Die Berichterstattung über eine künftige Berichterstattung wird zur Farce

Es ist inzwischen unerträglich geworden, wie sehr sich die Medien in der Berichterstattung über den bevorstehenden NSU-Prozess selbst in den Mittelpunkt stellen.

Natürlich erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass sich eine Frauenzeitschrift wie die »Brigitte« an der Verlosung der Plätze beteiligt und sogar gewonnen hat. Auf Twitter wird darüber gespottet und die seriösen Zeitungen werden möglicherweise gegen das Ergebnis der Verlosung klagen, obwohl gerade eine solche Klage ein Zeichen für mangelnde Seriosität wäre.

Aber warum sollte die Zeitschrift »Brigitte« eigentlich nicht berichten? Dort sitzt ja eine Frau auf der Anklagebank, deren Leben vielen anderen Frauen ein Rätsel ist. So hat es vielleicht hat es auch etwas Gutes: Statt endloser Mode-PR-Strecken könnte in der »Brigitte« endlich wieder richtiger Journalismus eine Hauptrolle spielen.


Eine viel interessantere Frage ist: Wie lange werden die einzelnen akkreditierten Journalisten durchhalten? Kommen sie nur am ersten Tag, wenn alle Kameras auf den Prozess gerichtet sind? Oder kommen sie auch noch am zwanzigsten Prozesstag, wenn das Interesse der schnell erregten Öffentlichkeit nachgelassen hat?

Wirklich treffende Worte in dieser Angelegenheit kamen vom Deutschlandfunk:

Wenn wir Journalisten weiter spötteln, nachkarten und klagen, wenn wir weiter öffentlich um uns, unsere Akkreditierungen und unsere Arbeitsbedingungen kreisen, dann lenken wir die Aufmerksamkeit weg von den Opfern und den Tätern auf uns, die Beobachter. Es geht in diesem Prozess aber nicht um uns. Wir sind Berichterstatter. Fünfzig von uns im Gerichtssaal sollten reichen, um der Öffentlichkeit Bericht zu erstatten. Das ist unsere Aufgabe.

Ja. Das sollte die Aufgabe der Medien sein. Vielleicht sollten wir als Leser endlich viel deutlicher werden und nicht nur in Blogs, sondern auch in Leserbriefen ganz sachlich eine Selbstverständlichkeit einfordern:

Versorgt uns mit Informationen, die uns Nutzen bringen. Gebt uns Kommentare, an denen wir uns reiben können. Aber verschont uns mit Euren Befindlichkeiten.


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10 Antworten zu Die Berichterstattung über eine künftige Berichterstattung wird zur Farce

  1. stefanolix sagt:

    Wobei die bisherige Berichterstattung der »Brigitte« noch ausbaufähig ist: Zum größten Teil typische Kampagnen-PR für die Rechtsanwältin.

    https://www.brigitte.de/frauen/gesellschaft/anja-sturm-1161557/

  2. Indica sagt:

    Das mag sein, dass es sich natürlich auch um „Litigation PR“, wie man so schön neudeutsch sagt, mindestens um gute PR für die Anwältin handelt (warum auch nicht, ich möchte auch, dass künftige „Star-Anwältinnen“ bekannt werden). Aber ich fand den Bericht der Brigitte trotzdem gut, gerade, weil es sich auch um einen Aspekt handelt, der mit den dort involvierten Frauen (der Angeklagten genauso wie ihrer Verteidigerin) zu tun hat.

    Auch wenn der Fokus im und über den Prozess natürlich auf Anderem liegen sollte – und in der Berichterstattung darüber. Sehr gute Anmerkung im Deutschlandfunk.

    Tja, die Brigitte kann eigentlich richtig gut berichten – wenn sie die JournalistInnen mal richtig loslassen. Die Mode- und Kosmetikstrecken gehören glücklicherweise auch dazu, sonst könnt ich ja den Spiegel, Stern, FAZ oder was auch immer lesen. Aber, leider, leider, ordentlicher Journalismus kostet Geld und zwar für Recherche und Journalisten. Auch das wollen sie in der Redaktion offenbar immer weniger ausgeben. Stattdessen viel unsägliches Cross-Marketing machen (frau merkt die Absicht und ist verstimmt), weswegen ich mein früheres Abo längst abbestellt habe.

    • stefanolix sagt:

      Ich kenne die Zeitschrift vom Mitlesen bei meiner Frau und das geschieht genau einmal im Jahr: Im Zug, auf der Fahrt in den Urlaub oder auf der Rückfahrt aus dem Urlaub.

      Natürlich müssen sie sich finanzieren. Aber das ist schon immer so, nur wurden früher Anzeigen und Artikel besser voneinander abgegrenzt.

      Sollen sie doch das Heft teilen: Eine Hälfte PR auf meinetwegen lachsfarbenem Papier (»salmon-coloured«) und eine Hälfte mit Journalismus auf weißem Papier.

      Das war im Artikel übrigens kein Sarkasmus: Ich halte diese Redaktion grundsätzlich für fähig, eine Berichterstattung über diesen Prozess auf die Beine zu stellen. Aber dazu muss natürlich der Wille vorhanden sein und man muss es durchhalten.

      Ich muss hier allerdings (außer der Reihe) mal eine Ergänzung anfügen. Der Artikel über die Anwältin lässt wirklich jede kritische journalistische Distanz vermissen. SO habe ich die Berichterstattung nicht gemeint.

  3. Sathiya sagt:

    Die Anmerkung des Deutschlandfunkes ist goldrichtig – unterschreibe ich.
    Es ist sehr peinlich und bedrückend mitanzusehen, wie sich die übrige Medienlandschaft auf diese Art selbst vorführt.

    Wieso eigentlich hatte man nur 50 Plätze? Ein paar Klappstühlchen mehr und alles wäre in Butter… (Ironie aus)
    ;-)

    • stefanolix sagt:

      Eine reine Übertragung von Bild & Ton (ohne Aufzeichnung!) in einen Nebenraum wäre technisch machbar gewesen und das hätte man sich IMHO beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe auch absegnen lassen können.

      Es wird bei der Platzvergabe allerdings immer Ungerechtigkeiten geben. Was wäre, wenn dann jeder klagen würde?

      • Antifa sagt:

        Eine reine Übertragung von Bild & Ton (ohne Aufzeichnung!) in einen Nebenraum wäre technisch machbar gewesen und das hätte man sich IMHO beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe auch absegnen lassen können.

        Den Versuch hat es gegeben, er wurde aber (zumindes vorläufig) abgelehnt.

      • stefanolix sagt:

        Es hat den Versuch gegeben, eine einstweilige Verfügung durchzusetzen. Es scheint mir logisch, dass man die Unabhängigkeit eines Gerichts auf diese Weise nicht einfach aushebeln kann.

        Ich kann auch verstehen, dass das Gericht eine Übertragung sehr skeptisch sieht, wenn diese Übertragung ein Revisionsgrund sein könnte. Wer verhandelt schon gern monatelang ohne Ergebnis.

        Es würde sich anders darstellen, wenn das Gericht in Karlsruhe nachgefragt hätte, ob die Übertragung verfassungsrechtlich in Ordnung ist. Ich weiß aber nicht, ob es dafür überhaupt einen »Dienstweg« gibt.

        Die einstweilige Verfügung gegen die erste Platzvergabe erging ja im Prinzip wegen eines (technischen) Fehlers des Gerichts.

  4. Lenbach sagt:

    Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

    All die links“liberalen“ Medien, die noch bis zum Losentscheid das sog. Windhundrennen mindestens für „unsensibel“, wenn nicht gar für „rechtswidrig“ erklärten, weil ihre türkischen Kollegen angeblich „ausgeschlossen“ wurden, schauen in die Röhre und überbieten sich nun mit unsachlichen Kommentaren und verstehen die Welt nicht mehr.

    Ja, was hatten sie denn erwartet, bei einem Losverfahren? Daß die hauptberuflichen Kämpfer gegen rechts (Zeit, Süddeutsche, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau) automatisch gesetzt sind? Das erinnert mich an das vorangegangene Gezeter u.a. der Sabah und Hürriyet, die glaubten, kraft eigener Definition über den Gesetzen zu stehen.

    Es wird mit jedem Tag erbärmlicher. Diejenigen, die die angebliche Unabhängigkeit des Gericht bemängeln, sind genau diejenigen, die das Gericht beeinflussen wollen, indem sie Tag für Tag mit ihren eitlen Befindlichkeiten die Öffentlichkeit aufhetzen.

    Ich freue mich für die NZZ, von der ich eine objektive Berichterstattung erwarte. Und aus reiner Gehässigkeit auch für die „Brigitte“, die zumindest unvoreingenommener als der „Rechtsextremismusexperte“ Frank Jansen berichten wird. ;p

    • stefanolix sagt:

      Ich tue mir Beiträge zu diesem Thema nur noch unter großen Schmerzen an. Einerseits hat das Gericht wirklich einige technische Fehler gemacht, andererseits haben die Medien sich derart penetrant mit dem Verfahren der Sitzverteilung befasst, dass der eigentliche Sinn des Prozesses vollständig in den Hintergrund getreten ist. NSU-Verbrechen: War da auch noch was?

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