Wer hat’s erfunden?

Die »Süddeutsche Zeitung« verbreitet zur Zeit in einem Artikel über Netzpolitik folgende Information über Peer Steinbrücks Internet-Expertin:

Gesche Joost hat einen Handschuh erfunden, der die Sprache Taubblinder in Mails übersetzt.

Ich habe versucht, mehr über den persönlichen Anteil der Frau aus Peer Steinbrücks Kompetenzteam an dieser Erfindung herauszufinden. Die Süddeutsche Zeitung scheint diese Information zum ersten Mal im Mai 2013 in einem (nach PR ausschauenden) Artikel der Autorin Constanze von Bullion veröffentlicht zu haben.

Wie so oft wurde die Information danach von vielen anderen Medien übernommen – es gibt zumindest viele Treffer bei einer entsprechenden Google-Suche.

Eine andere (ursprüngliche) Quelle, in der Frau Prof. Dr. Joost diese Erfindung persönlich zugeordnet wird, konnte ich nicht finden. Stattdessen habe ich Informationen über andere Personen gefunden, die den Datenhandschuh entwickelt haben.


In einer Sendung des Deutschlandfunks vom 24.05.2013 werden die Designforscherin Ulrike Gollner und der Designforscher Tom Bieling als Entwickler genannt. Von Frau Prof. Dr. Joost ist auf der Webseite zur Sendung überhaupt nicht die Rede. Zitat:

Ein spezieller Handschuh soll diese Kommunikationshürden überwinden. Den hat Tom Bieling mit seiner Kollegin Ulrike Gollner entwickelt.


Auf der Website des Design Research Lab zum Datenhandschuh steht:

Research by: Tom Bieling
Assistance: Ulrike Gollner
Supervision: Prof. Dr. Gesche Joost

Auch das Wort »Supervision« klingt für mich eher nicht nach »Erfinderin«.


In diesem Interview von Flux FM kann man sich anhören, was der Erfinder Tom Bieling zu dem Datenhandschuh sagt. Ein faszinierendes Thema. Aber auch dort habe ich nichts von einer »Erfinderin« Prof. Dr. Gesche Joost gehört.


Bleibt die Frage: Macht die »Süddeutsche Zeitung« bewusst Wahlkampf für Peer Steinbrücks Sympathieträgerin? Ich habe der »Süddeutschen Zeitung« eine entsprechende Information gegeben, aber sie hat bisher nicht reagiert.


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15 Responses to Wer hat’s erfunden?

  1. A. Bunte sagt:

    „Bleibt die Frage: Macht die »Süddeutsche Zeitung« bewusst Wahlkampf für Peer Steinbrücks Sympathieträgerin? Ich habe der »Süddeutschen Zeitung« eine entsprechende Information gegeben, aber sie hat bisher nicht reagiert.“

    Frechheit! Die Arroganz der Medien Euch kleinen Bloggern gegenüber ist jedesmal zum k… Mach weiter so! Dann bekommst Du vielleicht mal eine Stelle bei einer Zeitung und zeigst denen, wie Journalismus geht!

    • stefanolix sagt:

      Ich habe die SZ einige Stunden vor der Veröffentlichung meines Beitrags darauf hingewiesen, dass die Aussage möglicherweise nicht stimmt. Ich habe auch die Quellen hinzugefügt, die gegen die Darstellung der SZ sprechen.

      • A. Bunte sagt:

        Wie gesagt, da recherchiert man mal richtig, und schon findet man die Wahrheit. Aber was machen die Journalisten? Nur weil sie auf einer Schule waren und angeblich ihr Handwerk beherrschen kommen Sie doch nie an kleine Blogger wie Dich heran, die keine Scheuklappen haben! Weiter so!

      • stefanolix sagt:

        Ich habe mich nicht über die Journalistin geäußert, die diese (falsche) Formulierung zu verantworten hat. Ich habe auch nicht ihre handwerklichen Fähigkeiten beurteilt.

        Ich habe mich nur zum Inhalt des Textes geäußert.

        Sie argumentieren gern »ad personam«, wie man an Ihren bisherigen Kommentaren sieht. Ich will Ihnen den Spaß daran nicht nehmen. Sie sollten aber bitte nicht von sich auf andere schließen.

  2. Paul sagt:

    Informiere uns bitte über das Ergebnis der Anfrage bei der SZ

  3. E-Haller sagt:

    Mmmmh – für mich jetzt kein Aufreger. In der Presse wird täglich vereinfacht und reduziert und generalisiert, da kann sowas schonmal bei rauskommen…

    Es wird wohl kaum jemanden in seiner Meinung zur SPD maßgeblich beeinflussen, ob sie nun Erfinderin oder Supervisionerin des Handschuhs war.

    Pinke Bohrmaschinen. Auch nicht schlecht.

    • stefanolix sagt:

      So etwas wirkt im Unterbewusstsein. Für Frau Joost wird besonders in dem ersten Artikel der Süddeutschen Zeitung vom Mai 2013 deutlich PR gemacht (und PR stützt sich nie auf exakte Tatsachen).

  4. A. Bunte sagt:

    Aber man muss doch das Pferd beim Nahmen nennen! Irgendwer schreibt doch diese Sachen in der Süddeutschen und die sind verantwortlich und Du machst Das einzig richtige und zeigst denen was sie falsch machen. Das muss man doch mal sagen dürfen! Und dann irgnorieren sie einen..

    • stefanolix sagt:

      Natürlich muss man das sagen dürfen. Jetzt haben Sie es ja rausgelassen und ich hoffe, dass es befreiend war ;-)

      Ich konzentriere mich auf den Inhalt. Ich setze meine Schwerpunkte und Sie setzen Ihre Schwerpunkte – und damit sollten wir die Sache auf sich beruhen lassen.

      Ich kann nicht beurteilen, ob mein Hinweis jemals einen Redakteur erreicht hat. Ich kann hier nur melden, ob ich eine Reaktion von der »Süddeutschen« erhalten habe.

  5. Andreas sagt:

    Geh’n wir mal an die Quelle (Google hilft
    Frau Joost ist ja Professorin:
    https://www.facebook.com/DesignResearchLabBerlin?directed_target_id=0
    Dort erschien am 10.Juli ein Hinweis auf einen Artikel:
    http://www.tagesspiegel.de/zeitung/was-koennen-wir-von-menschen-mit-behinderungen-lernen-design-mit-fingerspitzengefuehl/8472684.html
    Und wer hat’s erfunden?
    „Zunächst will Tom Bieling mit seiner Forschungspartnerin Ulrike Göllner am Design Research Lab den Handschuh perfektionieren.“

    Ich fordere eine Zwangssuche bei Google für Journalisten!

    • stefanolix sagt:

      Da die Süddeutsche im Juli wiederholt, was sie im Mai schon mal geschrieben hat, vermute ich in letzterem Fall einfach Bequemlichkeit.

      Die Frage ist: Wie konnte der Satz im Mai 2013 in dieses Portrait über Frau Prof. Joost kommen?

      http://www.sueddeutsche.de/politik/gesche-joost-steinbruecks-lotsin-durch-die-digitale-welt-1.1669896

      Denn es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass Frau Prof. Joost den Handschuh erfunden hätte. Wohl aber viele Hinweise auf die Arbeit anderer Personen.

      Entweder ist es eine bewusste PR-Aktion der Autorin des Portraits zugunsten der SPD – oder sie wurde falsch informiert.

      • stefanolix sagt:

        So, jetzt kommt Bewegung in die Sache: Johannes Boie, der Autor des zweiten Artikels hat mir geantwortet. Er schreibt, diese Aussage sei nicht Teil seines Artikels.

        Das stimmt auch: Bilder und begleitende Texte gehören streng genommen nicht zum Artikel. Jetzt werde ich weiter nachfragen.

  6. E-Haller sagt:

    Dass Steinbrück nicht gerade Rückenwind aus der Presse bekommt, war gestern Thema bei Panorma: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2013/steinbrueck355.html

    • stefanolix sagt:

      »Die Presse« ist natürlich ein sehr weites Feld. Diese beiden Artikel unterstützen tendenziell jedenfalls eher Herrn Steinbrück.

      Außerdem ist es immer eine Angelegenheit von Ursache und Wirkung. Es ist ja bekannt, dass Herr Steinbrück eine Menge Fettnäpfe zertreten hat ;-)

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