Presseschau. Heute: Dresdens antiquierteste Nachrichten

Die Medienerzieherin Gertrude H. muss man sich als liebenswerte Mitsechzigerin vorstellen, die eigentlich schon den wohlverdienten Ruhestand genießen könnte.

Aber zu Hause wartet nur ihr cholerischer Mann Gernot H. auf sie. Gertrude mag nicht den ganzen Tag mit dem alten Zausel streiten. So verdient sich sich nachmittags in ihrem alten Beruf noch etwas dazu.

Sie besucht jeden Tag den Hort einer Dresdner Grundschule und zeigt den Zehnjährigen, was eine Zeitung ist. Die Kinder dürfen – wie das früher üblich war – Tante Gertrude zu ihr sagen.

Um die Kinder für das Thema Zeitung zu begeistern, wählt sie jeden Tag per Zufall einen Artikel aus den Dresdner Neuesten Nachrichten aus. An manchen Tagen bekommt sie dabei Bauchschmerzen – aber gewählt ist gewählt …

Heute ist Tante Gertrude im Hort der Blasewitzer Grundschule zu Gast. Das ist eine schöne alte Schule in einer bürgerlichen Wohngegend. Eigentlich eine dankbare Aufgabe – wenn da nicht dieser merkwürdige Artikel gewesen wäre …


Tante Gertrude begrüßte die Horterzieherin und die Kinder. Im Raum wurde es still. Sie griff zur Zeitung und las:

Sachsen ist das Land der Burgen und Schlösser – und um diese ranken sich viele Sagen. Heute: Burg Freudenstein in Freiberg.

Streng blickte Tante Gertrude über den Rand ihrer Brille. Im Raum herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Dann begann sie mit den ersten Sätzen des Artikels:

Dietmar Werner 
Markgraf Friedrich mit der gebissenen Wange liebte das blühende Freiberg mehr als alle anderen Städte der Markgrafschaft Meißen. In dieser Stadt ließ es sich aber auch gar so prächtig hofhalten […]


Im Raum wurde es unruhig. Die Horterzieherin fragte: »Jan-Torben?« – 

»Sag mal, Tante Gertrude, so redet doch heute niemand mehr. Solche Texte hat die Uroma uns manchmal vorgelesen – aber sie war schon sehr, sehr alt und wir haben uns furchtbar gelangweilt …«

»Warte einen Augenblick, Jan-Torben! Es kommt noch besser.«


Zu der im Schloss Freudenstein tafelnden Runde des Markgrafen gehörte dann immer auch der Kaplan von St. Marien – ein fröhlicher Unterhalter und munterer Feinschmecker, zugleich aber auch ein standfester Trinker.
 An einem Fastnachtsdienstag hatten die Herrschaften wieder bis nahe an die Mitternachtsstunde getafelt und gezecht.


»Tante Gertruuuude!« riefen die Kinder im Chor. »Du willst uns veralbern! So etwas schreibt doch heute niemand mehr!«

»Nein, Kinder. Ich will Euch nicht veralbern. Das steht heute wirklich in der Zeitung. Auf der Seite mit den neuesten Nachrichten aus dem Freistaat Sachsen.«

»Gib uns bitte mal Deine Zeitung. Das wollen wir selbst lesen!«


Und Jan-Torben las vor, wie es mit dem Kaplan weiterging:

»War er doch nicht einverstanden, im Hinblick auf die um Mitternacht beginnende Fastenzeit noch eine Fleischspeise zu sich nehmen zu wollen. Vielmehr war er der Meinung, dass dies eine unverzeihliche Sünde sei und keinesfalls durchgehen könne.«

»Aufhören!« riefen die anderen Kinder. »Was steht denn dort unter dem Foto?«

Schloss Freudenstein im sächsischen Freiberg hat eine wechselvolle Geschichte, die viele herrschaftliche Häupter schrieben.

Und das waren noch nicht die schlimmsten Stellen.


In der Ecke meldete sich Jan-Torbens Zwillingsschwester Annika. »Sag mal, Tante Gertrude, für wen wird so etwas gedruckt? Für uns als Kinder ist es viel zu langweilig. Unsere Eltern haben keine Zeit dafür. Liest Du so etwas?«

»Wisst Ihr, Kinder«, antwortete Gertrude langsam, »wenn ich mir das richtig überlege, hat meine Oma früher noch gern aus solchen alten Büchern vorgelesen. Meine Mama hat mir die Bücher dann irgendwann gegeben und ich habe sie zum Altstoffhändler geschafft.«

»Was ist ein Altstoffhändler?«

»Zu einem Altstoffhändler brachte man früher alte Bücher und Zeitungen. Man konnte damit sein Taschengeld aufbessern.«

»Bücher haben wir noch ganz viele zu Hause«, sagten Annika und Jan Torben. »Aber jetzt wissen wir, warum unsere Eltern keine Zeitung mehr lesen.«


7 Antworten zu Presseschau. Heute: Dresdens antiquierteste Nachrichten

  1. Qualitätsjournalist sagt:

    haha. haha. Sie sind witzig!

  2. […] Solche Texte hat die Uroma uns manchmal vorgelesen […] für wen wird so etwas gedruckt? […]

  3. Rayson sagt:

    Ich muss zugeben: Ich habe die Kritik nicht so recht verstanden? Die Sprache wirkte zu altertümlich? Meinetwegen, aber das kann ja ein bewusst eingesetztes Stilmittel sein, wenn man zum Zweck der Unterhaltung solche Schnurren zum Besten gibt. Ich schätze mal, unter „Breaking News“ wird das nicht gelaufen sein, oder?

    • stefanolix sagt:

      Mein Hauptkritikpunkt: Eine triviale Sage wird dort in insgesamt etwa 2.400 Zeichen in antiquierter Sprache wiedergegeben. Bild und Sage erstrecken sich über vier Spalten. Man kann die Geschichte ohne Bedeutungsverlust auf die Hälfte reduzieren und gleichzeitig verständlicher darstellen.

      In der Spalte rechts daneben sind Informationen für Touristen und Besucher zu lesen. Sie stammen teilweise wörtlich von hier:

      http://www.schloss-freudenstein.net/das-schloss/schlossgeschichte

      Ohne Quellenangabe.

      Was ich kritisiere, ist letztlich eine Mischung aus (nicht gekennzeichneter) Fremdenverkehrswerbung, Zeilenschinden und antiquierter Sprache.


      Auf der Seite »Sachsen und die Bundesländer« sollen normalerweise aktuelle Informationen aus den Gerichten, aus dem Polizeibericht und natürlich aus Wirtschaft und Politik zu lesen sein.

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