Gemäßigter Idealismus

Twitter brachte am Morgen eine Frage von Christian und eines dieser prägnanten Zitate der amerikanischen Professorin Christina H. Sommers. Ich lasse der Frau den Vortritt:

A society that neglects the education of boys is neglecting its own economic future.

Man muss es weiter fassen als in einem Tweet, aber prinzipiell hat sie recht: Eine Gesellschaft, die Menschen auf Grund ihres Geschlechts die politische, ökonomische und kulturelle Teilhabe versagt, kann ihr Potential nicht ausschöpfen und schwächt sich selbst.

Eine Gesellschaft kann sich noch in einem zweiten Punkt schwächen: Wenn sie nicht mehr fähig ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diese Gefahr besteht besonders in einer »satten« Gesellschaft. Sie wird dann anfällig für radikale Parolen und kann sich nicht mehr gegen extremistische Handlungen wehren.


Zeitgleich kam Christians Frage, die mich zu einem spontanen Kommentar und nun zu diesem erweiterten Artikel anregte:

Hat der Maskulismus ein Interesse an der Entstehung und Förderung eines gemäßigten Feminismus?

Die Frage regt zum intensiven Nachdenken an, aber sie ist falsch gestellt. Sie müsste eigentlich lauten: Wie können Frauen und Männer ihre Interessen optimal vertreten, ohne dass die Gesellschaft dabei Schaden nimmt?

Die ideale Antwort ist gleichzeitig einfach und schwer zu machen: Alle Seiten vertreten ihre Interessen mit fairen Methoden und haben dabei die Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft im Blick.

Das schließt insbesondere folgendes aus:

  1. Diskriminierung aufgrund des biologischen Geschlechts oder aufgrund des Bekenntnisses zu einer sexuellen Orientierung
  2. Bevorzugung aufgrund des biologischen Geschlechts oder aufgrund des Bekenntnisses zu einer sexuellen Orientierung
  3. extreme Parolen, Forderungen, Aktionen gegen Menschen, die ein anderes Geschlecht oder eine andere sexuelle Orientierung haben
  4. Verweigerung gesellschaftlicher Rechte aufgrund des biologischen Geschlechts oder aufgrund des Bekenntnisses zu einer sexuellen Orientierung
  5. In der Auseinandersetzung nur die Extrempositionen des Frauenhasses und des Männerhasses zu sehen und die Auswüchse der »eigenen Seite« zu negieren
  6. die Verschwendung von Ressourcen für »politische Prokrastination« wie z. B. Gender-Ideologie, StudierX-Sprache, Pseudowissenschaft oder die überproportionale Förderung bestimmter sexueller Orientierungen
  7. ungleiche Bewertung von Straftaten und Hass gegen das eine oder das andere Geschlecht: Während wir über die Entführung von Mädchen entsetzt sind, spricht kaum jemand über den vielfachen Mord an Jungen durch die gleichen Verbrecher.

Es gibt die oben genannte »ideale Antwort«, die ja im Grunde nichts anderes als eine Abwandlung des Kategorischen Imperativs ist – aber wir werden diesen Idealzustand nie erreichen. Es ist ähnlich wie in der Demokratie: Idealerweise vertreten uns die Besten – und in der Realität ist es eben nicht so, wie wir täglich auf den Wahlplakaten sehen können.

Wer auf eine ideale Demokratie oder ein ideales Geschlechterverhältnis hofft, kann nur verzweifeln. Deshalb ist die Überschrift meines Artikels »Gemäßigter Idealismus«: Wir sind uns unserer Schwächen bewusst und machen das beste aus unseren Stärken. Solange die Gesellschaft frei, offen, demokratisch und rechtsstaatlich bleibt, können wir mit Abweichungen vom Ideal leben.

Am Ende läuft es in der Politik und im Verhältnis der Geschlechter immer wieder darauf hinaus: Wir müssen die Extreme erkennen, wir müssen die Extreme offen benennen – und wir müssen die freie Gesellschaft gegen die Extreme verteidigen.



9 Antworten zu Gemäßigter Idealismus

  1. mitm sagt:

    „Solange die Gesellschaft frei, offen, demokratisch und rechtsstaatlich bleibt, …“

    Zufall oder auch keiner: das ist grob gesagt das gleiche, das ich immer als Ethisch-philosophische Grundlagen eines demokratischen Maskulismus bezeichne, der notwendigerweise „gemäßigt“ (ein sehr unscharfer Begriff) ist.

    „Die Frage … ist falsch gestellt“

    sehe ich auch so, aber aus einem anderen Grund. Maskulismus / Feminismus werden beide mit zwei Bedeutungen benutzt: als soziale Bewegung und als „soziale Theorie“ (oder Philosophie oder auch „dünne Ideologie“, s. Priester).

    Die meisten Diskussionen in den Masku-Foren benutzen überwiegend und stillschweigend die Theorie-Definition und reiben sich an den inneren Widersprüchen der diversen feministischen Denkschulen auf. Realpolitisch kräht kein Hahn danach, das sind halt Feuilleton-Debatten, die in den Zirkeln der Macht niemand kennt.

    Die soziologische Definition betrachtet den Feminismus machtpolitisch, also als Menge von Gruppierungen von politisch relevanten Aktivisten (Frauenministerien, „Spitzenfrauen“, wichtige Kommentatoren, …), die genügend Macht und Einfluß haben, bestimmte politische Ziele zu realisieren, und ggf. koalieren oder Gesprächspartner sein könnten. Nach meinem Eindruck sind diese Gruppierungen nahezu theoriefrei, d.h. außer dem Opfer-Abo der Frauen und der Privilegientheorie haben sie nichts vorzuweisen. Sie können ihre politischen Ziele nicht seriös unterlegen oder verheddern sich dabei in Widersprüche. Philosophische Debatten sind aus dieser Sicht irrelevant, noch nicht einmal nackte Fakten spielen eine Rolle, es geht nur um reinen Machtpoker (aktuell gut zu daran zu beobachten, wie die SPD zusammen mit vdL die Frauenquoten unter Ignorierung des seriösen Wissensstands durchpeitscht). Auch Argumente wie „Eine Gesellschaft, die XY tut, schwächt sich selbst“ prallen ab, wenn man keine Theorie hat oder faktenresistent ist.

    Die Frage „Hat der Maskulismus ein Interesse an der Entstehung und Förderung eines gemäßigten Feminismus?“ läßt offen, welche Definition man meint.

    Sofern man die soziologische Definition meint, enthält sie die implizite Behauptung, der Maskulismus sei eine irgendwie machtpolitisch relevante oder verhandlungsfähige soziale Bewegung – das ist schlicht lächerlich. Der institutionalisierte Feminismus verfügt über eine Infrastruktur von alleine ca. 5000 Vollzeitbeschäftigten, die Gegenseite über 2 kleine Vereine und ca. 2 Dutzend aktive Blogger.

    Sofern man die Ideologie-Definition meint, ist die Antwort ziemlich einfach: es gibt eine ganze Reihe Feministen, mit denen man sich über die Grundlagen „demokratisch und rechtsstaatlich“ einig ist und mit denen eine Debatte interessant wäre. Nur haben die leider nichts zu sagen. „Förderung eines gemäßigten Feminismus“ kann man so verstehen, deren Zahl zu vergrößern. Allerdings sind Zweifel an der Lernfähig- und willigkeit der Feministen in den politisch relevanten Machtpositionen erlaubt: der Lernfortschritt könnte ihren Arbeitsplatz gefährden. Wie jede große Bürokratie setzt auch der institutionalisierte Feminismus alle Kraft für seinen Selbsterhalt ein und ist allenfalls machtpolitisch, aber nicht mehr philosophisch angreifbar.

  2. mcnesium.com sagt:

    […] stefanolix bezeichnet den gender-fetisch und die StudierX-Sprache, womit er wohl diesen ganzen soundso_Inninen_er-quatsch meint, als politische prokrastination. eine hervorragende umschreibung, wie ich finde :D […]

  3. Feminismus kann schon alleine deshalb nicht demokratisch sein, da er 50% der Menschen wegen ihres Geschlechts ausschließt.

    Feminismus kann schon alleine deshalb nicht rechtsstaatlich sein, da das Recht eine Diskriminierung auf Grund des Geschlechts auch dann verbietet, wenn die Diskriminierten Männer sind.

    Feminismus kann schon alleine deshalb nicht offen sein, weil er Männer mit nicht-feministischer Meinung ausschließt und sich der Diskussion dann – oftmals auch unter der Androhung / Anwendung von Gewalt, Mobbing und Stalking – verweigert.

    Damit ist das Thema „gemäßigter Feminismus“ genauso gegessen wie der zahnlose „gemäßigte Maskulismus“, beide Ideologien müssen überwunden werden, auch wenn der Maskulismus aktuell noch demokratischer, offener und rechtsstaatlicher dasteht als der Feminismus.

  4. Adrian sagt:

    Die Diskriminierung homosexueller Orientierungen schadet der Gesellschaft nicht. Insofern trifft Deine „ideale Antwort“ m. E. ins Leere.

    • stefanolix sagt:

      Widerspruch. Das würde nur aus streng biologischer Sicht gelten, weil sich Homosexuelle i. d. R. nicht an der Fortpflanzung beteiligen (dazu unten mehr).

      • Zum ersten wäre es ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz.
      • Zum zweiten verschlechtert sich die Qualität von Märkten durch den willkürlichen Ausschluss von Akteuren.
      • Zum dritten: Es bleiben Potentiale ungenutzt (wenn man eine Normalverteilung von Begabungen unter Homosexuellen und Heterosexuellen voraussetzt).

      Dass es diese Diskriminierung in bestimmten Gesellschaften noch gibt und dass sie bis hin zur Todesstrafe führen kann, ist durch Rückständigkeit, Unmenschlichkeit und Intoleranz zu erklären. Das ist aber kein Beweis für Deine These. Die am weitesten entwickelten Gesellschaften stellen Homosexuelle weitgehend gleich.


      Zur Fortpflanzung ;-)

      Wir leben in einer Zeit, in der ein bestimmter Teil der heterosexuellen Frauen bewusst entscheidet: Ich will keine Kinder. Andererseits entscheiden sich einige (wenige) lesbische Frauen, mittels Samenspende Kinder zu bekommen und sie gemeinsam aufzuziehen.

      Selbst wenn wir die letzteren Fälle aus dem Spiel lassen: Ob sich jemand von der Fortpflanzung ausschließt, ist in Zeiten der modernen Medizin weitgehend eine Kopfentscheidung und muss nicht durch die sexuelle Orientierung bestimmt werden.


      • Adrian sagt:

        Ich will dem grundsätzlich gar nicht widersprechen, halte dies aber für weitgehend für irrelevant. Ich denke eine Gesellschaft könnte mit Diskriminierung von Homosexuellen sehr gut funktionieren. Das hat ja immerhin jahrtausendelang funktioniert. Wem würde es schaden, außer der Handvoll Homos?

  5. Satansbraten/Gerlinde sagt:

    ;-) Brutaler Minimum-Vorschlag von mir – sorry: Abaenderung der Post-Ueberschrift auf „Viiiiel Idealismus (= Glaube/Hoffnung?) noetig aufgrund k( r )ampfhaftem Individualismus“

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