Ein interessanter Wunsch der »Sächsischen Zeitung«

Die Kulturredaktion der »Sächsischen Zeitung« hat einen großen Artikel mit guten Wünschen für das Jahr 2013 veröffentlicht. Und wie das so mit guten Wünschen ist: Wer sie lesen will, der soll erst mal bezahlen:

Wünsch dir was
Jetzt schlägt’s zweitausenddreizehn: SZ-Kulturredakteure verraten, was sie sich für das neue Jahr erhoffen, nämlich …

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In der gedruckten »Sächsische Zeitung« bin ich am Morgen in den Genuss aller Wünsche gekommen. Zwei Wünsche haben mich ganz besonders zum Nachdenken angeregt und ich habe in meinem kostenlosen Premiumblog etwas darüber geschrieben. Bitte hier entlang ;-)

Die Journalisten wünschen sich zum einen, dass mehr Menschen begreifen mögen: Für Medien muss ein angemessener Preis bezahlt werden. Das kann ich nur unterstützen. Ich wünsche der »Sächsischen Zeitung« ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr 2013 – und viele zahlende Leser.


Doch wenn ich als Leser meine Zeitung im Abo beziehe, wenn ich sie am Kiosk oder beim Bäcker bezahle – dann werde ich mich auch öffentlich über die Qualität dieser Zeitung äußern. Ich tue das regelmäßig in diesem Blog. Und damit komme ich zum zweiten interessanten Wunsch der Kulturredakteure:

dass sich Blogger an den Debatten um die Zukunft der Medien respektvoll und tolerant beteiligen, statt aus der Deckung ihrer Anonymität heraus Selbstgerechtigkeiten und Häme abzusondern.

Das ist schon sprachlich sehr interessant: Es ist nämlich ein negativ formulierter Wunsch. Üblicherweise sagt man ja: »Ich wünsche Dir Gesundheit!« und nicht: »Ich wünsche Dir keine Krankheit.«

Man sagt auch nicht: »Ich wünsche mir von Dir im nächsten Jahr weniger Unverständnis«. Das wäre ein geladener Wunsch, weil man damit für die Vergangenheit etwas Ungutes unterstellt. Man sagt: »Ich wünsche mir von Dir im nächsten Jahr Verständnis.«

Ich empfinde den zweiten Teil dieses Wunsches aber vor allem deshalb als destruktiv, weil dem Blogger für all seine Texte nur das Wort »absondern« zugebilligt wird. Ist das nicht gerade der hämische Ton, den nun wirklich keiner hören will?

Mit dem gesamten Wunsch wird unterstellt, dass sich Blogger bisher an den Debatten um die Zukunft der Medien nicht respektvoll beteiligen, sondern nur irgend etwas Negatives absondern. Wer so etwas in die Zeitung setzt, muss schon eine ganz exklusive Sichtweise auf Blogs haben.


Der zitierte Wunsch wird nämlich noch viel interessanter, wenn man das Verhältnis zwischen den Dresdner Bloggern und der »Sächsischen Zeitung« objektiv betrachtet. Ich kenne drei Dresdner Blogger, die regelmäßig über Medien bloggen. Keiner davon wünscht der »Sächsischen Zeitung« etwas Böses. Keiner davon beschränkt sich auf Häme, wenn er über Medien schreibt.

Wenn man Sarkasmus, Ironie und etwas Häme addiert, dann haben die etwas bekannteren Dresdner Blogger im Jahr 2012 maximal zehn Prozent Bitteres über die Zeitungen geschrieben. Ich nehme mich davon nicht aus: In einem Beitrag bin ich mit einem Satz ein Stück zu weit gegangen.


Entscheidend ist aber: Mindestens neunzig Prozent der Beiträge aus dem Lager der Blogger enthielten konstruktive Kritik. Konstruktive Kritik übt man, wenn einem der Gegenstand der Kritik etwas wert ist.

Ein Sprachkritiker übt Kritik an unverständlichen Texten, weil er verständliche Texte lesen will. Ein aufmerksamer Zeitungsleser übt Kritik an tendenziösen Berichten, weil er handwerklich ordentlich verfasste Berichte lesen will.

Nun will ich aber am letzten Tag des Jahres kein Öl mehr ins Feuer gießen. Deshalb zahle ich der »Sächsischen Zeitung« den oben vollständig zitierten Wunsch nicht in gleicher Münze heim. Ich wünsche der »Sächsischen Zeitung« und mir:

  1. Dass wir in Dresden auch über 2013 hinaus eine lebendige Medienlandschaft haben und dass alle Zeitungen wirtschaftlich stabil arbeiten.
  2. Dass wir in der Dresdner Presse den besten Qualitätsjournalismus aller Zeiten zu lesen bekommen: Handwerklich korrekt, mit einer klaren Trennung zwischen Meinung und Berichterstattung.
  3. Dass wieder mehr Menschen den Nutzen in einer Zeitung sehen – möge sie gedruckt oder digital erscheinen.
  4. Dass Journalisten und Blogger offen mit ihren Fehlern umgehen und dass sie diese Fehler transparent berichtigen.
  5. Dass Journalisten und Blogger der Versuchung widerstehen, sich von der Wirtschaft, von der Politik oder von anderen Interessengruppen korrumpieren zu lassen.

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20 Antworten zu Ein interessanter Wunsch der »Sächsischen Zeitung«

  1. Das wünsche ich mir für die Berliner Presse und entsprechende Bloggerlandschaft auch!

    • stefanolix sagt:

      Den Wunsch können wir wohl auf alle Verbreitungsgebiete von Zeitungen ausdehnen ;-)

      Ihr habt ja in Berlin eine ungleich größere Blogger-Dichte. Wie gespannt (oder entspannt?) ist denn das Verhältnis zwischen Zeitungen und Bloggern in Berlin?

      • Bisher ist mir da noch keine berlintypische Besonderheit aufgefallen, es gilt wohl tatsächlich für das Verhältnis zwischen Bloggern und Presse:
        Man nimmt einander wahr – es gibt auch Überschneidungen, wie bloggende Journalisten und Zeitungsblogs -, aber insgesamt werden Blogger von der Presse noch recht zögerlich wahr- und ernstgenommen. Interessant finde ich, daß über manche Zeitungsartikel engagierte und kritische Blogbeiträge erscheinen, teils mit regen Diskussionen im Kommentarfeld, während im Kommentarfeld der Zeitung sich die Trolle tummeln.

      • stefanolix sagt:

        Berlintypisch scheint mir immerhin zu sein, dass die in den Medien bekanntesten Blogger dort wohnen und schreiben ;-)

  2. S. sagt:

    Ein letzter Kritikpukt für dieses Jahr:
    „… dass sich Blogger an den Debatten um die Zukunft der Medien respektvoll und tolerant beteiligen, statt aus der Deckung ihrer Anonymität heraus Selbstgerechtigkeiten und Häme abzusondern.“
    Ich konnte, wollte es nicht glauben, was ich da eben lesen mußte!

    Eine solche Formulierung ist in jedem Fall nicht nur unglücklich sondern fettnäpfchenzielsicher und destruktiv statt konstruktiv.

    Die „hämeabsondernden anonymen Blogger“ sollen doch mittelfristig auch als Abonnenten gewonnen werden?
    ?!

    Den guten Wünschen für die Zeitungslandschaft schließe ich mich – trotzdem – an.

    Dazu hätte ich auch gleich eine Empfehlung, Punkt 4 betreffend: eine Entschuldigung fürs Vergreifen im Ton. Diese „Häme“ stünde doch eigentlich nur anonym und unbezahlt schreibenden Bloggern zu, und nicht seriösen angestellten Journalisten. Ich wünsche mir, auch diese würden in Zukunft etwas weniger hämische Selbstgerechtigkeit absondern, sondern ihre Kritik an der Bloggerlandschaft respektvoll und tolerant vorbringen.

    Aus Sicherheitsgründen – und um mich vor Spam-Angriffen zu schützen – leider anonym.

    S.

    • stefanolix sagt:

      Eine inhaltliche Anmerkung: Genau solche »geladenen« Wünsche wollte ich ja vermeiden.

      Ich bin überzeugt: Alle Seiten [Journalisten, Blogger, Rezipienten] können 2013 etwas lernen und etwas verbessern, wenn sie guten Willen zeigen. Das beginnt damit, dass man die Fehler des alten Jahres nicht wiederholt ;-)


      Grundsätzlich muss niemand Spam oder gar einen Spam-Angriff befürchten, nur weil er in einem Blog kommentiert. Man kann natürlich nie ausschließen, dass die Adressen in falsche Hände geraten, wenn z. B. eine Datenbank eine Sicherheitslücke aufweist. Aber es kommt viel häufiger vor, dass ein Schadprogramm die privaten Kontakte eines Nutzers zum Versenden von Spam missbraucht.

  3. Frank sagt:

    Darüber bin ich nun auch etwas erstaunt:

    “… dass sich Blogger an den Debatten um die Zukunft der Medien respektvoll und tolerant beteiligen, statt aus der Deckung ihrer Anonymität heraus Selbstgerechtigkeiten und Häme abzusondern.”

    Wenn Blogger bisher an der SZ etwas kritisierten, hatte das ja stets einen Grund, den die Betreffenden dann auch immer benannt haben. Und bisher war es auch immer so, dass die SZ nie eine Reaktion zeigte. Vor allem letzteres macht mich jetzt ein wenig sprachlos. Übrigens würde mich mal ein einziges Beispiel für einen dieser hämischen Blogartikel über die SZ interessieren.

    Mal sehen, ob sie sich hier melden: https://plus.google.com/103459637064194731433/posts/FgHo6NUF5rb

    • Frank sagt:

      Ich habe heute Nachmittag zufälligerweise die Printausgabe gelesen. Okay, es ging also nicht um Blogartikel über die SZ, sondern das war nur so ganz allgemein gemeint. Na gut, darüber könnte man reden. Der Artikel war ohnehin größtenteils belanglos, ich erinnere mich an so wichtige Dinge wie „die Rolling Stones sollen aufhören“, „Helmut Schmidt soll aufhören mit rauchen“, „Steinbrück soll anfangen mit kiffen“ … da fragte ich mich bald, warum derlei weltbewegende Texte hinter Bezahlschranken verborgen gehalten werden. Gut – andererseits ist es auch ganz nett, wenn man von solchen Belanglosigkeiten abgeschirmt wird.

      • stefanolix sagt:

        Ich weiß nicht so recht, wie man über diese »Wünsche« schreiben soll, ohne gleich am Beginn des neuen Jahres wieder sarkastisch zu werden. Wenn diese Sammlung wenigstens so etwas wie eine Struktur hätte …

        Aber der Seitenhieb gegen (unterschiedslos alle) Blogger war mir eine Entgegnung wert. Mir fallen auf Anhieb mehrere Blogs in Dresden ein (Flurfunk, Neustadt-Ticker, Steffens Blog, Dein Blog [mehrere weitere …] und dieses hier), die das wirklich nicht verdient haben.

        Es ist mir nicht bekannt, dass die »Sächsische Zeitung« auf konstruktive Kritik aus Blogs *mit* Impressum in irgend einer Weise dialogbereit reagiert hätte und vor allem: Dass sie die Fehler berichtigt hätte.

      • Frank sagt:

        Ja, auch auf die Gefahr hin, hier etwas nebensächliches überzubewerten – das ist schon richtig: So einen Seitenhieb gegen (unterschiedslos alle) Blogger sollte sich die SZ besser sparen.

  4. Wenn man sich dazu berufen fühlt, kann man sich wegen mir wünschen was man will. Manchmal ist das durchaus interessanter, als ewiges Schweigen. Ich frage mich aber ernsthaft, inwieweit der Wunsch der SZ-Kulturredakteure überhaupt etwas mit der sächsischen Medienlandschaft zu tun hat. Ich bin da, was das angeht, wirklich nicht der beste Beobachter, daher meine Frage, wie oft wurde denn seitens der Redakteure bereits bekannt gegeben, dass sie Dresdner Blogs lesen, noch dazu solche, die anonym geschrieben werden?

  5. […] Anlass dieses Artikels ist ein denkwürdiges Diktum der »Sächsischen Zeitung«, die am 31.12.2012 feststellte, dass Blogger »Selbstgerechtigkeiten und Häme« absondern, statt sich an den Debatten um die Zukunft der Medien »respektvoll und tolerant« zu beteiligen. […]

  6. owy sagt:

    Aber der zitierte Wunsch ist doch eindeutiger Beweis, dass stefanolix in der SZ-Redaktion gelesen wird! Welcher Blogger sonst in der Stadt „versteckt“ sich hinter einem Pseudonym? ;-))
    Tatsächlich erscheint mir der eine, herausgepickte Wunsch in sich nicht logisch. Ich lese viele Blogs, aber Kritik an den Zeitungen, die anonym ist, da fällt mir beim besten Willen gerade kein Beispiel ein… Ist das nicht eher die absolute Ausnahme?
    Ich würde den Wunsch der SZ-Redaktion übrigens als freundlichen Gruß in die Blogger-Szene verstehen: Man nimmt die Blogs wahr, man beschäftigt sich damit und man hat manchmal vielleicht so seine Problemchen, mit Kritik umzugehen.
    Grundsätzlich ist es übrigens so, dass es natürlich auch in Zeitungsredaktionen Menschen gibt, die viel und gern im Netz sind – also ist auch davon auszugehen, dass Blogs gelesen werden. Vor allem, wenn Geschichten in sozialen Netzwerken viel diskutiert werden.
    Mir hat sich schon mancher Journalist gegenüber als Leser geoutet – aber ich bewege mich ja auch ziemlich oft in dem Umfeld.

    • stefanolix sagt:

      Ich hätte in manchen Fällen überhaupt kein Problem damit gehabt, der Redaktion meine Kritik per E-Mail zu senden und nicht zu veröffentlichen.

      Manche Zeitungen haben dafür einen Ombudsmann (der übrigens auch Hinweisen unter Pseudonym nachgeht und eine unabhängige Kolumne in der Zeitung hat). Meine einzige Bedingung: Der Fehler muss dann auch wirklich transparent korrigiert werden.

      Zwei andere Beispiele: Die »Süddeutsche Zeitung« und »SPON« reagieren (auch ohne Ombudsmann) auf Hinweise und korrigieren ihre Fehler nachvollziehbar.


      Pseudonym oder Klarname: Für mich ist entscheidend, ob eine Kritik zutrifft oder ob sie nicht zutrifft. Wenn eine Zeitung etwas Falsches verbreitet, dann ist es doch nicht relevant, wer das aufgreift.

      Es gab auch wirklich genügend Fälle, in denen Artikel aus Dresdner Zeitungen von mehreren nicht-anonymen Blogs sachlich kritisiert wurden. Sichtbare Korrekturen in der »Sächsischen Zeitung«? Fehlanzeige. Da versteckt man sich lieber hinter der Behauptung, dass Blogger ja doch nur »Häme absondern«.


      Ich hatte es oben schon angedeutet: Über privat und inoffiziell übermittelte Reaktionen auf meine kritischen Beiträge möchte ich hier nichts Näheres schreiben. Selbstverständlich bin ich nicht anonym, wenn ich auf eine E-Mail aus einer Redaktion antworte. Das verhält sich dann ähnlich wie mit einem Leserbrief, unter dem steht: Der Name ist der Redaktion bekannt.


      • owy sagt:

        Wie gesagt: Nimm den „Wunsch“ der SZ-Redaktion als Auszeichnung! Meine ich total ernst. Ich freue mich immer über unsachliche Kommentare im Blog (die nicht soo oft, aber natürlich nur anonymisiert kommen). Die zeigen: Den Kritisierten haben keine sachlichen Argumente zur Entgegnung!

      • stefanolix sagt:

        Weil Du gerade davon sprichst: Ich bekomme seit einiger Zeit so unsinnige Troll-Kommentare, dass ich mich frage, was in solchen Menschen vorgeht.

        Dazu gehört ja Energie: Man muss sich einen Trollnamen ausdenken, dazu eine erlogene E-Mail-Adresse und einen möglichst verletzenden Text.


        Du hast schon recht: Ich lasse es es jetzt ruhen und nehme es, wie es ist. Trotzdem gebe ich die Hoffnung auf sachliche Argumente nicht auf ;-)

      • Muyserin sagt:

        Nach welchem Kriterium entscheidest Du über die (Nicht-)veröffentlichung?

      • stefanolix sagt:

        Es gibt ein Kriterium, das bei diesen Troll-Postings fast immer erfüllt ist: Die E-Mail-Adresse ist erlogen. Manche erfundene E-Mail-Adresse ist schon der erste Teil des Trollens –  andere beziehen sich auf Domains, die gar nicht existieren. Manche Leute haben in dieser Beziehung eine sehr rege Phantasie.

        Man glaubt auch nicht, wie sehr sich Leute in das Trollen hineinsteigern können und wie fies der Ton werden kann. Ich hatte schon überlegt, ob ich eine Collage aus solchen Postings veröffentlichen soll (ähnlich wie bei hatr.org).


        PS: Ich habe einen einzigen Kommentator, der aus Prinzip keine »echte« E-Mail-Adresse angibt, aber in all den Jahren noch nie getrollt hat. Alle anderen Personen mit solchen erfundenen Adressen waren Trolle.

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