismus werben. Ein Magazin darf sich aber niemals von denen abhängig machen, über die es schreibt.

      Eine Zeitung, die Restaurantkritiken veröffentlicht, muss sich schlichtweg entscheiden, wem sie verpflichtet ist: Den Lesern oder den Restaurants. Beiden gleichzeitig? – Das kann und wird nicht funktionieren.


      Das Augusto-Magazin wird offiziell von der Dresdner Magazin Verlag GmbH als Unternehmen der DD+V Mediengruppe herausgegeben. Man kann die Meinung vertreten, dass Artikel aus diesem Magazin in der Tageszeitung als »Anzeige« gekennzeichnet werden müssten.

      Das Fachmagazin »Flurfunk« schrieb zum Übergang von »PluSZ« zu »Augusto« (in diesem Fall bezogen auf die wöchentliche Beilage):

      Künftig ist das wöchentliche Donnerstags-Magazin ein Verlagsprodukt, läuft als als Sonderpublikation. Das Magazin untersteht damit nicht mehr der Chefredaktion der “Sächsischen Zeitung”, sondern direkt der Geschäftsführung der DD+V Mediengruppe.

      und, wiederum bezogen auf die Beilage:

      Wie bei Sonderpublikationen üblich finden sich in dem 16- bis 20-seitigen Magazin künftig neben klassischen Anzeigen auch verkaufte Artikel. Da kann man es wohl als anständig von dem Verlag bezeichnen, das Produkt auch umzubenennen.


      Ich hatte ja neulich (wenn auch in etwas bitterem Ton) einen solchen Artikel auseinandergenommen.

      Solche Artikel führen zu einem massiven Glaubwürdigkeitsverlust bei der Zielgruppe. Gerade wenn man sich nicht so oft einen Restaurantbesuch leisten kann, möchte man doch als Gast vorher wissen, wohin man mit Genuss und mit möglichst wenig Bedenken gehen kann.


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