Was der Netzaktivismus mit Don Quijote zu tun hat

30. Dezember 2013

Der Deutschlandfunk hat in den letzten Tagen eine sehr interessante Hörspielbearbeitung des Romans »Don Qujote« gesendet. Das Buch ist in einer älteren Übersetzung auch im Projekt Gutenberg zu finden.

Die beiden Helden geraten ja im Buch immer wieder in Abenteuer nach dem Schema: Der Ritter bekämpft Gefahren und Missstände, die einzig in seiner Phantasie existieren. Der Knappe muss dem Ritter aus der Patsche helfen. Eine charakteristische Szene beginnt so:

Der Ritter sieht eine Prozession mit einer Marienfigur. Er bildet sich aber ein, dass es sich um eine gegen ihren Willen festgehaltene junge Frau handelt:

[so] daß er sich einredete, eine Bildsäule, die sie in Trauerhüllen einhertrugen, sei eigentlich eine vornehme Dame, die von diesen Bösewichtern und schamlosen Wegelagerern mit Gewalt entführt werde.

Also reitet er in seinem Wahn auf die Prozession zu und herrscht die Geistlichen an:

»Ihr sollt gleich auf der Stelle diese schöne Dame freigeben, deren Tränen und betrübtes Antlitz deutlich zeigen, daß ihr sie wider ihren Willen fortschleppt und daß ihr eine offenbare Ungebühr an ihr verübt habt. Und ich, der ich zur Welt geboren bin, um dergleichen Freveltaten abzustellen, ich werde nicht gestatten, daß sie einen einzigen Schritt weiterziehe, ohne ihr die ersehnte Freiheit wiederzugeben, derer sie würdig ist.«


In unsere Zeit übertragen: Don Quixote »sieht« ein Beispiel für Sexismus, entlarvt die Sexisten und entscheidet kraft seines Sendungsbewusstseins ohne lästige Formalitäten über die notwendigen Maßnahmen. Die Reaktion der Betroffenen und Zeugen ist folgerichtig:

An diesen Worten merkten alle Hörer, Don Quijote müsse verrückt sein, und brachen in herzliches Lachen aus; aber hier zu lachen hieß Pulver auf Don Quijotes Zorneswut schütten, und ohne ein Wort weiter zu sagen, zog er das Schwert und sprengte auf die Tragbahre los.

Natürlich bezieht der Ritter nun eine Tracht Prügel und sein Knappe muss ihn (wieder einmal) retten:

Als Sancho Pansa, der ihm keuchend nachgeeilt war, ihn am Boden liegen sah, schrie er dem Zerbleuer seines Herrn zu, er solle vom Prügeln ablassen, denn der sei ein armer verzauberter Ritter, der all sein Lebtag keinem ein Leides getan.


Heute gibt es ja leider keine Ritter und keine Knappen mehr. Stattdessen gibt es die radikalen Genderist*Innen, die in ihrem unermüdlichen Kampf gegen die Realität immer wieder weit über die Windmühlenflügel hinausschießen. Eine dieser Ritterinnen gegen das Unrecht hat kürzlich zwei aufeinanderfolgende Tweets in die Welt gesetzt:

Blockempfehlung.

Blockempfehlung.

Damit hatte sie aber keinesfalls eine rassistische oder sexistische Person erwischt – sondern eine Bloggerin, die für die Interessen alleinerziehender Frauen eintritt und es lediglich gewagt hatte, in einer bestimmten Diskussion eine abweichende Meinung zu vertreten.

Es ist dabei völlig egal, in welcher Reihenfolge man die beiden Tweets liest: Sie haben tiefe Spuren hinterlassen. Die Anschuldigung hatte eine ähnliche Wirkung wie Mobbing auf dem Schulhof oder im Berufsleben.


Ideologisch oder persönlich motivierte Falschbeschuldigungen können unterschiedslos Männer oder Frauen treffen. Die Auswirkungen sind immer verheerend. In der Uni-Satire »Der Campus« hat Dietrich Schwanitz diese Art der »Frauenförderung« schon gebührend gewürdigt – aber der große Roman über den Genderismus steht noch aus. Vielleicht sollten interessierte Autoren schon mal mit dem Materialsammeln beginnen …


Quellenangabe für die Zitate: Miguel de Cervantes Saavedra »Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha« in der Übersetzung von Ludwig Braunfels.



Warum der Weihnachtsmann noch nicht gegendert wurde

25. Dezember 2013

Christian befasst sich im Blog »Alles Evolution« mit der Frage: Was hat Gendermainstreaming mit dem Weihnachtsmann zu tun? Warum gibt es keine Weihnachtsfrauenquote? Hier ist der Versuch einer pragmatischen Erklärung:

Als diese Tradition entstand, haben sich (vorwiegend) die Frauen um den Haushalt gekümmert und der Mann hat das Geld nach Hause gebracht. In bürgerlichen Haushalten hatte die Hausfrau Dienstboten oder Dienstleister, in den Haushalten der Arbeiter musste sie den größten Teil der Hausarbeit selbst erledigen. Manche Frauen haben für andere Haushalte genäht oder gewaschen.


Damals haben die berufstätigen Männer bis relativ nahe ans Fest gearbeitet, oft bis zum Nachmittag des 24. Dezember. Sie trafen zu Hause auf Frauen und Dienstboten, die aufgrund der hohen Ansprüche ans Fest unter großer Spannung standen. Schließlich musste man sich im Verlauf der Feiertage in der Kirche und in der Öffentlichkeit als glückliche Familie zeigen.

Also haben sich die Männer um den Weihnachtsbaum gekümmert und die Verteilung der Geschenke organisiert, damit die Frauen Ruhe für die Vorbereitung hatten ;-)

Außerdem war der Mann damals die (Amts)Autorität in der Familie. So lag es nahe, einen scheinbar allwissenden Mann mit Bart und tiefer Stimme auftreten zu lassen. Letztlich steckt im traditionellen Weihnachtsmann auch noch ein Stück Autorität der Kirche und der Schule: Er »weiß«, was die Kinder in der letzten Zeit getan haben, er gibt ihnen wertvolle moralische Hinweise, er nimmt ihnen Verse und Versprechen ab.


Damals muss es wohl oft zu Fehleinschätzungen gekommen sein. Die Kinder haben sich in der Zeit vor Weihnachten sehr viel Mühe gegeben, die Eltern haben vor allem in dieser Zeit genauer hingeschaut. Nicht ohne Grund wird ein spezieller Beurteilungsfehler bis heute als Nikolaus-Effekt bezeichnet: Der Vorgesetzte beobachtet den Mitarbeiter nur in einer kurzen Zeitspanne vor dem Jahresgespräch – im übertragenen Sinne also: in der kurzen Zeit vor Weihnachten.


Bleibt die Frage: Warum gibt es im Weihnachtsgeschäft keine Frauenquote? Warum gibt es keine Weinachtsfrauenbeauftragte? Eine erste Erklärung könnte lauten: Weil die radikalen Gender-Aktivist*Innen kaum einen Bezug zum klassischen Weihnachtsfest haben. Weihnachtsmann und Christkind sind ihnen fremd und gleichgültig.

Andererseits hat Weihnachten eine große Öffentlichkeitswirkung. Es ist also durchaus möglich, dass eines der nächsten Weihnachtsfeste mit Femen-Protesten, Mädchenmannschafts-Artikeln und einer Alice-Schwarzer-Kampagne bereichert wird …



Jim Knopf wird Sternsinger

20. Dezember 2013

Seit dem letzten Wochenende wird in vielen Kreisen darüber diskutiert, ob sich weiße bürgerliche Menschen mit farbiger Schminke als Schwarze oder als Indianer kostümieren dürfen. Zur Lösung des Problems gibt es mehrere Ansätze.


Der pluralistische Ansatz

Der Pluralist will in einer Gesellschaft leben, in der sich grundsätzlich jeder Mensch beliebig kostümieren darf. Eine derart tolerante Gesellschaft ist aber immer durch Intoleranz gefährdet. Deshalb darf es für den Pluralisten keine entwürdigende Darstellung von Menschen und auch keine pauschalen Kostümierungsverbote geben.


Der libertäre Ansatz

Aus Sicht des Libertären hat jeder Mensch hat die Freiheit, sich in jeder beliebigen Farbe zu schminken. Wer sich durch dieses Schminken irritiert fühlt, mag mit einer passenden Brille auf die Straße gehen. Jeder kann sich mit Gleichfarbigen zusammenschließen und von Andersfarbigen abgrenzen. Die einzelnen Gruppen sind für ihre Lebensverhältnisse selbst verantwortlich.


Der rheinisch-pragmatische Ansatz

»Jede Jeck ist anders.« – »Jet jeck simmer all.«


Der radikal-egalitäre Ansatz

In gesamten Freundeskreis des Radikalen gibt es keinen Zweifel: Weiße bürgerliche Menschen sollen sich niemals als Schwarze oder Indianer kostümieren. Migranten mit schwarzer Hautfarbe oder Nachkommen der nordamerikanischen Ureinwohner könnten sich dadurch irritiert fühlen. Der Radikale will alle Bürger aufrütteln und davon überzeugen, dass derartiges Schminken und Verkleiden tabu sein sollten. Irgendwann wird der Radikale bürgerlich – oder er verzweifelt an der pragmatischen Mehrheit.


Der Gender-Ansatz

Das Plenum der professionell empörten Vertreter*_Innen aller Diskriminiert*_Innen stellt mit einfacher Definitionsmacht fest: Wenn sich weiße bürgerliche Menschen als Schwarze oder Indianer kostümieren, ist das immer Rassismus. Damit kann keine positive Absicht verbunden sein. Wer an unserer Definition zweifelt, ist ein Rassist und Volksverhetzer.

Mit sofortiger Wirkung sind in allen Landesteilen neue steuer-finanzierte Planstellen zu schaffen, die in der Mitte der Gesellschaft nach geschminkten Rassisten suchen. Für die Besetzung dieser Planstellen kommen nur wir selbst als ernannte Vertreter*_Innen aller Diskriminiert*_Innen in Frage.


Der nationalchauvinistische Ansatz

Die Nationalchauvinisten lehnen einen Umgang mit Andersfarbigen und Andersartigen generell ab. Sie sagen: »Ein Deutscher schminkt sich nicht als Schwarzer oder Indianer.« Ihre Position ist somit die einzige wirklich rassistische in der Runde. Nur den Radikalen und GenderInnen fällt das nicht auf: Sie sind in ihrer eigenen Bestätigungsblase eingeschlossen.


Jim Knopf hörte sich den Streit eine Woche lang an. Dann hüllte er sich in ein weißes Tuch und wurde Sternsinger.