Ja, sie prahlt noch

Als ich gestern einen berichtigenden Artikel über die Fehlinterpretation einer Statistik in der »Sächsischen Zeitung« geschrieben habe, wollte ich eigentlich noch hinterfragen, mit welchem Selbstverständnis solche Meldungen in die Welt gesetzt werden.

Heute bekam ich mit der tagesaktuellen Ausgabe eine ganz frische Selbstbeweihräucherung auf den Frühstückstisch gelegt. Die Überschrift lautete: »Ja, sie lebt noch«. Doch genießen Sie selbst:

Aber sie [die Journalisten] werden dafür bezahlt, dass sie Informationen prüfen, sortieren und aufbereiten. Das unterscheidet eine Zeitung von kostenlosen Online-Nachrichten. Und deshalb kostet eine Zeitung Geld. (…)

Warum sollten Leser nicht auch in Zukunft bereit sein, einen solchen Betrag für die digitale Version der SZ zu bezahlen? Sie wollen ja kein Papier kaufen, sondern Inhalte.


Um das ein wenig einzuordnen, sehr geehrte Redaktion der »Sächsischen Zeitung«: Die statistischen Daten aus Ihrem Artikel von gestern kann sich jeder Bürger vom Sächsischen Landesamt für Statistik herunterladen. Aktuelle Zahlen zu den Haushalten in Dresden kann man auch bei der Kommunalen Statistikstelle der Stadt Dresden abrufen.

Wurde beim Schreiben Ihres Artikels etwas geprüft? Sortiert? Aufbereitet? Man darf es bezweifeln, wenn man die Überschrift liest. Es ist trivial, die frei verfügbaren Zahlen zu runden und in einige Sätze zu kleiden. Es wäre nicht trivial gewesen, eine richtige Überschrift zu finden. Aber dazu hätte man die Zahlen ja einordnen müssen.


Nun hat sich jemand »aus dem Internet« die Zahlen angeschaut. Er hat eine richtige Überschrift gefunden und ein erklärendes Diagramm hinzugefügt. Das ist jemand, der kostenlos bloggt und kein Geld dafür haben will. Aber eigentlich wäre das Ihre Aufgabe gewesen.

Warum sollten Leser in Zukunft bereit sein, einen Betrag von 1.20 Euro für die digitale Version der SZ zu bezahlen, wenn diese Zeitung ihrem Selbstverständnis schon in so einfachen Dingen nicht gerecht wird?


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12 Responses to Ja, sie prahlt noch

  1. Sathiya sagt:

    DAS ist der Grund, warum ich seit vielen Jahren keine Zeitung mehr lese. :-)
    Bin eben etwas sprachlos über solch eine bodenlose Dummheit und Arroganz.
    Nächstens werden die Zeitungen noch zum Kilopreis verkauft (die Idee kam mir, als ich die Bücherwühltische, die sich vor fetten Schinken nur so bogen, im Hugendubel und diversen anderern Buchdiscoutern betrachtete), Inhalt ist zur Nebensache geworden, wie es scheint.
    Nun bin ich erst recht nicht daran interessiert, dasselbe Geld für Online-Ausgaben auszugeben, die mir denselben Dünnsinn vorsetzen, nur ohne das Papier.
    Du kriegst die Tür nicht zu…!!!

    Ein sehr schöner Blog. Gute, intelligent formulierte Beiträge. Gefällt mir. Ab sofort auf meiner Leseliste.
    Lg, Sathiya

    (via geschmacks-sache.blogspot.com, danke für Ihren Besuch!)

    • stefanolix sagt:

      Zeitungen nach Gewicht! Das ist eine blendende Idee. Die Lebensmittelhändler müssten dann nur eine weitere Waage anschaffen: eine für den Käse und eine für die Käseblätter. Denn beides darf man ja nicht auf die selbe Waage legen.

      Der Witz ist ja: Auch im Internet sperrt sich die »Sächsische Zeitung« dagegen, einen Link zur Quelle der Daten anzubieten. Vielleicht soll der Leser gar nicht erfahren, wie leicht es ist, an die Daten heranzukommen? Vielleicht könnte sich ein Leser gar erfrechen, seinen Kommentar unter den Artikel zu setzen?

      Eine digitale Ausgabe ohne Links wäre wertlos und kaum ein Internet-Nutzer würde sie kaufen wollen. Eine digitale Ausgabe mit Links würde allerdings deutlich höhere Ansprüche an die Journalisten stellen, weil man dann nicht mehr ein paar Zahlen und Sätze aus Presse- und PR-Mitteilungen abschreiben kann.


      Es sieht hier vielleicht manchmal so aus, als ob ich nach Fehlern in der Zeitung suchte. Aber das stimmt nicht. Ich habe gar keine Zeit zum Suchen.

      In ganz vielen Fällen kommen die Themen zu mir: Durch eine Erregungswelle im Netz aufgrund einer falsch wiedergegebenen Meldung. Durch den öffentlichen Presse-Service der sächsischen Staatsregierung oder der Stadt Dresden. Durch Hinweise im Blog oder per E-Mail. Und dann werde ich zum Detektiv. – Danke für das Lob ;-)

      Aber heute habe ich die »SäZ« beim Bäcker gekauft, weil ich die Ankündigung auf der ersten Seite gelesen habe (wonach die Tageszeitung »noch lebt«). Außerdem hat mich interessiert, ob die Zeitungsredaktion die Überschrift von gestern korrigieren würde …

      Ergänzung: Ich sehe gerade, dass die SäZ für den oben zitierten Artikel auch online Geld haben will.

  2. […] Und ebenfalls kostenlos, aber sehr lesenswert ist die Blog-Kommentierung durch stefanolix, Titel: “Ja, sie prahlt noch“. […]

  3. Lenbach sagt:

    Aber sie [die Journalisten] werden dafür bezahlt, dass sie Informationen prüfen, sortieren und aufbereiten.

    Und genau auf dieses (Aus)sortieren und Aufbereiten von Statistiken kann ich gerne verzichten, wenn es nach dem inzwischen üblichen Muster verläuft.

    Neulich im Tagesspiegel – wieder einmal – eine Studie über Extremismus. „Aufbereitet“ wurde selbstverständlich nur der Rechtsextremismus, andere Extremismen als nichtexistent „aussortiert“. Ich bat daher im Kommentarbereich, man möge doch bitte den Link zur Originalstudie beifügen, ich würde mir gerne selbst ein Bild von den Daten machen. Allein dieser Wunsch war anscheinend so ketzerisch, daß mein Beitrag nicht veröffentlicht wurde, und ich eine Mail von der Redaktion bekam, man wolle mein Anliegen „prüfen“. Dabei blieb es auch, ein Link wurde natürlich nicht nachgereicht.

    • stefanolix sagt:

      Das Muster sah früher so aus: Die Herausgeber haben die Studie exklusiv an alle Redaktionen geschickt. Der Bürger konnte auf die Studie erst viel später in der Bibliothek zugreifen. Der Journalist hatte die Deutungshoheit.

      Heute kann man die Studie selbst herunterladen. Heute kann man sich über parlamentarische Anfragen und die Antworten der Regierung selbst ein Bild machen. Heute kann man selbst auf die Zahlen der Statistik seines Bundeslandes zugreifen.

      Die Journalisten haben praktisch auf den meisten Gebieten keine Deutungshoheit mehr. Aus Unsicherheit machen sie nun immer mehr Fehler. Diese Fehler wollen sie natürlich nicht zugeben, weil sie glauben, dass dann die Deutungshoheit noch schneller den Bach runtergeht.

      Aber das stimmt nicht. Genau die Medien verdienen den meisten Respekt, die ehrlich mit Fehlern umgehen und sie transparent berichtigen.

      • Lenbach sagt:

        Wenn ich mich recht erinnere, hat die Deutungshoheit früher aber eine wesentlich geringere Rolle gespielt als heute, obwohl der Leser keinen Zugriff auf die originalen Quellen hatte. Vielleicht sind Interpretationen dadurch auch weitgehend unbemerkt geblieben. Mag sein, daß mir da Rückschau einen Streich spielt. Die Übermittlung von Tatsachen war die Hauptaufgabe, und nicht die Erziehung des Lesers. Gerade in einer Zeit, in der jeder die Statistiken einsehen kann, kann ich nicht an „Fehler“ aus „Unsicherheit“ glauben.

      • stefanolix sagt:

        Die Deutungshoheit wird gegenüber Lesern wirksam, die nicht kritisch hinterfragen.

        Ich war zur Wende 1989 gerade 22 Jahre alt. Somit hatte ich während der ganzen Zeit meines politischen Interesses eigentlich immer nur hinterfragt: Die DDR-Presse mit Hilfe des Deutschlandfunks (etwas anderes hatten wir ja in Dresden nicht); die Nachrichten aus dem Westen mit dem Anteil von Informationen aus der Schule, den man nach gründlichem Hinterfragen akzeptieren konnte.

        Ich habe mir das einfach nie abgewöhnt.

        Das Streben nach Deutungshoheit und den Begriff »Gatekeeper« (für Journalisten mit der Macht, uns als Lesern Zugang zu Informationen zu verschaffen) kannte ich auch lange nach der Wende nicht.

  4. Lenbach sagt:

    Ich habe mir das einfach nie abgewöhnt.

    Das ist auch gut so. Ich habe es mir leider erst spät angewöhnt, genaugesagt mit der Entdeckung des Internets. Daher kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob und in welchem Maße man früher schon manipuliert wurde. Nicht zuletzt anhand der im Internet archivierten Artikel verschiedener Zeitungen bilde ich mir aber ein, früher ging es sachlicher zu. Bzw. ehrlicher.

    • stefanolix sagt:

      Meine persönliche Meinung: Es ging früher professioneller zu (im Sinne der Grundregeln des Journalistenhandwerks). Die Journalisten hatten mehr Zeit, um einen Artikel zu verfassen. Deshalb erscheinen die Berichte von damals sachlicher und ehrlicher.

      Heute muss man bei fast allen Meldungen die Frage im Hinterkopf haben: Welcher Spin steckt jetzt schon wieder dahinter?

  5. Sathiya sagt:

    Seit den Zeitungen zunehmend die Leser und Abonnenten davonlaufen, ist meines Erachtens nach der seröse investigative aufklärende Jornalismus weitgehend zugunsten von Sensationshascherei, Sportberichten und Heimattümelei verlorengegangen.

    Wie findet und bindet man Leser? Indem man ihnen sagt, was sie hören wollen. Ersetze sagen und hören durch schreiben und lesen. Bleibt dasselbe. Läßt sich ebenfalls auf Radio und Fernsehen anwenden, ist dasselbe in Grün.
    Das Wort Deutungshoheit – stößt mir extrem unangenehm auf. Freibrief zur Manipulation, würde ich sagen.
    Die Exegeten des modernen Nachrichtendschungels.

    Hinterfrage einfach alles. Am zuverlässigsten sind immer noch Meldungen, Artikel, Einträge, Mitteilungen, mit denen niemand Geld verdient oder sonstwie einen Vorteil erzielt.

    Grüße, Sathiya

    • stefanolix sagt:

      In vielen Dingen Zustimmung.

      Aber es gibt auch Meinungsmanipulation, die dem Augenschein nach sehr uneigennützig ist und die man kostenlos bekommt.

      An dieser Stelle wird es sehr heikel. Erstens: weil fast alle kritischen Beobachter nur auf die Stiftungen und Organisationen hinweisen, die ihnen ein Dorn im Auge sind. Zweitens: Weil man gar nicht alle Stiftungen und Organisationen kennen kann.

      Es gibt Stiftungen, die bestimmte Gedanken, Positionen oder Strömungen mit sehr viel Geld fördern und von denen die meisten Leute nie etwas gehört haben. Natürlich stecken die Stifter und Sponsoren nur deshalb so viel Geld hinein, weil sie Interessen damit verfolgen.

      Aber wie gesagt: Die Stiftung der »gegnerischen« Seite ist schnell entlarvt; über die eigene Seite schweigt man; über die weitgehend unbekannten Stiftungen weiß man gar nichts.


      Ich bin der Meinung, dass man einige vertrauenswürdige Nachrichtenquellen parallel nutzen sollte. Das geht gut, solange man auf die Trennung von Meldung und Meinung achtet. Sobald in einer Meldung zu viel Meinung auftaucht, breche ich das Lesen ab ;-)

  6. stefanolix sagt:

    Wenn ich mir ein vorläufiges Fazit erlauben darf, bevor ich vorerst verschwinde, weil die Nacht morgen früh sehr zeitig zu Ende ist:

    Danke an alle, die sich heute beteiligt oder mitgelesen haben ;-)

    Solche Diskussionen müssten die Zeitungen eigentlich selbst an sich ziehen. Natürlich moderiert, natürlich mit gewissen Richtlinien (beispielsweise wie bei Zettel), natürlich mit Anmeldung; vielleicht sogar mit Bezahlung.

    Aber das wäre wirklich die ideale Kombination aus Leserbindung, Stärkung der Kompetenz der Leser und Meinungsfreiheit! Und durch die konstruktive Kritik würden auch die Zeitungen besser.

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