Wird in Berlin das Christentum ausgelöscht?

Es begann mit einem Kommentar in der Berliner Boulevardzeitung »BZ« und mit einem wütenden Tweet. Der Kommentar war in jenem skandalisierenden Ton gehalten, den bestimmte Medien heute für notwendig halten, um Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erregen. Der Tweet wies mit folgendem Text auf den Artikel hin:

Die Nazis wollten jüdisches Leben aus Deutschland verbannen. Die Piraten wollen das Christentum auslöschen.

In dem Artikel der BZ fehlt der Verweis auf die Verbrechen der Nationalsozialisten. Stattdessen werden in dem BZ-Artikel folgende Behauptungen aufgestellt:

Kreuzberg verweigert Bürgern die Ehrung, wenn sie in einer Kirche engagiert sind.

Das Bezirksparlament (BVV) beschloss auf Antrag der Piraten, dass die Bezirksmedaille nicht mehr an Bürger vergeben werden darf, wenn sie sich im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft engagieren.

Weihnachtsfeste müssen künftig als »Winterfeste« und der Ramadan, sofern er in der warmen Jahreszeit liegt, als »Sommerfest« gemeldet werden.

Um der folgenden kurzen Analyse ein Fazit voranzustellen: Nichts davon ist wahr. Die Piraten können mit ihrem Antrag das Christentum nicht auslöschen, den engagierten christlichen Bürgern wird überhaupt keine Ehrung verweigert und auch andere Religionen werden durch den BVV-Beschluss keinen Schaden nehmen.

Was ist wirklich geschehen? – In den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg wird für bürgerschaftliches Engagement eine Bezirksmedaille verliehen. Anfang 2013 wurde die Geschäftsordnung für die Auslobung und Verleihung der Bezirksmedaille geändert. Folgender Satz aus Ziffer 1d) ist nun interessant. Er lautete bisher:

Die zu ehrende Person/Gruppe/Initiative soll sich durch ein herausragendes Engagement über einen längeren Zeitraum in Gesellschaftsbereichen wie zum Beispiel Jugend und Familie, Kultur, Soziales, Sport, Religion, Umwelt, Entwicklung, Innovation, Wirtschaft und ein friedliches Miteinander verdient gemacht haben.

Hervorgehoben ist das Wort, das auf Antrag der Piraten gestrichen wurde: die Religion. Im Text der Geschäftsordnung sind aber gleichzeitig viele Bereiche des Engagements verblieben, die gemeinhin mit einer christlichen Gemeinde verbunden werden: Jugendarbeit, Familienarbeit, soziale Arbeit, friedliches Miteinander und (meist) auch Umweltarbeit.

Das bedeutet: Jede Person, die sich auf diesen Gebieten engagiert, kann selbstverständlich für die Bezirksmedaille nominiert werden und kann sie auch erhalten, wenn sich dafür eine Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) findet.

Staat und Kirche sind in Deutschland – mit gutem Grund – getrennt. Warum sollte in der Geschäftsordnung die Religion gegenüber anderen Weltanschauungen hervorgehoben werden? Auch Agnostiker und Atheisten können Wertvolles für die Kommune leisten. Die Bezirksmedaille wird nicht für ein bestimmtes Bekenntnis, sondern für bürgerschaftliches Engagement verliehen.

Dazu kommt: Religion kann sehr unterschiedlichen Einfluss auf die Menschen haben. Es gibt Religionsgemeinschaften, die nach dem biblischen Motto »Suchet der Stadt Bestes« wirken. Dieses Motto hat (neben anderen Bibelzitaten) das christliche Engagement in der friedlichen Revolution in der DDR geprägt.

Es gibt aber auch Religionsgemeinschaften, die sich von der Gesellschaft abkapseln und ihren Glauben nur in einem kleinen Kreis leben. Und es gibt, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, sogar den Missbrauch der Religion – bis hin zum Terroraufruf und zur Verfolgung Andersgläubiger. Religion ist also durchaus ambivalent – sie kann großen Nutzen stiften, aber auch großen Schaden anrichten. Muss sie wirklich in der Liste enthalten sein?


Am Ende seines dramatisierenden BZ-Kommentars sieht der Autor Gunnar Schupelius sogar die ungestörte Ausübung der Religion gefährdet:

Friedrichshain-Kreuzberg, so scheint es mir, liegt jetzt etwas außerhalb unserer Verfassung.

Große Teile seines BZ-Artikels, so scheint es mir, liegen etwas außerhalb der Realität. – Die Ausübung der Religion ist durch die Änderung überhaupt nicht eingeschränkt. Die Ehrung religiöser Menschen mit der Bezirksmedaille ist auch nicht eingeschränkt. Nur das Wort Religion wurde aus der Aufzählung entfernt – wo es im Grunde niemals gepasst hat.


PS: Wer sich weitergehend informieren möchte: Deutlich sachlicher ist dieser Artikel im »Tagesspiegel«. Dort kommen mehrere Seiten zu Wort.


Hinweis: Das ist ein Crosspost meines Artikels in »Zettels Raum«.


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16 Antworten zu Wird in Berlin das Christentum ausgelöscht?

  1. Tommy sagt:

    Wie immer bei Kommunikation – Sender und Empfänger müssen sich technisch und inhaltlich verstehen. Und hier ist die Chance sich Mißzuverstehen besonders groß, weil beide Seiten übereinder reden statt miteinander.

    Natürlich muss so eine staatliche Medallie nicht an irgenwen vergeben werden, der in irgend einer Organisation intern etwas getan hat. Dafür haben Religionsgemeinschaften eigene Mittel genauso wie Vereine usw.
    Aber: hier wurde auch ausgeschlossen, dass z.B. jemand für Engagement zum Dialog zwischen Religionen geehrt wird. Oder es wird eben zu einem Jugendprojekt umdefiniert…?!?
    Über die Auswirkungen eines solchen Ausschlusses muss man Diskutieren – schliesslich hat das Vergabegremium auch die Möglichkeit, Vorschläge abzulehnen, es ja keineswegs so dass jede Einreichung auch akzeptiert werden muss.
    Wenn also jemand viel Zeit für ein Projekt in seiner Gemeinde ohne Wirkung in den Stadtteil durchführt kann man es gut ablehnen – wenn aber ein Katholik und ein Moslem gemeinsam den Gemeindeaufbau einer russ.-orthodox. Gemeinde fördern ist das vielleicht doch etwas, was man im Sinne von Toleranz und Offenheit öffentlich „bedanken“ will.
    Oder eben auch nicht, dann muss man eben auch den Gegenwind ertragen wie alle anderen auch…

    • stefanolix sagt:

      Wenn jemand ein erfolgreiches interreligiöses Projekt auf die Beine stellt, dann fällt das wahlweise unter Jugend und Familie, Kultur, Soziales, Entwicklung oder/und friedliches Miteinander im Stadtteil. Für die Ehrung eines erfolgreichen Projektes findet sich immer ein Grund.

      Religion ist kein Wert an sich. Sie kann eine große Rolle im friedlichen Miteinander und in der positiven sozialen Entwicklung des Stadtteils spielen. Sie kann (leider) auch das Gegenteil bewirken. Deshalb sollte man die Ergebnisse bewerten und eben nicht die Bekenntnisse.

      • Rayson sagt:

        Religion ist kein Wert an sich.

        Im Gegensatz zu Sport bspw.?

      • stefanolix sagt:

        Sport war nicht mein Thema und nicht Thema des BZ-Artikels ;-)

        Folgender Vorschlag für eine vernünftige und verständliche Formulierung:

        Die zu ehrende Person, Gruppe oder Initiative soll sich durch ein herausragendes gesellschaftliches Engagement über einen längeren Zeitraum verdient gemacht haben.

      • Rayson sagt:

        Sport war nicht mein Thema und nicht Thema des BZ-Artikels ;-)

        Nicht? Ich zitiere noch mal:

        wie zum Beispiel Jugend und Familie, Kultur, Soziales, Sport, Religion, Umwelt, Entwicklung, Innovation, Wirtschaft

        Gestrichen werden soll nur Religion. Darf ich daraus deiner Argumentation folgend schließen, dass Sport, Familie oder Wirtschaft im Gegensatz zur Religion einen Wert an sich darstellen? Und, der Argumentation anderer folgend, dass zwar Staat und Religion (eigentlich doch: Kirche) getrennt sein sollen, nicht aber z.B. Staat und Wirtschaft?

      • stefanolix sagt:

        Das Blockzitat stammt aus der oben verlinkten Geschäftsordnung des Berliner Stadtbezirks zur Verleihung der Medaille. Ich finde die neue Fassung (ohne »Religion«) genauso falsch wie die alte Fassung (mit »Religion«).

        Aber in dem Artikel in der BZ, auf den ich mich bezog, ging es nur um die Streichung des Wortes »Religion«

        Ich würde alle Beispiele in der alten Fassung weglassen und die Ehrung nur auf das herausragende gesellschaftliche Engagement beziehen.

        Es ist nicht zielführend, dafür noch Beispiele aufzuzählen, weil man aufgrund des begrenzten Umfangs einer Geschäftsordnung notwendigerweise immer einige wichtige Tätigkeitsfelder weglassen muss.


        Staat und Wirtschaft sollten natürlich so weit wie möglich getrennt sein. Das haben uns doch die Desaster der Landesbanken gezeigt …

      • Rayson sagt:

        Aber in dem Artikel in der BZ, auf den ich mich bezog, ging es nur um die Streichung des Wortes »Religion«

        Aber gerade dann ist doch wichtig zu wissen, *woraus* es gestrichen werden soll. Ist es eine Aufzählung, wie in diesem Fall, stellt sich die Frage ganz automatisch, welche Motivation dahinter steht, ausgerechnet diesen Begriff daraus zu entfernen.

        Dein Vorschlag, die Aufzählung ganz bleiben zu lassen, wäre aufregungslos vonstatten gegangen, aber gerade die Herausstellung eines einzelnen Begriffs sorgt für das Theater.

      • stefanolix sagt:

        Woraus der Begriff Religion gestrichen werden sollte? Aus der Geschäftsordnung zur Verleihung der Medaille.

        Hier ist ein (hoffentlich) funktionierender Link. Ich ändere es auch noch im Artikel.


        Vermutlich haben die Piraten und die Linksparteien das Wort gestrichen, weil ein Zeichen gegen Religion setzen wollten. Das ist nutzlose Symbolpolitik – so wie viele andere Arten linker Politik.

        Wenn ich mich gegen den skandalisierenden Artikel in der BZ wende, heißt das doch nicht, dass ich mit der Streichung einverstanden bin.

        Es ist aber offensichtlich, dass die Entfernung de facto niemandem schadet und dass die Erregung auf dem Boulevard völlig nutzlos ist: Wer sich gesellschaftlich engagiert, kann auch heute noch geehrt werden – auch wenn er gläubiger Christ, Jude oder Moslem ist.

  2. Sathiya sagt:

    Ich kann die Piraten und ihren Antrag, das Wörtchen Religion zu streichen, schon verstehen, obwohl es weiß Gott wichtigeres gäbe, worüber man dringender sprechen müßte.
    Aus dieser Mücke allerdings derart reißerisch zu versuchen, einen Elefanten aufzublasen, ist eines Journalisten nicht würdig. Dein Beitrag und Deine Kritik treffen es auf den Punkt. Oder war der BZ-Artikel etwa als Satire zu verstehen? ??

    Offtopic: es wäre zu schön, wenn es wahr wäre: >Staat und Kirche sind in Deutschland – mit gutem Grund – getrennt…. Ich freue mich sehr über die Einführung des bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichtes an 27 hessischen Grundschulen. … der bekenntnisorientierte Religionsunterricht ist seinem Wesen nach eine staatliche Veranstaltung wie jedes andere Unterrichtsfach auch. Das gilt unabhängig davon, für welche Konfession der Religionsunterricht eingerichtet ist. Er wird als ordentliches Lehrfach in staatlicher Verantwortung… erteilt.<
    Das sieht nicht aus wie Trennung von Kirche und Staat, oder? Oder habe ich das Prinzip der Trennung falsch verstanden?

    Ich bin darüber mehr als nur irritiert, zumal jetzt im 3. Schuljahr (in Hessen) der christliche Religionsunterricht sich in katholische und evangelische Gruppen teilt, und alle Welt das als völlig selbstverständlich anzusehen scheint, und nun kommt noch bekenntnisgeteilter schiitisch/sunnitisch islamischer Religionsunterricht hinzu. OMG.
    Ich stoße mich besonders an der Formulierung: "seinem Wesen nach eine staatliche Veranstaltung". Darüber könnte man sich vermutlich auch mit den Piraten trefflich streiten, oder? ;-)
    Beste Grüße, Sathiya

    • Sathiya sagt:

      Sorry, wp hat einen Teil des Kommentars verschluckt.
      Korrektur nach ‚getrennt‘:
      Eben lese ich die Grußworte der hessischen Kultusministerin zum neuen Schuljahr: (Zitat Beginn).. ich freue mich usw.

      (entschuldige bitte! ;-) )

    • stefanolix sagt:

      Der BZ-Artikel ist keine Satire. Der Autor meint das wirklich so.


      Meine ganz klare Aussage zum Religionsunterricht: Religion ist Privatsache. All Kinder und Jugendlichen sollten an einem neutral und wissenschaftlich gehaltenen Fach »Ethik und Philosophie« teilnehmen, in dem keine religiösen Bekenntnisse behandelt und bewertet werden.

      In Dresden hat man die Wahl zwischen Religion und Ethik, wobei das Fach Ethik (wenn man Pech hat) ein zweiter Aufguss des Fachs Religion ist. Mein Sohn besuchte in der Grundschule das Fach Ethik und hatte mal ein halbes Jahr lang Heiligen-Legenden zu lernen. Das ist dann nicht wirklich weltanschaulich neutral …

      Bekenntnisgebundener Religionsunterricht gehört in das Aufgabengebiet der Kirche bzw. der Synagoge oder der Moschee.

      • Rayson sagt:

        Bekenntnisgebundener Religionsunterricht gehört in das Aufgabengebiet der Kirche bzw. der Synagoge oder der Moschee.

        Es gibt jede Menge gute Gründe, warum der Staat den ausgerechnet da eben nicht haben will.

      • stefanolix sagt:

        Kann der Staat den Religionsgemeinschaften verbieten, außerhalb der Unterrichtszeit Religionsunterricht anzubieten? Kann und darf er ein solches Verbot kontrollieren? – Ich denke, in beiden Fällen lautet die Antwort Nein. Die Religionsfreiheit steht im Grundgesetz und muss für alle Religionsgemeinschaften gleichermaßen gelten.

      • Rayson sagt:

        Nein, er kann es nicht verbieten. Aber er kann versuchen, es überflüssig zu machen. Auf jeden Fall dafür sorgen, dass es für jede anerkannte Religion ein primäres Angebot gibt, in dem nichts Fundamentalistisches gelehrt wird.

  3. Sich Sorgender sagt:

    stefanolix.wordpress.com von von atheisten gehackt. shock!

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