Schlecht portionierte Polemik

Das Blogportal Carta veröffentlicht zur Zeit Artikel zu einer Studie der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung. Für die Stiftung der SED/PDS-Nachfolgepartei kommt es natürlich bis heute auf den richtigen Klassenstandpunkt an und offenbar hat man die geeigneten Autoren dafür gefunden. Die Studie heißt

Portionierte Armut, Blackbox Reichtum · Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft

Nun will man die Aufmerksamkeit der Carta-Leser auf eine Propagandaveranstaltung lenken, auf der die Studie vorgestellt werden soll. Der zweite Artikel bei Carta ließ mir gestern den Kragen platzen. Der Titel:

Die politische Verarmung der FAZ

Die Überschrift ist reißerisch. Überschrift und Text werden dem Pluralismus innerhalb der F.A.Z. und der F.A.S. in keiner Weise gerecht. Um in der Diktion der Autoren zu bleiben: Für sie ist die »Frankfurter Allgemeine« eine Blackbox geblieben. Ihre Polemik ist schlecht portioniert und im Grunde ungenießbar.

Zur Meinungsvielfalt in der »Frankfurter Allgemeinen«: Im Feuilleton sind oft linke und alternative Meinungen zu lesen, in der Politik gibt es konservative, liberale und progressive Standpunkte, zu Einzelfragen wie der Frauenquote gibt es Pro und Contra. Insgesamt darf man konstatieren: Die politisch relevanten Themen der Gegenwart werden sehr ausführlich und von vielen Seiten behandelt.


Die Autoren wollen mit einem »prominenten Beispiel« einen Widerspruch zwischen zwei Aussagen eines F.A.Z.-Herausgebers konstruieren. Diesen Widerspruch gibt es aber gar nicht.

Im ersten zitierten Artikel geht es im Zusammenhang mit dem »Armutsbericht« um die soziale Absicherung der Bürger durch die staatliche Rentenversicherung. Der F.A.Z.-Herausgeber ist der Meinung, dass das hohe finanzielle Volumen dieser Absicherung im Armutsbericht der Bundesregierung besser berücksichtigt werden müsste.

Im zweiten Artikel geht es um verfügbare Vermögen der Bürger in den EU-Staaten. Die Ansprüche an die Rentenversicherung sind in der Tat kein Vermögen, weil der Zugriff auf diese Ansprüche streng eingeschränkt ist. Man kann sich die staatliche Rente eben nicht auf einen Schlag auszahlen lassen.

In Kommentaren und Artikeln einer überregionalen Zeitung müssen notwendigerweise viele Voraussetzungen und Zusammenhänge weggelassen werden. Man geht davon aus, dass sich die Zielgruppe mit den Rahmenbedingungen auskennt. Beachtet man aber den Kontext beider F.A.Z.-Artikel, wird sehr schnell deutlich, dass es da überhaupt keinen sachlichen Widerspruch gibt. Man kann ihn nur konstruieren, indem man die Voraussetzungen vernachlässigt, unter denen die Artikel geschrieben sind.


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4 Antworten zu Schlecht portionierte Polemik

  1. Rayson sagt:

    Die Autoren wollen mit einem »prominenten Beispiel« einen Widerspruch zwischen zwei Aussagen eines F.A.Z.-Herausgebers konstruieren. Diesen Widerspruch gibt es aber gar nicht.

    Nein, diesen Widerspruch gibt es nicht, und das hat vor allem etwas mit der Aussage der beiden Berichte zu tun.

    Im Bericht der EZB geht es darum, das Privatvermögen von Volkswirtschaften miteinander zu vergleichen. Die Ansprüche Privater an das staatliche Rentensystem müssen aber wiederum von Privaten gezahlt werden (Umlageverfahren). Für den Einzelnen Begünstigten stellt dies durchaus Vermögen dar, für die Gesamtheit jedoch nicht.

    Zu berücksichtigen wären diese Ansprüche hingegen in einem Bericht, in dem es um die *Verteilung“ von Vermögen geht, und genau um so einen Bericht handelt es sich bei dem der Bundesregierung.

    Wer daraus einen „Gegensatz“ konstruiert, zeigt, dass er die Materie nicht beherrscht. Oder bewusst verzerrt.

    • stefanolix sagt:

      Die Gesamtstudie ist übrigens eine trostlose Bleiwüste. Es soll nur eines bewiesen werden: Bestimmte Publikationen sind neoliberal, kaltherzig und reaktionär. Dazu hätte es aber ausgereicht, wenn die Autoren deklariert hätten, welche Publikationen sie als neoliberal, kaltherzig und reaktionär einstufen …

  2. Die FAZ ist unter den Medien mit nennenswerter Verbreitung das pluralistischste Medium, dass mir aus Deutschland bekannt ist.

    Ausgerechnet die FAZ, mit ihrem eher linken Kulturteil und Feuilleton, dem von konservativen über liberalen bis hin zu sog. progressiven Sichtweisten wiedergebenden Restes als „verarmt“ oder unpluralistisch zu bezeichnen sagt mehr über das Medienverständnis der Linken aus: Man will tendenziöse Medien, nur bitte in die eigene, die gute Richtung.

    Es zeigt mir außerdem wieder einmal, dass mein Vorwurf mangelnder Pluralität in deutschen Medien nicht mit dem der Linksextremen zu vergleichen ist.

    • stefanolix sagt:

      Wobei ich die Rosa-Luxemburg-Stiftung eher als linksradikal bezeichnen würde und nicht als linksextrem.

      Sehen wir es so: Die reißerische Überschrift hat nicht viel gebracht. Außer den klassenbewussten Kreisen hat es wohl kaum jemand mitbekommen ;-)

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