Die freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« gehen wandern …

Im Medienblog Flurfunk ist ein kenntnisreicher Beitrag über den heutigen Streik der freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« zu lesen. An dieser Stelle ein Dank an den Flurfunk für die immer wieder interessante Berichterstattung über DD+V.

Ich habe hier in Blog einzelne Beiträge der »Sächsischen Zeitung« hart kritisiert. Dabei konnte ich natürlich nicht in jedem Fall unterscheiden, ob der Beitrag von freien Mitarbeitern oder aus der fest angestellten Redaktion kam. Meine Kritik hat sich immer auf den Inhalt und nie auf die Person gerichtet.

Tatsache ist: Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Artikel. Tatsache ist auch: Die Klagen der freien Mitarbeiter über schlechte Bezahlung durch die »Sächsische Zeitung« bzw. durch das Unternehmen DD+V haben vielfältige Ursachen.

Die Hauptursache dürfte das auf kurzfristige Geschäftszahlen gerichtete Denken und Handeln der Anteilseigner und der Geschäftsführung sein. Daraus resultiert eine Abwärtsspirale aus Kosteneinsparung und Qualitätsverlust. Solange an dieser Abwärtsspirale gedreht wird, wird ein Streiktag mit Wanderung kaum helfen …


Aus dem langen Interview des Flurfunk-Chefs Peter Stawowy mit DD+V-Geschäftsführer Carsten Dietmann ist mir ein markanter Punkt im Gedächtnis geblieben: Dietmann beklagte dort, dass man mit der Beilage PluSZ einen sechsstelligen Verlust gemacht habe.

In der PluSZ waren unter anderem die inhaltlich besten Restaurantkritiken, aber auch Rezensionen von Ausstellungen und Ankündigungen von Veranstaltungen zu lesen.

Bekanntlich wurde diese recht gute Beilage dann in ein Werbeblättchen umgewandelt. Es ist zu vermuten, dass dieses neue »Produkt« nun keinen Verlust mehr schreibt, weil in seine Produktion inhaltlich offenbar kaum noch Geld gesteckt wird.

Eine Wochenbeilage zur Zeitung als eigenständiges »Produkt« zu bezeichnen, das aus eigener Kraft Gewinn bringen soll – das mag Controller-Logik sein, aber es hat nichts mehr mit Journalismus und im Grunde auch nichts mit Unternehmertum zu tun.

Mit der selben Logik könnte man den Kulturteil weglassen und die Sportseiten mit der Dynamo-Dresden-Berichterstattung auf ein gesamtes Buch der Tageszeitung ausdehnen: Letzteres dürfte deutlich profitabler sein und mit den Dynamo-Sponsoren könnte man sicher auch interessante Geschäfte machen.

Ein Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung: Die hochwertige Wochenbeilage PluSZ war ein Grund dafür, die Sächsische Zeitung zu kaufen oder zu abonnieren. Das Werbeblättchen ist kein Argument mehr. Das kann ich nur noch ungelesen in den Papierkorb fallen lassen.

Ein zweites Beispiel für Qualitätsverlust durch Kostensenkung war im letzten Jahr die »Finanzberatung« zur Altersvorsorge, die übrigens von einem freien Mitarbeiter kam. Ich habe damals einen der Artikel dekonstruiert [1] und einige zugegebenermaßen sarkastische Ratschläge aufgeschrieben [2].


Der Sächsischen Zeitung (und deshalb auch ihren freien Mitarbeitern) geht es deshalb schlecht, weil die Qualität insgesamt gesunken ist. Die Qualität ist m. E. insgesamt deshalb gesunken, weil dort Anteilseigner, Controller und Kaufleute das Sagen haben, während Journalisten anscheinend immer mehr an den Rand gedrängt werden.

Das ist die Abwärtsspirale: Wenn ein Unternehmen immer mehr an der Qualität des Produktes spart, kann es noch eine Weile Gewinne durch Kostensenkung machen. Irgendwann wird das Produkt aber am Markt nicht mehr attraktiv sein.

Deshalb wünsche ich den besseren freien Mitarbeitern, die handwerklich gute Artikel abliefern, dass ihr Auftraggeber DD+V endlich einsieht: Qualität lässt sich nur mit langfristigem Denken und mit anständiger Bezahlung der Autoren sichern. Damit kann man mehr Zeitungen verkaufen oder wenigstens den Rückgang der Auflagen stoppen.


13 Antworten zu Die freien Mitarbeiter der »Sächsischen Zeitung« gehen wandern …

  1. mcnesium sagt:

    Ich hätte nichts dagegen, wenn sich die SZ einfach selbst platt macht und die DNN am besten gleich mitreißt. Die paar Journalisten, die von ihrem Handwerk was verstehen, können dann den Launers, Riepls, Oigers und Konsorten ein bißchen unter die Arme greifen – es gäbe nur Gewinner :)

    • stefanolix sagt:

      Ich hätte nichts dagegen, wenn eine dieser Zeitungen in eine Genossenschaft überführt würde, in der die Mitarbeiter wirklich mal zeigen können, was sie drauf haben. Gern auch beide ;-).

      Aber DD+V ist inzwischen ein Firmenkonglomerat mit angeschlossener Zeitung. Die Sächsische Zeitung wird darin noch gebraucht – immer mehr zugunsten des Firmenkonglomerats und immer weniger zugunsten der Leser.

  2. owy sagt:

    Ersteinmal: Danke für das Lob für den Flurfunk!

    Zu deinen Aussagen: Ich bin sehr skeptisch, ob 1. alle Nutzer der Zeitung die gleiche Definition von Qualität haben und 2. eine Steigerung der Qualität tatsächlich den Auflagenschwund stoppen könnte.

    Zu 1: Ich bin nicht so unzufrieden mit der Zeitung wie Du. Klar, es gibt immer mal wieder Geschichten, die zu kritisieren sind; in der Summe aber bin ich ersteinmal froh, dass es die Zeitung gibt. Ich bekomme einen guten Überblick über die Nachrichtenlage der Stadt; und die Zeitung hat immer wieder Perspektiven und O-Töne, an die man als Normalsterblicher nicht kommt. Mein Fazit: Schlechter geht immer ;-)

    Zu 2: Umgekehrt gedacht bedeutet dies, man müsste nur wahnsinnig viel Kraft in Qualität (wie du sie verstehst) legen und schon würde das Produkt durchstarten. So einfach ist es aber leider nicht; im Gegenteil. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass das schon jede Menge Redakteure etc. sitzen, die gern stolz auf ihr Produkt sind und sich große Mühe geben. Dass bei so einem Produkt Fehler passieren, gehört dazu. Aber selbst wenn eine Zeitung einen großen Wert auf Fehler-Korrektur legen würde (wie es etwas bei der Finanzgeschichte sinnvoll wäre), ändert das nichts an der Wahrnehmung des Blattes… das und vieles anderes hat die Branche ja nun schon versucht, dazu gibt es reichlich Erfahrung.

    Abschließend: Ich neige auch dazu, in der Controller-Bande (den „Content“-Sagern) das Problem zu sehen. Aber ich bin deswegen trotzdem sehr unsicher, ob sich Qualität so durchsetzen würde, wie Du es beschreibst.

    • stefanolix sagt:

      Gerade weil nicht alle Nutzer die gleiche Definition von Qualität haben, gibt es ja Regeln für das journalistische Handwerk. Gemessen an diesen Regeln erkennt man, ob es sich um einen guten oder um einen schlechten Artikel, eine gute oder schlechte Zeitung handelt.

      Das Interesse der Anteilseigner, Kaufleute und Controller des Gesamtunternehmens DD+V besteht darin, aus der SäZ den maximalen Gewinn herauszuholen.

      Gewinn ist dabei auf der einen Seite der monetäre Gewinn, auf der anderen Seite der Gewinn aus dem Ausnutzen des Rest-Vertrauens in eine Zeitung

      – für offene oder verdeckte PR
      – für die Promotion von G+J-Produkten
      – zum Nutzen von Partner-Unternehmen
      – letztlich zum Nutzen des Firmenverbunds

      Der sogenannte Content kommt dann direkt oder indirekt von Think-Tanks, PR-Agenturen, Stiftungen, diversen Portalen, oder aus den G+J-Publikationen.

      All diese »Content«-Produzenten können natürlich viel billiger liefern, als ein freier Mitarbeiter, der handwerklich sauber nur für seine Leser schreibt.


      In schlechten Restaurants wird eine Sauce so lange gestreckt, wie es gerade noch vertretbar ist. Wenn ich mir die Zeitungen anschaue, sehe ich Vergleichbares.

      DD+V fährt die SäZ auf Verschleiß. Überall. Gute Restaurantkritiken werden durch banale PR ersetzt, gute Verbraucherberatung durch billig eingekaufte Allgemeinplätze, eigene Berichte durch massenkompatible Agenturmeldungen, eigene Recherche durch das Abdrucken von Pressemitteilungen, eigene Meinung durch das Wiedergeben der Meinung Dritter …


      Ich sage nicht, das man »wahnsinnig viel Kraft« (finanzielle und personelle Ressourcen) hineinstecken sollte. Ich sage aber ganz klar, dass man an der oben genannten Spirale nicht weiter in die falsche Richtung drehen darf.

  3. owy sagt:

    Und noch ein Nachtrag: Ist das gescheiterte PluSZ nicht tatsächlich der Beweis dafür, dass Deine These „Qualität kann es richten“ nicht stimmt?

    • stefanolix sagt:

      Das kann man ohne Einblick in die Zahlen nicht sagen. Dazu müsste man doch die Zahlen der PluSZ und der Mutterzeitung über drei Jahre vor und drei Jahre nach der Einstellung der PluSZ kennen.

      Außerdem kann man einen Teil der Kosten der PluSZ auf der einen ODER auf der anderen Seite zuordnen. Gleiches gilt für den Nutzen der PluSZ.

      Außerdem haben sowohl Auflagenverluste als auch Auflagensteigerungen immer eine Vielzahl von Gründen.


      Nein, ich glaube nicht, dass man aus dem Scheiten der PluSZ ableiten kann, dass meine These nicht stimmt ;-)

  4. stip sagt:

    Nein, Peter. Als einer der Restauranttester im alten PluSZ bin ich zwar „betroffen“ im mehrfachen Wortsinnn – aber ich denke, eben diesen Konflikt zwischen Leserinteresse und Controllergehabe hat stefanolix doch im ursprünglichen Beitrag deutlich herausgearbeitet: Ich kenne viele, die zumindest die Donnerstags-SZ wegen der PluSZ gekauft haben. Und das nun nicht mehr tun.

    • stefanolix sagt:

      @stip: Ist Dir bekannt, ob die Leitung der Beilage überhaupt eine Kontrolle über ihre eigenen Kosten, Erlöse und Investitionen hatte? Hatte sie jemals eine Chance, die schwarze Null zu erreichen?

  5. Rayson sagt:

    Ich kenne zwar die Zeitung nicht, aber ich weiß, wie Controlling geht. Und kann damit sagen: Wer auch immer Gründe für Entscheidungen bei Controllern sucht, liegt damit falsch. Controlling ist eine Management-Aufgabe, die in größeren Unternehmen an Controller delegiert ist. Controller koordinieren Pläne, messen Zielerreichungen, analysieren Abweichungen, bereiten Entscheidungen vor und sorgen für eine Infrastruktur, die dabei hilft. Aber eins tun sie nicht: Sie entscheiden nicht. Entscheidungen trifft das Management. Das fängt bei den Zielen an (Gewinnmaximierung, Umsatzmaximierung, Marktanteile?) und hört bei den zu treffenden Maßnahmen auf. Wer die Controller für verantwortlich erklärt, köpft lediglich den Boten.

    Eins sollte man übrigens bei all dem nicht vergessen: Auch Zeitungen sind eine wirtschaftliche Veranstaltung. Es kann weder das Ziel einer Zeitung sein, im stefanolix-Test gut abzuschneiden, noch kann unsere Presselandschaft auf Philanthropen angewiesen sein, die aus reiner Spaß an der Freude für eine im Sinn einer Elite „gute“ Zeitung ihr Vermögen abfackeln. Und wie wir wissen, geht es den Printmedien z.Zt. nicht besonders gut. Es gehört auch nicht viel wirtschaftliches Verständnis dazu, dass Medien, die vor allem auf Qualität setzen und dabei auch noch überleben, nicht sehr zahlreich gesät sein können. Und dann vielleicht noch als reines, hochpreisiges Nischenprodukt, aber nicht für die Masse.

    Daher halte ich die hier pauschal vertretene Annahme, nur durch bessere Qualität ließe sich der zum Überleben notwendige Gewinn erzielen, für verfehlt. Dass mehr und mehr Redaktionen einst auch für guten Journalismus bekannter Blätter zu Pools zusammengelegt werden, dass ein im linken Lager hoch geschätztes Organ wie die FR insolvent ging, all das ist weder Zufall noch Ausdruck einer unersättlichen Gier der Anteilseigner bzw. engstirniger Controller, sondern Symptom eines Überlebenskampfes, dessen Ende noch nicht absehbar ist.

    • stefanolix sagt:

      Wenn ich auch nur den Anschein erweckt habe, dass die Controller verantwortlich seien, dann tut mir das sehr leid.

      Was ich mit Controller-Logik wirklich meinte: Die Begründung einer unternehmerischen Entscheidung mit Kennzahlen oder gar mit einer einzigen Kennzahl.

      Es ist kein Geheimnis: Diese Kennzahlen kann das Unternehmen immer auf unterschiedliche Weise (a) ermitteln und (b) interpretieren. Man kann Kosten und Erlöse hin- und herschieben, bis das Ergebnis den Vorstellungen einer übergeordneten Ebene entspricht.


      Nehmen wir als Beispiel die oben angesprochene wöchentliche Beilage für Veranstaltungen, Kunst, Kultur und Leben. Die Geschäftsführung hat nach Aussage des Geschäftsführers aufgrund eines Verlustes entschieden, dass die Beilage nicht weitergeführt wird.

      Wenn der Geschäftsführer für die Beilage eine gesonderte Gewinnermittlung durchführen lässt, dann lässt das darauf schließen, dass er einen selbst erwirtschafteten Gewinn erwartet hat.

      Gewinn oder Verlust kann eine wirtschaftliche Einheit aber nur erwirtschaften, wenn sie die Kontrolle über Kosten und Erlöse hat.

      Holzschnittartig an den drei bekannten Modellen: Wenn die Beilage ein Cost Center ist, hat sie nur Kostenkontrolle und muss mit einem Budget auskommen. Wenn sie ein Profit Center ist, hat sie die Kontrolle über Kosten und Erlöse – dann sollte sie einen Gewinn erwirtschaften. Als dritte Form gäbe es noch das Investment Center: Kontrolle über Gewinn, Erlös und Investitionen …

      Wenn der Geschäftsführer das Ende der Beilage mit Verlusten auf Seiten der Beilage begründet, dann wäre zu hinterfragen:

      Welche Chance hatte die Beilage, ihre eigenen Kosten und Erlöse zu kontrollieren? Ich gebe die Frage mal weiter an die damals Beteiligten …


  6. Dehli-News sagt:

    Ach, ich glaube der Stefanolix-Test ist nicht der schlechteste Gradmesser für Qualität ;O)

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