Zettels Tod

26. Februar 2013

geht mir sehr nahe. Ich habe in den letzten Jahren durch seine Artikel, Fragen und Kommentare viel gelernt. Das ist das Avatar-Bild neben seinem letzten Kommentar:

zettel

Zettel hat mit seinen Beiträgen sieben Jahre lang Zustimmung und Widerspruch provoziert – immer mit einer bewundernswerten Konsequenz und einer großartigen inneren Haltung. Er hat die Diskussionen im »Kleinen Zimmer« streng und gerecht moderiert. Er hat vielen Menschen die Augen und das Herz geöffnet.

Mein herzliches Beileid gilt allen Angehörigen und Freunden. Seine Stimme wird uns fehlen.


Advertisements

Politischer Streik in Dresden

24. Februar 2013

Eine kleine Geschichte über Umwelt und Verkehr

In der schönen Stadt Dresden hatten die Stadtwerke im Jahr 2016 immer mehr private Haushalte, Schulen und Unternehmen an das Fernwärmenetz angeschlossen. Das war gut für die Umwelt:

Die Versorgung mit Fernwärme ist um so effizienter, je mehr Verbraucher in einem zusammenhängenden Stadtgebiet angeschlossen sind. Man kann die Energie des Erdgases nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung in Wärmeenergie und Elektroenergie umwandeln. Somit wird der Energieträger bestmöglich ausgenutzt.


Die Gewerkschaft »wär.mi« hat eine Idee

An einem kalten und schneereichen Freitag im Februar 2016 beschloss die Gewerkschaft wär.mi: Wir bestreiken am kommenden Montag die Stadtwerke und trennen alle Verbraucher für 24 Stunden vom Fernwärmenetz.

Der Verband der kommunalen Wärmeversorger wies noch am selben Tag darauf hin, dass der Streik mitten im kalten Winter vor allem die Schulen, die Universität, die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst und die umweltbewussten Verbraucher treffen würde.

Aber die Bonzen Führungskräfte der Gesellschaft wär.mi waren der festen Überzeugung, dass sie das alles nichts anginge: Schließlich hätten sie das Recht zum Warnstreik und im Übrigen könnten sich die Leute doch einen eigenen Heizlüfter mitbringen.

Die Mitarbeiter der Stadtwerke verabschiedeten sich am Freitagnachmittag ins Wochenende und die Bürger konnten am Wochenende nur noch spekulieren, wie es am Montag ab drei Uhr morgens weitergehen würde. Auf der Website der Stadtwerke gab es bis zum Sonntagmittag keine weiteren Informationen – warum auch?


Die Gewerkschaft »ver.di« hat auch eine Idee

Die Geschichte über das Unterbrechen der Fernwärmeversorgung ist natürlich frei erfunden. Die Fernwärmeversorgung kann nicht einfach für 24 Stunden unterbrochen werden. Auch die Trinkwasserversorgung muss immer gewährleistet sein. Wo kämen wir sonst hin?

Keinesfalls erfunden ist allerdings diese Meldung: Die Dresdner Verkehrsbetriebe sollen morgen ab drei Uhr morgens für 24 Stunden bestreikt werden. Die Gewerkschaft ver.di hat am Freitag die Ankündigung eines Warnstreiks in die Welt gesetzt. Seitdem erfährt man nichts Neues mehr.

Um es klarzustellen: Natürlich haben Arbeitnehmer das Recht, sich zur Vertretung ihrer Interessen zusammenzuschließen und natürlich gibt es auch das Recht auf einen Warnstreik. Die Maßnahme der Gewerkschaft ver.di lässt aber jegliche Verhältnismäßigkeit vermissen.

Sie trifft – ähnlich wie in meiner kleinen Geschichte – vor allem die Schüler und Studenten, die jeden Tag kreuz und quer durch die Stadt fahren. Sie trifft die Mitarbeiter mit Jobtickets. Sie trifft darüber hinaus diejenigen Bürger, die sich umweltbewusst verhalten und deshalb jedes Jahr eine Jahreskarte kaufen.

Die Taxizentrale kann übrigens auch keine Auskunft darüber geben, ob ein bestelltes Taxi morgen früh wirklich bereitsteht. Schließlich ist Winter. Und es kann ja keiner ahnen, dass die Gewerkschaft mitten im Winter auf solche abstrusen Ideen kommt.


Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?

Diese Streikmaßnahme trifft nicht die bösen Kapitalisten oder den Staat. Sie trifft die gesamte Bevölkerung: Wir subventionieren als Steuerzahler den öffentlichen Nahverkehr mit vielen Millionen Euro Steuergeld. Weitere Millionen-Subventionen bekommt der öffentliche Nahverkehr aus den Gewinnen der Stadtwerke. Nicht zuletzt steigen die Preise der Jahreskarten und Einzeltickets jedes Jahr um bis zu fünf Prozent.

Die Gewerkschaft ver.di streikt also gegen die eigene Bevölkerung. Der Streik geht zu Lasten der Umwelt, zu Lasten der ÖPNV-Nutzer und zu Lasten der Unternehmen. Wenn man die Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme beurteilen will, muss man genauer hinschauen. Wofür wird eigentlich gestreikt?

Die Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes sind in einer ostdeutschen Landeshauptstadt wie Dresden relativ gut situiert. Sie bekommen ordentliche Löhne und Gehälter. Sie ordnen sich etwa in der Mitte der Einkommensskala ein. Und sie haben sehr sichere Arbeitsplätze.

Bei dem angekündigten »Warnstreik« von stolzen 24 Stunden geht es nicht um Lohnerhöhungen. Es geht auch nicht um den Ausgleich von krassen Benachteiligungen der Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe. Es geht um eine politische Machtdemonstration der Gewerkschaft.

Ein Warnstreik im ÖPNV von zwei bis vier Stunden ist durchaus verhältnismäßig. Er dokumentiert die Streikbereitschaft der Gewerkschaftsmitglieder und er kann der Bevölkerung die Forderungen plausibel machen. Eine Blockade des ÖPNV über 24 Stunden ist dagegen in keiner Weise verhältnismäßig.


Kann man daraus Schlussfolgerungen ableiten?

Es sollten also Gesetze zur Verhältnismäßigkeit von Streikmaßnahmen im Öffentlichen Dienst eingeführt werden. Sonst wird eines Tages wirklich für 24 Stunden die Fernwärme abgedreht, weil eine Gewerkschaft ihre Macht gegenüber den Bürgern demonstrieren will.

Ich befürchte nur, dass unsere parlamentarische Demokratie dafür schon zu schwach ist. Wir scheitern ja auch an anderen Aufgaben: Am vernünftigen Umgang mit der Einwanderung. An den Staatsschulden. Am Länderfinanzausgleich. An Sicherung des Wertes unserer Währung. Oder auch an der Begrenzung der milliardenschweren Zwangsabgaben für die ineffiziente Photovoltaik.

Eigentlich ist es also fast schon egal, ob morgen in Dresden Busse und Bahnen verkehren oder ob im Februar 2016 die Wohnungen noch beheizt werden. Willkommen in der Zeit der spätdeutschen Dekadenz …



Fasten leicht gemacht

13. Februar 2013

Frau Kalliope beschreibt in einem sehr ehrlichen Artikel die kleinen und großen Tricks, die in manchen Kreisen in der Fastenzeit angewendet werden. Viele Christen scheinen nicht mehr über den Sinn des Fastens nachzudenken, sondern eher über die »Ausnahmen« und »Sonderregelungen«. Frau Kalliope schreibt:

Wenn ich beim kollektiven Kaffeetrinken in meiner Heimatgemeinde auch nur einen Satz zum Nutzen des Fastens sage, so wird unweigerlich als sofortige Reaktion darauf von Ausnahmen gesprochen (…)

“Danke, ich möchte keinen Keks” ist in dieser Kaffeerunde vielleicht ein schlimmerer Satz als “Jesus ist ein Mythos”. (Ich habe die Gegenprobe nicht gemacht, weil ich auch zu Testzwecken nicht lügen mag, aber der Verdacht liegt nahe.)


Das gibt es ja nicht erst seit gestern. Schon seit Jahrhunderten versuchen zum Fasten verpflichtete Gläubige, sich die Sache so angenehm wie möglich zu machen.

Das Bierbrauen wurde in Klöstern kultiviert: Bier half über die Fastenzeit hinweg, in der man keinen Wein trinken durfte. Echtes Trappistenbier ist heute eine Rarität für Feinschmecker.

Das Einpacken einer Fleischfüllung in die Maultasche machte dieses schwäbische Gericht im Volksmund zum »Herrgottsbescheißerle«. Der Diminutiv zeigt es schon: Man machte sich keine tieferen Gedanken um Fasten und Glauben – Hauptsache, es hat geschmeckt.

Das Verspeisen von Bibern hatte früher in Fastenzeiten Konjunktur: Wegen ihres geschuppten Schwanzes wurden sie zur Kategorie der Fische gezählt. Heute sind die letzten wild lebenden Biber geschützt.


Vielleicht ist das alles eine Frage der extrinsischen und der intrinsischen Motivation: Wenn mir die Kirchenhierarchie einen Verzicht vorschreibt, bin ich geneigt, dieses Gebot zu umgehen. Wenn ich selbst vom Verzicht überzeugt bin, denke ich viel seltener an Ausreden und Auswege.


Ich will einen eigenen Eindruck neben und nicht gegen Kalliopes Ausführungen stellen: In manchen Gegenden Deutschlands gibt es nach meiner Wahrnehmung noch eine sehr große Toleranz für alle Arten des Umgangs mit der Fastenzeit.

Ich hatte über mehrere Jahre in der Fastenzeit öfter im Rheinland zu tun und ich habe diese Periode [unter anderem] zur Umstellung meiner Ernährung genutzt. Es war dort überhaupt kein Problem, beim Mittag in der Kantine auf Fleisch und Süßes zu verzichten. Der Verzicht wurde allenfalls mit einem Blick auf den Teller registriert. Man denkt dort wohl einfach: Jeder Jeck ist anders.


Inzwischen bin ich aber der Meinung, dass die Fastenzeit keine wirkliche Bedeutung für meine Ernährung mehr hat. Es kommt das ganze Jahr über auf die richtige Ernährung an.

Gesunde Ernährung ist in einer Überflussgesellschaft ohne Verzicht gar nicht möglich. ich habe eine Kultur des Verzichts mit einer Kultur des Genusses verbunden: Man kann einfachen Lebensmitteln wunderbaren Genuss entlocken, wenn man mehr Arbeit und Bewusstsein in das Zubereiten der Speisen investiert.


Noch eine letzte Nebenbemerkung: Ich kenne die Ernährungsgewohnheiten der Juden und Moslems nicht gut genug, aber ich wüsste gern mal, wie die Angehörigen dieser Religionen mit Ernährungsgeboten und -verboten in der Praxis wirklich umgehen. Gibt es da auch solche Auswege wie in der christlich geprägten Esskultur?



Verschwörungstheorien um ein Heft zur Zitierweise in wissenschaftlichen Arbeiten

3. Februar 2013

Als Leser der F.A.Z. schätze ich die Beiträge von Heike Schmoll. Sie ist die Verantwortliche für die »Bildungswelten« und äußert sich oft zu Bildungsthemen, die mich interessieren. Dieser Artikel gefällt mir allerdings nicht. So wie ich den Artikel verstehe, soll darin folgende Strategie unterstellt werden:

Kurz vor der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf ist ein Heft mit Zitierregeln für wissenschaftliche Arbeiten am Institut für Pädagogik aufgetaucht, das damals Studenten und Doktoranden in die Hand bekommen haben sollen.

Das bewusste Heft wurde unter anderem von Annette Schavans Doktorvater herausgegeben. Bei diesem Doktorvater hatte sie auch als Studentische Hilfskraft gearbeitet. Es soll nur noch ein Exemplar davon geben. Und jetzt wird dieses Exemplar (bewusst) einer Redaktion zugespielt, die Annette Schavan vermutlich eher nicht wohlgesonnen ist.

Heike Schmoll bringt diesen Vorgang in Zusammenhang mit einer Indiskretion aus dem Promotionsausschuss. Damals war das entscheidende Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt. Darin werden der Autorin eine »plagiierende Arbeitsweise« und eine »leitende Täuschungsabsicht« vorgeworfen. Sie fragt: »Verbirgt sich dahinter eine Strategie?«


In den Kommentaren zu dem Artikel wird sogar noch eine ganz gewagte Verschwörungstheorie obendrauf gesetzt: Alte MfS-Seilschaften und der politische Gegner müssen an der Sache beteiligt sein. Der Kommentator schreibt:

Auf mich macht es den Eindruck, dass hier jemand möglicherweise alte Stasi-Unterlagen für seine eigenen Ziele einsetzt. Jeder denkt vermutlich sofort an SPD-Personal, aber ich glaube gerade dieser Verdacht wäre jetzt grundfalsch.


Ich meine aber, dass es auch eine ganz einfache Erklärung gibt: Andere Absolventen und Doktoranden dieser Fakultät könnten in ihren alten Unterlagen nachgeschaut haben – und jemand hat zufällig dieses Heft aufgehoben.

Aus eigener Erfahrung: Mein Studium liegt zwar schon fast zwei Jahrzehnte zurück, aber ich habe mir bewusst den einen oder anderen Lehrbrief und das eine oder andere Lehrbuch aufgehoben. Auch die Hinweise zur Anfertigung einer Diplomarbeit.

Wenn ich in dieser Situation gewesen wäre, hätte ich das Heft vielleicht sogar kopiert und die Kopie an die F.A.Z. geschickt. Denn die Zitierregeln der damaligen Zeit sind ja heute Gegenstand des öffentlichen Interesses: Manche Wissenschaftler sagen, dass damals in diesem Fachgebiet eher großzügige Regeln gegolten hätten. Andere sagen, dass die Regeln schon sehr streng gewesen seien. Somit ist das Heft ein gewisses Indiz.

Ich könnte es jedenfalls durchaus nachvollziehen, wenn Redaktionen solche Kopien der Zitierregeln aus alten Zeiten erhalten haben sollten. Aber wenn jemand Absicht oder eine Verschwörung vermutet, stören solche Einwände vermutlich nur ;-)