Die Schwächen eines Artikels über die »Kraft des Zweifels«

Am Ostersonntag hat Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar mit einem ganz besonderen Titel veröffentlicht: Die Kraft des Zweifels. Ich lese diesen Artikel und meine Zweifel an Heribert Prantl wachsen mit jeder Zeile.

In der Zusammenfassung am Beginn des Artikels wird eine kühne Behauptung aufgestellt: Es passe den »obersten Funktionären« gut ins Konzept, wenn sich die Menschen an das Motto »Selig sind, die nicht zweifeln, sondern glauben« hielten. Im Artikel heißt es wörtlich:

Den vielen Christgläubigen, die von ihrer Kirche nicht zur vermeintlich glaubensstarken, blindgläubigen Elite gezählt werden, wird der zweifelnde Apostel Thomas als Konzession an die eigene Schwäche zur Seite gestellt. Daran wird freilich von den Kirchen die Mahnung an die angeblich Schwachgläubigen geknüpft, doch bitte nicht immer alles begreifen zu wollen.

Dementsprechend wird denn von den christlichen Kirchen auch die biblische Seligpreisung interpretiert, in der es heißt: Selig sind, die (anders als Thomas) nicht sehen und doch glauben. Dieser angebliche Lobpreis derjenigen, die nicht skeptisch sind, nicht zweifeln und nicht immer Zeichen sehen wollen, passt den obersten Glaubens- und Ideologie-Funktionären gut ins Konzept.

Daran ist eigentlich alles falsch. Grundsätzlich sind »die christlichen Kirchen« in fast keiner Beziehung einheitlich aufgestellt und folglich wird von diesen Kirchen auch keine Bibelstelle einheitlich interpretiert.

Außerdem glaubt ein Christ auch nicht nach den Vorgaben irgendwelcher »Ideologie-Funktionäre« – eine Kirche ist schließlich keine kommunistische Partei. Eine »Elite« im Sinne der Ausführungen Prantls gibt es allenfalls in bestimmten Sekten und Sondergemeinschaften. Diese werden aber in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Die Evangelische Kirche habe ich auf dem großen Kirchentag in Dresden in ihrer ganzen Vielfalt erlebt. Man kann sie sich am besten als viele bunte Glaubensrichtungen unter einem großen und nicht allzu stabilen Zeltdach vorstellen. Von einer Elitebildung kann dort gar keine Rede sein; erst recht nicht von einer blindgläubigen Elite.

Bis zu einem gewissen Grad »blindgläubig« war ein gewisser Anteil der Teilnehmer des Kirchentags allenfalls in der Zustimmung zur Klimapolitik der Grünen und in der Bewunderung Margot Käßmanns, aber darauf wollte Heribert Prantl sicher nicht anspielen …


Um es vorwegzunehmen: Heribert Prantl unterstellt auch im Rest des Artikels viel und beweist gar nichts. Schon am Anfang steht eine kaum durchdachte und grob banalisierende Unterstellung über den Atheisten Alan Greenspan:

Der Mann hat einen Gott, der nur anders heißt; er hat eine Konfession, die nur nicht zu den klassischen Religionen zählt.

Der Gott des Notenbankers waren der freie Markt und der schrankenlose Wettbewerb. Seine Kirche war die des Kapitals; sein Credo begann mit dem Glaubensbekenntnis an die Kräfte des Marktes, die alles wunderbar regieren, und es endete mit dem Bekenntnis zum ewigen Wachstum.

Man stolpert beim Lesen zuerst über den Lapsus »Der Gott des Notenbankers waren …«: Vermutlich meint Heribert Prantl: »Die Götter des Notenbankers waren …«. Aber die alte Litanei von der Gleichsetzung des Marktes und des Wettbewerbs mit Gott wird natürlich auch dann nicht besser, wenn man sie gebetsmühlenartig wiederholt.

Es gibt ja nirgendwo eine Gemeinschaft, die den Markt oder den Wettbewerb zur Gottheit erhoben hätte. Das wäre auch unsinnig: An Markt und Wettbewerb muss man nicht glauben. Angebot und Nachfrage wirken, solange es Menschen gibt und solange es Menschen geben wird. Noch nicht einmal der Sozialismus konnte den Menschen das Handeln austreiben.


Am Ende des Artikels beklagt Prantl die »gewaltige Arbeitslosigkeit, schreiende Not und Verzweiflung« im Süden Europas und schreibt:

Die Lehre von den segensreichen Kräften des freien Markts ist falsch, wenn und weil der freie Wettbewerb Menschen und Länder systematisch zugrunde richtet.

Er vergisst oder verdrängt, dass es nicht allein die Kräfte des freien Marktes waren, die Europa in die Krise geführt haben: Ein großer Teil der Probleme ist eindeutig auf Staatsversagen zurückzuführen – hierzulande und in Südeuropa.

Hätten beispielsweise staatliche Landesbanken die Nachfrage nach irrsinnigen Finanzprodukten nicht angeheizt, müssten die Bundesländer heute nicht mit vielen Milliarden für die Verluste einstehen.

Hätten die Bundesregierungen (rot-grün, schwarz-rot, schwarz-gelb) die Anlagemöglichkeiten von Kommunen und kommunalen Unternehmen klug und sachgerecht reguliert, wäre es nicht zu so hohen Spekulationsverlusten auf Kosten der Bürger gekommen.

Wären die EU-Milliarden (und auch die Staatsanleihen) in bestimmten Staaten Südeuropas nicht massiv zweckentfremdet worden und hätte man damit nachhaltig gewirtschaftet, würde es diesen Ländern heute wesentlich besser gehen.


Heribert Prantl ist für viele Linke und Grüne ein wichtiger Leitkommentator. Nach der Lektüre des Artikels wissen wir: Der Autor kann Kirchenfunktionäre und Alan Greenspan nicht leiden. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, am Ostersonntag den Kirchen und den Liberalen vor die Schienbeine zu treten.

Natürlich sind Zweifel und Skepsis wichtig – in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft – aber das hätte man in wenigen Sätzen sagen können. Dafür muss man keine unsinnigen Gleichsetzungen (der »Markt« sei »Gott«) bemühen und dafür darf man vor allem den Zweifel auch nicht auf wenige Gebiete beschränken.

Revolutionär wäre es gewesen, wenn Heribert Prantl über Zweifel an der grünen Klimapolitik oder an staatlichen Heilsversprechen geschrieben hätte. Mich lässt dieser Artikel jedenfalls ratlos zurück: Je öfter ich ihn lese, desto stärker wächst mein Zweifel an Heribert Prantl …


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9 Antworten zu Die Schwächen eines Artikels über die »Kraft des Zweifels«

  1. Muriel sagt:

    Revolutionär wäre vielleicht noch was anderes, aber sonst bin ich ziemlich bei dir.

  2. Paul sagt:

    Lieber stefanolix, vielen Dank für Deinen Artikel.
    Eine Anmerkung zum Glauben.
    In der DDR gab es ein Buch, „So bunt ist unser Glaube“ (St. Benno Verlag).
    Prantl sollte nur mal einen Blick in dieses Buch werfen, dann wüsste er mehr.
    Diese Vielfalt wird noch ergänzt durch den persönlichen Glauben der einzelnen Christen. „Blumenwiese mit vielen Blüten“ ist die richtige Beschreibung dieses Sachverhalts.

    Vielen Dank auch Stefanolix, dass Du Dir die Mühe gemacht hast den Artikel von Prantl zu lesen und zu kommentieren.
    Ich glaube, dass Du Recht hast und erspare mir die Lektüre des Artikels.
    Herzlich, Paul

    • stefanolix sagt:

      Ich fürchte, dass Herr Prantl das nicht tun wird. Wer so pauschal urteilt, der will sich nicht mit Details befassen.

      Meine ganz persönliche Meinung: Ein eigenverantwortlich denkender Christ sieht die Amtsträger der Kirche als Vermittler an. Er glaubt nicht »blind« an die Institution oder an ihre Vertreter, die ja letztlich auch fehlerbehaftete Menschen sind. Ein solcher Christ kommt in Prantls Weltbild gar nicht vor.

      Es ist natürlich auch möglich, dass Herr Prantl die Christen nur als Vehikel für sein Foulspiel gegen die Liberalen betrachtet. Oder die Liberalen als Vehikel für ein Foulspiel gegen die Christen.

      PS: Im Sinne des konstruktiven Zweifels an Artikeln der »Süddeutschen Zeitung« solltest Du den Artikel natürlich lesen ;-)

      • Rayson sagt:

        Na ja, die römisch-katholische Kirche beansprucht ja schon das „Lehramt“ für sich. Schon mal einen Katechismus gelesen? Bei den „Römern“ kann man nicht einfach so vor sich hinglauben ;-)

      • Muriel sagt:

        Nicht?
        Machen nach meinem Eindruck trotzdem alle. Aber ich bin halt auch nicht so der Christenversteher. Wäre dir wahrscheinlich nie aufgefallen.

      • Rayson sagt:

        Sagen wir also lieber „darf“ statt „kann“. Und bei dir statt „alle“ „viele“. Dann passt es.

      • stefanolix sagt:

        Natürlich sollen die Christen in der Römisch-Katholischen Kirche nicht einfach so »vor sich hinglauben«. Aber die Aussage von Prantl war so dumm und pauschal, dass ich sie einfach aufspießen musste.

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