Verschwörungstheorien um ein Heft zur Zitierweise in wissenschaftlichen Arbeiten

Als Leser der F.A.Z. schätze ich die Beiträge von Heike Schmoll. Sie ist die Verantwortliche für die »Bildungswelten« und äußert sich oft zu Bildungsthemen, die mich interessieren. Dieser Artikel gefällt mir allerdings nicht. So wie ich den Artikel verstehe, soll darin folgende Strategie unterstellt werden:

Kurz vor der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf ist ein Heft mit Zitierregeln für wissenschaftliche Arbeiten am Institut für Pädagogik aufgetaucht, das damals Studenten und Doktoranden in die Hand bekommen haben sollen.

Das bewusste Heft wurde unter anderem von Annette Schavans Doktorvater herausgegeben. Bei diesem Doktorvater hatte sie auch als Studentische Hilfskraft gearbeitet. Es soll nur noch ein Exemplar davon geben. Und jetzt wird dieses Exemplar (bewusst) einer Redaktion zugespielt, die Annette Schavan vermutlich eher nicht wohlgesonnen ist.

Heike Schmoll bringt diesen Vorgang in Zusammenhang mit einer Indiskretion aus dem Promotionsausschuss. Damals war das entscheidende Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt. Darin werden der Autorin eine »plagiierende Arbeitsweise« und eine »leitende Täuschungsabsicht« vorgeworfen. Sie fragt: »Verbirgt sich dahinter eine Strategie?«


In den Kommentaren zu dem Artikel wird sogar noch eine ganz gewagte Verschwörungstheorie obendrauf gesetzt: Alte MfS-Seilschaften und der politische Gegner müssen an der Sache beteiligt sein. Der Kommentator schreibt:

Auf mich macht es den Eindruck, dass hier jemand möglicherweise alte Stasi-Unterlagen für seine eigenen Ziele einsetzt. Jeder denkt vermutlich sofort an SPD-Personal, aber ich glaube gerade dieser Verdacht wäre jetzt grundfalsch.


Ich meine aber, dass es auch eine ganz einfache Erklärung gibt: Andere Absolventen und Doktoranden dieser Fakultät könnten in ihren alten Unterlagen nachgeschaut haben – und jemand hat zufällig dieses Heft aufgehoben.

Aus eigener Erfahrung: Mein Studium liegt zwar schon fast zwei Jahrzehnte zurück, aber ich habe mir bewusst den einen oder anderen Lehrbrief und das eine oder andere Lehrbuch aufgehoben. Auch die Hinweise zur Anfertigung einer Diplomarbeit.

Wenn ich in dieser Situation gewesen wäre, hätte ich das Heft vielleicht sogar kopiert und die Kopie an die F.A.Z. geschickt. Denn die Zitierregeln der damaligen Zeit sind ja heute Gegenstand des öffentlichen Interesses: Manche Wissenschaftler sagen, dass damals in diesem Fachgebiet eher großzügige Regeln gegolten hätten. Andere sagen, dass die Regeln schon sehr streng gewesen seien. Somit ist das Heft ein gewisses Indiz.

Ich könnte es jedenfalls durchaus nachvollziehen, wenn Redaktionen solche Kopien der Zitierregeln aus alten Zeiten erhalten haben sollten. Aber wenn jemand Absicht oder eine Verschwörung vermutet, stören solche Einwände vermutlich nur ;-)


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8 Responses to Verschwörungstheorien um ein Heft zur Zitierweise in wissenschaftlichen Arbeiten

  1. E-Haller sagt:

    Es dürfte sogar sehr wahrscheinlich sein, dass jemand in seinen persönlichen Arbeitsunterlagen ein solches Exemplar abgeheftet hat… Aber was wäre die Welt ohne eine schöne Stasi-Verschwörung? ;)

    • stefanolix sagt:

      Es ist vorbei. Jetzt werden die Gerichte bemüht.

      Ich weiß nicht so recht: Ich bin sehr froh, dass ich am Rechner immer die Möglichkeiten hatte, die es damals für Frau Schavan nicht gab. Mit LaTeX kann ich ein Literaturverzeichnis automatisch erstellen lassen – Frau Schavan hat sich mit ihrem Literaturverzeichnis offenbar vertan und man kreidet es ihr Jahrzehnte später an.

      Sicher: Es gibt offenbar viele inhaltliche Mängel und vermutlich erfolgt die Aberkennung zu recht. Aber ich stelle es mir sehr schwierig vor, auf einer Schreibmaschine mehrere hundert Seiten zu tippen und dabei keine Chance auf automatische Korrekturen und andere Hilfen zu haben. Fußnoten, Verweise, Gliederung, Inhaltsverzeichnis, Stichwortverzeichnis – bei all diesen Routineaufgaben hilft mir der Rechner …

      • E-Haller sagt:

        Daran merkt man echt, wie schnell sich die Welt doch ändert. Es geht ja weiter: Literaturrecherche ohne google?

      • stefanolix sagt:

        Literaturrecherche (fast) ohne Suchmaschine kenne ich noch. Aber ich musste nie eine Arbeit ohne Rechner erstellen – auch wenn es am Anfang ein Robotron-Rechner mit einem Word-Star-Klon war.

      • Rayson sagt:

        Aber ich musste nie eine Arbeit ohne Rechner erstellen – auch wenn es am Anfang ein Robotron-Rechner mit einem Word-Star-Klon war.

        Meine erste Arbeit am Rechner war auf einem C128 mit echtem Wordstar(C/PM).

        Aber ich kenne auch noch das Arbeiten an der Schreibmaschine…

      • Man könnte auch umgekehrt argumentieren:
        Ohne Ctrl+C/Ctrl+V ist es schwerer komplette Textabschnitte unverändert zu übernehmen. Die reine Einstiegshürde warum man ohne auch nur die Formulierung zu ändern oder eigene Gedanken einzufügen eine Fremdquelle einbinden könnte, liegt erheblich höher.

        Sprich: Ich sehe heute durchaus Möglichkeiten zur Ausrede („Ich hatte das erstmal nur eingefügt und wollte es später ändern, hab es aber vergessen“)
        Diese sind zwar auch alle komplett fadenscheinig sind und kaum geeignet entsprechende Fehltritte zu entschuldigen, aber immerhin vorhanden.

        Wenn jemand hingegen ohne Computerunterstützung derartiges verbrochen hat, muss er sich unterstellen lassen dass dies aus Bösartigkeit geschehen sei. Man tippt nicht unbemerkt und ohne einen Verweis, eine ganze A4-Seite ab ohne zu wissen was man da tut.

      • E-Haller sagt:

        Gutes Argument, Tod!

  2. Franz K. sagt:

    Liebe Mitdiskutanten:

    1. Ich bekenne mich schuldig, bei meiner Diplomarbeit (mit Schreibmaschine) aus Quellen übernommen zu haben, ohne diese anzugeben. Das wurde vom Betreuer bemängelt und halbherzig ergänzt.

    2. In meiner Arbeit kommt „1 +1 = 1“ (oder so ähnlich) vor, wen muß ich da als Quelle angeben?

    3. Ich habe mir mal ein paar Seiten auf der schavanplag-Seite angesehen, mühsam. Danach dürfte keine mehr schreiben: „Wasser ist naß“.

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