Kein mahnender Mühlstein

Die Lokalpresse hat am Anfang dieser Woche berichtet, dass ein großer und schwerer Mühlstein als Mahnmal gegen Kindesmissbrauch auf dem Dresdner Altmarkt [Postplatz] aufgestellt worden sei. Dieser Mühlstein ist in vielen Städten zu Gast gewesen – mindestens eine hat ihn abgelehnt. Dazu später mehr.

Ich hätte den Mühlstein heute gern fotografiert, aber er war am Nachmittag nicht mehr zu sehen. Deshalb greife ich auf Textzitate zurück und verlinke ein fremdes Foto. [Das Foto aus Dresden wird nachgereicht.]

Auf dem Mühlstein steht ein Bibelzitat aus dem Neuen Testament. Es soll als Warnung vor dem Kindesmissbrauch gelesen werden.

Vordergründig wird dort die Strafe für einen Erwachsenen beschrieben, der sich an einem Kind vergangen hat: Mühlstein um den Hals – und im Meer versenken! Eine Strafe wie im Mittelalter.

Wer aufmerksam in Dresden, Leipzig oder anderen Städten unterwegs ist, kennt vermutlich die Aufkleber »Todesstrafe für Kinderschänder!«

Wenn man sich nun das Versenken des Verbrechers mit einem tonnenschweren Mühlstein um den Hals bildlich vorstellt, reibt man sich die Augen: Wie können christliche Lehre und Nazi-Ideologie so frappierend übereinstimmen?


Die kurze Antwort ist: Sie stimmen nicht überein. Der Spruch auf dem Mühlstein wurde völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Es sind auch für Außenstehende nur wenige Sätze notwendig, um den Zusammenhang zu erklären.

Jesus hatte zwölf feste Nachfolger (Jünger), die ihn in jeder Hinsicht als Führer anerkannten. Zwischen diesen Jüngern gab es eine natürliche Konkurrenz um den wahren Glauben, um Aufmerksamkeit, um Anerkennung …

Um diese Konflikte zu entschärfen, stellte Jesus ein Kind in den Mittelpunkt und machte den Jüngern klar: Das Ideal meiner Lehre ist der Glaube eines Kindes. Das Kind sieht sich nicht im Wettbewerb um den besten Glauben, es glaubt einfach. Und wer ein gläubiges Kind aufnimmt, der nimmt mich auf.

Genau danach kommen die auf dem Stein zitierten Worte. Es geht also um die möglichst drastisch und als Gleichnis formulierte Konsequenz für das Zerstören des Glaubens-Ideals. Das hat mit der Konsequenz für ein Sexualverbrechen an Kindern nichts zu tun.


Aber es besteht natürlich die Gefahr, dass man mit dem Spruch vom Mühlstein Beifall von der falschen Seite erhält. Die NPD hat sich explizit auf diesen Stein bezogen, um in Leipzig vor dem Hintergrund mehrerer Verbrechen an Kindern für sich zu werben. Die Stadt Leipzig hat es deshalb 2008 abgelehnt, den Stein auf ihrem Marktplatz zu zeigen.

Es ist schwer zu entscheiden: Im Sinne der Freiheit der Meinungsäußerung muss der Stein gezeigt werden können. Im Kontext der Forderungen nach Todesstrafe kann es geboten sein, ihn nicht öffentlich auf dem Dresdner Altmarkt auszustellen, sondern vielleicht eher auf dem Gelände einer Kirche.

Unabhängig davon scheint mir das Aufstellen des Steins ungeeignet für die Prävention zu sein. Es ist reine Symbolpolitik mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitat.

Wer sich auf das Bibelzitat einlässt und ohnehin ein integrer Christ ist, der tut keinem Kind etwas zu Leide. Auf der andere Seite: Wer Kinder missbraucht, wird den Mühlstein wohl weiträumig umgehen und lässt sich auch von dem Bibelzitat nicht abbringen.


Noch eine Anmerkung zur Quellenlage. Die exakte Textstelle findet man gar nicht so einfach. Abhängig von der Bibel-Übersetzung und vermutlich auch von den Intentionen der Bibel-Herausgeber steht in Matthäus 18, Vers 6 folgender Satz:

Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. [Luther-Bibel, 1912]

Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. [Luther-Bibel, 1984]

Wer aber irgend eines dieser Kleinen, die an mich glauben, ärgern wird, dem wäre nütze, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. [Elberfelder Bibel, 1905]

Nun kann man nicht drei Versionen desselben Bibelverses in einen Stein hauen. Das exakte Zitat auf dem Mühlstein ist auf der Website der Steinmetz-Werkstatt zu lesen, die ihn geschaffen hat.

WER ABER EINEM VON DIESEN KLEINEN, DIE AN MICH GLAUBEN, ÄRGERNIS GIBT, DEM WÄRE ES BESSER, WENN IHM EIN MÜHLSTEIN AN DEN HALS GEHÄNGT UND ER IN DIE TIEFE DES MEERES VERSENKT WÜRDE.

Diese Version ist sprachlich denkbar ungeeignet. Sie ist aber gleichzeitig so vage, dass sie alle Möglichkeiten offen lässt: von der Beeinträchtigung des Glaubens bis zum Sexualverbrechen.

Auf der Website der Steinmetz-Werkstatt ist auch ein Bild des Mühlsteins zu finden.


Die Links zu den Online-Bibeln:

Luther 1912 (Wechsel zu anderen Übersetzungen möglich).

Luther 1984 (dort Matthäus 18 aufschlagen).


18 Antworten zu Kein mahnender Mühlstein

  1. Der Adler sagt:

    Dass NPD und Gleichgesinnte diverse Themen wie Kindesmissbrauch (, Tierschutz, Heimatschutz, Natur und Umwelt) für ihre Zwecke adaptieren und lautstark damit werben ist so ein beschissenes Problem.
    Das kommt in der breiten Öffentlichkeit an und wird direkt mit denen assoziiert.
    Wenn ich mich jetzt dazu hinreisen lassen würde, öffentlich zu sagen „ja, ich finde eine Todesstrafe für Kinderschänder angemessen“ wären die Reaktionen darauf weder Zustimmung, Ablehnung noch eine Diskussion über diesen Standpunkt, sondern einfach nur so „Aha, da wissen wir ja jetzt, wohin der Adler gehört“.

    Zum kotzen!

    • stefanolix sagt:

      Die entscheidende Frage ist für mich: Todesstrafe Ja oder Nein. Ich habe für mich entschieden, dass ich gegen die Todesstrafe bin. Dieses Land hat sie auch abgeschafft. Wir müssten sie also neu einführen, um der Forderung gerecht zu werden.

      Ich habe früher lange Zeit gesagt: Für die Angeklagten der Nürnberger Prozesse, für die ganz üblen Diktatoren und für Massenmörder wäre sie /vielleicht/ doch angemessen. Das habe ich mir aber abgewöhnt, denn in dieser Frage darf es keine Ausnahmen geben.

      Eine ganz andere Frage ergibt sich, wenn wir über den Widerstand gegen eine Diktatur oder über das Töten des Tyrannen in einer Art Notwehr reden.

      Ich bin gegen eine Wiedereinführung der Todesstrafe und somit stellt sich die Frage nicht, ob man sie für Verbrechen gegen Kinder verhängen soll.

  2. Muyserin sagt:

    Vielen Dank, dass Du Dich des Themas in gewohnt kritischer, informierter und besonnener Weise annimmst. Ich selbst hatte angesichts der Aktion Vorbehalte, die sich auf den Satz „Was soll das?“ eindampfen lassen. Was soll das bringen, wem nützt das, wann wäre je ein Kind durch derlei Symbolismus geschützt worden? Es ist sicher löblich, etwas gegen Kindesmisshandlungen und -missbrauch tun zu wollen, aber wenn man sich überlegt, wieviel Geld in die Herstellung, den Transport und die Publicity des Steines geflossen sein dürfte, gäbe es sicher sinnvollere Verwendung dafür.

    Das Bibelzitat fand ich auch merkwürdig diffus, wusste aber nicht um den Hintergrund. Woher hast Du Deine Informationen zum Hintergrund des Zitats?

    Freundliche Grüße!

    • stefanolix sagt:

      Für mich war es durch die Prägung in einer religiösen christlichen Sondergemeinschaft einfacher, die Verse vor dem Zitat zu interpretieren. Weil mir klar war, dass hier auch viele Atheisten [und andere Nichtchristen] mitlesen, habe ich ja versucht, die Vorgeschichte in kurzen Sätzen für Nichtchristen zu erklären. Das ist natürlich die Interpretation eines interessierten Laien.

  3. Ich war dabei sagt:

    Hallo, ich möchte ein paar Dinge klar stellen:
    1. Der „Mahnende Mühlstein“ ist auf dem Postplatz zu finden. Es sei denn, es hat sich ein ganz Starker gefunden, der den 1,4 Tonnen schweren Mühlstein fortgetragen hat.
    2. Der Mühlstein soll nicht als Strafandrohung für die Täter gelten, sondern als Symbol für die schwere Last, die Opfer sexuellen Missbrauchs mit sich tragen müssen. Der Mühlstein distanziert sich damit ausdrücklich von Prägungen in unserer Gesellschaft, die laut nach „Todesstrafe für Sexualstraftäter“ rufen.
    3. Wie Zitate (egal aus welcher Quelle) interpretiert werden, steht dem Interpretierenden immer frei. Das kann jeder nach seinem eigenen Empfingen und nach seinem Verständnis und vor allem, was er persönlich in Worte hineinlegen möchte, tun. Wären Sie, lieber Verfasser des o. a. Textes richtig informiert gewesen und vielleicht bei der Stein-Niederlegung am vergangenen Montag auf dem Postplatz in Dresden anwesend gewesen, wären einige Ihrer Unsicherheiten vielleicht schon aus der Welt geschafft.
    4. Ihr Argument, ein Stein als Präventionsarbeit, wäre untauglich, kann ich so auch nicht stehen lassen. Was gehört auch zu Prävention? Das darüber Reden, Informieren und Nachdenken. Der Mahnende Mühlstein erlaubt hier schon mal einiges: Zum einen will er in seiner Stille mahnend darauf aufmerksam machen, was in der Regel auch immer recht still verläuft – nämlich sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Der Stein spricht also mit uns. Und wer sich die Mühe macht und den Weg zum Stein findet, der kann die Zeit gleich einmal nutzen, um nachzudenken. Nachdenken über seine eigene Position, wie kann ich als Privatperson etwas gegen sexuellen Missbrauch und sexualisierte Gewalt tun. Schaue ich kritisch auf mein Umfeld? Habe ich schon mal kurz den Verdacht erhoben, das da was wo nicht in Ordnung ist? Habe ich weggeschaut oder habe ich hingeschaut und versucht zu reagieren?
    Prävention hat auch was mit Sensibilisierung zu tun. Man muss nicht immer wie ein Marktschreier laut und volltönend unterwegs sein und den Mitmenschen seine Meinung und seine Ziele „vorbeten“. Der „Mahnende Mühlstein“ will aufmerksam machen und das jeden der an ihm vorbeigeht, ohne aufdringlich sein zu müssen. Ich kann an ihm vorbeischauen und wie so viele in unserer Gesellschaft eben einfach wegschauen. Ich kann aber das Angebot nutzen und innehalten. Das steht jedem völlig frei.

    • stefanolix sagt:

      zu 1.: Ich hatte den Ort am Morgen noch korrigiert. Die Irritation entstand dadurch, dass die Mühlstein-Initiative von Marktplätzen als Standorte für den Stein spricht.

      zu 2.: Es trifft zu, dass die Opfer eine schwere Last mit sich tragen. Es ist aber ganz eindeutig, dass in dem Bibelabschnitt der Täter mit dem Mühlstein belastet wird. Das Kind wird dort nicht belastet, sondern idealisiert.

      zu 3.: Ich habe kein Problem damit, Ihre Interpretation neben meiner stehenzulassen. Ich werde ihr aber nicht folgen. Ich bin nicht falsch informiert: Ich habe mich eingehend mit dem Text der Steinmetzwerkstatt und den Stellungnahmen der Organisatoren befasst. Und ich denke nicht, dass Sie mir bei der Erklärung des Bibelabschnitts einen sachlichen Fehler nachweisen können.

      zu 4.: Für mich bleibt der Stein ein bloßes Symbol. Das Herumfahren des Steins bindet Ressourcen, die man anderweitig besser zugunsten der Kinder nutzen könnte.

  4. Mädchen sagt:

    Es ist natürlich sehr einfach, von seinem Computer aus, Aktionen anderer zu bewerten (und vielleicht ein stückweit auch abzuwerten). Für mich ist es in diesem Fall wichtiger überhaupt etwas zu tun, als gar nichts zu tun. Gerade im Fall von sexuellen Mißbrauch oder Gewalt an Kindern ist doch oft das Schweigen oder Wegschauen das größte Problem. Die Kinder selbst vermögen es oft jahrzehntelang nicht, ihre Stimme gegen die Täter zu erheben. Die Aktion des „Mahnenden Mühlsteins“ kann man gut finden oder eben auch nicht. Aber es ist neben vielen anderen Aktionen ein kleiner Baustein um auf das Thema aufmerksam zu machen,zum Nachdenken und im besten Fall zum Handeln anzuregen.
    Den Vorwurf das die Aktion Ressourcen bindet kann ich so nicht teilen. Solche Initiativen leben von der Kraft und dem Einsatz einiger Menschen, die etwas bewegen wollen. Es werden keine öffentlichen Gelder verschwendet, Ausgaben über Spenden gedeckt.
    Zudem ist der Mühlsteins keine losgelöste Aktion, sondern nur ein kleiner Teil der Arbeit der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V..

    • Muyserin sagt:

      Mädchen, lass doch mal die Polemik. Du sitzt doch selber am Computer, wenn Du kommentierst. Sicher wirst Du dennoch im wahren Leben auch aktiv sein. Gestehe uns doch bitte das Recht zu, dass wir ebenfalls aktive Leben führen, die unsere online geäußerte Meinung unterfüttern und formen.

      Du sagst, diese Aktionen rege zum Handeln an. Ich wäre an ein paar Beispielen interessiert. Die wird es doch geben? Irgendeinen messbaren Erfolg werden die Initiatoren ihren Unterstützern doch auch präsentieren wollen?

      • Muyserin sagt:

        Ich korrigiere: „Aktion rege“.

      • stefanolix sagt:

        An dieser Aktion regt gar nichts mehr zum Handeln an. Es ist doch alles vorgefertigt und zu Ende gedacht.

        Diesen Steinklotz auch noch mit Kindern in Dresden »einzuweihen« ist so ziemlich das Falscheste, was einem dazu einfallen kann.

    • @Mädchen: Wer schweigt eigentlich, oder schaut weg?

      • stefanolix sagt:

        Die Erwachsenen in der unmittelbaren Umgebung des Kindesmissbrauchs. Und genau diese wird man mit solcher Symbolpolitik nicht erreichen.

      • Glaube ich aber nicht, bzw. kann ich mir nur in Ausnahmefällen vorstellen (außer natürlich Täter/Täterin, für mich ist das Schweigen/Wegsehen eine Phrase). Unsere Gesellschaft ist aus meiner Sicht so sensibilisiert für das Thema, ich hätte jetzt eher auf die Betroffenen getippt. Auch denen hilft kein Mühlstein, logisch.

      • Muyserin sagt:

        @ Peter Macheli: Sind Sie sicher, dass Sie bezüglich der Sensibilisierung nicht Ihr Umfeld mit „unsere Gesellschaft“ verwechseln?

        In der DNN lese ich beinahe jede Woche von Dingen in unserer Stadt, die mich fassungslos machen.

        Da klebt Einer der vierjährigen Tochter seiner Lebensgefährtin den Mund zu, weil sie „zu viel geredet“ hat. Da soll ein Kind aus der Pflege zu seiner Mutter zurück, obwohl es Schläge und Hiebe hagelte. Da hilft die Lebensgefährtin eines Polizisten, kinderpornografische Fotos von sich MIT IHREM KIND anzufertigen und rechtfertigt sich hinterher, die Problematik sei ihr nicht bewusst gewesen.

        Das ist per se kein sexueller Missbrauch, aber die Entrechtung ist dann auch meist fließend. Denn wie man weiß, geht es beim Mißbrauch nicht um Sex, sondern um Macht. Und das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit wird bei Kindern, von Eltern über Erzieher, immer noch nicht als sakrosankt erachtet.

        Ein Beispiel aus meiner Biografie: Ich selbst bin in einer schwäbischen Kleinstadt groß geworden, in der es völlig akzeptiertes Verhalten war, dass 14- und 16-Jährige Mädchen durch die Wirtshäuser zogen, den kartenspielenden alten Männern gegen einen kleinen Obulus Schnaps verkauften und dabei schamlos angegrabscht wurden. Denn auf diese Weise kam ja Geld in die Vereinskasse. Es war schon immer so „und es hat keinem geschadet“. Keine von uns hat sich gewehrt. Wir lachten verlegen und dachten, das müsse so sein.

        Kein Verantwortlicher hat uns je im Vorfeld beiseite genommen und gesagt: „Ihr habt das Recht, Nein zu sagen, wenn Euch etwas unangenehm ist.“

        Und das ist in Hunderten Schützen- und Karnevalsvereinen garantiert noch immer die Regel.

        Der Berichterstattung zur Aktion mit dem Mühlstein konnte ich keinen Hinweis entnehmen, ob auch nur eine konkrete Empfehlung zur Prävention, zur Ermächtigung von Kindern gemacht wurde. Oder Erwachsenen anhand konkreter Beispiele ein Spiegel, eine Anleitung zur kritischen Hinterfragung zum Umgang mit Kinderrechten vorgehalten wurde.

      • Nee, sicher bin ich mir natürlich nicht und ich will damit das Problem nicht kleinreden, jeder Fall ist einer zu viel. Ich erlebe nur Kiga, Schule, Training bei meinen Kindern, da sind Erzieher/Lehrer/Trainer alle sehr wachsam. Auf Arbeit wird auch ganz genau hingesehen bei blauen Flecken etc. und im Zweifel die Eltern angezeigt (ich arbeite in der (auch Kinder)Radiologie) – und gerade da ist es nicht so häufig, wie man auf Grund der Berichterstattung vermuten würde.
        Klar kann die Dunkelziffer gigantisch sein, es ist aber auch ein schön emotionales Thema, das Aufmerksamkeit garantiert.

  5. ein anderer Stefan sagt:

    Ich bin grundsätzlich durchaus ein Freund von symbolischen Aktionen, denn Symbole sind ja keineswegs bedeutungslos.
    In diesem Fall kaschiert es aber auch die mangelnden Möglichkeiten, gegen Kindesmißbrauch vorzugehen, egal ob präventiv oder nachsorgend. Das ist die Spitze eines düsteren Eisbergs, wenn ich mir unsere gesellschaftliche Entwicklung so anschaue. Ja, das Thema hat in den vergangenen Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, was auch gut so ist. Diese Verbrechen zu verhindern ist ausgesprochen schwer, weil sie meistens wohl im engen persönlichen Umfeld der Kinder geschehen, egal ob es die Familien, schulische Institutionen (ich denke dabei z.B. an die Odenwaldschule), oder die schon fast sprichwörtlichen Priester sind. Die Tatsache, dass die katholische Kirche sich dabei bis heute weigert, ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen, spricht m.E. Bände.

    Eine Prävention kann vielleicht mit Aufklärung verbessert werden, dazu braucht es Personen, die das Thema sensibel genug aufbereiten können, ohne dabei alarmistisch zu sein. In der Nachsorge ist natürlich ein großer Bedarf an psychologischer Betreuuung gegeben, lange nachdem die medizinische Versorgung abgeschlossen ist. Das alles ist mit einem großen Bedarf an Ausbildung und Personal versehen, der rein ehrenamtlich sicher nicht abgedeckt werden kann. Diese Unzulänglichkeiten werden durch solche Aktionen wie den Mühlstein kaschiert, bei dem sich dann alle die Hände schütteln und der Meinung sind, was getan zu haben. Den Opfern hilft das kein bisschen. Widerliche Trittbrettfahrer und alarmistische Berichterstattung in der Presse, zusammen mit dumpfen Rachegedanken, sind natürlich auch nicht hilfreich. Das Thema ist eine Daueraufgabe, die für die Politik wenig attraktiv ist, vor allem, weil viel Populismus damit verbunden ist, und man wenig „punkten“ kann. Die Opfer sind oftmals schwer traumatisiert und brauchen unter Umständen über lange Zeit Hilfe und Betreuung, weil oft genug das Urvertrauen gebrochen wurde. Das ist es ja, was diese Verbrechen so widerwärtig macht. Da helfen symbolische Aktionen wenig.

    Nebenbei bemerkt, gehört die Beschneidung für mich auch zum Themenkomplex Kindesmißbrauch, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Religion oder Traditionen.

    • stefanolix sagt:

      Es ist nicht nur die katholische Kirche, die ihre Erkenntnisse nicht veröffentlicht. Die Odenwaldschule war (ist) eine Einrichtung der Reformpädagogik. Wenn man sich mit diesen Richtungen der Pädagogik befasst, weiß man: Das Kind mit seinen persönlichen Lernprozessen wird in den Mittelpunkt gestellt.

      Für einen reformpädagogischen Ansatz sind notwendig: das richtige Konzept und ein extrem starker Zusammenhalt innerhalb der Einrichtung. Ohne Lehrerinnen und Lehrer mit höchster persönlicher Integrität geht natürlich überhaupt nichts. In der Odenwaldschule fehlte einigen Erwachsenen diese Integrität. Sie hätten durch die anderen Lehrer gestoppt werden können und gestoppt werden müssen!

      Meines Erachtens zieht sich durch alle bekannten Missbrauchsfälle ein Muster: Sie werden innerhalb der jeweiligen Gruppen zwar bemerkt oder erahnt, aber fast immer gedeckt. Der Zusammenhalt und das Image der Organisation sind wichtiger: Kirche, Kirchgemeinde, Odenwaldschule etc. – und das schädigt die Opfer am meisten.


      Am Ende geht es doch um die Frage: Veranstalte ich eine Aktion um ihrer selbst willen oder geht es um den Nutzen für die Kinder? Das Aufwand-Nutzen-Verhältnis muss vertretbar sein. Hier scheint mir der Aufwand für Transport, Aufstellen etc. völlig unangemessen.

      In der Zeitung stand zur Illustration eines Bildes mit Bürgermeister, Kindern, Musikinstrumenten & Luftballons(!) rund um den Stein:

      Der Stein, der seit fünf Jahren von Stadt zu Stadt wandert, wurde gemeinsam mit Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) und vielen Kindern eingeweiht.

      Typisches Beispiel für Symbolpolitik …


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