Popcorn aus Vollkorndinkel

Es ist ein beliebter politischer Trick vor fast jeder Wahl: Wenn es dem Kandidaten schlecht geht, muss seine Frau einspringen.

Manchmal klappt es: Michelle Obama und Hillary Clinton dürfte einen nicht geringen Anteil an den Erfolgen ihrer beiden Ehemänner gehabt haben. Manchmal geht es fürchterlich schief: Norbert Röttgen konnte auch ein beherzter Einsatz seiner Frau nicht mehr retten.

In der Tageszeitung »Die Welt« hat nun Gertrud Steinbrück »einen seltenen Einblick gewährt«, um ihren Mann zu unterstützen. Gastautor R.A. hat in Zettels Raum schon einiges dazu geschrieben. Besonders lustig ist Frau Steinbrücks Seitenhieb auf die Gattinnen der amerikanischen Politiker:

Wer auch nur etwas graue Substanz unter seiner Schädeldecke hat, weiß, dass die Fotos der Politiker-Familie bei Chips und Cola vor dem Fernseher gestellt sind. Sie sind ein großer Fake. Das ist geistiges Popcorn, das die Intelligenz eines jeden Bürgers beleidigt.


Wollte man bei diesem Beispiel bleiben, müsste man nun sagen: Frau Steinbrück verteilt Popcorn aus Vollkorndinkel. Sie beleidigt zwar auch die Intelligenz der Bürger, aber sie tut es auf besonders gesunde Art und Weise.

Ist Ihnen aufgefallen, wie sehr sich Frau Steinbrück an die Erwartungen der Zielgruppe anpasst? Sie betont ihr umweltbewusstes Verhalten so stark, dass es fast schon peinlich wirkt:

Sie nimmt im Restaurant extra ein kleines Schnitzel. Sie heizt ihr Haus nicht allzu stark. Sie fährt oft in Bonn mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber sie radelt auch in Berlin auf dem Kurfürstendamm. Sie kommt zum Interview extra mit dem Zug von Bonn nach Berlin und das wird im Artikel betont, als ob sie gerade zu Fuß den Südpol erreicht habe.

Popcorn aus Vollkorndinkel schmeckt mir ebenso wenig wie Popcorn aus stark gezuckertem Mais …


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11 Responses to Popcorn aus Vollkorndinkel

  1. Muyserin sagt:

    Ich glaube, es war im SPIEGEL, im Kontext des Gesprächs zwischen Altkanzler Schmidt und Steinbrück (bei dem Letzterer noch vor einem Parteitagsbeschluss gepusht werden sollte, was mir nebenbei bemerkt schon damals merkwürdig vorkam), dass ich ein Foto des rauchenden Steinbrücks sah. Ja, richtig gelesen, Steinbrück, nicht Schmidt. Und während jenem, als Angehörigem einer anderen Generation, in der man über die Gefahren des Rauchens noch wenig wusste, und eben als verdientem Staatsmann und Senior, sein Laster unbenommen sei, stieß es mich bei Steinbrück richtiggehend ab.

    Ich weiß, dass ich an dieser Stelle amerikanisiert bin: dass ich den Bildern eines jungen, sportlichen Präsidenten, der es sich leisten kann, in Badehosen abgelichtet zu werden und dabei auch noch gut auszusehen, erlaube, ihre suggestive Kraft auf mich zu entfalten. „Er hat sich im Griff? Dann wird er auch sein Land im Griff haben“, so etwa meine emotionale Reaktion.

    Es mag verkehrt sein, aber ich werde keinen Kanzler unterstützen, der ein so ungesundes Laster pflegt. Mens sana in corpore sano, fällt mir dann unwillkürlich dazu ein, und ich glaube daran, dass Nikotin einen Menschen, der hohen Belastungen ausgesetzt ist, nicht souveräner macht.

    Überdies ist eine Sucht für den politischen Gegner ein sichtbares Zeichen von Schwäche. Ich verstehe nicht, wieso Steinbrück sich so ablichten ließ bzw. es absegnete. Vielleicht sollte das Bild menscheln, zeigen: „Sieh her, Arbeiterpartei, ich bin zwar vom rechten Flügel der Partei, aber rauche wie einst die Kohlekumpel?“

    Nur weil sie mir bewusst sind, kann ich meine eigenen double standards nicht gänzlich unterlaufen. Vielleicht ist das auch eine Folge der Emanzipation, dass Männer den selben kritischen Mechanismen unterworfen werden wie Frauen. Man stelle sich Angela Merkel beim Rauchen vor. Unvorstellbar. Sie würde sofort von ihrer Aura einer Mächtigen (und ich hätte nie gedacht, dass ich sie einmal mit diesem Wort charakterisiere) einbüßen.

    Kurzum, Frau Steinbrück kann so bewusst leben, wie sie will: ich vermute, ich bin nicht die einzige Wählerin, die ihren rauchenden Mann kritisch sieht.

    Und bevor einer darauf hinweist: ja, ich kenne dieses Interview (http://www.smokersnews.de/x/?id=7357&cid=500&downto=2079) mit dem „Genussraucher“ Steinbrück. Es tut aber nichts zur Sache. Solange Bilder von ihm zirkulieren, die ihn beim Rauchen zeigen, dürfte er seinen Stempel weg haben.

    • stefanolix sagt:

      Es ist jetzt nicht so, dass ich Dir unbedingt widersprechen möchte. Aber …

      Der Altkanzler Helmut Schmidt ist ein sehr intelligenter Mensch und es dürfte ihm schon lange bekannt gewesen sein, dass Rauchen nicht gerade gesundheitsfreundlich ist. Ich weiß nicht, aus welchen Beweggründen er daran festgehalten hat. Aber er war unter den Kanzlern seiner Partei vermutlich derjenige, der das Land am besten im Griff hatte.

      [Soweit man als Kanzler dieses Land im Griff haben kann und haben sollte – der US-Präsident hat ja ganz andere Befugnisse.]


      Angela Merkel beim Rauchen – das könnte ich mir wirklich nicht vorstellen. Gibt es Bilder aus ihrer Jugendzeit, auf denen sie mit Zigarette zu sehen ist? Ich bin nicht ganz sicher. Als Politikerin hat sie es nicht mehr getan.


      Ich vermute, dass die meisten Frauen, die Peer Steinbrück kritisch sehen, dafür noch andere Gründe haben. Ich sehe es als Mensch z. B. kritisch, dass er sich von den Stadtwerken einer armen Kommune wie Bochum mit einem Betrag von 25.000 Euro für ein wenig Parlieren bezahlen ließ. Solch roter Filz wird aber nicht harmloser, wenn die Ehefrau brav die Grüne Radfahrerin abgibt.

      Konkurrenz belebt das Geschäft. Es ist traurig, dass die SPD keine bessere Konkurrenz für Angela Merkel zu bieten hat. Ein Wettbewerb um die besten Lösungen ist mit diesem Kanzlerkandidaten nicht mehr möglich, wenn er schon seine Frau zur »WELT« schickt, damit sie ihm den Hintern rettet.

      • Muyserin sagt:

        Nur kurz zur Einordnung meiner Gewichtung: das Bild vom rauchenden Steinbrück war viel früher publik als seine Referentenverträge.

      • stefanolix sagt:

        Wenn Du nur die Wahl zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück hättest: Würdest Du Angela Merkel wählen oder den Stimmzettel ungültig machen? ;-)

  2. Hedonist sagt:

    Wie aus Suggestion Illusion wird: http://www.examiner.com/article/political-health-101-does-president-barack-obama-still-smoke

    Da dachtest Du, Du bist einmal im Leben auf der Seite der Coolen und dann stehen die doch wieder in der Raucherecke :D

    • stefanolix sagt:

      Ist das Foto echt? – Unabhängig von der Politik und unabhängig von allen Gerüchten aus dem Präsidentschaftswahlkampf: Barack Obama hat eine sportliche Figur und eine sportliche Ausstrahlung. Und wenn Frau Muyserin urteilt, dass er in Badehosen eine gute Figur macht, dann können wir als Männer sowieso nicht widersprechen ;-)

  3. Sathiya sagt:

    Das gefällt mir. Treffend geschrieben.
    Lassen wir also unsere Intelligenz auf besonders gesunde Art beleidigen. Zu Fuß den Südpol erreicht. Why not.

    Ich ziehe es allerdings vor zu glauben, daß die Journalisten ihr normales verkniffenes, Bescheidenheit suggerierendes Verhalten einfach etwas übertrieben dargestellt und außerdem noch ungünstig gewichtet haben.
    Eine etwas pervertierte Form der Schützenhilfe, die das Klischee „hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau“ bedient.
    (Ich bin da immer sehr mißtrauisch, wenn ich sehe, daß eine Politiker sich der Hilfe seiner Frau bedient. Und wie läßt diese Hilfe dann den Mann aussehen? Eben, SCHWACH.)

    Das ist schwach, meine Damen und Herren…
    Und ich bin mir nicht sicher, ob ich darüber lieber lachen oder weinen soll.

    Kopfschüttelnd, Sathiya

    • stefanolix sagt:

      Ich finde nicht, dass die Hilfe einer Partnerin den Spitzenpolitiker immer schwach aussehen lassen muss.

      Schwach sieht der Spitzenpolitiker genau dann aus, wenn das Publikum merkt: Hier wird die Frau vorgeschickt, um von Schwächen und Fehlern des Spitzenpolitikers abzulenken.

      Die Beispiele der Ehefrauen von Peer Steinbrück und Norbert Röttgen zeigen: Wenn die Ehefrau Feuerwehr spielen muss, ist das Spiel schon verloren. Der Trick mit der inszenierten Homestory zieht nicht mehr. Auch dem Umweltminister Altmaier hat ja seine Homestory (ohne Partnerin oder Partner) gar nichts geholfen.

      Dagegen sieht Barack Obama (trotz etlicher politischer Schwächen) durchaus gut aus, wenn ihn seine Frau unterstützt. Sie tut es erstens kontinuierlich und sie tut es zweitens widerspruchsfrei. Man merkt, dass sie die gleichen politischen Ziele hat.

  4. Erling Plaethe sagt:

    Weder Frau Steinbrück noch Frau Obama beleidigen meine Intelligenz wenn sie sich als einflussreich gegenüber ihren Ehemännern darstellen, oder auch nicht.
    Ebenso wenig wie es ein Werbespot tut.
    Was meine Intelligenz allerdings sehr wohl beleidigt, ist die dahinterstehende Heuchelei, der hiesige Wahlkampf wäre so anders als hinterm großen Teich.
    Wahlkampf ist Showtime, ob in Amerika, in Europa oder sonstwo.
    Und er ist Werbung, warum auch nicht?
    Politiker brauchen auch nicht alles zu halten was sie versprechen, wenn sie nur Wachstum nicht behindern, kein Geld ausgeben welches sie nicht einnehmen (können) und das Eigentum der Bürger respektieren.
    Ob dann ihre Frau/ihr Mann wichtigste(r) Berater ist oder nicht, spielt für mich keine Rolle.

    • stefanolix sagt:

      Es klang gelegentlich schon an: Der Zeitpunkt der Veröffentlichung kurz vor der Nominierung ist einfach peinlich. Man fragt sich unwillkürlich: Von welchem Fehler Steinbrücks soll abgelenkt werden? Man hörte nämlich zur gleichen Zeit so ganz am Rande, dass Steinbrück als Finanzminister ein Gesetz erlassen hat, dessen Inhalt durch Lobbyisten der Banken mitbestimmt wurde.

      Abgesehen davon: Diese Art des Journalismus ist einfach unprofessionell. Wäre ich Abonnent der WELT gewesen, hätte ich am selben Tag gekündigt.

  5. Erling Plaethe sagt:

    Das Komische ist:
    Ich hatte schon einen Grund mein Abo zu kündigen und es finden sich immer wieder welche. Nun lese ich keine Zeitung, sondern Artikel von ganz bestimmten Journalisten – aber dadurch lese ich natürlich nach wie vor „Die Welt“. ;-)

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