Instrumentalisierung

Die Linken-Abgeordnete Katharina König liebt spontane Demonstrationen. Sie hatte auch am 13. Februar 2014 in Dresden wieder einen Auftritt und sie hat von dort diesen inzwischen oft zitierten Tweet gesendet:

Katharina König Vorhin an Frauenkirche: „Wo bekomme ich denn so eine Kerze für Opfer des Holocausts?“ Alte Frau: „Wir sind hier nur für die Deutschen!“ ‪#fb‬

Ja: Man kann an diesem Tag im Stadtzentrum auf sehr alte Menschen treffen, die immer noch traumatisiert sind, weil sie als Kind im Keller saßen und alle Anverwandten verloren haben. Diese Menschen sind jetzt 80 Jahre alt – oder noch älter.

Nein: Man bekommt von diesen alten Menschen an einem 13. Februar natürlich keine durchdachten, politisch verwertbaren Antworten. Sie weinen auch heute noch, wenn sie an den Angriff denken und am späten Abend die Glocken hören.

Deshalb ist nicht die Antwort der alten Frau bemerkenswert, sondern die Art, in der Frau König diese Antwort instrumentalisiert hat: Sie provoziert eine alte Frau zu einer Antwort und verwendet diese Antwort dann später für ihre politische Arbeit auf Twitter.


Die Instrumentalisierung ist die eine Seite der Medaille. Aber es gibt auch in diesem Fall noch eine zweite: Wenn man am 13. Februar die vielen Kerzen sieht, dann ist jede mit einem Gedanken angezündet worden: Trauer, christlicher Glaube, Andenken an bekannte oder unbekannte Opfer …

Beim Anzünden und Aufstellen der Kerzen vor der Frauenkirche wird ausdrücklich niemand ausgeschlossen. Und wer den Gedanken an die Holocaust-Opfer in sich trägt, kann seine Kerze(n) natürlich neben die anderen Kerzen stellen, die für Dresdner, Kriegsgefangene oder andere Bombenopfer dort brennen.

Das bedeutet: Man fragt nicht. Man zündet seine Kerze an, stellt sie auf und gibt ihr einen Sinn. So wie das seit Jahrhunderten getan wird …

kerze_truemmer

Kerze auf einem Trümmerteil der Frauenkirche vom 13. Februar 1945 …


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15 Antworten zu Instrumentalisierung

  1. ein anderer Stefan sagt:

    Wenn man mit aller Macht nach „Belegen“ für seine eigene Weltsicht sucht, kommt halt so was dabei raus.

  2. E-haller sagt:

    Ich würde noch ein Stück eher ansetzen: Diese Geschichte klingt natürlich realistisch und ist so verdammt gut geeignet, sich zu verbreiten: twittergeeignet kurz, inhaltlich knackig, geradezu skandalös. ABER: Lässt sie sich belegen? Nö.

    Es ist das Problem der heutigen Kommunikationsformen: Twitter ist schnell, einmal losgelassen, ist die Verbreitung nicht mehr aufzuhalten. Da es sich um nicht belegte Aussagen handelt, müsste man entsprechend vorsichtig damit umgehen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein – je besser es in die Szenerie passt, desto größer die Verbreitung.

    ABER: nur weil es zichmal wiederholt wird – wird es dadurch wahrer? Kennt noch jemand den Ursprung? Macht sich darüber überhaupt noch jemand Gedanken – oder ist es nicht viel wichtiger, schneller zu retweeten, zu liken oder zu kommentieren als die Anderen?

    Das kann man am 13. Februar genauso beobachten wie z.B. zum Hochwasser. Was da noch Tage später immer und immer wieder an unwahren Aussagen hochkam und eine Dramatik suggerierte, die garnicht gegeben war: Erstaunlich!

    Frau Helm z.B. hätte gut getan, die Meldung zum Thema „Dresdner Stadtverwaltung deckt Nazis“ nachzurecherchieren. Hat sie nicht – kann sie auch wahrscheinlich auch nicht in der Kürze der Zeit und bei der emotionalen aufgeheizten Stimmung im Kleinbus gen Dresden. Verstehe ich – darf aber einer „Politikerin“ eigentlich nicht passieren.

    • stefanolix sagt:

      Frau Helm hat ihren Artikel nicht im Kleinbus nach Dresden geschrieben, sondern viel später – als persönliche politische Erklärung. Da kann man Exaktheit und Angemessenheit erwarten – vor allem, wenn der Titel »Entschuldigung« über dem Text steht.


      Im Fall des Zitats von Frau König bin ich der Ansicht, dass solche Aussagen am 13. Februar durchaus fallen können. Ich sehe da eine Korrelation: Je älter die Menschen sind, desto mehr sind sie wohl auf ihre eigene Opfergruppe konzentriert. Ich schrieb ja schon: Wir reden bei den als Kind betroffenen Menschen von der Altersgruppe 80+.

      Wir haben im mittleren oder jungen Alter die Gnade der späteren Geburt. Wir können uns eine ausgewogene Meinung bilden.

      Ich würde niemals laut sagen, für wen ich gerade eine Kerze anzünde. Das ist eine zutiefst private und persönliche Angelegenheit. Wer auf dem Neumarkt Kerzen aufstellt, stellt sich in den Rahmen des Gedenkens an der Frauenkirche – nicht mehr und nicht weniger.

      Die sogenannte Spontan-Demo wurde ja gezielt dort durchgeführt, wo des den Trauernden weh tun sollte. Aber die andere Seite hat genauso provoziert. Ich bin wütend darüber, dass es Kerzen mit verdeckter revanchistischer politischer Aussage gegeben hat (zumindest sind solche auf der Website des sogenannten »Gedenkmarschs« zu sehen). Dagegen kann sich kein Veranstalter schützen. Es stehen ja tausende Kerzen in den abgegrenzten Bereichen.


      Zur Wahrhaftigkeit: Ich bin mehrfach für diese Sache sensibilisiert worden. 2012 war es die Lichdi-Affäre mit dem »Sachsen-Trojaner« (eine der größten journalistischen Fehlleistungen der Sächsischen Zeitung).

      Was da für eine Rufschädigung für Sachsen entstanden ist – durch eine völlig irrsinnige Zahl aus einer polarisierenden Pressemitteilung eines linksgrünen Abgeordneten.

      Also noch ein Stück weiter: Es darf auch allen Journalisten und Publizisten nicht passieren, dass sie solchen Falschmeldungen aufsitzen. Uns als Blogger sehe ich ebenfalls als Publizisten mit einer gewissen Grundverantwortung.


      Davon abgesehen: Die politische Auseinandersetzung soll so breit wie möglich sein, was das linke politische Spektrum natürlich einschließt. Aber jeder hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, seine Zahlen und Quellen zu prüfen.

      • E-haller sagt:

        Ich meinte mehr die Nackt-Aktion von Frau Helm, die sie ja als Reaktion auf die vorherigen „Informationen“ verkauft: „Vor diesem Hintergrund wollte ich ein Zeichen gegen diesen Schulterschluss von Nazis und Verwaltung setzen.“ Da ist sie einfach mal einer Falsch-Info aufgesessen…

      • stefanolix sagt:

        Sie verkauft das so. Aber es ist ja inzwischen /relativ sicher/, dass die ganze Sache gründlich inszeniert wurde. Der Fotograf war ja nicht zufällig vor Ort. Man braucht für solche professionellen Bilder einen Profi und der Profi muss eine gewisse Ausrüstung mitführen.

        Es wurde ja sogar die Vorbereitung (das Bemalen) fotografiert, wenn ich mich richtig entsinne, hatte SPON davon ein Bild. Außerdem hat der Vorfall, von dem Frau König berichtet, erst später stattgefunden.

        Das alles deutet auf eine professionell geplante Aktfoto-Aktion hin, für die man später Erklärungen finden musste. Wie so etwas abläuft, berichtet die Kollegin von Frau Helm in einem Artikel über eine andere Aktion:

        http://debbieanna.wordpress.com/2014/02/28/statement-zur-femen-aktion-vor-der-russischen-botschaft/


        Mal sehen, was Don Alphonso noch so ausgräbt …


  3. murx sagt:

    Fällt nur mir das auf oder verrennst du dich seit min. 5 Posts in irgendwas Komisches? Dachte eigentlich hier immer ganz gute Beiträge gelesen zu haben.

  4. Antifa sagt:

    Beim Anzünden und Aufstellen der Kerzen vor der Frauenkirche wird ausdrücklich niemand ausgeschlossen. Und wer den Gedanken an die Holocaust-Opfer in sich trägt, kann seine Kerze(n) natürlich neben die anderen Kerzen stellen, die für Dresdner, Kriegsgefangene oder andere Bombenopfer dort brennen.

    Kleiner Tipp: Die Verantwortlichen für den Gedenkzirkus sollen im nächsten Jar einfach fragen, ob nicht einer der letzten Überlebenden des Holocaust eine Kerze anzündet (wie symobolisch!) oder vielleicht gleich bei der Gedenkstätte Yad Vashem nachfragen, ob sie nicht einen offiziellen Vertreter vorbeischicken können.

    • stefanolix sagt:

      Die Dresdner Jüdische Gemeinde hat sich ausdrücklich am Aufruf für die Menschenkette beteiligt. Ich sehe weder die Menschenkette noch das stille Aufstellen der Kerzen an der Frauenkirche als »Gedenkzirkus«.

      Und außerdem: Jede aufgestellte Kerze hat die Intention, die man ihr im Stillen mitgibt. Politische Botschaften gehören nicht in diesen Rahmen. Aber das sagte ich ja schon mehrfach …

  5. Franz K. sagt:

    Frau König hat doch sicher einen Vater, der ihr erklären kann, wie man mit alten Menschen nicht umzugehen hat.

  6. […] Bei der Bewertung der Aktion in Dresden werden regelmäßig zwei Dinge übersehen: Erstens war es eine Aktion für die Fotografen und ein paar neugierige Passanten. Es gab an diesem Tag an den Orten der Fotos keinerlei Nazi-Demo oder Nazi-Kundgebung. Von »den Nazis entgegenstellen« kann also keine Rede sein. Im übrigen treffen solche Parolen wie von Anne Helm oder Julia Schramms antideutscher Twitterdemo nicht die Neonazis, sondern allenfalls die letzten Überlebenden des Bombenangriffs oder die Menschen, die um ihre Verwandten trauern. Sie werden von Linksaußen instrumentalisiert. […]

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