Werft Eure Waagen nicht weg

Die Waage symbolisiert seit Jahrtausenden ein Gleichgewicht: Man kann auf beiden Seiten etwas hinzufügen. Man kann auf beiden Seiten etwas wegnehmen. Aber man darf nicht einseitig hinzufügen oder einseitig wegnehmen.

Jetzt werfen offenbar hunderte Frauen ihre Waagen auf den Müll und twittern darüber unter dem Hashtag #waagnis. Ich finde das einfach nur völlig absurd. Sie diskutieren als Vertreterinnen einer privilegierten Schicht über ein Problem, das durch privilegiertes Leben entsteht.

Wenn ich diese elitefeministische Diskussion sehe, frage ich mich: Wie hoch sind die Autorinnen in ihrem Helikopter eigentlich schon von der Realität abgehoben?


Ich finde es falsch, die Waage wegzuwerfen. Das ursprüngliche Gleichgewichtsprinzip der Waage gibt eine wichtige Orientierung – nur kann man es leider auf dem Elektronikschrott nicht erkennen, der heute als Personenwaage für den Haushalt verkauft wird.

Die innere Waage des Menschen sollte das Gleichgewicht zwischen Essen und Bewegung aufzeigen – oder anders ausgedrückt: zwischen Energieaufnahme und Energieabgabe. Wer sich wenig bewegt und wer wenig körperlich arbeitet, der sollte auch weniger essen. Vor allem darf Essen kein Spielzeug, keine Belohnung und keine Bestrafung sein.

Dabei geht es mir überhaupt nicht um das Aussehen. Mir geht es nicht um die kritischen Blicke der Mitmenschen auf das eine oder andere Polster am weiblichen oder männlichen Körper. Oder um übermäßig wichtig genommene Befindlichkeiten.


Es werden in den vielen Diskussionen um »fat acceptance« zum Teil erschreckende Körpergewichte und Kleidungsgrößen genannt. Da geht es nicht mehr um das Aussehen. Da geht es in Wahrheit um die Gesundheit. Ich meine hier nicht die »gefühlte Gesundheit«. Ich meine die von einem Arzt diagnostizierte Gesundheit. Ich meine, um das auch deutlich zu sagen, eine Diagnose, die fachkundig, nach bestem Gewissen und im Interesse des Patienten erfolgt. Nicht im Interesse des Arztes, der Pharma-Industrie oder der Diät-Industrie.

Diese Gesundheit ist jedenfalls wirklich ernsthaft gefährdet, wenn der Körper aus dem Gleichgewicht kommt und unkontrolliert an Gewicht zunimmt. Ich muss die Krankheiten hier nicht alle aufzählen, die durch Übergewicht verursacht werden können. Es sind sehr schwere und sehr teure Krankheiten darunter. Und das Übergewicht kann im Alter sehr belastend werden.


Wen das nicht überzeugt hat: Es gibt noch ein weiteres Argument für die Waagen und für das innere Gleichgewicht. Viele Menschen sorgen sich um die Ressourcen, die durch unseren Lebensmittelverbrauch in Europa verbraucht werden. Um die Folgen der Massentierhaltung. Um die gerechte Verteilung. Den Menschen in armen Ländern fehlen Nahrungsressourcen, weil wir z. B. über tausende Kilometer Futtermittel importieren [oder auch BIO-Energie aus Palmöl gewinnen].

Bei uns in Deutschland geht’s in der völlig realitätsfernen feministischen Diskussion um das Aussehen, um gefühltes Dicksein, um »fat-positive-Diskurse« (was immer das sein mag). In den armen Ländern geht es um das Überleben. Vor dem Hintergrund vieler wirklich ernster Probleme erscheint mir diese Diskussion um #waagnis völlig absurd. Man fragt sich, ob diese Leute die wirklich dringenden Probleme überhaupt an sich heranlassen.


Wer in Maßen isst und dick machende Nahrung vermeidet, tut in jedem Fall etwas Vernünftiges für sich und für das Gleichgewicht auf der Welt. Dann sinkt nämlich die Nachfrage nach Nahrung und es muss für uns in Europa weniger produziert werden. Und ich kann den weltweiten Ressourcenverbrauch ein klein wenig ins Gleichgewicht bringen. Ähnlich wichtig wäre das Nachdenken über BIO-Treibstoff aus Entwicklungsländern.

Wenn sich alle 80 Millionen Menschen in Deutschland vernünftig ernähren würden [und wenn wir kein Palmöl verbrennen würden], könnten wir etliche Ressourcen an andere abgeben. Das ist keine Frage der Optik, sondern eine Frage der Ethik. Wie gesagt: Die Waage weist immer auf ein Gleichgewicht hin. Und wenn das Gleichgewicht gestört ist, sollte man nicht die Waage wegwerfen.


7 Antworten zu Werft Eure Waagen nicht weg

  1. Muriel sagt:

    Vor allem darf Essen kein Spielzeug, keine Belohnung und keine Bestrafung sein.

    Wieso denn nicht?

    • stefanolix sagt:

      (Immer aus meiner Sicht als Laie): Essen als Belohnung und Bestrafung kann auf Ess-Störungen hindeuten. Dann gerät der Körper physisch aus dem Gleichgewicht.

      »Essen als Spielzeug« steht in meinen Augen für fahrlässige, achtlose Behandlung. Dem Essen und den Menschen die es erzeugt haben, gebührt Respekt. Das ist ein Rest an DDR-Prägung, wenn man so will ;-)


      Davon abgegrenzt ist die Freude beim Genießen und beim Kochen – im Gleichgewicht mit sich selbst.

      • Muriel sagt:

        Essen als Belohnung und Bestrafung kann auf Ess-Störungen hindeuten.

        Und daraus folgt für dich, dass man es ganz dringend nicht so einsetzen darf?

        »Essen als Spielzeug« steht in meinen Augen für fahrlässige, achtlose Behandlung. Dem Essen und den Menschen die es erzeugt haben, gebührt Respekt.

        Ja gut. Man sollte mit nichts fahrlässig umgehen. Dass man Gegenstände respektieren sollte, würde ich allerdings bestreiten.

  2. kaltmamsell sagt:

    Wer eine Waage braucht, um deutliche Veränderungen des Körpergewichts festzustellen, hat wirklich ein Problem.

  3. Frank sagt:

    Das Ganze macht mich jetzt ein wenig betroffen: Da begehen so viele Frauen eine derart revolutionäre Tat und dann bekomme ich Ignorant gar nichts davon mit! Na, nun habe ich es ja wenigstens doch noch erfahren :-)

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