Handel und Wandel

Auf Twitter habe ich gestern Abend von einer Petition gegen ein geplantes Einkaufszentrum in Zittau erfahren. Der Titel der Petition lautet:

Stoppt den Ruin der 775 Jahre alten Innenstadt von Zittau durch ein riesiges Einkaufszentrum!


Die Stadt Zittau liegt im Dreiländereck aus Deutschland, Tschechien und Polen. Sie lebte über Jahrhunderte vom Handel. Die Innenstadt Zittaus ist überhaupt nur entstanden, weil es diesen Handel gegeben hat. In der Wikipedia erfährt man zur Stadtgeschichte:

Eine Kaufmannssocietät wurde 1705 gebildet und gleichzeitig eine Buchhandlung eingerichtet. Der Leinwandhandel nahm europäische Dimensionen an, Brauerei und Tuchmacherei brachten der Stadt und deren Bürgern großen Reichtum. Zittau war von 1693 bis 1757 im Besitz einer Schnellwaage. Dieses Meisterwerk der Mechanik war so empfindlich, dass ein darauf gelegter Groschen sie zog.

Nach dem II. Weltkrieg lag Zittau lange Zeit an weitgehend geschlossenen Grenzen. Warum sollte die Stadt angesichts offener Grenzen in Zukunft nicht wieder verstärkt vom Handel leben?


Meine sehr spontane Reaktion war also die Gegenfrage: Warum soll dort eigentlich kein Einkaufszentrum gebaut werden?

Ist es denn besser, wenn die Zittauer alle zum Einkaufen nach Dresden fahren? Offenbar sieht dort jemand potentielle Kunden?

Das Gegenargument: In Görlitz habe 2009 das Kaufhaus geschlossen. Also könne sich ein Einkaufszentrum in Zittau doch nicht tragen:

Wenn sich das nicht trägt, sind dann die Tschechen der Unterschied?

Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Aber wenn die Zittauer in den Jahren um 1700 auch nur solche Fragen gestellt hätten, dann hätten sie heute keine Innenstadt mit den Zeichen des erfolgreichen Handels und Handwerks.


Die Petition hat noch eine Pointe: Sie wird auf der Plattform Avaaz veröffentlicht. Diese Plattform bezeichnet sich als

Das größte und wirksamste Kampagnen-Netzwerk für Wandel

Halten wir fest: Man protestiert gegen den Wandel. Aber man tut es auf einer Plattform für den Wandel ;-)


Man protestiert in einem sehr sachlichen Ton und ist des Alarmismus ganz unverdächtig:

Helft bitte alle mit, dass die im Dreiländereck zu Polen und Tschechien gelegene wertvolle 775 Jahre alte Zittauer Innenstadt NICHT durch das Betonstahl-Geschwür eines geplanten riesigen Einkaufzentrums ruiniert wird! Beendet mit mir diesen Albtraum!

Wo kann ich bitte eine Petition einrichten, die wirklich für die Gestaltung des Wandels eintritt? Ich bin kein unkritischer Konsument. Aber ich ordne Handel und Wandel (hoffentlich) realistischer ein als der Petent. Ich sehe den Handel als Chance und nicht als drohende Katastrophe.

Auch die schönsten alten Häuser kann man nur erhalten, wenn neues Geld in die Stadt kommt. Natürlich muss die Entwicklung durch den Denkmalschutz überwacht werden, natürlich muss der Verkehr entsprechend geführt werden. Aber eine solche Petition ist wirklich nicht zielführend:

Helft alle mit, auch die Deutschen in den USA, in Großbritannien, in der Schweiz, in Chile und Brasilien, helft mit, diesen üblen Center-Albtraum zu beenden! Wir stellen bloß schandbare Pläne! Verhindern wir die absehbare Schändung der historischen Innenstadt von Zittau mit ihren 524 Denkmalen durch einen üblen, riesigen Centerbau!

Es stellt sich die Frage: Ist es realistisch, dass eine ganze Innenstadt in den Ruin getrieben wird, nur weil ein neues Einkaufszentrum gebaut werden soll? Oder deutet die Wortwahl auf puren Alarmismus hin?


Aus dem Archiv: Fahrten von Zittau nach Dresden (und weiter nach Zwickau) waren in diesem Blog im Januar schon einmal Gegenstand eines Umwelträtsels. Das war eine sehr interessante Diskussion mit überraschenden Ergebnissen …


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8 Antworten zu Handel und Wandel

  1. Frank sagt:

    Das Problem ist, dass die meisten dieser Petitionen oberflächlich, einseitig oder sogar komplett falsch sind sind. Im Netz geht ja aller paar Tage etwas um und manchmal werden sogar uralte – längst widerlegte Dinge neu aufgekocht. Ich frage dann auch meist erst nach Gegenmeinungen und ärgere mich immer, wenn ich zu schnell eine solche Unterschriftensammlung mit unterzeichnet habe. Letztes Jahr (oder vorletztes?) war das bei mir der Erhalt der Hufewiesen in Tracheau (habe es unterschrieben, anschließend wies mich jemand darauf hin, dass das aber viel zu einseitig dargestellt ist) und aktuell ist es der Erhalt der 88. GS in Hosterwitz. Das habe ich vor zwei Tagen spontan unterzeichnet und mich erst anschließend mit den Hintergründen befasst. Nun ärgere ich mich über meine zu schnelle Unterschrift, denn man müsste vielleicht eher das Gegenteil unterzeichnen.

    Diese Petitionen sind fast immer auf kurzfristige Emotionen ausgerichtet, in einer Art, bei der der Unterzeichner sich möglichst gar nicht erst mit Gegenmeinungen befassen soll. Das sollte man aber immer tun! Ich frage mich dann nämlich auch oft: Wo kann man für das Gegenteil unterzeichnen?

    Ob das in Zittau nun gut oder schlecht für die Stadt wäre, kann ich momentan auch nicht beurteilen.

    • stefanolix sagt:

      Man kann wirklich nicht jedem Thema auf den Grund gehen. Ich muss zugeben, dass ich bei Deinen beiden Beispielen einmal dafür und einmal dagegen gewesen wäre.

      Ich bin grundsätzlich für den Erhalt von Schulstandorten, Schulgebäuden und Schulformen. Da hätte ich wohl spontan dafür gestimmt.

      Ich bin grundsätzlich gegen den um sich greifenden Umwelt-Alarmismus: Da hätte ich wohl instinktiv gezögert.

      Kurz abgeschweift: Heute wurde man wieder an die Fledermaus-Geschichten an der Waldschlößchenbrücke erinnert, Stichwort Fledermausleitsystem. Da werden hunderttausende Euro für hypothetische Fledermäuse ausgegeben, die keiner je gesehen hat. Da wird geplant und gepflanzt, obwohl niemand weiß, ob dort jemals eine Fledermaus »geleitet« werden muss und ob sie sich überhaupt leiten lassen würde. Währenddessen sterben aber jährlich tausende Tiere an Windkraftanlagen.

      • Klaus W. sagt:

        Wenn ich „Fledermausleitsystem“ höre, denke ich sofort an die Fledermausbrücken auf der A17. Wenn ich dort unter den Brücken (2 ?) durchfahre, frage ich mich jedesmal, ob dort mal eine Erfolgskontrolle gemacht wurde – gelesen habe ich nix darüber.

  2. Frank sagt:

    Ach Du meine Güte – ich habe mal kurz den Petitionstext angesehen – das geht ja schon sehr feingeistig los:

    Ich (…) habe jahrzehntelang als Lehrer für Kunst und Deutsch gearbeitet. Den Schülern brachte ich u.a. nahe, was mich an den Höhlen von Altamira und Lascaux begeisterte, den Bauten des antiken Ägypten, Griechenland und Rom, bis hin zum modernen Brasilia

    Nichts gegen Lehrer, aber der Mann sollte sich tatsächlich zunächst damit befassen, warum menschliche Siedlungen und Städte an welchen Orten überhaupt entstanden sind. Meist hatte das – wie Du hier auch beschreibst – schlichte ökonomische Gründe und nur auf deren Grundlage konnte später architektonisch/künstlerischer Mehrwert entstehen. Und wie ich sehe, sieht das Einkaufszentrum in Zittau gar nicht so schrecklich aus:

    http://www.xn--grlitznachrichten-zzb.de/2012/02/20/zeitgemaser-stadtebau-oder-herzlichen-gluckwunsch-nach-zittau/

    • stefanolix sagt:

      Ja, ich hatte in meinem Artikel die eher sachlichen Stellen zitiert ;-)

      Sollte es nicht vor dem Veröffentlichen von Petitionen zumindest auf den renommierten Plattformen eine Art Bullshit-Detektor geben?

      • Frank sagt:

        So einen Detektor sollte man nicht nur dort einsetzen – er würde den gesamten Traffic im Netz stark senken :-)

  3. ni els sagt:

    Der Petitionstext ist schlecht geschrieben, doch wer die Situation in Zittau etwas genauer betrachtet, weiß um die Konflikte die mit großen Malls einhergehen.
    Es gibt mindestens drei Probleme mit dem Projekt:

    1) Es gehört zum Flair der Stadt Einkaufsstraßen mit vielfältigen Geschäften zu bieten. In Zittau gab es früher mehrere (für heutige Verhältnisse kleine) Kaufhäuser. Das geplante Einkaufszentrum stellte jedoch alles in den Schatten, so dass sich die ohnehin prekäre Lage der Händler verschäfen wird. Konkurrenz kann das Geschäft natürlich beleben und marktwirtschaftlich aufräumen. Problematisch ist jedoch das Kräfteverhältnis zwischen Einzelnhändlern und Einkaufszentrum. Anders ausgedrückt: es steht die Vielfalt und Lebendigkeit der Innenstadt auf dem Spiel.

    2) Aufgrund der Lage und der prognostizierten Besucherzahlen ist ein Verkehrschaos zu erwarten, auf das die Stadt und die Planer des Zentrums noch nicht vorbereitet sind. Davon betroffen ist u.a. die Ausfahrt der Zittauer Feuerwehr.

    3) Der Entwurf des Einkaufszentrums verschließt sich gegenüber der Umgebungen, d.h. anstatt einer offenen Gestaltung der Einkaufsmöglichkeiten mit vielen Durchgängen zur Innenstadt, wird ein in sich geschlossener Komplex errichtet.

    Ich bin kein Freund oder Anhänger dieses Geschichtslehrers, aber wenn man sich ein Urteil erlauben möchte, sollte man sich mit den Gegebenheiten vorher auseinandersetzen.

    Man sollte bei solch einer Diskussion auch das Geschäftsmodell der Betreiber und Planer nicht ganz außer Acht lassen, denn sie versprechen Arbeitsplätze gegen Fördermittel. Die Stadt Zittau mauert und gibt keine Details preis. Die Öffentlichkeit hat jedoch ein Recht darauf, zu erfahren welche Gelder, Versprechungen und Detailpläne verhandelt werden.

    Das Diskussion hat also eine viel grundsätzlichere Natur, denn es geht um die Frage, ob Bürger an Entscheidungen auf kommunaler Ebene partizipieren und, ob kommunale Verwaltungen sich gegenüber der Bürgerschaft öffnen.

    • stefanolix sagt:

      Zunächst: Vielen Dank für die Einwände. Ich habe inzwischen mit einem Zittauer Unternehmer (eher kleines Unternehmen der Lebensmittelbranche) gesprochen, der sich vorsichtig optimistisch zeigte. Vermutlich werde ich bald beruflich in Zittau zu tun haben und mir die Sache mal anschauen.

      Zu (1): Es werden vermutlich auch Einzelhändler in das Einkaufszentrum ziehen, genauso wie die Kunden des Einkaufszentrums vielleicht außerhalb auch Waren kaufen werden, die es darin nicht gibt. – Die Kaufhäuser von damals (wann haben sie geschlossen?) haben den Kunden anscheinend nicht das geboten, was sie sich gewünscht haben.

      Zu (2): Sicherheit geht natürlich vor. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dort eine Feuerwehr-Ausfahrt versperrt. Selbst wenn dort zähfließender Verkehr sein sollte, müssen die Autos natürlich die Straße räumen. Den Verkehr zum Einkaufszentrum kann man durch »Park & Ride«-Angebote bzw. durch die Limitierung der Parkplätze vermindern.

      Zu (3): Die meisten Einkaufszentren sind in sich geschlossene Komplexe. Natürlich wollen Galerien und Höfe (wie in Leipzig) die Kunden an sich binden. Das will doch jeder Händler.


      Sollte es allerdings Gemauschel um Fördergeld geben, bin ich ganz Ihrer Meinung: Erstens muss jedes Verfahren transparent ablaufen und zweitens darf es allenfalls für Denkmalschutz bzw. für die Innenstadtgestaltung Fördergeld geben, aber niemals für das Einkaufszentrum selbst. Diese Investition haben die Investoren zu hundert Prozent selbst zu tragen.


      Was die Partizipation betrifft: Man wird es niemals allen Bürgern recht machen können. Auch die Galerien in Dresden waren sehr umstritten. Die eine läuft besser, die andere läuft nicht so gut.

      Die Mehrheit kauft offensichtlich recht gern in der Altmarkt-Galerie ein und inzwischen kommen ja auch viele Gäste aus Osteuropa. Insofern hat Dresden insgesamt davon profitiert.

      Man kann einen solchen Bau nicht verbieten, nur weil ein bestimmter Anteil der Bürger aus Prinzip sowieso dagegen ist. Partizipation darf nicht bedeuten, dass eine Investition (aus welchen Gründen auch immer) unmöglich gemacht wird.

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