DNN: Meister der Statistik

Die DNN gibt heute als ostdeutsche Regionalzeitung eine Meldung wieder, bei der sich mein Haar schon sträubt, bevor ich mit dem Lesen fertig bin.

Es geht um die Anzahl der Frauen (und Männer), die bezogen auf 10.000 Einwohnerinnen (Einwohner) den Führerschein machen. Die DNN schreibt über eine Studie des ACE:

Die geringste Bereitschaft zur Teilnahme am motorisierten Individualverkehr ist in den östlichen Bundesländern zu verspüren. In Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern machten demnach im Jahr 2011 nur 59 von 10000 Einwohnerinnen ihren Pkw-Führerschein. Knapp davor liegt Sachsen-Anhalt (60). Die geringste Quote weist Sachsen (57) auf. Allerdings landen auch bei den Männern die aus dem Freistaat auf dem letzten Platz.

Und natürlich muss die Ursache dafür in den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen liegen. »Wer sich noch kein Auto leisten kann, der zögert auch beim Erwerb einer Fahrerlaubnis.« meint ein Experte des ACE.

Das ist offenbar nicht zu Ende gedacht.


Warum legen zur Zeit weniger Ostdeutsche ihre Führerscheinprüfung ab? Weil es einfach weniger junge Erwachsene in dem Alter gibt, in dem man normalerweise den Führerschein erwirbt. Und warum gibt es in ganz Ostdeutschland weniger junge Erwachsene?

In den Jahren 1991 bis 1995 brach die Geburtenrate um bis zu 40 Prozent ein. Folglich kommen jetzt sehr geburtenschwache Jahrgänge in das Erwachsenenalter. Und genau deshalb melden sich (bezogen auf 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner) weniger junge Frauen und Männer zur Prüfung an.

Ein Auto-Experte muss das nicht unbedingt wissen. Aber eine ostdeutsche Regionalzeitung darf diese Ursache nicht unter den Tisch fallen lassen.


Link: Studie des ACE


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10 Responses to DNN: Meister der Statistik

  1. Antifa sagt:

    Und genau deshalb melden sich (bezogen auf 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner) weniger junge Frauen und Männer zur Prüfung an.

    Ich würde diese Behauptung genauso in Frage stellen.

    • stefanolix sagt:

      Bezogen auf 10.000 Einwohner (jeden Alters) sind es in erster Linie die jungen Frauen und Männer im Alter von 17 bis 21, die sich zur Führerscheinprüfung anmelden. Oberhalb des Alters von Anfang bis Mitte 20 gibt es sicher nur noch sehr wenige Anmeldungen.

      Wenn diese Altersgruppe in den fünf ostdeutschen Ländern aufgrund der Abwanderung und aufgrund des Einbruchs der Geburtenrate signifikant kleiner ist als in den westlichen Flächenländern, ist der Unterschied dadurch im Wesentlichen erklärt.

      • Antifa sagt:

        Wenn diese Altersgruppe in den fünf ostdeutschen Ländern aufgrund der Abwanderung und aufgrund des Einbruchs der Geburtenrate signifikant kleiner ist als in den westlichen Flächenländern, ist der Unterschied dadurch im Wesentlichen erklärt.

        Ich will es ja überhaupt nicht leugnen, aber es ist dennoch eine Behauptung. Du sprichst von fünf Bundesländern, führst aber nur vier an. Wo finde ich denn die genauen Zahlen?

      • stefanolix sagt:

        In der Grafik auf der folgenden Seite der Bundeszentrale für politische Bildung sieht man sehr gut, dass sich die Geburtenziffer in den Jahren nach der Wiedervereinigung fast halbiert hat:

        http://www.bpb.de/wissen/0OBM9A,0,0,Geburten.html

        Die Geburtenziffer in den »neuen Ländern« stand
        – 1990 bei 1.52
        – 1994 bei 0.77
        – 2010 wieder bei 1.46

        Die Werte gelten für das gesamte Gebiet von Ostdeutschland. In dem Zitat aus der Zeitung ist zwar Brandenburg nicht mit genannt, sondern nur die anderen vier ostdeutschen Bundesländer. Aber aus der Kurve auf der oben verlinkten Seite geht genügend genau die Entwicklung für die genannten vier ostdeutschen Bundesländer hervor.

        Daraus kann ich mit Fug und Recht herleiten, dass die Altersgruppe zwischen 17 und Anfang 20 in den ostdeutschen Bundesländern deutlich »dünner« besetzt ist, als in den westlichen Bundesländern. Dort ist die Geburtenziffer in dem entsprechenden Zeitraum mit geringen Schwankungen relativ konstant geblieben.

        Ergänzung: Brandenburg liegt auf dem fünft-letzten Platz. Man sieht es in dem PDF der Studie auf der letzten Seite.

      • Antifa sagt:

        Woraus resultieren dann Deiner Meinung nach die hohen Kennzahlen für Baden-Württemberg bzw. die, im Verhältnis dazu, niedrigen Zahlen für Hamburg? Was ich sagen will ist, dass ich nicht denke, dass demographische Faktoren als alleinige Ursache für die niedrigen Werte bei den Fahranfängern in Frage kommen. Aufschluss darüber, ob die demographisch so entscheidenden 90er Jahre dafür verantwortlich sind, würde wahrscheinlich nur eine Erhebung der Jahre zuvor geben können. Aber so interessant ist es dann doch nicht.

      • stefanolix sagt:

        Es gibt in der Studie folgenden Knackpunkt: Die Autoren beziehen die Anzahl der abgelegten Führerscheinprüfungen auf alle erwachsenen Frauen bzw. Männer. Nun macht man sich aber mit 40 oder 60 kaum noch auf, um einen Führerschein neu zu erwerben. Die mittelalten und alten Menschen kann man also vernachlässigen.

        Was man wirklich vergleichen müsste, ist der *Anteil* der 17- bis 25jährigen Menschen, der sich für bzw. gegen den Führerschein entscheidet. Denn in einem höheren Alter dürfte die Zahl der Fahranfänger eher gering sein.


        Hamburg ist ein Stadtstaat. In Großstädten gibt es signifikant mehr Menschen, die sich bewusst gegen ein Auto entscheiden. Steht übrigens auch in der Studie bzw. in der Zeitung.

        Baden-Württemberg ist ein Flächenland, in dem man großenteils mit 17/18 bis Anfang 20 einfach standardmäßig den Führerschein braucht. Dazu ist es auch noch ein Auto-Ländle ;-)

  2. albjaga sagt:

    Aber wenn die ostdeutsche Regionalzeitung das jetzt so schreiben wrde, dann knnte man doch morgen nicht ber die bse Wirtschaft schimpfen und wie sehr die Menschen benachteiligt sind.

    Und das wr doch irgendwie auch bld.

    • stefanolix sagt:

      Das will ich gar nicht mal so unterstellen. Ich vermute: Sie haben einfach die Pressemitteilung des ACE übernommen, ohne über die Ursachen nachzudenken.

  3. E-Haller sagt:

    @ antifa: Der Zusammenhang ist ganz klar auf die demographischen Entwicklungen zurückzuführen – wie von Stefanolix beschrieben! Schaus Dir hier an: http://www.berlin-institut.org/newsletter/newsletter_16september05.htm

    Je schmaler die Basis, desto weniger Jugendliche sind da, die einen Führerschein NEU machen. Tatsächlich müsste man es – wie schon vorgeschlagen – auf die Bevölkerungsgruppe beziehen, die normalerweise Führerschein macht – und ich wäre mal gespannt, was da für Ergebnisse rauskommen! These: Verstädterte Länder mit geringem Anteil, ländliche mit hohem – ohne Ost-West-Gefälle. Vielleicht hab ich am Wochenende mal Langeweile.

    In einem bin ich aber ANDERER Meinung: ich denke schon, dass der ACE auch grobe Kenntnis der Demographie in Deutschland haben sollte! Wenn ich tatsächlich eine solch gewagte These aufstelle und anschließend verbreite, muss ich mir doch sicher sein, dass sie stimmt!!! Leider bekommt man immer häufiger solche Sachen vorgesetzt, die schon vom Autor mangelhaft berechnet und anschließend völlig falsch interpretiert wurden!

    Das unsere Zeitungen dies dann auch noch wiedergeben, kennt man seit Jahrzehnten unter der Einleitung „Amerikanische Forscher haben herausgefunden,…“

  4. E-Haller sagt:

    Also – mich hat das nicht losgelassen, so dass ich mal ein paar Daten im Excel hin- und hergeschoben habe. Das Kraftfahrzeugbundesamt stellt sehr umfangreiche Tabellen zur Verfügung ( http://bit.ly/YzWoDJ )- leider aber nicht so, wie wir bräuchten…also habe ich mich ans Werk gemacht (Fehler würde ich zu dieser Stunde nie ausschließen, aber ich kriege ja auch kein Geld, z.B. vom ACE ;) ).

    Die Situation (bezogen NUR auf Ersterteilung von Führerscheinen und NUR Klasse B): bundesweit gehen fast 80% der Ersterteilungen an 17 – 20 Jährige.

    Leider gibt es diese Zahlen nicht noch mal Bundesland-fein, so dass ich hier den größten Angriffspunkt für meine Rechnung sehe. Egal.

    Unter Ansatz dieser Quote kommt man von den Gesamterteilungszahlen der jeweiligen Bundesländer auf die angenommenen Zahlen in der „prädestinierten“ Altersklasse.

    Dazu die Altersklassenanteile an der Gesamtbevölkerung je Bundesland – und schon kann man die Quote Führerscheinersterteilung/ Personen in der Altersklasse 17 – 20 errechnen.

    Ergebnisse:
    Generell lag der Anteil der 17-20 Jährigen in Ost-BL an der Gesamtbevölkerung je Bundesland bei etwa 2,5%. Im Westen bei etwa 4 – 4,5%.

    Bezogen auf den Ersterwerb der Klasse B liegt die Spanne insgesamt zwischen 16-20% der Jugendlichen, die den FS zwischen 17-20 Jahren erhalten haben. Spitzenreiter: MeckPom, dann Brandenburg. Verwunderlich Platz 3: Berlin (?) Schlußlichter: Hamburg, Bremen.

    Auch bei den generellen Besitzquoten (alle FS Klasse B auf die Einwohner) scheint der Zusammenhang zwischen Stadtstaat = weniger FS und Flächenland = hoher Anteil gegeben zu sein: Schlußlichter HH und Berlin, höchste Quote MeckPom.

    Wie gesagt – eine angreifbare Annahme ist enthalten – aber ich glaube, insgesamt sind die Aussagen plausibler, als die Behauptung des ACE, im Osten könnten sich die Leute keinen FS mehr leisten…

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