Zettels Interview. Nebst Gedanken über den Stand des Dialogs zwischen Medien und Bloggern.

Die Zeitungen führen nur selten ein Interview mit einem Blogger. Blogger gehören wohl für viele Journalisten immer noch zur »dunklen Seite«. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht: Manche Blogger mäkeln immer nur an den Zeitungen herum, andere verbreiten die Zeitungsmeldungen nur in überspitzter Form weiter und leisten keinen eigenen Beitrag.

Aber es gibt auch sehr viel konstruktive Medienkritik: Man findet sie dort, wo Interessenkonflikte untersucht werden, wo die Leser zum Nachdenken angeregt werden, wo die Quellen offengelegt werden. Ein Protagonist der konstruktiven Kritik und der konstruktiven Ergänzung der Medien ist der emeritierte Professor Zettel.


Die Publizistin Cora Stephan hat mit ihm für die WELT ein Interview geführt. Es ist nicht nur deshalb interessant, weil man dort gute Begründungen für den Zustand findet, den ich gern als »anständige Anonymität« bezeichne:

Man schreibe nur Dinge, die man auch in einer Zeitung oder auf dem Dresdner Altmarkt vertreten könnte. Man trete als Person hinter seinen Inhalt zurück. Man nutze die Meinungsfreiheit mit großer Verantwortung. Man respektiere das Urheberrecht und die Persönlichkeitsrechte.

Das sind übrigens genau die Regeln, die Zettel in seinem Diskussionsforum mit großer Konsequenz durchsetzt.


Das Interview zeigt auch, warum sich Medien und Blogger eigentlich gut ergänzen könnten, wenn die Vernünftigen auf beiden Seiten dabei an einem Strang zögen. Zettel hat als emeritierter Professor einen großen Erfahrungsschatz und er hat gleichzeitig eine hohe Methodenkompetenz. Es ist ihm nicht wichtig, mit seinem Namen als Autor eines Gastbeitrages in der Zeitung zu stehen:

Man sollte nicht zusammenwachsen lassen, was getrennt gehört. Unter Pseudonym zu schreiben hat ja eine lange und durchaus ehrwürdige Tradition. (…) Wenn Sie nach meinem bürgerlichen Namen googeln, finden Sie im Augenblick ungefähr 14.000 Einträge. Das ist ein wissenschaftlicher Diskussionszusammenhang. Zu „Zettels Raum“ gibt es ungefähr 70.000 Fundstellen. Es sind zwei getrennte Welten, und so soll es bleiben.

Als Wissenschaftler muss man sich auf ein enges Gebiet konzentrieren. Jetzt genieße ich es, ein wenig hierhin zu gucken und dorthin. Ich lese das, was ich schon immer lesen wollte; aus sehr unterschiedlichen Bereichen. Das Schreiben für „Zettels Raum“ gibt dem eine gewisse Struktur. Es zwingt einigermaßen zur Disziplin.

In dem Interview kommt klar zum Ausdruck, wie wichtig das journalistische Handwerk und die journalistische Kunst für Zettel als Autor, aber auch für uns alle als Bürger und Demokraten sind. Es kann nicht um eine Konkurrenz oder gar um einen Krieg zwischen Zeitungen und Bloggern gehen. Wenn man konstruktiv herangeht, entsteht eine Symbiose. Und die ist bekanntlich für beide Seiten von Nutzen.


Allerdings kommt mir der Optimismus oft abhanden: Wenn Medien konstruktive Kritik abblocken, wenn Blogger immer wieder am Beachten der einfachsten Regeln des Urheberrechts scheitern, wenn Twitterer tippen, ohne zu denken oder wenn Interessengruppen eine weitere Gebühreneinzugszentrale für die Finanzierung des Journalismus fordern.

In solchen Momenten erinnere ich mich daran, dass es noch Leuchttürme der Vernunft gibt. Zettels Raum ist auf jeden Fall einer dieser Leuchttürme. Wenn das Interview mit Cora Stephan auch nur tausend neue Leserinnen und Leser für Zettels Blog und Zettels Diskussionsforum interessieren würde, dann wäre für Aufklärung und Vernunft wieder einiges gewonnen …


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3 Antworten zu Zettels Interview. Nebst Gedanken über den Stand des Dialogs zwischen Medien und Bloggern.

  1. Muriel sagt:

    Zettel ist ja auch einer dieser Blogger, mit denen ich gar nicht klarkomme.
    Will ihm aber den Leuchtturm der Vernunft deshalb nicht unbedingt absprechen. Wie du sagtest, perfekt ist niemand, und ich lese da zu selten mit. Sein Stil liegt mir jedenfalls nicht. Egal.
    Du schreibst oben:

    Es ist nicht nur deshalb interessant, weil man dort gute Begründungen für den Zustand findet, den ich gern als »anständige Anonymität« bezeichne:

    Man schreibe nur Dinge, die man auch in einer Zeitung oder auf dem Dresdner Altmarkt vertreten könnte.

    Ich finde das zu eng. Es gibt sehr anständige Gründe, etwas anonym zu schreiben, dass man eben nicht auf dem Altmarkt vertreten will.
    Ich will die nicht mal für mich selbst reklamieren, denn bei mir ist es vor allem Faulheit, aber ich würde das jedenfalls noch nicht aus der anständigen Anonymität ausgrenzen wollen.
    Wolltest du das?

    • stefanolix sagt:

      Ich sehe folgende Vorteile: Er will mir kein Medium verkaufen (kaufen kann ich diverse Zeitungen und Bücher). Er fordert den Widerspruch, aber auch das Weiterdenken seiner Leserschaft heraus. Er moderiert seine Diskussionsrunden relativ konsequent und setzt Regeln durch, die mir richtig erscheinen.


      Es gibt selbstverständlich Dinge, die man nicht auf dem Dresdner Altmarkt vertreten will: Privates und Persönliches, aber auch den einen oder anderen spontanen Gedanken. Viele Dinge würde ich aber weder anonym, noch unter meinem richtigen Namen ins Netz stellen. Vielleicht habe ich eine etwas altmodische Vorstellung von Privatsphäre, aber manche Informationen sollten den persönlichen Bereich nicht verlassen.

      Wenn das jemand für sich persönlich anders sieht, und weiter aus sich herausgehen will, dann ist das selbstverständlich legitim und es soll auch im Rahmen der Anonymität möglich sein.

  2. Erling Plaethe sagt:

    Ich habe schon sehr viele gründlich recherchierte Blogbeiträge von hoher Qualität gelesen, hier, bei Rayson und natürlich bei Zettel, um mal drei zu nennen. Es gibt auch manche Kommentare auf diesem Niveau.
    Als interessierter Leser habe ich auch wenig Interesse an Zweitverwertungen. Würde ein Blogger sich darauf beschränken, wäre meine Neugier schnell erschöpft.
    Eine reine Meldung (wie sie auch Journalisten verwerten) zu kommentieren und mit eigenen Erkenntnissen zu bereichern, ist Journalismus, sag ich mal. Deswegen sind die Unterschiede zu Bloggern m.E. viel geringer, um nicht zu sagen – woanders zu suchen.
    In der Qualität nämlich.

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