»Das Zugpersonal verabschiedet sich von Ihnen …«

7. November 2012

Der Zugführer im »Franken-Sachsen-Express« verkündete mit fränkischer Bassstimme, tief in sich selbst ruhend und jede Silbe exakt betonend:

Wir erreichen Dresden-Hauptbahnhof mit neun-und-zwan-zig Minuten Verspätung. Ihre vorgesehenen Anschlusszüge werden nicht erreicht.

Dann sagte er Ersatzverbindungen für die »Fahrgäste mit Fahrtziel Berlin« an. Ich habe beim Zuhören mit ihnen gelitten: Schon die Fahrt auf der direkten Verbindung ist kein Vergnügen, aber die Aussicht auf mehr als vier Stunden Fahrt auf einer Route über Cottbus hätte mich heute zur Verzweiflung gebracht.

Auf die heute üblichen Erklärungen und auf die Abschiedsformel verzichtet der Zugführer. Weil so eine Verspätung inzwischen die normalste Sache der Welt ist? Oder weil ihm die vorgegebenen Formeln an diesem Abend wirklich nicht angemessen erschienen?



Ungekennzeichnet: Restaurant-Werbung im Lokalteil der »Sächsischen Zeitung«

6. November 2012

Gestern haben sich die Qualitätsjournalisten der »Sächsischen Zeitung« wieder einmal selbst übertroffen:

Freuden unter Reben

ist der Artikel im redaktionellen Lokalteil überschrieben. Der kundige Leser ahnt: Jetzt kommt Restaurantwerbung bis zum Abwinken. Man fragt sich unwillkürlich: Welche der lieblos auf den Teller gepackten PR-Phrasen soll man zuerst zitieren?

  • kleines Innenstadtwunder
  • urig-lauschiges Ecklokal
  • kulinarisches Gedicht
  • generationsübergreifender Wohlfühlort

Das ist keine Restaurantkritik. Das ist kein Service. Das ist noch nicht mal richtige Schleichwerbung. Es ist einfach erbärmlich.


Aber in einem Punkt hat es mir trotzdem geholfen: Der Artikel ist namentlich gekennzeichnet und der Autor hat für mich schlagartig an Glaubwürdigkeit verloren. Wenn ich ab jetzt einen Artikel dieses Autors lese, werde ich mich immer fragen: Ist er den Interessen des Lesers oder den Interessen anderer Auftraggeber verpflichtet?

So kann man sich als Zeitung das Geschäft selbst kaputtmachen. Vielleicht werden sie irgendwann jemanden für einen PR-Artikel bezahlen, in dem die »Sächsische Zeitung« als

  • kleines Zeitungswunder
  • mit urig-lauschigem Lokalteil
  • journalistischen Gedichten und
  • generationsübergreifendem Wohlfühljournalismus

angepriesen wird. Aber das wird dann auch nicht mehr helfen.


Anmerkung am Jahresende 2012: Ich habe im Artikel einen Satz gestrichen, weil er nicht verhältnismäßig war.



Kommunale Anteilseigner der Stadtwerke: Fluch oder Segen?

5. November 2012

Die Befürworter staatlicher oder kommunaler Versorgungsbetriebe argumentieren gern mit dem Nutzen für die Bürger und die Beschäftigten: Die Daseinsvorsorge soll dem Staat oder der Kommune obliegen. Auch die Beschäftigten seien bei einem staatlichen (kommunalen) Unternehmen besser aufgehoben, als bei einem profitgierigen Privatunternehmen.

Der Autor dieses Blogs hat beruflich seit etwa fünf Jahren relativ häufig mit Mitarbeitern von Stadtwerken und Zweckverbänden zu tun. Es ergeben sich viele Gelegenheiten zum privaten und zum fachlichen Meinungsaustausch.


Zwangsläufig sieht man die Arbeit der eigenen Stadtwerke mit anderen Augen und weiß sie ganz anders zu schätzen: Man kennt die langen Zeiträume, in denen Planung, Bau und Rehabilitation von Leitungen realisiert werden müssen. Man lernt etwas über die Prinzipien der planmäßig-vorbeugenden Instandhaltung. Man weiß um die Notwendigkeit von finanziellen Rücklagen.

Und nicht zuletzt: Man sieht, welch harte Arbeit im Bereitschaftsdienst, in der Wartung, in der Reparatur und in den Baumaßnahmen steckt. Auch bei Hitze und Frost arbeiten Monteure im Rohrgraben, damit wir als Großstadtbewohner Wasser und Fernwärme haben.


Man weiß das alles und dann liest man einige Artikel über die Stadt Bochum und ihre Stadtwerke. Die Stadt ist hochverschuldet, die Wirtschaftslage ist schlecht. Die Stadtwerke schreiben auf ihrer Website über sich selbst:

Wir sind ein unabhängiges und selbstbewusstes Unternehmen in kommunaler Hand. Zur erfolgreichen Weiterentwicklung unseres Unternehmens und zum Wohle unseres Anteilseigners streben wir stets nachhaltigen ökonomischen Erfolg an.

Und diese kommunalen Stadtwerke haben nichts besseres zu tun, als das Geld gleich in 25.000-Euro-Paketen an mehr oder weniger prominente Redner aus Politik und Kultur zu verteilen. Wohlgemerkt: Für wenige Stunden des gepflegten Parlierens.


Ein einfacher Überschlag: Mit 25.000 Euro kann man einen Netzmonteur etwa ein Quartal beschäftigen. Ein Quartal, in dem er zum Beispiel nachts Bereitschaftsdienst hat, wenn bei Frost ein Rohr platzt und wenn die Bochumer Bürger frühmorgens trotzdem duschen wollen. Dieser Netzmonteur bekommt dann von seiner Geschäftsführung folgendes Stück Unternehmenskultur zum Frühstück:

Unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begegnen wir wertschätzend und vertrauensvoll. Wir erwarten ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft.

Und in seiner Freizeit kann er in der Zeitung oder im Internet immer mehr Artikel über die Peinlichkeiten aus dem eigenen Unternehmen lesen. Auch die lokalen Blogs im Ruhrgebiet haben recherchiert. Die Stellungnahme seines kommunal geführten Arbeitgebers sieht so aus:

Es gab keine Absprachen der Stadtwerke Bochum – weder schriftlich noch mündlich – mit Herrn Steinbrück, dass er sein Honorar aus dem Auftritt am 26.11.2011 in Höhe von 25.000 € einem von ihm zu bestimmenden karitativen Zweck hätte spenden müssen. Eine entsprechende Erklärung haben die Stadtwerke Bochum heute Peer Steinbrück gegenüber abgegeben. Wir bedauern, dass es in diesem Zusammenhang zu Irritationen gekommen ist.

Die Verursacher dieser »Irritationen« sollten bei Gelegenheit mal in eine Baugrube steigen und den Netzmonteuren erklären, wozu es notwendig ist, mehrmals im Jahr 25.000 Euro für ein nettes Gespräch auszugeben, anstatt eine Verstärkung für den Bereitschaftsdienst einzustellen. Sie sollten sich dabei warm anziehen.



Die Koalition plant die Regulierung des Kuhhandels

5. November 2012

Frank hat heute in einem aufsehenerregenden Artikel enthüllt, dass der Internationale Verband der Kuhhändler (IVdK) gegen die inflationäre Verwendung des Fachbegriffs »Kuhhandel« für »Ergebnisse einer CDU/CSU/FDP-Koalitionsrunde« protestiert habe.

Wir protestieren dagegen, dass dieser Beschluss der Regierungskoalition »Praxisgebühr weg, Betreuungsgeld kommt« von den Medien als »Kuhhandel« bezeichnet wird.

Diese Stellungnahme der »ehrlichen Kuhhändler« wird gravierende Folgen haben. In Hintergrundgesprächen gaben Vertreter der Koalition zu erkennen, dass die Spitzenpolitiker der drei Koalitionsparteien sehr ungehalten über den Vorstoß des IVdK gewesen seien.


Die schwarz-gelbe Koalition habe sich seit September 2009 immer wieder darum bemüht, am Standort Deutschland bestmögliche Bedingungen für den Kuhhandel zu schaffen.

Die Aufwendungen für den Kuhhandel können bisher — vor allem auf Betreiben von Ex-Politikern in guten Vortragspositionen – steuerlich voll geltend gemacht werden. Selbst komplett bankrotte Städte können sich über ihre Stadtwerke am Kuhhandel beteiligen.

Die Kritik des IVdK wurde folglich in höchsten Koalitionskreisen als Affront betrachtet. Die halboffizielle Stellungnahme der Generalsekretäre der Koalition lässt noch nichts Schlimmes vermuten:

Der Vorsitzende des IVdK verkennt in seiner Stellungnahme die wirkliche Dimension des Regierungshandel(n)s. Vom tatsächlichen Umfang der Neben- und Zusatzvereinbarungen wurde in der Presse bisher nur die halbe Spitze des Eisbergs bekannt und die tatsächlich undurchsichtigen Abläufe werden Sie in keinem Protokoll finden.

In Hintergrundgesprächen wurde aber inoffiziell bereits bekannt, dass die Koalition nunmehr für eine europaweite Kuhhandelstransaktionssteuer eintritt. Der Finanzminister sei davon überzeugt, dass damit auch die Finanz- und Bankenkrise vollständig bewältigt werden könne.


Ein Vertreter der Koalition, der nicht namentlich zitiert werden wollte, sagte gegenüber diesem Blog: Deutschland werde diese Steuer notfalls im Alleingang einführen. Beamte des Bundesfinanzministeriums seien bereits damit beauftragt, ein System der einheitlichen und eindeutigen Kuhhandels-Identifikation zu konzipieren.

Alle Belege für einen Kuhhandel müssen zukünftig in digitaler Form in einem Kuhhandelsmanagementsystem (KMS) zehn Jahre lang gespeichert werden. Die Buchungen müssen progressiv und retrograd prüfbar sein.

Die Prüfer der Kuhhandelregulierungsbehörde können zwischen drei Zugriffsarten auf die Daten wählen: unmittelbarer Zugriff auf das KMS, mittelbarer Zugriff auf das KMS oder Datenträgerüberlassung an den Kuhhandelsprüfer. Weitere Regelungen werden in den GdoKh (Grundsätze des ordnungsgemäßen Kuhhandels) festgelegt. Ziel ist ein

wahlfreier Zugriff auf alle gespeicherten Daten einschließlich der Stammdaten und Verknüpfung mit Sortier- und Filterfunktionen unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit.

Die Koalition widerspricht Befürchtungen, dass die Regulierung des Kuhhandels zu einer Abwanderung von Kuhhändlern und zu einer Verlagerung der Kuhhandelsgeschäfte ins Ausland führen könne. Deutschland sei aufgrund der breit angelegten Verfilzung aller Parteien auch in Zukunft ein Standort, der ohne Kuhhandel nicht auskommen werde.


PS: Eigentlich müsste der Verband der Weihnachtsmänner noch härter protestieren – und zwar gegen die Schlagzeile »Gipfel der Geschenke«. Was für ein Missbrauch des Wortes »Geschenk«!