»Sächsische Zeitung«: Wie sich die Berichte doch unterscheiden …

Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« sachlich über die Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Berlin berichtet. Der Bericht war an der Sache orientiert. Die Leser haben die wichtigsten Fakten erfahren, der Kommentar war vom Bericht getrennt – nach journalistischen Gesichtspunkten war die Berichterstattung in Ordnung.


Aber so viel journalistische Fairness wird nicht allen Parteien zuteil. Heute findet man in der »Sächsischen Zeitung« einen Artikel über den gestern zu Ende gegangenen FDP-Parteitag. Dieser Artikel ist eine Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Er steht unter dem Titel

Liberale Wut-Bürger gegen Rot-Grün

Wenn man in der Zeitung einen solchen Titel liest, kann man den Rest des Artikels eigentlich schon in die Tonne treten. Man darf vermuten: Redaktion und Autoren wollen nicht berichten, sondern Stimmung machen. Eine Kostprobe (der erste Absatz des Artikels):

Minutenlang hält Rainer Brüderle sportlich beide Daumen hoch. Der Rest der FDP-Führungsriege springt auf, umringt den bald 68-Jährigen. Sie klopfen ihrem Spitzenmann, der gerade seine Evergreens zum Besten gegeben hat, auf die Schulter. Brüderle aber kann gar keine Hände schütteln, weil ja die Daumen oben bleiben müssen. Schließlich wird er mit dieser Plakat-Pose bundesweit an die Litfaßsäulen geschlagen. So soll wohl auch der Letzte die Botschaft des Nürnberger Parteitags verstehen: Es geht aufwärts mit der FDP.

Gemessen an den Anforderungen an den Politikteil einer Zeitung ist das so mieser Journalismus, dass man schon auf Seite 2 bereut, die »Sächsische Zeitung« doch wieder gekauft zu haben. Solche Absätze könnte man nahtlos in die BILD einfügen.


Im Vergleich mit der sachlichen Berichterstattung von der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Vor einer Woche hat die »Sächsische Zeitung« ein Stück respektablen Journalismus abgedruckt. Heute hat sie das leider nicht geschafft.

Dieses Stück Stimmungsmache kommt allerdings offenbar gar nicht von der »Sächsischen Zeitung«, sondern sie wurde von der Redaktion nur aus einer Agenturmeldung kopiert.

Als ich wissen wollte, wie andere Zeitungen über den Parteitag berichten, bin ich auf den zitierten Absatz auch im Kölner Stadtanzeiger gestoßen. Auch dort ist als Quelle die dpa angegeben. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie den ganzen KSta-Artikel mit dem Artikel in der »Sächsischen Zeitung« vergleichen.

Der FDP-Parteitag fand in seriösen Zeitungen breite Beachtung. Die ZEIT hat am Wochenende sehr informativ getwittert und berichtet. Man konnte alle wichtigen Reden im Stream oder im Fernsehen verfolgen.

Und was fällt der »Sächsischen Zeitung« ein? Sie setzt keinen Journalisten vor den Fernseher oder vor den Monitor, um einen eigenständigen Bericht zu erstellen und – davon abgegrenzt – einen Kommentar zu schreiben. Sie übernimmt eine Agenturmeldung mit einer Mischung aus tendenziösem Kommentar, billiger Kolportage und ganz wenigen Fakten. Aber das hatten wir ja schon.


Am Ende dieses Artikels muss ich quasi als Nachtrag noch die BILD um Entschuldigung bitten: Die BILD-Berichterstattung ist in Teilen sogar informativer als die Berichterstattung in der »Sächsischen Zeitung«.


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4 Antworten zu »Sächsische Zeitung«: Wie sich die Berichte doch unterscheiden …

  1. RichardT sagt:

    Sehr geehrter Herr Stefanolix,

    ich schätze Sie und Ihre Beiträge sehr.
    Das Lesen ist fast immer ein Genuß und auch immer wieder lehrreich und/ oder unterhaltsam.
    Aber bei dem Beitrag kann ich mir ein verwundertes Kopfschütteln nicht sparen:
    haben Sie ernsthaft daran geglaubt, daß in der deutschen Presse objektiv über die FDP berichtet wird?

    • stefanolix sagt:

      Ich möchte das nicht so pauschal sagen: Es gab in der deutschen Presse sehr viele Berichte, die deutlich besser waren.

      Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass die dpa vom gesamten FDP-Parteitag nichts Besseres geliefert haben soll. Vielleicht gab es ja diese »ganz einfache« Version und eine etwas anspruchsvollere Version?

      Aber außer der dpa gab es ja nun wirklich genügend andere Informationsquellen über den Inhalt des FDP-Parteitags. Kostenlos. Umfassend. Frei verfügbar.

      Viele Medien haben sogar Berichterstatter zum Parteitag geschickt! Unglaublich, oder?

      Es liegt also eindeutig an der Redaktion der »Sächsischen Zeitung«, dass uns als Lesern ein solcher Artikel vorgesetzt wurde. Nicht an der dpa und auch nicht an der deutschen Presse.

  2. Kurt sagt:

    Unsere Presse ist wie sie ist, weil die »Generation G« (Greenpeace, Gender, Gerechtigkeit) dort jetzt das Ruder übernimmt. Siehe

    http://www.cicero.de/berliner-republik/einseitiger-journalismus-pressefreiheit-in-gefahr/54351

    Aber Zeitungen, die von Journalisten mit klarem Klassenstandpunkt gemacht werden, war ich schon in der DDR gewöhnt. Von daher ist das nichts Neues. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert.

    [Edit: Link korrigiert]

    • stefanolix sagt:

      Es dauert nicht mehr lange. Dieser Art von Zeitung gebe ich keine Zukunft.

      Am Ende werden sich die guten Journalisten durchsetzen. Diese guten Journalisten werden miteinander kooperieren und sie werden immer irgendwo publizieren. Wir werden es lesen und bezahlen.

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