Gegen die Dummdeuterei

Der SPON-Kolumnist Sascha Lobo hat das Wort »dummdeuten« in die Diskussionen eingeführt. Ich hoffe, dass es nicht so schnell wieder verschwindet und dass es vernünftig angewendet wird. Spotten Sie über meinen Idealismus ;-)

Sascha Lobo bezeichnet das Dummdeuten als eine Mischung aus »für dumm verkaufen« und »umdeuten«:

Dummdeuten beruht auf der Existenz von Sätzen, die sich irgendwie richtig anhören, aber es nicht sind. Dummdeuten heißt, faktenhaft anmutende Formulierungen so zu drehen und zu wenden, dass keine allzu offensichtliche Lüge dabei herauskommt – und trotzdem die Wahrheit verschleiert wird.


Eigentlich müsste man eine Serie über Umdeuterei beginnen – besser noch: es müssten sich in Blogs und sozialen Netzwerken möglichst viele Leute daran beteiligen. Zur Erhöhung des Schwierigkeitsgrades: Jeder Fall muss in einem Satz kurz und bündig erklärt werden ;-)


Dummdeuterei (1)

Die Pläne der Grünen für eine deutliche Erhöhung von Steuern und Abgaben werden in den meisten Medien als Maßnahme gegen Reiche umgedeutet: Indem man sich auf das Detail der Erhöhung eines einzigen Steuersatzes konzentriert, aber die geplanten Belastungen der Mittelschicht einfach unter den Tisch fallen lässt.


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8 Responses to Gegen die Dummdeuterei

  1. Sathiya sagt:

    Lies mal das hier: http://sciencefiles.org/unsinn-der-woche/#13

    Irgendwie ganz passend. Lustigerweise nennt man das wohl heutzutage „dummdeuten“, früher wurde das mal „Phrasen dreschen“ genannt bzw. ganz offen und ungeschminkt „Leute verar—en“.

    (Im Übrigen habe ich zunächst anstelle Mittelschicht – Mutterschicht gelesen… was das wohl über mich aussagt? ;-) )

    Einen schönen 1. Mai, Lg, Sathiya

    • stefanolix sagt:

      Ist »Phrasen dreschen« ein Synonym für »dummdeuten«? – Ich denke, das trifft es nicht ganz.

      Phrasen werden gedroschen, wenn man davon ablenken will, dass man nichts weiß und nichts zu sagen hat.

      Das Dummdeuten wird betrieben, wenn jemand seine Leser oder Zuhörer oder Wähler manipulieren will. Ich werde selbstverständlich auch bei anderen Parteien genau hinschauen, ob dort Dummdeuten betrieben wird. Aber die Grünen sind momentan am auffälligsten.


      Tja, die Sache mit der Mutterschicht kann ich mir auch nicht erklären. Es gab keinen geheimen Text hinter dem Text ;-)

    • stefanolix sagt:

      PS: Herzlichen Dank für den Link. Einige der Popper-Zitate kommen auch in diversen Sprachratgebern vor.

      Adorno und Habermas werden da gern aufs Korn genommen. Fairerweise muss man aber sagen, dass zumindest Adorno auch einige bessere Texte geschrieben hat.

      Was der Autor bei sciencefiles im Anschluss kritisiert, ist einfach nur furchtbares Schreiben. Ich sollte neulich einen Textband bearbeiten, der fast nur aus solch heißer Luft bestand. Noch rechtzeitig vor dem Abgabetermin habe ich mich entschieden: Es werden einige Fakten entnommen und der Rest wird komplett neu geschrieben. Zum Glück hat der Lektor mitgespielt …

  2. Michael sagt:

    Dummdeuterei beginnt m.M.n. schon bei den Worten.
    Die Nationale Armutskonferenz befasst sich nicht nur mit Armut, sondern auch mit der drückenden Last von sozialen Unwörtern, unter denen die Armen auch noch leiden müssen.
    Gefunden habe ich das hier, wo es wie folgt kommentiert wird :

    Doch zurück zur nationalen Armutskonferenz, bei der man der Meinung ist, man müsse sich zum Pater Familias aufschwingen, um die Armen, die man unter seine Obhut genommen hat, zu schützen, denn dazu sind die Armen nach Ansicht der paternalisierenden Konferenz nicht selbst im Stande. Entsprechend müssen die Armen vor Sprache, vor Worten geschützt werden, Worten wie:
    1. Alleinerziehend, denn alleinerziehend sage nichts über mangelnde Einbettung oder gar Erziehungsqualität aus. Beides werde aber häufig mit “alleinerziehend” assoziiert.
    2. Arbeitslos/Langzeitarbeitslos sollte nach Ansicht der Armutskonferenz nun erwerbslos heißen, weil es viele Arbeitsformen gebe, die kein Einkommen sichern.
    3. Bildungsferne Schichten sollten als fern vom Bildungswesen oder vom Bildungswesen nicht Erreichte umschrieben werden.
    4. Behindertentransport ist falsch, da Menschen nach Ansicht der Armutskonferenz befördert werden, während Tiere transportiert würden.
    5. Flüchlingsfrauen sei überflüssig, denn der Begriff Flüchtlinge umfasse beide Geschlechter.
    6. Missbrauch sei eine “ungute Vokabel”, weil damit ein schwerwiegender sexueller Straftatbestand assoziiert werde.

    • stefanolix sagt:

      Ich will nicht zu allen Wörtern etwas sagen, aber der Begriff »erwerbslos« scheint mir angemessen zu sein. Es gibt dann davon abgeleitet eine Erwerbslosenstatistik und Langzeiterwerbslose.

      Die Begründung der Funktionäre überzeugt mich allerdings nicht. Dahinter steckt wieder die pauschale Verteufelung der Minijobs – als ob es davon nicht einige Arten gäbe, die bei weitem nichts mit Armut zu tun haben.

      Jeder Beitrag zur Wertschöpfung [in Vollzeit, Teilzeit oder Selbständigkeit] soll anerkannt werden, auch wenn jemand »aufstockt«, weil das Geld nicht für die ganze Familie reicht.

  3. Michael sagt:

    Stefan schrieb : Ich will nicht zu allen Wörtern etwas sagen, …

    Wollt´ ich auch nicht, aber da Sie angefangen haben …
    Das schöne ist, daß einige der monierten Worte erst durch die Sozialhelferindustrie mit politischer Korrektheit geschaffen wurden.

    Alleinerziehend

    Früher sagte man ledige Mutter.

    Bildungsferne Schichten

    hießen mal schlicht ungebildet oder etwas zurückhaltender „weniger gebildete Kreise“

    Flüchlingsfrauen sei überflüssig

    Das Word ist nicht überflüssig. Der es benutzt schreibt mit Sicherheit über das besondere Schicksal dieser Frauen.

    Missbrauch sei eine “ungute Vokabel”, weil damit ein schwerwiegender sexueller Straftatbestand assoziiert werde.

    Meinetwegen. Bin auf die Lösung gespannt. Vielleicht kommt man zurück zur Leistungserschleichung. Kurz Betrug beschreibt die Sache auch ganz gut.

    • stefanolix sagt:

      (OT) Eine andere Frage: Sollte man Vergewaltigung und sexuelle Nötigung wirklich mit dem Wort »Missbrauch« umschreiben?


      Ich habe mir zu dem Wort »alleinerziehend« noch keine abschließende Meinung gebildet. »Ledig« trifft wohl nicht immer zu. Die Mutter kann auch in Trennung, in Scheidung, geschieden oder verwitwet sein.

      In manchen Fällen trifft »alleinerziehend« ja gar nicht zu, sondern es umschreibt eine nicht-offizielle Partnerschaft (die die Mutter gegenüber den Behörden nicht offenlegen möchte).

      In anderen Fällen sind Mutter und Vater geschieden, aber der Vater ist an der Erziehung und am Unterhalt immer noch beteiligt. Also ist die Frau auch nicht »alleinerziehend«.

      Ich möchte gern mal wissen, wie viele Frauen im buchstäblichen Sinne ihre Kinder allein erziehen, also ohne Partner oder Partnerin, ohne Beteiligung des Vaters, ohne Beteiligung anderer Personen. Diese Zahl dürfte sich deutlich von der Zahl der offiziell alleinerziehenden Frauen unterscheiden.

      Also besteht ein Anfangsverdacht, dass das Wort nicht sachgerecht ist ;-)


      Die »Flüchtlingsfrau« ist ein doppeldeutiger Begriff: Ist es die Frau eines Flüchtlings oder ist es eine Frau auf der Flucht? Ich denke, dass man von »Frauen, Männern und Kindern auf der Flucht vor …« sprechen sollte, um das Elend fassbarer zu machen.


  4. Michael sagt:

    Stefan schrieb : In manchen Fällen trifft »alleinerziehend« ja gar nicht zu,

    Also besteht ein Anfangsverdacht, dass das Wort nicht sachgerecht ist ;-)

    Ja, vor allem wenn von Erziehung keine Rede sein kann.

    Die »Flüchtlingsfrau« ist ein doppeldeutiger Begriff: Ist es die Frau eines Flüchtlings oder ist es eine Frau auf der Flucht? Ich denke, dass man von »Frauen, Männern und Kindern auf der Flucht vor …« sprechen sollte, um das Elend fassbarer zu machen.

    Diese unsere Diskussion zeigt, daß man doch einfach bei „Flüchtlingen“ bleiben soll.

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