Der Richter als Hooligan?

In der heutigen Ausgabe der F.A.S. ist ein Text erschienen, der mich als langjährigen Leser sehr befremdet.

Der Text ist mit einer Zeichnung illustriert, die den vorsitzenden Richter im NSU-Prozess offenbar im Stil eines Hooligans darstellen soll. Die Figur auf dem Bild hält den Richterhammer in der Art eines Baseballschlägers und scheint dem Betrachter damit zu drohen.

Im Text werden unter anderem Begebenheiten aus früheren Prozessen aus dem Zusammenhang gerissen und Nebensächlichkeiten in den Mittelpunkt gestellt, um den Richter und das Gericht zu desauvoieren. Der Autor macht sich darüber hinaus über einige Medien lustig, die bei der Verlosung der Plätze gewonnen haben.

Das alles wird dem Prozess um die Verbrechen der rechtsextremen Terrorgruppe nicht gerecht. Ein Text über die Hintergründe der Verbrechen, über die V-Leute in rechtsradikalen Organisationen oder über die bisher bekanntgewordenen Ermittlungsergebnisse hätte der F.A.S. zur Ehre gereicht. Was man stattdessen abgedruckt hat, ist kein Ruhmesblatt für die Zeitung – um es sehr zurückhaltend zu formulieren.


[Ergänzung:] Der F.A.S.-Autor bekommt es jetzt auch noch mit dem Chefredakteur der »Thüringer Allgemeinen« zu tun: Ein Rant, der sich gewaschen hat.


10 Antworten zu Der Richter als Hooligan?

  1. Muyserin sagt:

    Zunächst einmal Danke für den Lesehinweis. Deinem Artikel bzw. Urteil kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen.

    Eine gute Tageszeitung ist doch auch ein Mosaik aus vielen Stimmen. Auch wenn es nicht direkt als solcher gekennzeichnet sein mag, stellt ein offener Brief doch quasi einen Kommentar, also eine subjektive Meinung dar. Man kann sich ja dann davon distanzieren und anderer Meinung sein. Das gehört zur Meinungsvielfalt.

    In einem gebe ich Dir Recht: die defamatorischen Gerüchte über den Charakter des Richters nochmals zu wiederholen, ist billig. Selbst wenn sie wahr wären: der Richter soll die Chance erhalten, seinen Job zu machen, ohne im Vorfeld diskreditiert zu werden. Selbst wenn die Handhabung des Vergabeverfahrens massiv zu wünschen übrig ließ.

    Ebenso teile ich Deine Meinung, dass es müßig ist, sich über andere Publikationen lustig zu machen. Aber neulich warst Du doch selbst nicht zimperlich, als es um die BRIGITTE ging. Das Wort „Frauenzeitschrift“ wird im Kontext der Platzvergabe öfter mit so einem süffisanten Unterton erwähnt. Man kann der BRIGITTE ja viel vorwerfen, aber sie bringt auch durchaus interessante Reportagen. Übrigens, auch die EMMA ist eine Frauenzeitschrift! Und in meinen Augen sogar eine interessante. :) Es wäre ziemlich bescheuert, die EMMA als Frauenzeitschrift herabzuwürdigen, oder?

    Am allermeisten nervt mich tatsächlich, dass die Medien aus ihren vielleicht berechtigten Eigeninteressen einen solchen Elefanten machen, dass die Opfer und Täter völlig aus dem Blick verschwinden. Das empfinde ich als wirklich schändlich.

    • stefanolix sagt:

      Ich habe das hier nicht ironisch gemeint:

      Aber warum sollte die Zeitschrift »Brigitte« eigentlich nicht berichten? Dort sitzt ja eine Frau auf der Anklagebank, deren Leben vielen anderen Frauen ein Rätsel ist. So hat es vielleicht hat es auch etwas Gutes: Statt endloser Mode-PR-Strecken könnte in der »Brigitte« endlich wieder richtiger Journalismus eine Hauptrolle spielen.

      Ob es heute in der »Brigitte« interessante (journalistische!) Reportagen gibt, kann ich nach meiner Stichprobe von einer Ausgabe pro Jahr (die allerdings sehr gründlich) natürlich nicht sagen. In Blogerinnen-Kreisen wie bei der Frau Kaltmamsell scheinen viele Frauen enttäuscht von der Entwicklung zu sein.

      Also: Ich kritisiere schon die PR und die Ausrichtung der »Brigitte«, sehe aber ganz ironiefrei eine Chance, weil die Reportage der »Brigitte« mit Sicherheit im Mittelpunkt des Interesses stehen wird.

      Hoffentlich kommt nicht so etwas heraus wie in der WELT (Triggerwarnung: Man könnte sich über den Artikel aufregen):

      Instinktive Lügnerin, eitel, stolz auf ihr Aussehen

      http://www.welt.de/politik/deutschland/article115286104/Instinktive-Luegnerin-eitel-stolz-auf-ihr-Aussehen.html


      Die EMMA ist in meinen Augen gar keine Frauenzeitschrift, sondern sie ist eigentlich ein (gesellschafts)politisches Magazin.

  2. Michael sagt:

    Schäbig und ein Fall von Dummdeuterei

    Es war wahrlich nicht das, was ich Sonntag Vormittag in der FASZ mit Interesse und Gewinn lesen möchte. Einfach schäbig die persönlichen Anwürfe, obwohl betont wird

    Schäffer : Nochmals: Es geht nicht um Sie, …

    Bekanntlich hatte der Richter die Forderung nach Fernsehübertragung in einen 2.Saal abgelehnt mit dem Hinweis auf die bestehende Strafprozeßordnung.
    Dem Briefschreiber fällt dazu folgendes ein:

    Schäffer : Es geht um unsere Rechtskultur, die sich nicht darin erschöpft, ein Urteil revisionssicher zu machen.

    Das hat der Richter auch nie behauptet. Das Gejaule der Journaille wegen Unfähigkeit der Richter und Steuerverschwendung im Fall des Falles möchte ich mir nicht vorstellen.
    Bekanntlich hatte der Richter die Presseplätze ursprünglich nach der Reihenfolge der Beantragung vergeben – ein völlig korrektes Verfahren der Gleichbehandlung bei begrenztem Angebot. Die Türken hatten das verschlafen und als sie aufwachten, konnte man in der deutschen Presse lesen (so in etwa und so ähnlich, ich schreibe aus dem Gedächtnis): Türkische Presse bei der Vergabe ausgeschlossen.
    Die Aussage, die ein Resultat mit einer völlig falschen Wortwahl beschreibt, wäre einer speziellen Untersuchung in Ihrer Spalte Dummdeuterei wert, speziell was die FAZ dazu schrieb.

    Ein Richter hat für einen ordentlichen Prozessablauf und ein gerechtes Urteil zu sorgen. Ihm das

    Schäffer : Sie können sagen, was schert mich die Öffentlichkeit, was schert mich, wer auf den Pressestühlen sitzt, was schert mich, wer vor den Gerichtssälen steht.

    zu unterstellen, sowie einen Fehler, der ihm unter dem Druck der Öffentlichkeit und Karlsruhe unterlief, so

    Schäffer : eine „Nachauslosung“ notwendig wurde, als müsse bei der Tombola eines Kleingartenvereins noch ein Häcksler unter die Leute gebracht werden.

    zu kommentieren, ist mehr als schäbig.

    • Antifa sagt:

      Bekanntlich hatte der Richter die Presseplätze ursprünglich nach der Reihenfolge der Beantragung vergeben […]>/i>

      Nicht der Richter vergibt die Plätze für die Presse, sondern das Oberlandesgericht.

      Die Türken hatten das verschlafen und als sie aufwachten […]

      Ich nehme an, damit ist die türkische Presse gemeint? Ich habe keine Ahnung, welcher Nationalität die Journalistinnen und Journalisten angehören, die für türkische Medien arbeiten, aber scheinbar wurden sie auch später über das Akkreditierungsverfahren in Kenntnis gesetzt.

      • stefanolix sagt:

        Unter welchen Umständen die E-Mails versandt und empfangen wurden, wird wohl immer unklar bleiben. Normalerweise würde man erwarten, dass es ein Protokoll auf dem E-Mail-Server gibt …

        Aber eigentlich hätte es eine öffentliche Bekanntgabe für deutsche und für ausländische Medien geben müssen: Finden Sie sich am Tag X um 09.00 Uhr an einem bestimmten Ort ein. Die ersten 35 deutschen Medienvertreter sowie die jeweils ersten 5 Medien in türkischer, griechischer und persischer Sprache bekommen einen Platz. Dann hätte es vier Warteschlangen gegeben und die Plätze wären vergeben worden.

  3. Michael sagt:

    Antifa : Nicht der Richter vergibt die Plätze für die Presse, sondern das Oberlandesgericht.

    Nee, Sie Schlaumeier. Das Oberlandesgericht ist eine Institution, bestenfalls in einem eigenen Gebäude gleichen Namens.
    Presseplätze können nur Personen, also Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Oberlandesgericht vergeben.

    Antifa :

    Michael :
    Die Türken hatten das verschlafen und als sie aufwachten […]

    Ich nehme an, damit ist die türkische Presse gemeint? Ich habe keine Ahnung, welcher Nationalität die Journalistinnen und Journalisten angehören, die für türkische Medien arbeiten, aber scheinbar wurden sie auch später über das Akkreditierungsverfahren in Kenntnis gesetzt.

    SZ: … erst um 9.15 Uhr ging eine entsprechende Mail bei Erel ein. Das geht aus dem Schriftsatz der Verfassungsbeschwerde hervor, den Sabah in Karlsruhe eingereicht hat und aus dem die Nachrichtenagentur dpa zitiert.
    Kern des Vorwurfs: Die türkische Zeitung sei später informiert worden als andere Medien und habe deshalb nicht die gleiche Chance gehabt, einen der Plätze zu bekommen. Nur drei Stunden Zeit hatten die Medien an jenem Tag für die Akkreditierung. Schon um 11:42 Uhr ging laut Oberlandesgericht das 50.

    Claro, von 0915 bis 1145 ist im Büro von Herrn Erel Teepause für alle Nationalitäten.

    • Antifa sagt:

      Bekanntlich hatte der Richter die Presseplätze ursprünglich nach der Reihenfolge der Beantragung vergeben […]

      Claro, von 0915 bis 1145 ist im Büro von Herrn Erel Teepause für alle Nationalitäten.

      Ja klar, die Türken trinken zu der Zeit immer alle ihren Tee.

    • stefanolix sagt:

      Michael: Bitte keine Vorurteile gegen andere Länder und ihre Bewohner reproduzieren.


      Zur Öffentlichkeit im Gerichtsverfahren gehört auch die Berichterstattung durch türkische, griechische und persische Medien in den Muttersprachen der Familien der Opfer.

      Man hätte von vornherein ein Kontingent für solche Medien reservieren sollen. Man hätte es dann natürlich auch in Reihenfolge der Anmeldungen vergeben müssen. Das ist alles sehr unglücklich gelaufen und muss als Lehre für ähnliche Fälle gesehen werden.

      Die erste Vergabe der Plätze ist unter mehreren Aspekten völlig schief gegangen. Dazu gehören technische Pannen und organisatorische Pannen im Gericht – und möglicherweise auch die gewisse Trägheit einiger Presseorgane bei der Anmeldung. Aber das ist jetzt vorbei: Die Plätze sind vergeben und es sollte endlich um Gerechtigkeit und Recht gehen.


  4. Michael sagt:

    stefanolix sagt:
    6. Mai 2013 um 22:55
    Michael: Bitte keine Vorurteile gegen andere Länder und ihre Bewohner reproduzieren.

    Wo finde ich in Ihrem Editor ein Ironie-Tag?

    • stefanolix sagt:

      Ironie muss man hier mit sprachlichen Mitteln darstellen ;-)

      Vielleicht ist Ironie in dieser Angelegenheit auch nicht ganz das richtige Stilmittel.

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