Jim Knopf wird Sternsinger

Seit dem letzten Wochenende wird in vielen Kreisen darüber diskutiert, ob sich weiße bürgerliche Menschen mit farbiger Schminke als Schwarze oder als Indianer kostümieren dürfen. Zur Lösung des Problems gibt es mehrere Ansätze.


Der pluralistische Ansatz

Der Pluralist will in einer Gesellschaft leben, in der sich grundsätzlich jeder Mensch beliebig kostümieren darf. Eine derart tolerante Gesellschaft ist aber immer durch Intoleranz gefährdet. Deshalb darf es für den Pluralisten keine entwürdigende Darstellung von Menschen und auch keine pauschalen Kostümierungsverbote geben.


Der libertäre Ansatz

Aus Sicht des Libertären hat jeder Mensch hat die Freiheit, sich in jeder beliebigen Farbe zu schminken. Wer sich durch dieses Schminken irritiert fühlt, mag mit einer passenden Brille auf die Straße gehen. Jeder kann sich mit Gleichfarbigen zusammenschließen und von Andersfarbigen abgrenzen. Die einzelnen Gruppen sind für ihre Lebensverhältnisse selbst verantwortlich.


Der rheinisch-pragmatische Ansatz

»Jede Jeck ist anders.« – »Jet jeck simmer all.«


Der radikal-egalitäre Ansatz

In gesamten Freundeskreis des Radikalen gibt es keinen Zweifel: Weiße bürgerliche Menschen sollen sich niemals als Schwarze oder Indianer kostümieren. Migranten mit schwarzer Hautfarbe oder Nachkommen der nordamerikanischen Ureinwohner könnten sich dadurch irritiert fühlen. Der Radikale will alle Bürger aufrütteln und davon überzeugen, dass derartiges Schminken und Verkleiden tabu sein sollten. Irgendwann wird der Radikale bürgerlich – oder er verzweifelt an der pragmatischen Mehrheit.


Der Gender-Ansatz

Das Plenum der professionell empörten Vertreter*_Innen aller Diskriminiert*_Innen stellt mit einfacher Definitionsmacht fest: Wenn sich weiße bürgerliche Menschen als Schwarze oder Indianer kostümieren, ist das immer Rassismus. Damit kann keine positive Absicht verbunden sein. Wer an unserer Definition zweifelt, ist ein Rassist und Volksverhetzer.

Mit sofortiger Wirkung sind in allen Landesteilen neue steuer-finanzierte Planstellen zu schaffen, die in der Mitte der Gesellschaft nach geschminkten Rassisten suchen. Für die Besetzung dieser Planstellen kommen nur wir selbst als ernannte Vertreter*_Innen aller Diskriminiert*_Innen in Frage.


Der nationalchauvinistische Ansatz

Die Nationalchauvinisten lehnen einen Umgang mit Andersfarbigen und Andersartigen generell ab. Sie sagen: »Ein Deutscher schminkt sich nicht als Schwarzer oder Indianer.« Ihre Position ist somit die einzige wirklich rassistische in der Runde. Nur den Radikalen und GenderInnen fällt das nicht auf: Sie sind in ihrer eigenen Bestätigungsblase eingeschlossen.


Jim Knopf hörte sich den Streit eine Woche lang an. Dann hüllte er sich in ein weißes Tuch und wurde Sternsinger.


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17 Antworten zu Jim Knopf wird Sternsinger

  1. Rayson sagt:

    Witzisch ;-)

    Aber eine kleine Korrektur zum „Gender-Ansatz“: Die Absicht ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass „das Plenum der professionell empörten Vertreter*_Innen aller Diskriminiert*_Innen“ den Rassismus feststellt, sonst nix.

    • stefanolix sagt:

      Das wollte ich ja mit etwas anderen Worten ausdrücken: Das Plenum hat festgelegt, dass jegliches Schminken mit Schwarz niemals mit positiver Absicht geschehen kann.

      • Rayson sagt:

        Schon klar. Aber dieses Plenum ist der Meinung, dass etwas auch dann rassistisch ist, wenn es nicht rassistisch gemeint ist.

  2. Gerlinde sagt:

    ;-) – sorry die Frage, aber habt Ihr jetzt auch keine ‚Klappsmuehlen‘ mehr? Von ‚denen‘ gehoerten doch wohl auch ein paar dorthin!
    Sprich: bei uns laufen ‚die‘ auch frei herum, zuenden/retten die Natur, morden ihre sie vermeintlich schief anguckenden Mitfahrer im oeffentlichen Verkehr usw. usw.
    Das Ganze mit der vermeintlich ausreichenden Toleranz-Behandlung von ‚gelle, Du nimmst schon schoen brav Deine Medikamente, obwohl dich niemand kontrolliert?!‘
    Manchmal frage ich mich wirklich, wie’s weiter gehen soll mit der pol. Ueberkorrektheit: die weissen Kittel hinten oder vorne zu schliessen ;-) ?
    Wenn ‚das‘ alles eine Regierung auf der Welt machen wuerde, dann wuesste man seeehr wohl den passenden Ausdruck dafuer: Diktatur; und sie waeren aaaalle auf den Barikaden, aber ’so‘ – tztztz!

    Schoen, wieder von Dir zu hoeren – trotz ‚dieses‘ Anlasses.
    Schoene Feiertage gleich mal und ein Gutes Neues!

    • stefanolix sagt:

      Das ist die australisch-pragmatische Antwort ;-)

      Ich weiß es nicht. Eine einfache Antwort kann es wohl nicht geben. Hinter mancher Radikalisierung könnte ein unbewältigtes psychologisches Problem stecken.

      Aber es wird in diesen Kreisen wohl auch ganz viel aus Kalkül geschrieben: Manche Genderist*Innen wollen anstrengungslos und ohne Leistungsnachweis Wohlstand erreichen – wie könnte man den in einer vordergründig übersättigten Gesellschaft besser erreichen, als mit Erregungs-Kampagnen auf Twitter?

      Bei einer kleinen Elite wird es wohl auch Machtkalkül sein: Linke Kaderpolitik beginnt immer mit Definitionsmacht über die politischen Begriffe.

  3. Der Gender-Ansatz ist der, der offenkundig am meisten nervt. Der nationalchauvinistische Ansatz wäre der gefährlichste, wenn der Gender-Ansatz nicht so überaus populär und damit mächtiger wäre. Allerdings glaube ich, wer den Gender-Ansatz richtig ernsthaft verfolgt, kann sehr gut auch irgendwann beim nationalchauvinistischen Ansatz landen.

    • stefanolix sagt:

      Wenn der Gender-Ansatz ins Totalitäre umschlägt, wird es gefährlich. Gerlinde hat (ohne es zu ahnen) bei mir einen Punkt getroffen, den ich schon lange mit mir herumtrage: Welchen Anteil haben Angst und unbewältigte Probleme am Entstehen des Totalitarismus?

      Ich deute mal an, was mich auf diese Frage gebracht hat: Die Piraten hatten vor einigen Monaten eine Frauenkonferenz. Diese Konferenz wurde zuerst dadurch bekannt, dass die Organisatorin behauptet hat, die Mikrofone auf Piratenkonferenzen seien grundsätzlich frauenfeindlich, weil die Stimmen mancher Rednerinnen im Saal so schrill ankommen.

      Als man den Organisatorinnen erklärt hatte, dass dies nicht zutrifft, wurden Diskussionsregeln bekannt, die massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit bedeutet hätten. Ich habe dieses Vorgehen damals als totalitär bezeichnet.

      Nachdem die Regeln unter weiblichen und männlichen Piraten ausgiebig umstritten wurden, hat man sie kurz vor Beginn durch vernünftigere Regeln ersetzt.

      Vor kurzem las ich dann eine Reflexion einer Organisatorin. Sie schrieb, dass die Regeln quasi einen Schutzraum für traumatisierte Frauen bilden sollten. Diese Regeln seien aus Angst vor Verletzung entstanden.

      Das ist natürlich nur teilweise glaubwürdig, weil dort unter anderem knallharte Karrierepolitik betrieben wurde und weil es auf einer Konferenz einer demokratischen Partei keine willkürlichen Sprechverbote geben darf.

      Wenn man aber eine Weile darüber nachdenkt, kommt man aber auf die Frage: Könnte Totalitarismus nicht teilweise mit der Angst der Herrschenden vor den Beherrschten erklärt werden? Und Genderismus mit der Angst der Wortführer*Innen vor der Realität?

  4. Sathiya sagt:

    Guter witziger Text zum – dieser Tage – brisanten Thema.

    Nach der Logik der antirassistischen Garde, wird aufgrund folgender Delikte über mich der Bann verhängt: Als Kind habe ich mich als Indianerin verkleidet – ich verkappter Rassist, ich. Als junge Frau hatte ich einen dunkelhäutigen Freund – ich Rassist, ich. Und einige meiner guten Freundinnen und Bekannten sind dunkelhäutig – nach der verqueren Logik der Gutmenschen ebenso nur aus rassistischen Gründen, um mir und der Welt zu beweisen, daß ich mit meiner reinweißen Haut etwas besseres bin, ich Rassist, ich. Mein Lieblingsbuch als Kind war Onkel Toms Hütte. Ebenso Lieblingsmusik, Schriftsteller, Künstler, … – Was sagt das über mich aus? Ich bin ein Rassist, ich KANN nur ein Rassist sein. (Ironie Ende)

    Ich bin wirklich geduldig, aber da platzt mir der Kragen.
    Wenn jemand aufgrund seiner eigenen Defizite annimmt, diese seien überall gleich stark verbreitet, und seine Meinung mit aller Gewalt und demagogischen Tricks durchzusetzen versucht, dann kann ich nur hoffen daß sich derjenige NICHT in einer Machtposition befindet. Du hast schon recht mit Deiner Theorie: daß Totalitarismus aus purer Angst vor den Beherrschten entstanden sei. Dito Genderismus. (Dieses Wort nominiere ich hiermit zum Unwort des Jahrzehnts)

    Beste Grüße und frohe Feiertage! Sathiya

    • stefanolix sagt:

      Ich denke nicht, dass Totalitarismus aus purer Angst vor den Beherrschten entsteht, aber er wird nach der Machtergreifung in Angst vor den Beherrschten aufrechterhalten. Er ist deshalb zu einer stetigen Steigerung des Drucks gewungen.

      Am Anfang steht vielleicht eine gute Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit, wie 1917 in Russland. Dann bildet sich eine alles beherrschende Kaderpartei. In einer Kaderpartei darf es keine zwei Meinungen geben. Also werden alle Genossen mit abweichender Meinung verfolgt und im schlimmsten Fall liquidiert.


      Der Genderismus zeigt aus meiner Sicht folgende Anzeichen einer Kaderbewegung:

      Die Sprache der Bewegung wird normiert. Die Kader grenzen sich durch eine spezielle Sprache von der Mehrheit der Menschen ab. Für die Übersetzung ins Deutsche ist oft ein hoher Aufwand erforderlich.

      Zur Spezialsprache gehören bei den Genderisten vordergründig Sternchen, Lückenstriche, das Binnen-I und andere Tüttelchen – aber vor allem neu definierte Begriffe aus einer Pseudo-Fachsprache, die kaum ein normaler Mensch versteht.

      Die Kader maßen sich außerdem die Definitionsmacht über bereits bestehende Kategorien und Begriffe unserer Sprache an. Sie bauen sich ein Grundgerüst aus eigenen Definitionen auf und verweigern sich jeder Argumentation außerhalb dieses Rahmens.

      Die Bewegung verfolgt jeden als Gegner, der nicht bereit ist, auf der Basis dieser Definitionen zu diskutieren. Mit perfiden Etikettierungen wie »Rassist«, »Sexist« oder im schlimmsten Fall »Neonazi« wird der als Gegner definierte Mensch stigmatisiert.


      (PS) Definitionsmacht auf die nachdenkliche Weise in einem Comic betrachtet.

  5. Wolf sagt:

    Politische Gender-Korrektheit ist schon wichtig. Es sollte viel mehr bedacht werden, dass bereits das unscheinbare Wort „man“ für männliche Dominanz steht. Ist doch nicht so schwer: Bevor ein Text irgendwohin abgeschickt wird, Suchen & Ersetzen anwenden: ersetze „man“ durch „mensch“. Wie sonst kommt man auf so ein schönes Wort wie Emenschzipation? (Von „Atomenschlagen“ will ich jetzt nicht auch noch anfangen.)

  6. Lenbach sagt:

    Auch andere Blogs machen sich so ihre Gedanken zum Thema:

    Neue Rassismusvorwürfe gegen Häuptling Mbingo Karamba: Bei einem Versöhnungsfest mit einem benachbarten Stamm vom anderen Flußufer sollen sich seine acht Frauen die Gesichter weiß geschminkt haben. Das fand eine Tochter vom Stamme der Femiban derart unerhört, daß sie nach einem langdauernden Joint, dem sogenannten Hasch-Tag, einen #aufschrei initiierte, den sie diesmal #schauhin nannte, angelehnt an eine chinesische Gottheit.(…)

    http://eulenfurz.wordpress.com/2013/12/17/white-facing/

    Toller Geschmack, fetzige Werbespots – so lässt sich Sekt von Freixenet zusammenfassen. Der Damensprudel fand zuletzt sogar wieder mehr Käufer. Doch jetzt sorgen Rassismus-Vorwürfe gegen die Firma und ihren „Negro-Brut“ für Aufsehen. Am Tag nach der Videopremiere des neuen Freixenet-Werbefilms für „Negro Brut“ diskutiert die Online-Welt einmal mehr über die Zulässigkeit von politisch anrüchigen Begriffen.(…)

    http://www.politplatschquatsch.com/2013/12/aufschrei-gegen-negro-brut.html

    Anders läßt sich dieser Irrsinn nicht mehr ertragen.

  7. rollinger sagt:

    Danke für diesen Hort ohne Hysterie.
    Hat blackfacing jemals zum europäischen Kulturkreis gehört? Darf ein Brasilianer Kümmeltürke sagen und ist das ganze nicht einfach nur albern?
    Durch die Welt ziehen und wenn nur ein Fitzelchen eines Fehltritts sichtbar ist den anderen als Hitler zu bezeichnen. Wer ist da eher der Faschist?
    „Jedem das Seine“ ist man sofort untendurch. Was kann diese arme Redensart dafür . Das Arbeit wirklich frei macht ist ja auch nicht von der Hand zu weisen. Ob man gerne Wagner hört und einem gleich zum Hakenkreuzschmierer macht. Ich weiß nicht. Mich zumindest nicht.
    Aber das scheint eine Art „schau mal wie intelligent ich bin“ zu sein. Und in Zeiten von Wikipedia in greifbarer Nähe gibt es plötzlich so viele intelligente Menschen wenn auch mit etwas Zeitverzögerung, je nach Netzqualiät.
    Gerne würde ich das mal ganz handfest sehen, wenn so ein schmalbrüstiger Student vor einem schwarzen 2m Muskelriesen steht und sagt „Ich verteidige Dich vor den bösen Menschen die ihr Gesicht wie eine Marionettenpuppe anmalen“
    Ich schließe mich meinem Vorredner an, man kann das nur mit Humor ertragen.

  8. Ich habe dir mal eine PM in ZkZ geschickt…

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