Nachruf auf Don Vito vom »Schandmännchen«

Michael Müller, Autor und Gründer der Satireseite Schandmännchen, ist tot. Unter dem Pseudonym Don Vito Mascarpone hat er über viele Jahre Kochrezepte in Geschichten verpackt und damit viele Menschen inspiriert. Das älteste (hier) erhaltene Rezept ist aus dem Jahr 2000.

Es geht ja die Sage, dass Don Vito Mascarpone aus einer alten Mafia-Familie stammt und dass er für seine Bosse oft unter ungewöhnlichen Bedingungen kochen musste. Natürlich war er dem Gesetz des Schweigens verpflichtet. Manchmal machte er Andeutungen über seine Arbeit für gewisse Familien und manchmal seufzte er:

Nein, wahre Größe zeigt sich im Verzicht. Wenn die Petersilie verhagelt und die Milch sauer ist, wenn die Soße nicht binden will und der Wein zu warm ist, wenn das Weib mit dem Liliputaner aus dem Wanderzirkus durchgebrannt ist und einem der Gesang im Halse stecken bleibt – wenn man dann noch eine vorzeigbare Mahlzeit zuwege bringt: Dann ist das echte Größe.

Viele Rezepte waren kurz und bündig gehalten. Andere beschäftigen den Hobbykoch deutlich länger als eine Stunde. Im Grunde hat Don Vito ein Kochblog geführt, bevor der Begriff Kochblog überhaupt erfunden wurde.

Man spürte als Hobbykoch in jedem Rezept, dass es gründlich durchdacht war und dass Don Vito Wert auf einwandfreie Zutaten legte. Er hatte in seinem Leben einfach zu viele Skandale kommen und gehen sehen. Schon im Jahr 2002 schrieb er in einer Kolumne:

Wenn man so alt wird wie ich, erscheint einem das Leben mitunter wie eine kaum noch überschaubare Reihe von unterschiedlichen Lebensmittel-Skandalen. Vor BSE und Schweinpest gab es hormonverseuchtes Kalbfleisch, nikotinbehandeltes Geflügel, wurmbefallene Fische und glykolgesüßten Wein. Und ganz früher gab es den Frischei- Skandal der deutschen Nudelindustrie.

Die Reihe dieser Skandale ist in den folgenden Jahren nie zu Ende gegangen. Don Vito war sich der Probleme bewusst, aber ihm lag wenig am Diskutieren. Im Jahr 2001 schrieb er:

Vielleicht sehen Sie ja jetzt auch ein, dass das alles nicht so einfach ist, dass es um langwierige und ermüdende Diskussionen geht. Und dabei hab ich noch gar nicht mit der Diskussion der Konsequenzen begonnen. Das würde auch ausufern.

Don Vito agitierte und diskutierte nicht. Er veröffentlichte einfach Rezepte und wir konnten etwas daraus machen. Jedes seiner Rezepte war ein Grund mehr, verantwortungsbewusst einzukaufen und zu kochen. Das bedeutet ja nicht, dass man teuer einkaufen muss. Selbst und bewusst zu kochen ist aber immer mit Arbeit verbunden, man muss sich Zeit dafür nehmen.

Die Rezepte des Don Vito Mascarpone haben bei uns oft zum Familienfrieden beigetragen, denn wenn ein gut gelaunter Familienvater mit einem guten Rezept am Herd steht, ist der Sonntag auf jeden Fall gerettet ;-)

Am Sonntag wird es bei uns die Venezianische Ente geben. Ich werde mir am Herd eine Träne verdrücken.


Advertisements

2 Responses to Nachruf auf Don Vito vom »Schandmännchen«

  1. Muyserin sagt:

    Oh. Ich habe noch nie von ihm gehört. Die Welt ist klein, das Netz ist groß …

    • stefanolix sagt:

      Die Welt ist auch groß, das sollte man im Netz nicht vergessen ;-)

      »Schandmännchen« ist eine kleine Satireseite, die es schon lange vor dem »Postillon« und ähnlichen Angeboten gab. Politisch sind sie nicht unbedingt mein Fall, aber sie haben oft intelligente Anstöße gegeben. Die Kochkolumne von Don Vito kam in den letzten Jahren meist einmal wöchentlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: